Alle Pfade der Tora führen zum Frieden

Zwei Schüler, die in einer Jeschiwa (jüdische Lehreinrichtung) nach der ‚Havruta-Methode‘ (Gemeinschaft der Lernenden) studieren. Bild: Simonpor, CC BY-SA-3.0.

Eine neue Sammlung der Schalom-Bibliothek erschließt Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel – und eine Ahnung davon, was die vielbeschworene „jüdisch-christliche Wertebasis“ wirklich bedeuten würde.

Die Wege der Tora – so heißt es im Anschluss an das Buch der Sprichwörter 3,17 – sind freundlich und alle ihre Pfade führen zum Frieden. Ein größerer Kontrast zur antijudaistischen Klage, das ‚Alte Testament‘ (AT) sei nur eine Urkunde voller Kriegsgewalt und Blutvergießen, ist kaum vorstellbar. Nach den Lesebüchern der Schalom-Bibliothek zur „Friedensliebe der Rabbiner“ und zu „Gewalt und Kriegstheologie im AT“ liegt nun der erste Teil einer Sammlung zu den „Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel“ vor.

Die Forschungsbeiträge, Essays und Predigten im neuen Lesebuch stammen von Klara Butting, Friedrich Erich Dobberahn, Ulrich Duchrow, Matthias-W. Engelke, Antje Heider-Rottwilm, Margot Käßmann, Rainer Kessler, Ansgar Moenikes, Thomas Nauerth, Orna Pilz (Reform-Rabbinerin), Salomé Richir-Haldemann, Franz Segbers, Egon Spiegel, Anja Vollendorf, Marie-Noëlle von der Recke und Bärbel Wartenberg-Potter. Zur Ergänzung steht wie beim Vorgängerband wieder eine Dokumentation mit ausgewählten Bibelstellen zur Verfügung.

Die Bibel als Bibliotheksraum für ein Streitgespräch

Müssen wir uns angesichts einer Überlieferung von verschiedenen Standorten und z.T. gegensätzlichen Texten entscheiden? Zum Vorschein kommen in den Texten ein Gott des Krieges” und ein Gott des Friedens“. Wo nun waltet der wahre Gott? Robert Eisen stellt in seinem Werk „The Peace and Violence of Judaism“ (2011) die Hebräische Bibel, das rabbinische Judentum, die jüdische Philosophie des Mittelalters, die Kabbala und den modernen Zionismus jeweils in zwei Anläufen einmal als gewaltaffin und einmal als friedliebend dar. Kann man in den Schlussfolgerungen am Ende solcher Studien nur die Ambivalenzen nüchtern oder resignierend zur Kenntnis nehmen?

Unsere friedenstheologische Erschließung der Hebräischen Bibel fußt auf dem Konsens, dass selbstredend der biblische Kanon als Ganzes – ohne Zensur und Verkürzung – zum Vorschein kommen muss. Dies erfordert mitnichten Konzessionen an die Mode der Beliebigkeit. Matthias Engelke betrachtet schon die Weise der Kanon-Bildung, bei der anstößige Texte mit Gewaltinhalten nicht ausgeschieden wurden, als Ausweis einer „Hermeneutik der Gewaltfreiheit“.

Thomas Nauerth meint, eingedenk der gezielten ‚Gegendarstellungen‘ und ‚Korrekturen‘ innerhalb des Kanons: „Die Bibel ist […] nicht widersprüchlich, sie widerspricht sich selbst nur bewusst sehr heftig. Anders formuliert, die Bibel ist zu verstehen als leidenschaftliches Streitgespräch. Da aber genau liegt für uns der Gewinn der Bibel, wir finden in ihr nicht einfach Texte, die uns bestätigen, sondern eine ungemein spannende Auseinandersetzung über Fragen, die uns bleibend angehen. […] Kein Vorurteil, kein Feindbild, kein Rassismus, nichts wurde dabei einfach gestrichen, nichts geglättet. Das macht die Bibel ehrlich. Sie ist kein Buch der Widersprüche, sie bearbeitet unsere Widersprüche und Vorurteile!“

