Alkohol soll nach dem niederländischen Gesundheitsrat schwerer zugänglich gemacht werden

Bild: J Triepke/CC BY-2.0

Basiert die neue Empfehlung zur Volksdroge Nummer 1 auf guter Wissenschaft oder irreführender Statistik?

 

2023 verschärfte die Weltgesundheitsorganisation ihre Empfehlung zum Umgang mit Alkohol. „No level of alcohol consumption is safe for our health“ hieß es knackig und mediengerecht: Es gebe keine sichere Untergrenze für den Alkoholkonsum. Soll man darum auch auf reife Bananen und andere Früchte verzichten, die von Natur aus Alkohol enthalten? Und wie ist das mit alkoholhaltigen Medikamenten?

Das Thema ist sehr komplex. In der Pressemitteilung aus dem Jahr 2023 wurde schon erwähnt, dass Alkohol für ärmere Menschen schädlicher zu sein scheint als für wohlhabendere. Liegen die kolportierten Gesundheitsrisiken nicht nur in der Substanz, sondern auch an Faktoren des Lebensstils und der Gesundheitsversorgung? Solche Nuancen gehen in Medienberichten schnell verloren.

Neue Empfehlung

Am 25. Juni veröffentlichte der niederländische Gesundheitsrat eine neue Empfehlung für das Gesundheitsministerium. Demnach soll Alkohol schwerer zugänglich gemacht werden. Wie schon bei Zigaretten, wurden hierfür Preiserhöhungen, neutrale Verpackungen und die Verbannung in Spezialgeschäfte vorgeschlagen. Das soll auch für Bier und Wein gelten. Außerdem soll Werbung weiter eingeschränkt werden.

Kurz gesagt, das Ministerium soll Alkohol „entnormalisieren“ und in der Bevölkerung seinen Konsum entmutigen. Da der neue Bericht internationale Studien zusammenfasst, ist er auch für andere Länder interessant – und für uns eine willkommene Gelegenheit, der sogenannten öffentlichen Gesundheitsforschung (engl. Public Health) einmal auf den Zahn zu fühlen.

Auch in Deutschland mehren sich die Zeichen für eine Verschärfung. So äußerte sich der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck wiederholt kritisch über das Jugendschutzgesetzes: Dessen § 9 Absatz 2 erlaubt 14-Jährigen das Trinken von Bier und Wein in der Öffentlichkeit in Begleitung einer erziehungsberechtigten Person.

Jetzt heißt es, das vertrage sich nicht mit neuen Studien zur Hirnentwicklung. Dass man sich heute so selbstverständlich wie willkürlich in politischen Debatten auf das Gehirnwachstum beruft, habe ich in meinem neuen Buch herausgearbeitet.

Verbote in Deutsch

Angesichts dieser Bestrebungen in Deutschland ist ein Blick auf die Niederlande interessant. Hier wurde erst 2013 die Altersgrenze für den Kauf und Konsum alkoholischer Getränke von 16 auf 18 angehoben. 2021 wurden zuletzt die Regeln für Werbung verschärft, insbesondere bei Rabattaktionen.

Zwar gibt es in vielen Ländern den allgemeinen Trend zum abnehmenden Alkoholkonsum. Doch trotz der genannten Verbote hatten 2023 rund 40 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen in den Niederlanden Alkohol ausprobiert. Nicht selten bekommen sie den „Stoff“ übrigens – von den Eltern. Der Nationale Drogenmonitor fasst es so zusammen: „Schulkinder beginnen im Durchschnitt mit 12,9 Jahren mit dem Trinken und mit durchschnittlich 13,8 Jahren mit dem wöchentlichen Trinken.“ Wieder eine hervorragende Bilanz für ein Drogenverbot!

Demgegenüber stehen die Einschränkungen, dass zum Beispiel Eltern beim Einkauf für das Abendessen im Supermarkt keinen passenden Wein kaufen können, wenn sie ein minderjähriges Kind dabei haben. Denn beim Abrechnen an der Kasse müssen alle in der Gruppe volljährig sein und das unter 25 auch per Ausweis nachweisen. Natürlich kommen Jugendliche nie auf den Gedanken, minderjährige Freunde dann draußen warten zu lassen.

