Austria – Zero Points

Die fleißig angebrachten ESC-Werbungen gehen im Stadtbild unter.
Die fleißig angebrachten ESC-Werbungen gehen im Stadtbild unter. Bild: Frank Jödicke

Der Eurovisions-Zirkus ist vom 12. bis 16. Mai in Wien. Stadt, Land und Österreichischer Rundfunk sind mit dem nötigen Balanceakt überfordert, die Feierstimmung wirkt bestenfalls gezwungen.

In Karl Kraus‘ Die Letzten Tage der Menschheit wird eine österreichische Gesellschaft porträtiert, die den eigenen Lügen nicht mehr entkommen kann und diese durch pompöse und lächerliche Staffage zu verdecken versucht. In jenen Tagen ging das kaiserlich königliche Imperium im Ersten Weltkrieg zugrunde und die darauffolgende Republik segelte durch schwierige Gewässer (Austrofaschismus, Nationalsozialismus) zur „Insel der Seligen“, die sie noch heute bewohnt.

Deshalb darf man sagen, Österreich geht es heute viel, viel besser als vor über hundert Jahren, aber die Stimmung ist trotzdem meist im Keller. Wer einen Sinn dafür hat, kann versuchen, dies tiefenpsychologisch zu ergründen und das Land auf die Couch legen, wohlwissend, dass dies nie so ganz stimmt, denn psychologisierende Erklärungen verkennen leicht die harten ökonomischen und politischen Fakten.

Dennoch, es passt beim Songcontest so schön, weil der erzeugt genau jene Malaise, die Herzen und Hirne so intensiv entflammt, indem Widersprüche nicht nur nicht mehr aufgelöst werden können, sie können meist nicht einmal mehr benannt werden.

Kuriosum Songcontest

Vor einem Jahr hatte man das Glück, respektive Pech, den Eurovision Songcontest (ESC) wieder zu gewinnen. Er fand damals in der Schweiz statt und wäre um ein Haar von dem Beitrag aus Israel gewonnen worden. Ebenjener Beitrag war damals sehr umstritten, weil das israelische Fernsehen zum zweiten Mal in Folge Songs entsendet hatte, die eine gewisse politisch-agitatorische Note aufwiesen.

Genau dies ist aber beim Songcontest verboten. Ein unauflösbarer Widerspruch: Die europäischen Sendeanstalten machen einen Sangeswettbewerb, bei dem die Nationalstaaten gegeneinander antreten, die Inhalte der Lieder aber nicht politisch sein dürfen, sondern nur Allgemeines (Liebe, Glück, Lust etc.) beträllern sollen. Das kann – selbstverständlich – nur schiefgehen, denn die Repräsentation eines Staates (Fähnchen schwingen in Nationalfarben) ist per se schon politisch. Dass der ESC nicht längst eingemottet wurde, beweist, dass nicht nur Österreich auf die Couch gehört, sondern der ganze Kontinent.

 Die Sache ist so verrückt, dass sie schon wieder faszinierend ist. Die Teilnehmer des Songcontest sind im Grunde keine Stars. Mit ganz wenigen Ausnahmen (ABBA) bleiben sie unbekannt und viele Karrieren enden wenige Wochen nach dem Auftritt beim Songcontest. Sie werden folglich vornehmlich bejubelt als Repräsentanten ihres jeweiligen Landes.

Auch künstlerisch sind die Ergebnisse höchst überschaubar, wie jede und jeder im Praxistest ermitteln kann: Wer hat eine CD oder LP von früheren Songcontest-Teilnehmern zuhause rumliegen? (ABBA zählt nicht.) Wer hat in seinen Playlisten Songcontest-Songs? Eben, niemand interessiert sich für den Kram, abseits des Wettbewerbs der Nationen. Auf YouTube enden die Zugriffe meist vollständig am Morgen nach dem Wettbewerb.