Meine eigene Sichtweise kann u.a. im Band „Gewalt und Kriegstheologie in der Hebräischen Bibel“ nachgelesen werden: „Die rabbinische Theologie eröffnet eine große Freiheit und Pluralität bei der Bibelauslegung, doch sie sieht selbstredend keine Streichungen im kanonischen Text vor. Die Bibel ist erschütternder Spiegel einer Kriegswelt des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung und enthält – wie wir sehen konnten – selbst ein Übermaß an kriegstheologischer Ideologie. Uns begegnen die Todeskulte, Leiden und Zerstörungen im Gefolge der staatlichen Gewaltkomplexe seit der Bronzezeit. Nur deshalb können wir auch die Friedenskunde im ‚Buch der Bücher‘ in ihrer ganzen Dringlichkeit aufnehmen bzw. verstehen. Der von keinem ‚Pazifisten‘ zensierte Kanon ist wirklich ein Glücksfall! Kein Jota wollen wir herausschneiden aus den ‚gewalthaltigen Anteilen‘, auch wenn eifrige Zeitgenossen möglicherweise schon bald ein ‚Canceln‘ der Bibel einfordern – was keineswegs außerhalb aller Wahrscheinlichkeit liegt.“

Perspektiven eines Vergleichs der drei „abrahamitischen Religionen“

Im Kontext einer vergleichenden Untersuchung der drei ‚abrahamitischen Religionen‘ scheinen statistische Verfahren für die Hebräische Bibel einen deutlich höheren Anteil an problematischen Gewalttexten zu ermitteln als dies beim Neuen Testament und beim Koran der Fall ist. Ein solcher Befund ist allerdings kein Argument gegen unseren Ansatz der friedenstheologischen Erschließung des Bibelkanons. Denn wenn wir die Hebräische Bibel berechtigter Weise als Bibliothek für ein wegweisendes Streitgespräch über ‚Krieg und Frieden‘ betrachten, dann werden die entsprechenden Verfahren – ergänzt durch qualitative Untersuchungen – im Gegenzug auch eine Vorrangstellung der Hebräischen Bibel hinsichtlich solcher Anteile ergeben, die von einem Ringen um den – leibhaftigen, irdischen – Frieden zeugen. Ich hege wenig Zweifel daran, dass bei einer überzeugenden – vorurteilsfreien – Methodik eben ein solches Ergebnis zutage tritt. Beides, Krieg und Frieden, hat die Verfasser biblischer Texte und ihre Leserschaft im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung existentiell bewegt – denn: „Ein versprengtes Schaf war Israel, / von Löwen gehetzt. / Zuerst hat es der König von Assur gefressen, / zuletzt hat ihm Nebukadnezzar, der König von Babel, die Knochen abgenagt.“ (Jeremia 50,17)

Mit Heiligen Schriften können Menschen je nach Intention Unterschiedliches bewerkstelligen, auch das Allerschlimmste. An der jeweils wirkmächtigsten Auslegung hängt fast alles. Den Friedensstandort des überkommenen rabbinischen Judentums, welches sich in zwei Jahrtausenden durch Freiheit von allen staatstheologischen Instrumentalisierungen ausgezeichnet hat, kann man schlecht bestreiten. Bezogen auf den Islam ist die Entkräftung islamophober Vorurteile über den Koran sehr zu begrüßen, doch müssten wir im ‚abrahamitischen Vergleich‘ neben den gewaltaffinen Suren auch noch staatsrelevante, als normativ geltende Überlieferungssegmente (Auslegungen, Gesetzgebungen) mit heranziehen. Zu befürchten ist schließlich, dass die kriegstheologischen Produktionen der weltweiten Christenheit in zwei Jahrtausenden im Kontext einer vergleichenden Studie quantitativ wie qualitativ zum traurigsten Ergebnis führen würden. – Der Erdkreis ist bis zum Zerbersten militarisiert. Alle müssen sich entscheiden, welcher Weg beschritten werden soll. Was sagen Juden, Christen und Muslime heute?

