
Moralisten und Komödianten sind unter uns.
Weil Not Dichten lehrt, ist die gesamte Begriffswelt Dichtung aus Not.“ –Christoph Türcke, 1989
Das außenpolitische Verhältnis zwischen Russland und Europa ist längst zu einem gigantischen, geopolitisch inszenierten Theaterstück verkommen. „Totus mundus agit histrionem“: Alle Welt schauspielert, verkündete einst die Inschrift über dem Eingang des Globe Theaters in London, der Bühne Shakespeares. Was in der Welt des Barocks, in welcher der schöne Schein zum Prinzip der Kunst erhoben wurde, die Klage der Moralisten war, das war der Stolz der Komödianten.
Und heute? Heute sind Moralisten und Komödianten im geopolitischen Schaukampf Zwillinge geworden. Sie praktizieren gemeinsam die Kunst der Tarnung und Täuschung, der gegenseitigen Verachtung und Geringschätzung. Willkommen im Klub der Missvergnügten!
Europa ist in Aufruhr. Die EU-Außenminister beraten über europäische Reaktionen. Die EU-Außenbeauftragte, Kaja Kallas, sieht gar „Merkmale von staatlich gefördertem Terrorismus“, berichtet der Deutschlandfunk am 2. September. Die EU-Staats- und Regierungschefs bekunden ihre volle Solidarität! Was ist passiert? Eigentlich nichts! „Much Ado About Nothing“ (Viel Lärm um nichts)!?
Ein Monat ist es nun her, dass eine Drohne mit Sprengstoff am Flughafen Leipzig/Halle gefunden wurde. Das Fluggerät sollte den Ermittlungen zufolge ein ukrainisches Antonov-Frachtflugzeug angreifen, das für den Transport von Rüstungsgütern genutzt wird. Und nun ist ein Wunder geschehen. Gott sei Dank: Der Anschlag misslang, der Zünder der Bombe war defekt.
Am 1. September wurde nun ein Übeltäter identifiziert. Es ist der übliche Verdächtiger: Putins Russland. Wer sonst? Nachdem Berlin festgestellt hat, dass Russland an dem versuchten sog. „hybriden Drohnenangriff“ auf den Flughafen Leipzig schuld war, inszenierten die Bundesregierung und ihre EU-Pappenheimer ein Schmierentheater.
Kaja Kallas ließ den russischen EU-Gesandten in Brüssel einbestellen. Auch das französische Außenministerium bestellte einen Vertreter der russischen Botschaft in Paris ein. Minister Barrot sprach sich für weitere Sanktionen gegen Russland aus.
Und natürlich dürfte die EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, bei diesem Theaterstück nicht fehlen. Es wurde nur nicht ganz klar, in welcher Rolle sie aufgetreten ist: als Moralistin oder als Komödiantin? Sie sicherte jedenfalls zusammen mit Nato-Vertretern Deutschland ihre uneingeschränkte Solidarität. Auch der Franzose Macron wollte mitspielen und kündigte seine Unterstützung für neue Sanktionen an.
Der polnische Ministerpräsident, Donald Tusk, wies auf die Notwendigkeit der Koordinierung gegen Bedrohungen hin. Spanien, Griechenland, Italien und andere europäische Länder brachten ihre volle Unterstützung für Berlin zum Ausdruck.
Der britische Außenminister, Ed Miliband, verurteilte Russlands Vorgehen und erinnerte an die Erfahrungen seines Landes mit russischen Angriffen in den letzten Jahren. Der litauische Außenminister, Kęstutis Budrys, erklärte seinerseits, dass „Russland offenbar das Ausmaß seiner hybriden Angriffe ausweitet“. Die finnische Außenministerin, Elina Valtonen, erklärte: „Europa muss die Ukraine vor dem Winter unterstützen.“
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die ganze Aktion zwischen Deutschland und den EU-Europäern vorab abgestimmt wurde.
Und selbst die Kanadier zeigten sich mit Deutschland und der von Russland „angegriffenen“ EU solidarisch. Aber wo sind unsere lieben US-amerikanischen Freunde geblieben? Wollen sie etwa nicht mit uns solidarisch sein?
Offenbar nicht! Trump hält die Füße still. Er mag die Europäer ja nicht und die Deutschen am wenigsten! Und außerdem spielt er lieber Tragödie als Komödie. Der Iran lässt grüßen! Schließlich möchte er es sich mit seinem „lieben Freund“ Wladimir aus Moskau nicht verderben.
Apropos Russland! Was sagen die Russen denn dazu? Ein Tag nach den An- und Beschuldigungen aus Berlin waren die russischen Medien zunächst perplex, dann bezeichneten sie das ganze Spektakel als eine schlecht inszenierte Provokation, um diese anschließend den ganzen Tag hindurch mit dem Reichstagsbrand am 27./28. Februar 1933 zu vergleichen. Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Soviel Phantasie muss man erst haben. Selbst in der Welt des Barocks käme man auf diese „geistreiche“ Idee nicht. Aber was tut man nur nicht, um ebenfalls an der Inszenierung teilnehmen zu dürfen.