Sobald es irgendwo in Europa mal politisch prekär wird, kommt es dann zu kläglich versteckten Politbotschaften wie der Beitrag Georgiens 2009 „We Don’t Wanna Put In“ belegt. Richtig geraten, es geht nicht ums zölibatäre Leben, sondern um den russischen Präsidenten (Putin = Put In). Kann man es den Menschen verdenken, dass ihnen Politik in Momenten des Krieges wichtiger ist als Songs übers Koitieren?

Deswegen wurde bekanntlich auch die Russische Föderation nach dem Überfall auf die Ukraine ausgeschlossen. Zu beiderseitigen Zufriedenheit übrigens, denn Präsident Putin sieht mit dem Songcontest „Familienwerte“ gefährdet und veranstaltet deshalb seinen eigenen Sangeswettbewerb, der züchtig und vom Rest der Welt unbeachtet stattfindet.

Krisenfall Israel

Die Israelische Delegation hatte nun beim Wettbewerb 2024 das – durchaus nachvollziehbare – Bedürfnis, nach dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 der Weltöffentlichkeit das eigene Leid zu klagen und um Verständnis zu werben. Das sind aber eben politische Botschaften und deshalb mussten die Songs umgeschrieben werden. Was auch geschah.

Allerdings in einer Weise, die als halbherzig bezeichnet werden darf. Im 2024er Beitrag wurde aus „October Rain“ ein „Hurricane“, die Referenz zum Massaker vom Oktober des Vorjahres damit eher noch intensiviert. Im Jahr 2025 trat Israel mit der Sängerin Yuval Raphael an, die einen „wahren Sieg“ an die Freilassung aller Hamas-Geiseln gebunden sah, wodurch Israels Präsident Jitzchak Herzog tief bewegt war.

Unpolitisch geht anders. Die Show wurde zerpflügt durch die Frage, ob eine Israelin in Glitzerkulisse auftreten kann, während das israelische Militär Palästina bombardiert. Auffällig war, dass die Abstimmung endgültig zu einem politischen Voting wurde. Kaum jemand erkannte in den 2025er Beitrag Israels viel popkulturellen Pfiff, dennoch gelangte er auf Platz zwei, wohl weil viele solidarisch mit Israel sein wollten.

Die Insel der Seligen im internationalen Sturm

So, und all diese Widersprüche und Widrigkeiten soll das arme, kleine Österreich aushalten? Aber es kommt noch viel dicker. Von deutschem und österreichischem Boden ging bekanntlich ein industrialisierter Massenmord an den Juden aus, der allen sehr wohl im Gedächtnis ist und der Boykott-Aufrufe gegen Israel weitgehend unmöglich macht. Nimmt es Wunder, dass das offizielle Österreich und seine Medien innerlich gefrieren, wenn Israel ausgeschlossen werden soll?

Nur, die aktuelle israelische Regierung ist in Teilen faschistisch. Tagtäglich sind Äußerungen zu hören, wie etwa, man wolle den „Libanon verbrennen“. Von Gaza ganz zu schweigen: Mindestens 72.000 Tote, die meisten davon Zivilisten, Hunger, Vertreibung und dem Erdboden gleichgemachte Häuser. Man ist nicht mehr ganz bei Trost, wenn man glaubt, dies sei die alleinige Schuld der Hamas. (Glaubt auch kaum wer in Österreich.)

Die Knesset beschloss zudem ein Gesetz, das es erlaubt, Palästinenser hinzurichten, die als Terroristen verurteilt wurden. Israelis aber nicht, egal welche Verbrechen sie an Palästinensern begehen. Abgeordneten, die sich für das Gesetz einsetzten, trugen Anstecknadeln in Form von Henkersschlingen.

Und, schon in Feierstimmung? Der überforderter Wiener Bürgermeister Ludwig meinte zu den zahlreichen Boykottaufrufen gegen den ESC und Ankündigungen zu Gegenveranstaltungen in Wien, man freue sich trotzdem auf das Fest und wolle niemanden ausschließen. Ja, klar, außer eben die Russen.

