Angriff auf Atomkraftwerk Saporischschja schürt erneut Angst vor Atomkatastrophe

aea-dIREKTOR Rafael Mariano Grossi beim Besuch im AKW Saporischschja 2023. Bild: IAEA Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat einen Angriff auf das ukrainische Atomkraftwerk (AKW) Saporischschja bestätigt und Schäden an dem von Russland kontrollierten Atomkraftwerk festgestellt. Die Ukraine und Russland beschuldigen sich – wieder einmal – gegenseitig, für gefährliche Angriffe auf das größte AKW in Europa verantwortlich zu sein.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat einen Angriff auf das ukrainische Atomkraftwerk (AKW) Saporischschja bestätigt und Schäden an dem von Russland kontrollierten Atomkraftwerk festgestellt. Die Ukraine und Russland beschuldigen sich – wieder einmal – gegenseitig, für gefährliche Angriffe auf das größte AKW in Europa verantwortlich zu sein.

Es geht wieder einmal sehr gefährlich am größten Atomkraftwerk Europas zu, das in der Welt seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine immer wieder Angst vor einer erneuten Atomkatastrophe schürt. Das AKW befindet sich seit März 2022 unter russischer Kontrolle, die sechs Reaktoren sind seither abgeschaltet.

Trotz allem könnte es dort zu einer Katastrophe kommen, deren Auswirkungen noch größer als die des Super-Gaus im ukrainischen Tschernobyl sein könnten. Vor 40 Jahren explodierte dort in der Ukraine ein Reaktorblock des Atomkraftwerks mit den bekannten fatalen Folgen bis heute. Es dürfte bekannt sein, dass auch abgeschaltete Atommeiler ständig gekühlt werden müssen, damit es nicht zur Kernschmelze mit unabsehbaren Folgen kommt.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hatte zunächst mitgeteilt, sie sei am 30. Mai darüber informiert worden, dass offenbar eine Drohne ein Turbinengebäude auf dem Gelände getroffen habe, wodurch ein Loch in die Wand der Halle gerissen worden sein soll.  Am Tag darauffolgenden Tag erklärte die IAEA, ein Team der Behörde habe am Zaporizhzhia Nuclear Power Plant (ZNPP) „Schäden an der Außenseite eines Turbinengebäudes“ feststellen können, die man auf einen Drohnenangriff zurückführe. „Bei einer Vor-Ort-Besichtigung sah das Team Schäden“ sowie „einige Trümmerstücke und verbrannte Überreste von Glasfaserkabeln am Boden“, die mit dem Einschlag einer Drohne übereinstimmen würden. Schäden seien „unmittelbar neben Reaktorblock 6“ festgestellt worden. Auch während der Besichtigung hätte das Team „Drohnengeräusche in der Nähe und Schüssen zur Abwehr“ gehört und es sei ihm befohlen worden, Schutz zu suchen.

Erhöhte Strahlenwerte hätte man an dem AKW aber nicht messen können. Trotz allem wird von einem „schwerwiegender Vorfall“ gesprochen, „der zentrale Grundsätze der nuklearen Sicherheit gefährdet habe“, erklärte der IAEA‑Generaldirektor Rafael Grossi. „Angriffe auf nukleare Anlagen sind inakzeptabel“, fügte er zu dem „ersten Drohnenangriff innerhalb des Kraftwerksgeländes“ in den letzten zwei Jahren an. Es dürfe „keine Angriffe jeglicher Art von oder gegen“ das Atomkraftwerk geben. „Angriffe auf nukleare Anlagen sind wie das Spiel mit dem Feuer“.

Bemerkenswert ist es, dass in beiden ausführlicheren IAEA-Mitteilungen keinerlei Hinweis auf die eigene Pressemitteilung zum längsten bisherigen Kommunikationsausfall gegeben wird, die nur zwei Tage vor dem Angriff veröffentlicht wurde. „Das Kernkraftwerk Saporischschja (ZNPP) war diese Woche von einem längeren Kommunikationsausfall betroffen, während Berichte über verstärkte militärische Aktivitäten in der Umgebung kursierten“, wird Grossi zitiert.