Das erste Buch Mose – ein Buch des Friedens

Das erste der fünf Bücher Mose, dem wir uns erst in einem weiteren Band unserer Sammlung eingehender zuwenden wollen, enthält die Grundlagen jeder biblischen Friedenstheologie. Im babylonischen Schöpfungsmythos „Enuma elisch“ vollzieht sich der Ursprung als kosmisches Kriegsgeschehen; die Urgöttin Tiamat wird förmlich ausgeschlachtet. Im Vergleich dazu liest sich Genesis 1 eher wie eine naturwissenschaftliche Darstellung, weit ausgreifend freilich auf das gesamte Universum. An die Stelle blutiger Gewalt tritt das schöpferische Wort. Anders als bei den Gottkönigen der altorientalischen Reiche werden jetzt alle Menschen als „Bild Gottes“ betrachtet. (Sie sind keineswegs gemäß dem Plan der babylonischen Stadtgottheit Marduk als Sklaven der arbeitsscheuen Götter erschaffen, sondern unterschiedslos zur aktiven Weltgestaltung berufen.) Eine Kontroverse der Auslegung betrifft die Frage, ob aus dem göttlichen Auftrag an die Menschen (Genesis 1,28) nun eher eine Unterwerfungspraxis (Herrschaftsparadigma hinsichtlich der ‚Natur‘) oder das Walten von Hirten (Paradigma der Sorge im Lebensraum) folgt. Vorerst ist nur pflanzliche Nahrung vorgesehen; das Töten von Tieren entfällt. Ein für alle Mal bezeugt ist die Einheit des Menschengeschlechts.

Archaischer bzw. anschaulicher vollzieht sich das Beginnen im 2. Kapitel der Genesis. Für die aus Lehm geformten Menschen steht ein mütterlicher Garten bereit, den sie pflegen bzw. erhalten (Genesis 2,15) und in dem sie – trotz ihrer Staubherkunft – angstfrei im göttlichen Lebensatem verbleiben. (Da Gott selbst im Garten umherwandelt, besteht noch kein Bedarf an Theologie und organisierter Religion.) Vegetarischer Luxus steht bereit. Die Tiere sind noch keine Nahrungsprodukte oder toten Sachen, sondern potentielle Gefährten – gleichberechtigte Stimmen im Gesprächsraum des Lebens. Ein Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern gibt es nicht; ebenso fehlt (wie fast in der gesamten Geschichte des homo sapiens, d.h. der ‚Jäger und Sammler‘) die bäuerliche Knochenarbeit.

Selten wird es bedacht: ‚Eden‘ währte hunderttausende, ja Millionen Jahre. Die Vertreibung geschah im Maßstab des gesamten Menschengeschlechts gleichsam erst ‚gestern‘. In friedenstheologischer Perspektive hängt nun alles daran, den Zugang zu Genesis 3 (‚Paradiesverlust‘) nicht durch die platte Oberflächensicht eines „Sündenfalls“ der hochmütigen, sich gegen Gott auflehnenden Menschen zu verderben. Stattdessen wäre die mit der Bewusstwerdung einhergehende Geburt der Angst als tragisches, durchaus nicht frei gewähltes Geschehen zu beleuchten. (Im ersten Fall genügt eine gute Moralpredigt wider den Stolz an die ganze Menschheit; im zweiten Fall kommt die Notwendigkeit in den Blick, dass eine auf Angst und Gewalt basierende ‚Zivilisation der Ungeliebten‘ als Ganzes der durchgreifenden Heilung bedarf – sofern es für die menschliche Gattung eine Zukunft auf der Erde geben soll.)