Und zum Beispiel in Sportvereinen muss stärker aufgepasst werden, dass neben den 18-Jährigen nicht zufällig die 16- oder 17-jährigen Freundinnen und Freunde einen Schluck abbekommen. Anders ist das eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, für die der Verein öffentlich angeprangert werden kann. Auch in ländlichen Regionen werden Bürgermeister unter Druck gesetzt, die Regeln streng durchzusetzen. Doch sie wissen, dass Jugendliche dann stärker in die Städte ausweichen, wenn man ihre Möglichkeiten zum Feiern einschränkt.

Mit Blick auf diese ganzen Mühen ist doch hoffentlich die Wissenschaft zur (angeblichen) Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch Alkohol gesichert. Oder etwa nicht? Schauen wir dafür jetzt genauer in den neuen Bericht des niederländischen Gesundheitsrats.

Wissenschaft auf dem Prüfstand

Auch hier wird das seit 2023 geltende Mantra der Weltgesundheitsorganisation wiederholt: „Es gibt für Alkoholkonsum keine sichere Untergrenze“ (S. 3). Und näher: „Das bedeutet, dass das Trinken von jedem Glas Alkohol mit Gesundheitsrisiken einhergeht.“

Auf der selben Seite steht aber auch die relativierende Aussage: „Alkoholkonsum kann [meine Hervorhebung] ungünstige Folgen für die Gesundheit und die Gesellschaft haben.“ Und auf der nächsten Seite findet sich dann: „Auf dem individuellen Niveau sind diese Risiken relativ klein.“ Aha! Aus diesen relativ kleinen Risiken wird von der Kommission aber ein großes Problem gemacht, weil ja so viele Menschen Alkohol konsumieren.

Hierin äußert sich die erste Bruchstelle des Berichts: Die Fachleute tun nämlich so, als könnte man einen isolierten Risikofaktor – hier: Alkoholkonsum – unabhängig beeinflussen. Man muss sich aber fragen, was die Menschen stattdessen machen, wenn sie weniger Alkohol trinken. Und ob das in der Summe gesünder ist.

Dabei sehen wir allgemein, dass die stetige Abnahme des Alkoholkonsums mit einer starken Zunahme des Konsums von Psychopharmaka und harten Drogen einhergeht. So hat sich die Verschreibung sogenannter Antidepressiva in Deutschland seit den 1980ern auf 1,8 Milliarden Tagesdosen verelffacht. Das ist genug für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Menschen. Die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung ADHS steigt seit den 1990ern rasant und hat sich insbesondere seit der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen vervielfacht. Damit einher geht oft eine Verschreibung von Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. im Ritalin) oder Amphetamin (auch bekannt als die Straßendroge „Speed“).

Alkoholersatz

Solche Trends beweisen für sich noch keinen Kausalzusammenhang nach dem Motto: Weil die Menschen weniger trinken, nehmen sie jetzt mehr Psychopharmaka und Drogen. Doch ganz unplausibel ist der Zusammenhang nicht. So gilt schon ein normales Bier heute in manchen Kreisen als „giftig“. Das ist relativ direkt auch die Aussage der oben zitierten hochoffiziellen Empfehlungen.

Auf Festivals greift dann mancher lieber zu einer Ecstasypille pro Tag. Das ist aufgrund der gestiegenen Kosten alkoholischer Getränke oft sogar günstiger. Und vor allem bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsen werden andere Designerdrogen und Kokain immer häufiger verwendet.

Alkohol war über Jahrtausende ein klassisches Mittel gegen Zustände leichter Depressivität, Ängstlichkeit und Schüchternheit. Wenn nötig, trank man sich Mut an. Alkohol (Ethanol) wirkt wie die genannten Stimulanzien auch aufs Belohnungssystem, weswegen man sich durch den Konsum oft besser fühlt. Ecstasy erzeugt bei vielen insbesondere ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit.

Im Gehirn überlappen sich viele dieser Botenstoffsysteme. Deshalb kann man zum Beispiel beim schweren Alkoholentzug auch die schlaffördernden und angstlösenden Benzodiazepine verwenden. Sie wirken, ebenso wie Alkohol, auf die sogenannten GABA-Rezeptoren, die das Nervensystem dämpfen.