Demnach war „das ZNPP am Mittwoch etwa 12 Stunden lang weder über Festnetz noch über das Internet in Verbindung – der längste Vorfall dieser Art seit Beginn des militärischen Konflikts“. Grossi hatte die Bedeutung der Kommunikation mit Atomanlagen herausgestrichen, die zuverlässig gewährleistet sein müsse. „Viele Stunden lang konnten wir unser Expertenteam vor Ort nicht erreichen, und das Kraftwerk war nicht in der Lage, auf dem üblichen Weg mit der Außenwelt zu kommunizieren.“ Das sei „eindeutig ein sehr besorgniserregendes Ereignis im Hinblick auf die nukleare Sicherheit und Sicherung“ gewesen.

 

Ob ein Zusammenhang mit dem Drohnenangriff besteht, ist genauso unklar, wie dessen Urheberschaft. Es geht wie üblich hin und her, wer nun für die Attacke verantwortlich sein soll. Beide Seiten schreiben sich – wieder einmal – die Verantwortung zu. Der russische Staatskonzern Rosatom wies die Verantwortung sofort der Ukraine zu. „Heute Nachmittag traf eine ukrainische Kamikaze-Kampfdrohne das Turbinenhaus des Kraftwerksblocks Nr. 6, was zu einer anschließenden Detonation führte“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Rosatom-Chef Alexei Likhachev. Der hat den Vorfall als „vorsätzlich“ bezeichnet. Die Drohne sei über ein Glasfaserkabel gesteuert worden, ein „versehentlicher Treffer“ sei daher ausgeschlossen, fügte er an. Der Einschlag sei nur wenige Meter vom Reaktor entfernt, hieß es weiter. AKW-Direktor Yury Chernichuk sagte, es würden permament ukrainische Drohnen über dem AKW fliegen.

Das Loch in der Wand kann auch auf Bildern gesehen werden, welche die ukrainische Nachrichtenseite „Strana“ veröffentlicht hat. Bei einem weiteren Angriff am 31. Mai auf die Transportwerkstatt sind nach einem Tass-Bericht Fahrzeuge zerstört worden: „Bei dem Angriff wurden sechs Busse und zwei „Gazel“-Fahrzeuge zerstört. Unter den Mitarbeitern gab es keine Opfer. Das Kraftwerk betonte, dass Angriffe auf Busse, die Kraftwerksmitarbeiter innerhalb der Stadt Energodar befördern, bereits zuvor wiederholt verzeichnet worden seien, was zusätzliche Risiken für den stabilen Betrieb des Kernkraftwerks mit sich bringe und eine Gefahr für die Sicherheit der Mitarbeiter darstelle. Am selben Tag griff der Feind eine Entbindungsklinik, eine Boxschule, Wohngebäude, Tankstellen und das Verwaltungsgebäude von Energodar an.“

Die Verteidigungskräfte der Südukraine wiesen am 30. Mai die russischen Behauptungen zurück: „Die von Besatzungsorganen verbreiteten Berichte über den angeblichen Angriff der Verteidigungskräfte der Ukraine auf die Anlagen des Kernkraftwerks ZNPP sind ein weiterer Versuch, die Ukraine zu diskreditieren und ihre eigenen kriminellen Handlungen zu verschleiern.“ Das ukrainische Militär handele „ausschließlich im Rahmen der Normen des humanitären Völkerrechts und ist sich der Konsequenzen jeglicher Aktionen gegen nukleare Anlagen bewusst“.

Dafür behauptet das ZDF zum Beispiel, Russland habe keine „Belege“ für eine über Glasfaser gesteuerte Drohne vorgelegt. Das ist erstaunlich, da zu diesem Zeitpunkt schon das IAEA-Team vor Ort war und die Atomaufsicht schon von den Glasfaserresten berichtet hatte.

Die „alternative“ Taz aus Berlin macht sich zum Sprachrohr für die Version der Ukraine. Zwar wird in der Einleitung erklärt: „Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig“, von den russischen Vorwürfen ist dann aber in dem Artikel nichts zu lesen. Absatz für Absatz wird die Version aus Kiew dargelegt. „Die Ukraine verfüge nicht über Drohnen mit einer Kumulativ-Sprengladung von 5–6 kg“, um ein Loch in der von Russland behaupteten Größe zu erzeugen, wird mit Bezug auf das ukrainische Medium Suspilne gesagt, das wiederum auf einen Armeesprecher verweist. Es ist ein Zitat aus der oben erwähnten Mitteilung der Verteidigungskräfte der Ukraine. Allerdings schreibt die taz auch, dass die Ukraine durchaus Atomkraftwerke immer wieder angegriffen hat.