Die im frühesten Mord gipfelnde Erzählung von zwei Brüdern – dem Ackerbauern Kain und dem Schafhirten Abel (Genesis 4,1-16) – beleuchtet mit Blick auf den einzelnen Menschen die Genese tödlicher Gewalt aus dem ‚Ungeliebtsein‘, d.h. dem Gefühl von Nichtbeachtung, Zurücksetzung, Ablehnung und eigener Minderwertigkeit (Gottes Schutzbrief bleibt auch dem schuldigen Täter nicht vorenthalten: Genesis 4,15 versus Genesis 9,6); zugleich verweist sie aber auch auf die zivilisatorischen Prozesse der landwirtschaftlichen Transformation und Sesshaftwerdung. „Ausgerechnet der sesshafte Ackerbauer Kain, der seinen Bruder erschlagen hat, wird zum ersten Städtegründer (Genesis 4,16.17). Kains Nachkomme Lamech rühmt sodann seine eigene – jetzt maßlos gesteigerte – Tötungsbereitschaft (Genesis 4,23-24). Lamechs Sohn Tubal-Kain wiederum gilt passend dazu als Stammvater aller Metallschmiede (Genesis 4,22) und wird in der rabbinischen Überlieferung als Erfinder des Schwertes angesehen. – Der Beginn der planmäßigen Rüstungsproduktion für den Mordapparat des Krieges findet im außerkanonischen Schriftgut und auch beim jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien eine äußerst negative Bewertung“. Metallwerkzeuge entweihen den Altar (Exodus 20,25), weil sie Tötungsinstrumente sind und somit der Weisung zum Leben widersprechen. – Der institutionalisierte Krieg ist also aus biblischer und rabbinischer Sicht kein ewiges Naturereignis, sondern ein zeitlich genau einzuordnendes (sehr spätes) Produkt der menschlichen Zivilisationsgeschichte.

Die sogenannte ‚Sintflut‘ (Genesis 6,5-9,17) erscheint als ein totales Massenvernichtungs-Unternehmen gegen die von Jugend auf verdorbene Menschenwelt. Doch im Zuge dieser Intervention nach Art der hochgerüsteten imperialen Chaos-Bezwinger kommt Gott gleichsam zur Besinnung und zu einem besseren Verständnis der menschlichen Gebrochenheit. Die erste Friedenstaube der Geschichte bringt gute Kunde: Land in Sicht! (Genesis 8,11.21-22). Fortan erscheint statt des Schwertbogens der Kriegsgottheiten und Gottkönige am Himmel der Regenbogen eines Friedensbundes, welcher der ganzen Menschheit gilt (Genesis 9,12-27).

Die Erzählung vom Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9) bringt auch architektonisch zur Anschauung die Geschichte der Stadtstaaten, die – durchweg von Männern regiert – sich in Konkurrenz miteinander zu Großreichen aufblähen. Gott straft an dieser Stelle nicht, sondern tritt entgegen dem sprachlichen Einheitscode einer neuen Zivilisationsstufe, der nicht der Verständigung zwischen den Menschen, sondern der imperialen Beherrschung dient.

Abraham aus Ur in Chaldäa – im Zweistromland – hört den Ruf zum Aufbruch aus dem Bestehenden (Genesis 12,1-3) und wirkt so Segen für die Menschen aller Zeiten. – Das Bestehende aber ist das seit ca. 3000 v. Chr. zunehmend verfestigte, auf Aneignung, Macht und Kriegsgewalt fußende Zivilisationsgefüge. Abraham tritt als Fürsprecher der in Gewaltkontexten gefangenen Menschen auf (Genesis 18,20-33; vgl. auch Moses in Numeri 14,10b-20), ebenso als ein Mensch des Friedens und Sachwalter der von (Halb)Nomaden hochgeschätzten friedlichen Koexistenz ohne gewaltsame Konfliktaustragung (Genesis 13,1-9; 20,1.14-17; 21,22-30; 23,1-7). Er gilt der Bibel gleichermaßen als Stammvater der ‚Araber‘ und der ‚Israeliten‘; sein Begräbnis wird von den beiden Söhnen Ismael und Isaak gemeinsam besorgt (Genesis 21,9-21; 25,7-11). – Der Genesis „zufolge ist die Besiedelung Kanaans durch die Israeliten ein friedlicher Vorgang. […] So verstehen sich die Erzväter mit den Nichthebräern gut und leben in freundlicher Nachbarschaft; sie sind weit davon entfernt, die Bewohner Kanaans zu bekämpfen und aus dem Land zu verdrängen“ (Bernhard Lang). Noch Jakob, dem nunmehr die Entschärfung eines Bruderkonfliktes und somit die Verhinderung blutiger Gewaltfolgen gelingt (Genesis 32,4-22; 33,1-17: Jakob und Esau), ist daran gelegen, ohne Kriegszustand mit den Kanaanitern und Perisitern gut auszukommen (Genesis 34,1-31).