Es ist also ziemlich kurzsichtig, sich nur den Alkoholkonsum anzuschauen, wie es der Gesundheitsrat macht. Man muss schon auch die weiteren Folgen der Maßnahmen mitbedenken. Das gilt insbesondere dann, wenn man für sich beansprucht, im Interesse der öffentlichen Gesundheit zu handeln.

Krankheitslast

Weiter oben bemerkten wir schon eine innere Widersprüchlichkeit zwischen einerseits der Warnung vor jedem Glas Alkohol und andererseits den relativ geringen Gesundheitsrisiken – jedenfalls bei moderatem Konsum. Wenn das Mantra, es gebe keine sichere Untergrenze, so im Zentrum steht, dann ist hoffentlich wenigstens das felsenfest untermauert!

Hier zitiert der Bericht des Gesundheitsrats zahlreiche Studien zu erhöhten Krankheitsrisiken für sieben Krebsarten und einige andere Erkrankungen. Doch unterm Strich – man höre und staune – ergeben zahlreiche Studien für moderaten bis mittleren Alkoholkonsum gar keinen Unterschied in der Sterblichkeit. Das steht ausdrücklich auf Seite 22:

„Bei Frauen wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 25 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität im Vergleich zu lebenslangen Abstinenzlern festgestellt. Bei einem Konsum von mehr als 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko. Bei Männern wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 45 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität festgestellt. Ab 45 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko.“ (Niederländischer Gesundheitsrat, Juni 2026)

Das muss man sich vor Augen führen: Vor der neuen Initiative der Weltgesundheitsorganisation von 2023 galten durchschnittlich 10 Gramm Alkohol pro Tag für die Frauen und 20 Gramm für die Männer als „risikoarmer Konsum“. Die hier im Bericht genannten Zahlen sind doppelt so hoch und entsprechen – bei 5 Prozent Alkohol – täglich 0,6 Litern Bier für die Frauen und 1,1 Litern für die Männer!

Wie verhält sich das aber zum Mantra, kein Alkoholkonsum ohne Risiko, wenn sich die Sterblichkeit überhaupt erst jenseits so großer Mengen statistisch signifikant erhöht? Trotzdem behaupten die Fachleute des Gesundheitsrats: „Die Kommission zieht den Schluss, dass Alkoholkonsum nicht zu einem gesunden Lebensstil passt und schädlich für sowohl die öffentliche Gesundheit als auch die Sicherheit der Gesellschaft ist“ (S. 4).

Verschmierter Risikobegriff

Dabei haben wir einen Aspekt noch außen vor gelassen: In der Diskussion ist ständig von „erhöhten Krankheitsrisiken“ die Rede. Doch selten wird ausformuliert, wie hoch das Risiko durch Alkoholkonsum sein soll. Man könnte auch analog für die Einschränkung des Verkehrs plädieren, denn natürlich steigt auch mit jedem gefahrenen Fahrrad- oder Autokilometer das Risiko für einen Verkehrsunfall. Trotzdem setzen sich viele Menschen tagtäglich aufs Rad oder ins Auto – und, man höre und staune, haben keinen Unfall!

Für eine sinnvolle Abwägung muss man die Risiken beziehungsweise Kosten immer in Bezug zum Nutzen setzen. Hier räumen die Fachleute ein, dass Menschen sich durch Alkoholkonsum besser fühlen und dieser mit verschiedenen positiven sozialen Erfahrungen einhergeht. Die positiven subjektiven Effekte werden durch die Kommission aber einfach wegrelativiert, da „das dritte Personen anders erfahren können“ (S. 30). Aha. Und bei den sozialen Ereignissen könne man den möglichen Nutzen des Alkoholkonsums nur schwer von den Eigenschaften der Umgebung trennen. Oh. In dem insgesamt 49-seitigen Bericht handelt man so die Vorteile des Alkohols auf nicht einmal einer halben Seite ab.

Die wissenschaftlich gültige Schlussfolgerung ist unter solchen Umständen, dass man heute noch gar keine Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen kann. Zur Nutzen-Seite ist schließlich viel zu wenig geforscht. Das kümmert die Kommission des Gesundheitsrats aber nicht.

Einseitigkeit

Ebenso oberflächlich werden im Bericht zitierte Studien zu möglichen Gesundheitsvorteilen durch Alkohol für Herz-Kreislauferkrankungen abgetan. Diese Studien seien „umstritten“. Und: „Die günstigen Zusammenhänge könnten [meine Hervorhebung] teilweise auf andere Faktoren und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sowie auf die Zusammensetzung der Referenzgruppe zurückzuführen sein“ (S. 19).