Dass sich Ukraine gerne und immer wieder auch in deutschen Medien mit immer neuen Entwicklungssprüngen bei der Drohnen-Entwicklung brüstet, wird auch ausgeblendet. Schon vor einem Jahr wurde zum Beispiel in der Deutschen Welle berichtet, dass auch die Ukraine Glasfaser-Drohnen benutzt. „Die Hightech-Waffen definieren die Kämpfe an der russisch-ukrainischen Front neu“, berichtet deren Korrespondent Max Zander „wie die ukrainische Armee damit Russlands Verteidigung aushebelt.“ Bekannt ist seit langem auch, dass sie in der Ukraine längst gebaut werden und sie sollen eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern erreichen

Zitiert wird von der taz auch das ukrainische Außenministerium: „Wir betrachten diese Erklärungen als eine weitere Informationskampagne der Besatzungsmacht, die darauf abzielt, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft von der einzigen tatsächlichen Quelle der nuklearen Gefahr im Kernkraftwerk Saporischschja abzulenken – der illegalen russischen Besetzung des Kraftwerks.“   So behauptet der Artikel auch, dass Russland der IAEA „keinen uneingeschränkten Zugang gewähre“.

Allerdings gibt die Taz nicht auch noch den Unfug wieder wie die Nachrichtenagentur Reuters, die von „einem weiteren Propagandatrick“ aus Russland spricht. „Die ukrainischen Soldaten handeln streng im Rahmen des humanitären Völkerrechts und sind sich der Folgen jeglicher Angriffe auf kerntechnische Anlagen voll und ganz bewusst“, zitiert Reuters die Stellungnahme der ukrainischen Streitkräfte der Südukraine. „An dem betreffenden Abschnitt der Frontlinie fanden während des Vorfalls keine aktiven Kampfhandlungen statt, und es wurden keine Waffen eingesetzt.“

Die Frage, warum Russland sich angeblich selbst angegriffen haben soll, welches das Atomkraftwerk schließlich zur eigenen Stromerzeugung an das russische Stromnetz anschließen will, wird in hiesigen Medien nicht einmal gestellt. Warum aber könnte es sich nicht auch um eine atomare Erpressung durch die Ukraine handeln, also immer einmal wieder die Drohkulisse einer möglichen fatalen Atomkatastrophe heraufzubeschwören, indem man gezielt eher unbedeutende Anlagenteile beschädigt?

Neu ist das alles ohnehin nicht. Overton hatte immer wieder von dem „gefährliches Spiel mit dem AKW Saporischschja“ berichtet. Dass die Ukraine ein solches gefährliches Spiel betreibt, hat sie ohnehin mit dem Angriff auf das russische Atomkraftwerk Kursk bewiesen. Das AKW wurde mit Drohnen angegriffen und dort ein Brand ausgelöst. Schon damit hatte sie eigenhändig die nun erneut vorgetragene Behauptung widerlegt, sich stets an das Völkerrecht zu halten. Damit wurde die Karte der atomaren Erpressung gespielt, die man wiederum gegenüber Russland hochhält. Denn Angriffe auf zivile Kernkraftwerke sind nach internationalem Recht grundsätzlich verboten. Dass es in der Region angeblich keine Kampfhandlungen gab, das hatte auch die IAEA schon als falsch herausgestrichen und auf den Kommunikationsausfall verwiesen.

Zudem sollte man auch die unmissverständlichen Worte des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskij zu Angriffen auf das Atomkraftwerk Saporischschja nicht vergessen, welches er zurückerobern wollte: „Jeder russische Soldat, der entweder auf die Anlage schießt oder im Schutz der Anlage schießt, muss wissen, dass er zu einem besonderen Ziel für unseren Geheimdienst, unsere Spezialdienste und unsere Armee wird.“ Die Videobotschaft kann hier noch immer angeschaut werden.

Somit ist klar, dass aus Kiew wieder viel Propaganda verbreitet wird, die von Medien hier bereitwillig breitgetreten und nicht hinterfragt wird, obwohl die Erfahrung eigentlich zur Vorsicht raten müsste. Natürlich ist auch ein russischer Propagandatrick nicht auszuschließen, zumal die Lage sich derzeit an der Front nicht gerade positiv für Russland weiterentwickelt hat, womit eine atomare Drohkulisse aufgebaut werden könnte, um den Druck zu verstärken, den Krieg zu beenden.