Im Buche Exodus sollten wir – gebannt vom spektakulären Ertrinken des ganzes ägyptischen Heeres – den lebensrettenden ‚zivilen Ungehorsam‘ der Hebammen (Exodus 1,15-21), die Hilfe der Tochter des Pharaos (Exodus 2,1-10) und die freundlichen Beziehungen des Moses zu den Midianitern (Exodus 18,1-9; vgl. Numeri 10,29-33) nicht übersehen.

Die Hausordnung der Tora – Frieden als Frucht der Gerechtigkeit

Das grundlegende Tötungsverbot (Exodus 20,13; Deuteronomium 5,17) in der Weisung an die aus Ägypten Befreiten wird neuerdings gerne so relativiert bzw. ausgelegt, dass die seit fünf Jahrtausenden im Auftrag von Staaten militärisch exekutierten (Massen-)Tötungen in der Regel nicht mehr darunter fallen, jedenfalls solange es die eigene Seite betrifft. Der ev. Theologe und Altorientalist Friedrich Erich Dobberahn plädiert diesbezüglich dafür, die Philologie in den Dienst der Friedenstheologie zu stellen, und hat deshalb zum ‚fünften Gebot‘ einen Originalbeitrag für unsere neue Sammlung verfasst.

Auf die Kriegsbestimmungen in den fünf Büchern Mose sind wir schon in unserem Band zu „Gewalt und Kriegstheologie“ ausführlich zu sprechen gekommen. An dieser Stelle müssen wir – in friedenstheologischer Absicht – auf etwas anderes eingehen: auf die ‚Hausordnung der Tora‘ (Franz Segbers).

Gegen Gewalt von innen und von außen können Gemeinschaften nur auf einem einzigen Wege Widerstands- und Verteidigungskraft entwickeln: indem sie nämlich ihr soziales Gefüge menschlich, gerecht und kooperativ gestalten … Kurzum: Friedenstüchtig wird ein Gemeinwesen, in dem es die Beziehungen zwischen den Menschen gerecht gestaltet. Der Zusammenhang von „Gerechtigkeit und Frieden“ (Jesaja 32,17-18; Psalm 72,2-3; Psalm 85,11) – nach innen und außen – ist unzerreißbar. Deshalb kommt der ‚Hausordnung der Tora‘, deren Wegweisungen zum Leben im neuen Band durch die Beiträge von Ansgar Moenikes, Ulrich Durchrow und Franz Segbers beleuchtet werden, für die biblische Friedenstheologie eine wirklich grundlegende Bedeutung zu.

Mit Blick auf die Mächtigen der Welt und die Staatsdoktrin der Besitzenden erscheinen Herrschaftskritik und Gerechtigkeitsforderung der Hebräischen Bibel als unerhörte Neuheiten. Nächstenliebe und ‚egalitärer Impuls‘ sind hier aber nicht plötzlich vom Himmel herabgefallen. Halbnomaden, entlaufene Sklaven und egalitäre Bauern kommen zu Wort. Schauen wir genauer hin, so zeigt es sich, dass vor allem das über Hundertausende Jahre waltende – uns förmlich ins Herz geschriebene – ‚Sozialethos‘ der vorstaatlichen Menschengeschichte wieder freigelegt wird und zur Geltung kommen soll. Ehrfurcht vor dem Leben, Teilen (statt Töten), helfende Gegenseitigkeit, Abscheu vor Machtgebaren und Mitfühlen entsprechen ursprünglichen Neigungen, wie sehr auch eine destruktive Zivilisation anstrebt, uns ‚massenkulturell‘ zum Gegenteiligen abzurichten. Deshalb können die Leute solches verstehen, es ist keineswegs ‚übernatürlich‘ oder ‚unverständlich‘: ‚Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. […] Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.‘ (5. Mose / Deuteronomium 30,11-14).