Die Argumentation, ein Land, dessen Führung vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt ist, auszuschließen (Russland), das andere (Israel) aber nicht, ergibt keinen Sinn in einer Welt, die unter Rechtlosigkeit und dem Zusammenbruch der Ordnung leidet.

Medien und Stadt im Krisenmodus

Der Österreichische Rundfunk, der die Show ausrichten muss, ist der Kritik offenkundig müde und ließ schmallippig verkünden, es habe den Entschluss der europäischen Sendeanstalten gegeben, Israel nicht auszuschließen, und den ziehe man jetzt eben durch. Mehrere Länder traten allerdings wegen Israel vom Fest in Wien zurück. Der Nachbar Slowenien zeigt an dem Abend die Dokumentation „Voices of Palestine“. Es läuft nicht gut, beim europäischen Miteinander.

Für Stadt und Sender kommt der ESC zur Unzeit, weil man gehörig Geld für die Show berappen muss, zugleich aber wüst sparen soll. Das bedeutet letztlich, für eine Woche Ringelpiez gibt man Millionen aus, aber Kulturzentren müssen wegen Spardiktat schließen. Orte, wo tatsächlich ein Miteinander herrscht, werden abgebaut oder sogar geräumt. Die Stadt konzentriert sich folglich auf touristische Außenwirkung.

Der ORF ist ebenso in schwierigen Gewässern. In Österreich wird gerade der Journalismus abgewickelt. Im Land arbeiten nur mehr gut 4000 festangestellte Journalisten, die Republik bringt es im Ganzen noch auf 12 Auslandskorrespondenten. Es ist einfach kein Geld mehr im Business. Ausnahme: Österreichischer Rundfunk. Hier fließen die Gebührengelder und dies hat zu teils absurden Gagen geführt.

Der jüngst wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung zurückgetretene Senderchef klagte entgangene Gehälter in Millionenhöhe ein. Dem ORF, der eine fraglos wichtige journalistische Arbeit in Österreich macht, fliegen so nicht die Herzen zu. Die Hoffnung, mit dem ESC-Gedöns einen Stimmungsumschwung zu erreichen, hegt niemand mehr ernsthaft.

Antisemitismus ist ein Problem

Manch einer der Verantwortlichen in Stadt und Sender wird sich klammheimlich wünschen, es hätte damals nicht der österreichische Beitrag von JJ, sondern doch der israelische gewonnen. Denn es wäre ja alles nicht schon verworren und schwierig genug, gäbe es in Österreich nicht auch noch die stets mächtige und hässliche Fratze des Antisemitismus. Bei ihr laufen alle Stricke des dicken Knotens wieder zusammen.

Die Bedeutung antisemitischer Affekte lässt sich gut anhand der Konflikte rund um den ESC aufzeigen. Es mag in Europa eine manifeste Russophobie geben, aber gipfelt diese in Anschlägen auf russisch-orthodoxe Kirchen? Die Synagogen Europas müssen hingegen wie Festungen bewacht werden, obwohl vermutlich viele der sich hier versammelnden Gläubigen mit der Politik des Staates Israel überhaupt nicht einverstanden sind.

Deshalb sollten alle die, die ihre wohlbegründete Empörung über das Walten Israels in Gaza und Libanon Ausdruck verleihen wollen und auf eine der vielen Anti-ESC-Demos in Wien gehen, sich auch fragen, ob manche Demonstranten, die wütend palästinensische Flaggen schwenken, dies nicht doch letztlich aus Judenhass tun.

Am Ende darf konkludiert werden. Besser man würde den „ESC-Schas“ lassen, und stattdessen würde sich Österreich, Europa und am besten die ganze Welt mal eine Zeitlang auf die Couch legen. Vielleicht nützt es was.