Beiden Seiten kann man ihre Propaganda nicht abnehmen. Wie sagt schon alter Spruch: „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit.“ Sich einfach auf eine Seite zu schlagen, immer mehr die Kriegstrommeln zu schlagen, statt zu versuchen, eine friedliche Beilegung des Kriegs voranzutreiben,  ist schlicht wahnsinnig. Wie in Polen wollen längst Mehrheiten eine Friedenslösung in vielen Ländern, zumal dort viele Milliarden verbrannt werden, die dann mit Streichungen von Sozialleistungen in Deutschland und anderswo erkauft werden müssen.

Dass wieder einmal mit dem Risiko einer Atomkatastrophe gespielt wird, macht das umso dringlicher. Denn das theoretische Worst-Case-Szenario ist wieder näher gerückt, egal wer der Urheber ist. Dabei ist auch eher zweitrangig, ob die mögliche Katastrophe beabsichtigt, unbeabsichtigt oder durch einen Kalkulationsfehler bei einer False-Flag-Aktion ausgelöst wird. Auch die werfen sich beide Seiten seit Jahren immer wieder gegenseitig vor.

Ralf Streck

Der Journalist und Übersetzer Ralf Streck wurde 1964 in Flörsheim am Main geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Turkologie an der Universität in Frankfurt. Seine journalistische Laufbahn begann bei Radio Dreyeckland in Freiburg, wo er eine Fortbildung zum Fachjournalist für Umweltwirtschaft absolvierte. Er lebt seit mehr als 20 Jahren im Baskenland, ist spezialisiert auf linke Unabhängigkeitsbewegungen und berichtet für diverse Medien in Europa vor allem von der Iberischen Halbinsel.
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6 Kommentare

  1. Seit wie vielen Monaten erzählen uns Ukraine & Medien dass die Russen sich im Atomkraftwerk selbst beschießen?
    Wie deppert die sind ist unglaublich .

  2. Terrorangriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen sind doch Standardvorgehen der westlichen Kriegsführung und der ihrer Verbündeten.
    Schon immer gewesen und nach wie vor en vogue.
    Da kannst du bei der amerikanischen Indianervernichtung anfangen, mit den britischen Giftgasangriffen im Irak, dem Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten, dem Krieg der Franzosen in Algerien oder den Chemie- und Napalmangriffen in Vietnam weitermachen und bei der neuerding scheinbar in Mode gekommenen Bombardierung von Mädchenschulen aufhören.
    Da sind doch die Ukrainer gelehrige Schüler.

  3. Der Homo Sapiens ist als Fehlentwicklung der Evolution auch in puncto Idiotie nicht zu überbieten.
    Keinen deutschen Support mehr – in welcher Art und Weise auch immer – für diesen und andere Kriege in der Welt.

    Ferner bin ich der Auffassung: Kein deutscher Staatsbürger sollte sich für diesen Staat oder die sog. ‚Westliche Un-Wertegemeinschaft‘, den die ÖRR propagandistisch unterstützen ( u. a. durch Propaganda-Formate wie https://www.ardmediathek.de/sendung/die-100-was-deutschland-bewegt/Y3JpZDovL25kci5kZS80OTU0 ) und für den diese wie auch andere stehen, auch durch tätiges Nichttun / Verschweigen ( NATO-Osterweiterung als eine Kriegsursache ), Verdrehen von ( vermeintlichen ) Tatsachen, in welchem Pazifistinnen und Pazifisten u. a. Gruppen systematisch straffrei diffamiert werden, zu welchem Dienst auch immer zur Verfügung stellen – womöglich noch sein Leben riskieren, welches u. a. deutsche Politik leichtfertigst aufs Spiel setzt seit dem Jahre 2001 bzw. dem 24.02.2022.

    Wie sich die Bilder Gleichen:
    Der NS-Staat: Getragen von der Bevölkerung – Dr. Götz Aly, 16.02.2009 | AusdemArchiv (039)
    https://www.youtube.com/watch?v=9gVSzvgGcdg .

  4. Weshalb benennt das IAEA nicht eindeutig den Täter?
    Die Art der Munition und die Richtung des Beschusses ist leicht zu ermitteln. Eine klare Zuweisung würde dem Spuck ein Ende bereiten und die Gefahr eines GAUs bannen. Aber daran hat Grossi offenbar kein Interesse.

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