Die Botschaft der Propheten

Dem ungarisch-schweizerischen Philosophen und Rabbiner Dr. Ludwig Stein (1859-1930) schien es 1896 ausgemacht zu sein, „dass in der Messiasidee des Prophetentums die Forderung einer weltumspannenden Völkerverbrüderung, d.h. also eines ewigen Friedens, ihren schärfsten und prägnantesten Ausdruck gefunden hat“. Der jüdische Redakteur Samuel Meisels (1877-1942) schrieb wenige Jahre später: „Das Zukunftsideal des Judentums, wie es die Propheten verkündigten und wie es … dann die Rabbinen, den Verheißungen der Propheten folgend, aufstellten, war die Verbrüderung der gesamten Menschheit, der Völkerfriede in des Wortes schönster Bedeutung“ (1901). Militärrabbiner Fritz Leon Bernstein (1888-1920) forderte 1918 angesichts des Menschenschlachthauses der vorangegangenen Jahre: „Was die alten israeliti­schen Propheten zuerst gepredigt haben, das wird allen, die mit Abscheu vor dem durch diesen Krieg gerichteten Eigennutz sich einer besseren Zukunft zuwenden, in Herz und Denken übergehen müssen: nämlich dass vor dem einen Gott nur eine einige Menschheit be­stehen kann.“ Ernst Bloch hat die prophetische Friedensvision von den Völkern, die ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden (Micha 4, Jesaja 2), dann in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ als „Urmodell der pazifizierten Internationale“ betrachtet.

Ein Schauder überkommt die Hörerschaft nach Tausenden von Jahren noch immer, wenn sie heute in einem Gottesdienst vernimmt: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. […] Denn jeder [Soldaten-]Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder [Militär-]Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt“ (Jesaja 9,1.4). Wir können es nicht oft genug wiederholen: Die Propheten berühren uns noch immer so kraftvoll mit ihren Ansagen zur Befreiung vom Fluch der Militärapparate, weil jene Matrix von Staat und Kriegsgewalt, der sie widersagen, heute wie ehedem die vorherrschende – suizidale – ‚Zivilisation‘ formatiert (nur mit unvorstellbar größeren Potenzen der Zerstörungstechnologien). Es geht um den Ernstfall – für uns. Die wunderbaren Bilder vom Tierfrieden bei Jesaja (11,1-9; 65,17-25) und im außerkanonischen Schrifttum dürfen nicht dazu missbraucht werden, in der Auslegung die ungelegene prophetische Zukunftsvision für diese Erdenwelt ins Reich des Fantastischen abzuschieben.

Drei Beiträge des neuen Buches beziehen sich auf die wirkungsgeschichtlich so bedeutsame prophetische Friedensverheißung Micha 4,1-5 und Jesaja 2,1-5 (‚Völkerwallfahrt‘, Umschmieden der Kriegsgeräte; Ende der Tötungs-Ausbildung für den Krieg). Für weitere Arbeiten an unserer Sammlung wollen wir in diesem Zusammenhang folgende Fragestellung festhalten: Auch die Großreiche Westasiens, die Israel/Juda bedrückten, kannten die Vorstellung eines universalen Friedens – wobei sie ihre Weltherrschaftsansprüche (Imperialismus) selbstredend mit der Propaganda zu einer (vermeintlich uneigennützigen) Heilsmission für alle kaschierten. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede (Eigentümlichkeiten) lassen sich im Vergleich damit bezogen auf die umfassenden Friedensvisionen in der Hebräischen Bibel aufzeigen? In frommer Frageweise: Bieten die heiligen Schriften der Menschenwelt schon im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung exklusiv eine rettende Perspektive an, die sich sonst im ‚Alten Orient‘ (oder anderswo) nirgendwo finden lässt?