Und was sagt die russische Führung zu all dem? Bei seiner am 1. September 2026 stattgefundenen Pressekonferenz in Bischkek (Kirgistan) wurde Putin gefragt, was er denn dazu sagt, dass „die deutschen Behörden Russland die Schuld am Drohnenvorfall in Leipzig gaben, … das ‚Russisches Haus‘-Abkommen bereits aufkündigten und das Konsulat in Bonn schließen wollen“.
„Ich denke“, sagte Putin mit ernster Miene, „dass es vor allem an der innenpolitischen Lage liegt. Die Position des Bundeskanzlers ist innenpolitisch schwierig; er genießt nicht das Vertrauen seiner Bürger, und der Grund dafür ist klar: Er verteidige nicht die nationalen Interessen, sondern verrate sie vielmehr. Es gibt auch offenkündig wirtschaftliche Fehlkalkulationen: Unternehmen schließen, Menschen verlieren ihre Arbeit, und der Lebensstandard sinkt. … Und da gibt es das ‚aggressive Russland‘, dem man alles in die Schuhe schieben kann. Wo sind denn die Beweise? Nun, sie wurden gefälscht“, sagte Putin bitterernst.
„Ich möchte Sie daran erinnern“, fuhr er fort, „dass die deutschen Behörden erst vor kurzem – vor einigen Monaten, vielleicht sogar vor einem Jahr, Russland der Sabotage von Nord Stream beschuldigt haben. Damals war ich noch fassungslos, dass sie sich so einen Unsinn ausdenken konnten, schließlich waren wir ja daran interessiert, Gas nach Europa zu verkaufen.
Wir wären nach wie vor bereit zu liefern; sie müssten nur den Knopf drücken und sich dazu entscheiden. Aber dazu sind sie zu feige, nicht zuletzt wegen der amerikanischen Sanktionen. Okay. Wir müssen jetzt die Gründe für dieses Verhalten erklären. Angesichts der sinkenden Zustimmungswerte und der anstehenden Wahlkämpfe, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, stellt sich natürlich die Frage nach der politischen Zukunft der deutschen Führungselite. Ich denke, das hängt vor allem damit zusammen. Ich halte das für einen weiteren Fehler – einen schwerwiegenden Fehler, der meiner Ansicht nach eindeutig den Interessen des deutschen Volkes zuwiderläuft.“
Man erlebte einen besorgten Putin, der sich um die „Interessen des deutschen Volkes“ kümmert. So kennt man ihn – unseren Kümmerer. Er ist, wie immer, ernst, nie komisch und betont korrekt. Ein Gentleman eben!
Bemerkenswert an der zitierten Passage ist freilich, dass Putin die in Rede stehenden Anschuldigungen allein und ausschließlich mit innenpolitischen Schwierigkeiten der Bundesregierung erklärt und die Außenpolitik außen vorlässt. Das kann man natürlich machen und ist auch nicht ganz falsch.
Man denkt allein an die Äußerung des Bundesverteidigungsministers, Boris Pistorius, der am 31. August kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt noch ein Verbotsverfahren gegen die AfD gefordert hat. „Natürlich“ besteht kein Junktim zwischen Pistorius´ Forderung und den Schuldzuweisungen an die russische Adresse. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Mit einer innenpolitischen Erklärung allein kommt man jedoch nicht weiter. Putin ist da, wie immer, zu diplomatisch, um noch die Außenpolitik ins Spiel zu bringen. Aber: Was nicht war, kann ja noch werden. Und so eilte Putins Freund, Ex-Präsident Dmitrij Medwedew, ihm zur Hilfe und machte außenpolitisch einen Rundumschlag. Medwedew ist in seinem Element. Er ist alles, nur kein Gentleman und schlägt gleich mit der Faust ins Gesicht. Komödie ist nun mal nicht sein Ding. Er spricht lieber Klartext.
Als Reaktion auf die Anschuldigungen gegen Russland drohte Medwedew am 2. September mit einem Angriff auf Deutschland. Wörtlich schreibt er in Max: „Angesichts des neonazistischen, fanatisch russlandfeindlichen Kurses der gegenwärtigen deutschen Führung ist ein geplanter Sabotageakt die schwächste Form der Bestrafung für ihre Vergehen. Sie verdienen einen direkten Angriff auf alle deutschen Produktionsstätten für die militärische Ausrüstung der Bandera-Clique. Und höchstwahrscheinlich auch auf mehrere anderen Standorte in Berlin.“ Für einen Berliner wie mich sind das keine schönen Aussichten. Merz und Co sei Dank!
Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, ließ sich nicht lumpen und kommentierte das Vorgehen der deutschen Bundesregierung unfreundlich mit den Worten: Russland bereite eine Antwort auf die Entscheidung vor, das letzte noch funktionierende Generalkonsulat in Bonn zu schließen und den Betrieb des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur in Berlin einzustellen.