Das gilt für die umgekehrte Richtung aber genauso: Die dem Alkohol zugeschriebenen negativen Gesundheitseffekte können ebenfalls mit anderen soziodemografischen Faktoren zusammenhängen. Man kann in diesen großmaschigen Beobachtungsstudien unmöglich alle Einflussfaktoren kontrollieren. Und wie wir sahen, räumte 2023 sogar schon die Weltgesundheitsorganisation den Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut bei den Trinkern ein. Doch darüber berichtet so gut wie niemand.

Wie man es auch dreht und wendet, der niederländische Gesundheitsrat kommt immer zur selben Schlussfolgerung: Wenn Studien Krankheitsrisiken von Alkohol hervorheben, dann gelten sie als glaubwürdig; wenn sie aber keine erhöhten oder sogar verringerte Risiken zeigen, dann sind sie für die Kommission entweder irrelevant (Beispiele der Sterblichkeit und positiven Seiten) oder umstritten (Beispiel Herz-Kreislauferkrankungen).

Obwohl diese Fachleute selbst einräumen, dass die Krankheitsrisiken gering sind und obwohl immer weniger Alkohol getrunken wird, fordern sie ein immer härteres Vorgehen gegen Alkoholkonsum. Wie logisch ist das aber? Je weniger die Menschen trinken, desto schärfer muss der Gesetzgeber Alkohol zurückdrängen?!

Das klingt nicht nur einseitig, sondern auch vorurteilsbehaftet, ja ideologisch! Passend dazu sollte man mögliche Interessenkonflikte thematisieren.

Interessenkonflikte

Hier hat es sich der Gesundheitsrat einfach gemacht, und sämtliche wissenschaftliche Studien komplett ausgeschlossen, sobald nur einer der Forschenden Gelder von der Alkoholindustrie erhalten hatte. Natürlich muss man solche Kooperationen kritisch betrachten. Es ist aber auch die traurige Wahrheit, dass Forschungsgelder knapp sind und man mitunter auf Förderung profitorientierter Gruppen angewiesen ist. Trotzdem kann man hier Vereinbarungen treffen, die unabhängiges wissenschaftliches Arbeiten gewährleisten.

Dazu kommt, dass Forschung in diesem Bereich meist in Verbünden vieler, mitunter Dutzender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit geschieht. Solche Studien komplett zu ignorieren, nur weil eine Person einen möglichen Interessenkonflikt hat, ist übertrieben. Diese Übertreibung relativiert die Schlussfolgerung des Berichts noch weiter: Obwohl man schon einen großen Teil der möglicherweise eher Alkohol-affinen Studien ausschließt, kommen unterm Strich nur relativ bescheidene Ergebnisse heraus. Nach außen stellt man diese aber übertrieben dar.

Wenn man den Maßstab der Kommission auf sie selbst anlegt, könnte man ihren Bericht genauso gut aus der Diskussion ausschließen. Denn diese Fachleute aus der Gesundheitsforschung formulieren hier gewissermaßen die Forschungsagenda für sich selbst und ihren Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen erhielten schon Forschungsmillionen von der Regierung. Und wenn die Regierung ihrer Empfehlung nachkommt, ist die Finanzierung weiterer Forschung im Bereich der öffentlichen Gesundheit wahrscheinlich. Dafür haben dann genau diese Forschenden, die die Regierung beraten, hohe Erfolgschancen.

Da der Bericht nur bekannte Studien zusammenfasst, hätte man hier problemlos Fachleute aus einem anderen Gebiet und ohne solche finanziellen Interessenkonflikte beauftragen können.

Alternativen

Nach diesem Abschnitt über Interessenkonflikte sollte man auch einen internen Konkurrenzkampf innerhalb der Wissenschaft erwähnen: Die Mitglieder dieser Kommission wollen die Gesundheit in der Gesellschaft verbessern, indem sie die relativ kleinen Risiken in einer möglichst großen Zahl von Personen verringern. Maßnahmen wie erhöhte Preise für und eine geringere Verfügbarkeit von Alkohol betreffen dementsprechend alle. Wie wir schon sahen, würde das die Sterblichkeit wahrscheinlich gar nicht verändern.