Die im neuen Band dargebotenen Betrachtungen von Egon Spiegel zu einer gewaltfreien Konfliktlösung – ausgehend von Jesaja 7,1-9 und 31,1.3 – sind von drängender Aktualität. Trügerisch und gottlos ist es, auf die brutale Großmacht und deren Militärlogistik zu setzen: „Vertraut ihr nicht, so bleibet ihr nicht!“ (Jes. 7,9) Nur aus dem Loslassen der falschen, vergötzten Sicherheitsillusionen kommt in bedrohlichen Konflikten ein „Drittes“ (lebensfördernde Dynamik, Beziehungswirklichkeit) ins Spiel, das Auswege aus der Gewaltkatastrophe eröffnet.

Bei Jesaja und in anderen Prophetenbüchern sind im Fortgang noch zahlreiche andere Botschaften zu erschließen. Jeremia entlarvt die hohle Friedensparole ohne Grundlage im leibhaftigen Leben. Ezechiel sucht im Kontext des imperialen Weltgeschehens nach dem Antlitz der Menschlichkeit. Hosea verkündet eine Rettung ohne Kriegsschwert (Hosea 1,7), ein Zerbrechen der Kriegsapparatur (Hosea 2,20-22) und das Ende des wahnhaften Vertrauens in menschengemachte Rüstungskomplexe: „Assur kann uns nicht retten, / wir wollen nicht mehr auf Pferden reiten und zum Machwerk unserer Hände sagen wir nie mehr: Unser Gott“ (Hosea 14,4); er kennt so etwas wie eine ‚Gewaltüberwindung in Gott‘ (Hosea 11,8). Der Prophet Amos (Kapitel 1-2) gilt als Vorreiter eines ‚Völkerrechtsdenkens‘, welches Kriegsverbrechen unter einem länderübergreifenden Bewertungsmaßstab betrachtet.Erstaunlicher Weise wird an anderer Stelle sogar den Menschen, die von einer aggressiven Militärmacht profitieren, samt ihrem obersten König eine Umkehr zugetraut (Jona 2,1-10) …

Alles Sehnen der Propheten gilt dem König des Friedens: „Juble laut, Tochter Zion! / Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. / Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zuteil, demütig ist er und reitet auf […] dem Jungen einer Eselin. Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Efraim / und die Rosse aus Jerusalem, ausgemerzt wird der Kriegsbogen. / Er wird den Nationen Frieden verkünden; und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer / und vom Strom bis an die Enden der Erde.“ (Sacharja 9,9-10)

Was ist eine „jüdisch-christliche Wertebasis“?

Ein entmaterialisierter, gar ins Nebulöse „spiritualisierter Friedensbegriff“ liegt der Hebräischen Bibel fern. Gewalttätigkeit, Blutvergießen und der Glaube an Kriegstechnologien sind ein Ausweis von Gottlosigkeit. Die „Hausordnung der Tora“ ist als unverzichtbare Grundlage der biblischen Friedensbotschaft zu betrachten. (u.a. Einheit der menschlichen Familie auf dem Erdkreis; jeder Mensch als „Bild“ des Höchsten; Kritik der Herrschaft von Menschen über Menschen; göttlicher Schutzbrief für den verwundbaren Menschen; Tötungsverbot; solidarisches Zusammenleben in Gerechtigkeit, eine dementsprechende Eigentumsordnung ohne schrankenlose Akkumulation; Entschuldung; Bestimmungen zum Recht der Besitzlosen, Zugewanderten, Flüchtlinge).

„Ein Fremdling soll unter euch wohnen wie ein Einheimischer“ (siehe Ezechiel 47,21-23). Solche Überschriften wollen die falschen Friedenspropheten der rechten Sektoren und nationalen Besitzstandswahrer in unseren Tagen nicht hören, denn: „sie sagen: / Frieden! Frieden! – Aber da ist kein Friede“ (Jeremia 6,14). An den hochgerüsteten Grenzmauern gehören Entrechtung wie Massensterben von Flüchtenden/Migranten zum Alltag, doch die Antwort darauf sind eine „Kultur der Gleichgültigkeit“ (Bischof Franziskus von Rom +) und der planmäßige Abbau von internationaler Entwicklungszusammenarbeit.