„Die Antwort wird, wie sie (die Deutschen) es mögen, hart ausfallen. … Wir haben diese Möglichkeit einkalkuliert, uns darauf vorbereitet und die Antwort wird bald erfolgen“, sagte sie und fügte hinzu: Die deutschen Behörden wollten das Generalkonsulat und das Russische Haus schon lange schließen, und der Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig sei lediglich ein willkommener Vorwand gewesen. Denn „die ganze Geschichte, die um die Drohne herum erfunden wurde, ist an den Haaren herbeigezogen: Es gibt keine Fakten, keine Belege, absolut nichts“, erklärte die freundliche Dame aus dem russischen Außenministerium. Mit ihr ist eben auch nicht zu spaßen.
Der stellvertretende russische Außenminister, Alexander Gruschko, gab ebenfalls zu Protokoll: „Wir werden reagieren, wie wir es für angemessen halten und sobald wir bereit sind. Ich denke, das wird sich nicht in die Länge ziehen; es wird alles sehr schnell gehen.“
Gruschko schloss eine weitere Verschlechterung der diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und Berlin nicht aus. Auf die Frage, ob ein vollständiger Abbruch der diplomatischen Beziehungen diskutiert werde, verneinte er, räumte aber ein, dass sich die Situation ändern könne. „Sie haben einen Eskalationsweg gewählt, der nichts ausschließt, auch nicht den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.“
In einem Interview mit Gazeta.ru bezeichnete Alexej Chepa (Erster Stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Internationale Angelegenheiten der Staatsduma), die Anschuldigungen Deutschlands als „Provokation“ und erklärte, Moskaus Antwort werde wahrscheinlich symmetrisch ausfallen.
„Wir haben uns in Russland an solche Schritte gewöhnt. Das heißt aber nicht, dass wir diese Provokation unbeantwortet lassen werden. Die Antwort wird gleichwertig sein. Schließlich kann die Schließung des Konsulats und die Verhängung neuer Sanktionen nicht unbeantwortet bleiben“, betonte der Duma-Abgeordnete.
Das ist alles schön und gut. Die russischen „Nettigkeiten“ täuschen jedoch nicht darüber hinweg, dass Putin, Medwedew und Co. mehr wissen, als sie sagen, und dass sie sich ebenfalls in Szene setzen – nur nicht als Komödianten und Moralisten, sondern als Macher und big players.
Sie wissen ganz genau, dass das deutsch-europäische Schmierentheater nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver ist. Es sollte zum einem eine massive Remilitarisierung Deutschlands legitimieren und zum anderen dazu dienen, die tiefe Involvierung der Nato im Ukrainekrieg sowie eine nicht enden wollende deutsch-europäische Eskalation zu verschleiern, und Russland diese Eskalation nach dem Motto: „Haltet den Dieb“ in die Schuhe zu schieben.
Manche deutschen Wirtschaftsbosse sind zumindest ehrlicher als jene deutschen Claqueure des Krieges, die dieses Schmierentheater inszeniert haben. Sie reden Tacheles: „’Germany and Russia are at war‘, says top defense exec“ („Deutschland und Russland befinden sich im Krieg“, sagt ein hochrangiger Verteidigungsmanager).
Mit dieser Schlagzeile überschrieben Milena Wälde and Paul Ronzheimer ihren Artikel in Politico am 1. September. Und dieser „hochrangige Verteidigungsmanager“ ist der bayerische Rüstungsunternehmer, Stefan Thumann.
Selbst wenn er im Sinne des deutsch-europäischen Schmierentheaters argumentiert, dass nämlich die von Moskau gegen sein Land durchgeführten Sabotageaktionen ein „Kriegsakt seien, der hier von den russischen Streitkräften kontrolliert und koordiniert werde“, bleibt die Aussage: „Germany and Russia are at war“ dessen ungeachtet richtig.
Die Zeichen stehen jedenfalls auf weitere Eskalation und Deutschland kann dabei nichts gewinnen, aber viel verlieren. Mal sehen, ob unsere Komödianten und Moralisten auch dann noch ruhig schlafen werden.



Wundersam wie die die üblichen Verdächtigen mal wieder ganz genau wissen was abgeht.
Erinnert mich an die Springerpresse: Mann durch Fleischwolf gedreht, Bild sprach zuerst mit der Mettwurst.
Ach, der ehemalige Bibelverkäufer. Vom russischen Geheimdienst bedroht mit Novichock, womit sonst?. Der jetzt in den deutschen Militärausgaben den „idealen Nährboden“ (seine Firmen-Internetseite) gefunden hat. „Kaufmann und Patriot“, wie es auf seiner Facebookseite heißt. Leute, hängt die Wäsche ab…
Politische Konkurrenz besteht auf allen Ebenen – auch der internationalen – aus dem Gegen- und Miteinander persönlicher Heuristiken zur Ermittlung und Gestaltung privater Erfolgswege der Angehörigen der herrschenden Stände. In einer Gesellschaft, deren Mitglieder zur Mobilisierung einer doppelten Moral genötigt werden, der Privatmoral des Erwerbsbürgers und der öffentlichen Moral des Staatsbürgers, ist das verbindende Moment beider Seiten die Selbstdarstellung der Subjekte – sowohl nach innen, wie nach außen und beides wiederum gepaart.
Sowas kommt von Sowas.