Darauf könnte man erwidern: Aber es werden doch trotzdem Todesfälle mit Alkoholkonsum in Zusammenhang gebracht. Ja – aber vor allem bei den schweren Trinkern. Wer schon schwer abhängig ist, der wird sich kaum von höheren Preisen oder weniger Werbung abschrecken lassen. Und wer aufgrund seiner psychosozialen Umstände anfällig für eine Drogenabhängigkeit ist, könnte dann auf andere, vielleicht sogar gefährlichere Substanzen umsteigen.

Die Alternative zur hier vorgestellten Sichtweise der öffentlichen Gesundheitsforschung ist individuelle Präventions- und therapeutische Arbeit. Diese fällt in den Bereich der Suchtmedizin und Sozialarbeit. Das sind also Leute, die nicht nur wissenschaftliche Publikationen und Berichte für Ministerien schreiben, sondern tatsächlich mit den suchtkranken Menschen arbeiten.

In Zeiten knapper Kassen ist diese Form der Sucht- und Sozialarbeit aber vermehrt von Kürzungen betroffen. Das ist meiner Meinung nach heute schon in den – vor allem in den Großstädten gut sichtbaren – zunehmenden Drogenproblemen erkennbar. Die in den letzten Jahren stark dominierende öffentliche Gesundheitsforschung wird diese Probleme meiner Einschätzung nach weiter verstärken.

Bilanz

Wenn man sich die mediale und in weiten Teilen auch die wissenschaftliche Berichterstattung anschaut, ist die Bilanz ernüchternd: Zur Reduktion der mit Alkoholkonsum (angeblich) verbundenen Risiken fordert man härtere drogenpolitische Maßnahmen und natürlich auch mehr Forschungsgelder. Dabei sind diese Risiken bei moderatem Alkoholkonsum relativ klein oder sogar abwesend, wie die Studien zur Sterblichkeit, aber auch zur allgemeinen Krankheitslast belegen. Das verschweigt man gegenüber der Öffentlichkeit.

Außerdem ist der Streit über mögliche Gesundheitsvorteile noch nicht entschieden. Sowohl bei bestimmten Krebsarten als auch Herz-Kreislauferkrankungen erscheinen weiterhin Studien, die moderaten Alkoholkonsum mit geringeren Krankheitsrisiken in Verbindung bringen. Statistiker streiten sich jetzt um das richtige Zuschneiden und Auswählen der Vergleichsgruppen. In Analogie: Wenn sich Elon Musk neben einen Obdachlosen auf eine Parkbank setzt, dann haben die Leute auf der Parkbank im Durchschnitt ein Milliardenvermögen. Dann lügt man zwar nicht direkt, verzerrt aber doch die Realität.

In dem Forschungsstreit um die richtige Schlussfolgerung und Perspektive sprechen manche von einem „Grabenkampf“ – und an dessen Ausgang hängen nicht nur Gelder und Karrieren, sondern auch politische Maßnahmen. Dafür ist der neue Bericht des niederländischen Gesundheitsrats ein gutes Beispiel. Bei näherer Betrachtung zeigte dieser viele Mängel und vor allem eine unwissenschaftliche Einseitigkeit.

Mark Nason, ein alter Hase in der Präventionsforschung zum Alkohol mit über 40 Jahren Erfahrung, fordert mehr Ehrlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit. Nachdem man die Risiken des beliebten Mittels 20 Jahre lang untertrieben habe, würde man sie jetzt seit 20 Jahren übertreiben. Im Einklang damit und mit meinem Ergebnis schrieben auch zwei Ernährungsforscher von der Universität Lissabon vor Kurzem: „Wir schlussfolgern, dass die Behauptung, ‚jede Menge von Alkohol ist gefährlich‘, keine wissenschaftliche Grundlage hat.“

Historischer Blick

Zum Schluss sei noch ein bedenklicher Blick in die Geschichte vorgenommen: Vor gut 100 Jahren war die Debatte um den Alkohol schon einmal so hart wie heute. Allerorten bildeten sich Mäßigungs- und Abstinenzvereine, die die öffentliche Gesundheit retten wollten. Heute sind es Influencer, die mit Horrormeldungen Aufmerksamkeit erzeugen und Geld verdienen.