Frank Jödicke

Frank Jödicke, Autor und Journalist. Studium der Malerei & Grafik, sowie der Philosophie in Wien und London. Chefredakteur des Magazins skug. Schreibt für verschiedene österreichische und internationale Magazine. Im Bündnis alternativer Medien (BAM!) bemüht er sich um die Vernetzung unabhängiger Journalist*innen in Österreich. Als Herausgeber zuletzt: „Bürokratiepolitiken“, Sonderzahl; Wien 2021.
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3 Kommentare

  1. „Vor einem Jahr hatte man das Glück, respektive Pech, den Eurovision Songcontest (ESC) wieder zu gewinnen. Er fand damals in der Schweiz statt und wäre um ein Haar von dem Beitrag aus Israel gewonnen worden. Ebenjener Beitrag war damals sehr umstritten, weil das israelische Fernsehen zum zweiten Mal in Folge Songs entsendet hatte, die eine gewisse politisch-agitatorische Note aufwiesen.

    Genau dies ist aber beim Songcontest verboten. Ein unauflösbarer Widerspruch: „

    Nicht für die Veranstalter des „Song Contest“, EBU. Die haben schon vor Jahren politische Beiträge etwa der Ukraine (Lied über die Vertreibung der Krimtataren durch Stalin) zugelassen, und Proteste der russischen Teilnehmer abgewiesen. So gewann dann dank der Jurys der eigentlich verbotene politische Beitrag den Wettbewerb. Ebenso wurde mit keinem Wort auf die politische Instrumentalisierung im Folgejahr eingegangen, als die Ukraine Gastgeber war, und Poroschenko erklärte, er werde das Finale auf der Krim veranstalten, die zu dem Zweck natürlich erst mal zurückerobert werden müßte. Am Ende verhinderte Kiew wenigstens die Teilnahme der russischen Künstlerin mit dem skandalösen „Grund“, sie habe gegen ukrainische Gesetze verstoßen (weil sie auf der Krim war, ohne über die Ukraine eingereist zu sein).

    Dann wurde Russland ausgeschlossen, dann Weißrussland.. aber Israel, das die Abstimmung (und zwar die Televotngs) im letzten Jahr offensichtlich manipuliert hatte, ist natürlich weiter dabei – Genozid in Gaza, Irankrieg, Westjordan-Terror hin oder her….

    https://taz.de/Eurovision-Song-Contest-2026/!6177446/

    Dafür will man jetzt das Televoting einschränken, nicht daß Israel trotz Ausbuhens wieder „völlig unerwartet“ das „Publikumsvorting“ gewinnt. Dann könnte der ESC ganz einpacken, denn das würde dann wohl nicht mal mehr der deutsche Kulturbeauftragte verstehen, der vor Monaten mit dem deutschen Boykott des Finales gedroht hatte, wenn Israel ausgeschlossen würde…

    Es ist schon lange nicht mehr unpolitisch! Aber so lange „die Richtigen“ das Ereignis politisch mißbrauchen, ist alles „ok“…

  2. Wer diesen mittlerweile von der Wokeness-Sekte zur narzisstischen Selbstbeweihräucherung dominierten Deppen-Zirkus voller Geschmacksverirrungen namens ESC allen Ernstes noch für ein „musikalische“ Veranstaltung hält, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
    Die mehr als unappetitlichen politischen Begleiterscheinungen lasse ich jetzt mal außen vor, die hat Herr Jödicke in seinem Beitrag sehr ausführlich und treffend skizziert.

  3. ja, ja, der Anti-Semitismus! Ist schwer zu verurteilen ! Sogar der ö. ex Parlaments – präsident rückte mit Farbe und Pinsel und Medienmeute aus, um „anti-semitische Schmiereien“ zu übermalen. Was aber stand vor dem Mann an der Wand ? DEATH TO ZIONISM ! Das kommt davon, wenn Präsidenten nicht lesen können.

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