Die Hebräische Bibel birgt Herausforderungen und unvorstellbar kraftvolle Impulse für die Friedensarbeit. Sie ist kein Buch von gestern. Das zeigen viele Beiträge im neuen Band, die auf das politische Geschehen der Gegenwart Bezug nehmen. Gemästet werden die „Händler des Todes“ (Kriegskonzerne, samt zugehöriger Finanzindustrie) und auch die Logistik der atomaren Massenvernichtung, die von der weltweiten Ökumene als Ausweis ultimativer Gotteslästerung bewertet wird. Nach Innen zeigt sich gleichzeitig – wie hierzulande – eine Konzentration von fast 70 Prozent des Gesamtvermögen bei einer Oberschicht von 10 Prozent der Bevölkerung (allein das reichste 1 Prozent verfügt über etwa 35 % des Nettovermögens, während auf die ärmere Hälfte der Gesamtbevölkerung weniger als 3 Prozent entfallen: diw.de). All dies wird verantwortet durch politische Gebilde, die für sich allen Ernstes eine „jüdisch-christliche Wertebasis“ beanspruchen. Die neue friedenstheologische Bibellektüre zeigt, wie absurd das ist.

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Der neue Band der Schalom-Bibliothek ǀ Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel – Erster Band. Ein Lesebuch der Schalom-Bibliothek. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 17). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6963-6247-8; Paperback; 448 Seiten; 16,99 Euro).

Ergänzende Dokumentation im Netz ǀ Eine Zusammenstellung ausgewählter Bibelstellen zur Eröffnung der Lesebuch-Sammlung „Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel“.

Bibliotheksportal | Alle Publikationen des nicht kommerziell ausgerichteten Regals „Pazifisten & Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal www.schalom-bibliothek.org – dort auch weitere Beiträge im „Lesesaal“ und alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten.

Peter Bürger

Peter Bürger (Jg. 1961), ist seit dem 18. Lebensjahr organisierter „Lumpenpazifist“ und versteht sich als christlicher Sozialist. Abgeschlossenes Hochschulstudium der katholischen Theologie (jedoch nie in bezahlten Kirchendiensten) und später Krankenpflege-Examen (1992). Nach psycho-sozialen Berufsjahren seit 2003 freier Publizist. Schwerpunkte seiner Forschungen/Veröffentlichungen: Westfälische Regionalgeschichte, Niederdeutsche Literatur (Rottendorf-Preis 2016), Krieg & Massenkultur (Bertha-von-Suttner-Preis 2006), Kriegsassistenz der staatlich subventionierten deutschen Großkirchen in Geschichte & Gegenwart, Friedenstheologie und Pazifismus, Imago der Einen Menschheit. – Leitbild für die eigene Schreibwerkstatt: Wer Quellen liest wird klüger; Mut zum Minderheitsvotum; keine Prostitutions-Dienstleistungen für den Medienapparat der Reichen und die militärische Heilslehre.
Mehr Beiträge von Peter Bürger →

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Ein Kommentar

  1. Gut und schön, aber wenn die Tora mit der „Schenkung Gottes an Abraham“ als Grundbuch benutzt wird – und die meisten israelischen Juden tun das, um ihr „Recht“ Israel für sich zu haben, zu untermauern, die Basis darstellt, für Vertreibung, Krieg und Völkermord an den Menschen, die im „Heiligen Land“ lebten, als die Juden aus Europa das Land heimsuchten, ists aus mit der „Religion des Friedens“.
    Von einer „Rückkehr“ spreche ich bewußt nicht, da die Vorfahren dieser europäischen Juden Israel einst überwiegend aus freien Stücken verließen (das Exil ist eine religiöse Legende) und bei der angeblichen „Rückkehr“ vor allem ab der Mitte des 20. Jahrhunderts auch die Nachfahren jener antiken Juden, die im Land geblieben waren, mit vertrieben und ermordeten, weil sie sie für „arabische Besatzer“ hielten.

    Kann man das irgendwie auflösen?

    https://bible.knowing-jesus.com/Deutsch/topics/Gott-Gab-Das-Land

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