Die Prohibition in den USA gefährdete damals die Staatskasse, stärkte die Organisierte Kriminalität, korrumpierte die Strafverfolgung und vergiftete viele Arme. Interessanterweise gab es auf Rezept Ausnahmen für den Alkoholerwerb. Das musste man sich aber leisten können. Ärzte und Apotheker fanden den Whiskey auf einmal nicht mehr so schlimm, wenn sie daran gut mitverdienten.

Ein Jahrzehnt später nahm man in den ach so um die „Volksgesundheit“ bemühten nordeuropäischen Ländern immer mehr Sterilisierungen von angeblich Alkohol- und Erbkranken vor. In der Nazi-Diktatur konnten sie auch als „Asoziale“ mit schwarzem Dreieck stigmatisiert und ins Konzentrationslager gesteckt werden. Dort verelendeten sie oder wurden sogar ermordet. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch, das Thema diesmal vernünftiger zu diskutieren.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Von Stephan Schleim ist im hogrefe-Verlag das Buch „Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten“ erschienen.

Stephan Schleim

Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Sein Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Wissenschaftsproduktion und –kommunikation. Schleim ist Autor mehrerer Bücher zu Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie.
Bild: Elsbeth Hoekstra
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11 Kommentare

  1. Extasy und viele grob ähnliche Wirkstoffe verlieren stark an Wirkung bei Einnahme in kurzen Abständen, Stichwort Tachyphylaxis.
    Die verstärkt ausgeschütteten Neurotrabsmitter erschöpfen sich.
    Es wird zwar trotzdem gemacht ist aber nicht die Regel.
    Das nur zur Ergänzung.

  2. Seit wann haben Gesetze jemals negative Tendenzen verhindert. Selbst die Todesstrafe verhindert keinen Mord. Im Gegenteil, wenn für bestimmte Straftaten die Todesstrafe verhängt wird, könnte es genau das Gegenteil bewirken. Und so ist es auch mit Drogen oder Alkohol.

  3. Danke für den erhellenden Beitrag.
    Gerne, so es mit den üblichen Aufklärungen zu Mittelchen jedweder Art zeitlich vereinbar ist, wären auch Informationen zur Handhabung in weiteren Ländern außerhalb der NL für Bewohner dieser Region überaus interessant und vollumfänglich bildend, um sich mit gutem Beispiel abzuschließen.

    „[..] Für die vorgesehene Anhebung sei ein Gesetzentwurf erarbeitet worden, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit. Seinen Angaben zufolge sollen außerdem die Steuern auf Sekt, Champagner, Likörweine und Alkopops zum Januar 2027 erhöht werden. Die Gesetzesänderung erfolge auch aus gesundheitspolitischen Erwägungen.
    Zuvor hatte das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, dass eine Erhöhung um 20 Prozent geplant sei. […] Weiter hieß es, erwartet würden Mehreinnahmen von jährlich rund 400 Millionen Euro. Nicht betroffen sei die Biersteuer, für Wein besteht weiterhin keine besondere Steuer.[..]“
    (Diese Nachricht wurde am 27.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.)

    1. 1. Ist doch bestens, dass sich die Regierungen so fürsorglich um unser Heil kümmern. Und gleichzeitig prächtig an uns verdienen.
      2. Danke für den Hinweis hinsichtlich Januar 2027. Da steht spätestens im Dezember 2026 noch ein größerer Einkauf an.

      1. „Danke für den Hinweis…“
        Sehr gerne; wenn’s sonst keiner für dies oder jenes tut, was durchaus auch existentiell sein kann und wird!

        Aber bitte beachten: bis Dezember können noch so viele (unbekannte) Säcke Reis platzen, spontan Entwicklungen aufploppen oder „Unvorhersehbares“ geschehen, sodass gaaarantiert die Preise (wegen was auch immer) lange zuvor (wegen des Mitnahmeeffektes) angepasst oder die Mengen reduziert oder die Füllmengen reduziert UND die Preise nach oben korrigiert werden!
        Tippe auf 3 – garantiert. 😉

    1. Zusätzlich sollte die übermäßige Nutzung von Sauerstoff durch das Atmen besteuert werden. Schweinerei, dass das kostenlos ist.

  4. Es geht hier sicherlich nicht um Alkoholmissbrauch, Alkoholsucht und sogenannte „Pegeltrinker“. Wer jeden Abend eine Flasche Rotwein oder eine halbe Flasche Cognac in sich hineinschüttet und dann glaubt, das hätte gesundheitlich keine oder keine negativen Folgen, der ist vermutlich in den falschen Zug eingestiegen. Ich würde auch angehenden Muttis in der Zeit der Schwangerschaft und ehemaligen Alkoholikern NULL Alkohol empfehlen.

    Irgendwo hört der Spaß des Staates an und mit den Verboten aber auf, wenn man einmal in der Woche zu den Nudeln oder der Pizza Nr. 29 extra scharf ein Glas Wein trinkt. Wenn es extrem heiß ist, dann sollten allerdings nur harte Frauen und harte Männer die Pizza Nr. 29 extra scharf bestellen.

    Wenn es um Alkohol und Alkoholmissbrauch geht, dann muss man immer die Frage stellen und beantworten: Warum trinkt jemand nicht in Maßen, sondern in Massen. Warum fängt jemand an zu saufen und kann es irgendwann nicht mehr kontrollieren? Wenn jemand anfängt zu saufen und immer mehr säuft, weil er den Stress im Job nicht mehr aushält, dann ist nicht der Akohol schuld daran, dann sind die miesen Arbeitsverhältnisse daran schuld.

    Kein Problem hat der „Gesundheitsrat“ offenkundig mit fetten und süßen Schokoriegeln und kalorienreichen übersalzten Fertiggerichten, diesen „Convenience Produkten“, die fette Gewinne für die Aktionäre bringen.

    Manchmal könnte man auch auf die Idee kommen, das alles ist von langer Hand geplant. Die Armee braucht Soldatinnen und Soldaten und alkoholisierte Soldatinnen und alkoholisierte Soldaten treffen schlechter, sie laufen langsamer und sterben schneller an der Front. Aber das wäre dann ja eine Verschwörungstheorie und das wollen wir ja nicht.

  5. Das ist doch wieder so eine weltweit orchestrierte Regierungs-Overlord-Aktion..

    In Deutschland will man die Steuern für den Alkoholkonsum jetzt ebenfalls drastisch anheben..

    (Natürlich schiebt man das der SPD in die Schuhe.. Aber sowas ist selbsvertändlich auch vom Koalitonspartner CDU abgesegnet)

    Anstatt also das Elend und die Angst zu bekämpfen, knöpft man den Menschen jetzt also noch mehr ab für die kurzweillige Flucht vor der grausamen Realität. Die zunehmende Kriminalisierung trägt dann dazu bei die Probleme des Konsums unter den Tisch zu kehren. Natürlich will die Pharma-Industrie lieber das sich die Leute mit Antidepressiva betäuben denn da verdient man mehr daran..

    Drogen gehören nun mal zur Gesellschaft. Das war schon immer so..

    Mir scheint es jedoch schon lange so, dass es bei der deutschen Drogenpolitik mehr um Drogen-Kontrolle geht (im Sinne der Profit-Sicherung) als darum die Menschen vor Drogen zu „schützen“. Denn auch wenn das medizinische Argument natürlich nicht von der Hand zu weisen ist, wird der Alkohol nicht etwas verboten, sondern die Menschen werden steuerlich geschröpft und gesetzlich unter Druck gesetzt (Nanny Staat?)..

    Mfg Makrovir

  6. Versteh ich nicht.
    Wie sollen wir denn die nächsten Jahre mit kommenden Krieg ohne Alkohol aushalten.
    Ratiofarm hat sicher eine Lösung…

  7. Da Linke ja bekanntlich mehr saufen als Rechte, sollte der Zugriff für diesen Personenkreis schon beschränkt werden. Gesinnungsethiker haben eben ein anderes Verhältnis zur Flasche als Verantwortungsethiker. Der Mißbrauch von Cannabis z.b. ist in linken Kreisen ja auch verbreiteter, deswegen sollten auch da spezielle Einschränkungen erfolgen. Bestimmte Personenkreise sind eben aus ideologischen und soziologischen Gründen verantwortungsloser als andere. Man sollte auch mal darüber Nachdenken, das Wahlrecht für solche Leute zu beschneiden, zum Wohle aller.

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