
Die Rechtskonservativen und -nationalisten sind in der Regel Kapitalismus affin und libertär. Obwohl sie die Idee des Volkes kultivieren, das sie von Fremdem reinigen wollen, haben sie nichts gegen Ungleichheit. Marxistisch gesprochen, halten sie an der Basis der ökonomischen Struktur des Kapitalismus oder der Produktionsverhältnisse fest und geben sich revolutionär im Überbau, indem sie einen an Bildersturm erinnernden Kulturkampf gegen die Moderne und für eine völkische Identität inszenieren – Kubitschek spricht vom „geistigen Bürgerkrieg“. Es geht um nationale Größe, alle Schichten vereinenden Nationalstolz und Beendigung einer kritischen Reflexion über dunkle Zeiten der deutschen Geschichte und Kultur, was als „Scham- und Schuldkultur“ abgetan wird.
Die AfD in Sachsen-Anhalt ist in Deutschland Vorreiter im Kulturkampf. Man bereitet sich auf die „anstehende kulturpolitische Wende“ oder die „patriotische Wende auf allen Gebieten“ vor, um, wie es im Parteiprogramm heißt, die „Identitätsstörung“ zu bekämpfen, indem man sich „auf die guten Seiten der deutschen Geschichte“ konzentriert und den Schuldkomplex hinter sich lässt. Hingegen soll Geschichte in dem Sinne erinnert werden, dass die Kriegerdenkmäler gepflegt werden: „Gefallene Soldaten haben ihr Leben für die Verteidigung ihres Landes gegeben. Es ist ein erstes Zeichen der patriotischen Wende, dass wir dieses große Opfer anerkennen und ehren.“ Die patriotische Wende besteht darin, die deutschen Angriffskriege im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigung umzutaufen.
Es soll, so ein Antrag vom Mai 2025, „ein grundsätzlich bejahender, unbelasteter, respektvoller und wertschätzender Umgang mit der deutschen Geschichte etabliert werden“ – man erinnert sich an Gaulands Vogelschiss-Äußerung. Statt #moderndenken soll #deutschdenken zum neuen „Markenzeichen für Sachsen-Anhalt“ werden. Dazu sollen u.a. Historiker-, Kunst-, Philosophie- und Literaturpreise für Arbeiten ausgelobt werden, „die einen Beitrag zur Bestätigung oder Weiterentwicklung deutscher Identität erkennen lassen“. Und es soll ein „Stolz-Pass“ als Stempelkarte zum Besuch aller historischen Stätten eingeführt werden. Sachsen-Anhalt sei ein „Ort geistiger Erneuerung“ und habe viel zur „deutschen Identität“ beigetragen. Weil man gerne unbelastet sein will, will man da auch nichts davon hören, dass Sachsen-Anhalt Vorreiter von Nazideutschland war. Die NSDAP wurde schon 1932 stärkste Partei, damit wurde es das erste Land mit einer nationalsozialistischen Regierung.
Die kulturpolitische Wende zeigte sich etwa auch, als die AfD in Sachsen-Anhalt in Fortsetzung der Nazi-Politik gegen das Bauhaus antrat, dessen Gebäude in Weimar und Dessau Weltkulturerbe sind, und vom „Irrweg der Moderne“ und von „globalistischer Uniformität“ sprach. Hans-Thomas Tillschneider, so die AfD, „entlarvt die verkorkste und menschenverachtende Bauhaus-Ideologie“. Das sei „eine mit linker Ideologie durchtränkte Architektur“ („Wohnkultur für eine klassenlose Gesellschaft“), ein „totaler Funktionalismus“, der die „Verwurzelung“ des Menschen und die Tradition vernichten und die „Entortung“ realisieren wollte. Um Wege aus der Krise zu finden, sagte Tillschneider im Oktober 2024 im Landtag, müsse man nicht modern, sondern konservativ denken. Das Bauhaus müsste als „Irrweg der Moderne“, nicht als Vorbild präsentiert werden, kultiviert werden müsste ein „Heimatstil“ mit Vorbild um 1800. Man kann das Bauhaus ebenso wie den Internationalen Stil zu Recht kritisieren, die AfD will aber zurück zu einer verklärten Vergangenheit.
„Die vornehmste Aufgabe aller Kunst besteht darin, kulturelle Identität zu pflegen“, wird im Regierungsprogramm behauptet. Man ist hingegen geneigt zu sagen, das sei die langweiligste Aufgabe. Aber die will die AfD ausschließlich fördern, auch wenn offenbleibt, was ein „Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“ sein soll.
Was die Kulturpolitik der AfD wäre, kann man in den USA sehen, wo Donald Trump den Kulturkampf exerziert, der sich auch gegen moderne Architektur richtet, weil sie nicht Größe und Erhabenheit, Bewunderung der nationalen Macht hervorruft. Vorbild ist der Klassizismus, auch ein internationaler Stil des kolonialistischen Zeitalters, aber als schön empfunden wird auch pompösen und golden glänzendem Kitsch, wie man am Weißen Haus unter Trump sieht.

Ein Dekret hat Trump schon kurz nach Amtsantritt für die Staatsarchitektur erlassen, die wieder schön werden soll und dazu eine Liste moderner und hässlicher Gebäude anführte, und später auch ein Dekret speziell für die Bundeshauptstadt Washington (Die „Hauptstadt der größten Nation in der Weltgeschichte“ soll schön werden), die mit der Hilfe der bewaffneten Nationalgarde von Kriminellen und Obdachlosen gesäubert und verschönt werden sollte. Es geht um „Ehrfurcht und Wertschätzung für die Stärke, Größe und das Erbe unserer Nation“ und die Austreibung aller „antiamerikanischen Propaganda“. In einem factsheet heißt es, Trump habe angeordnet, dass öffentliche Gebäude der „klassischen Architektur“ entsprechen müssen, „um die Tradition zu würdigen, den Bürgerstolz zu stärken und die Bevölkerung zu inspirieren“.
Interessant an Trumps Ideologie ist, dass im Zeichen der (ökonomischen und oligarchischen) Freiheit mit Verboten gearbeitet wird, also just die Cancel Culture der Woken, die man zu bekämpfen vorgibt, über eine teilweise verbrämte libertäre Ideologie weiter getrieben und verstärkt wird. Die neue Verbotskultur lässt sich im Umgang mit moderner Kunst und Architektur und den Plänen zur Erweiterung des Weißen Hauses erkennen. Trumps Ballsaal soll sicher und pompös im alten Stil sein und wohl zu einer seiner Hinterlassenschaften werden, ähnlich dem geplanten Triumphbogen. Man will zwar die Technik vorantreiben, aber sie soll hinter traditionellem Design verborgen bleiben. Die Welt soll aussehen, als wäre sie im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Und Nationalismus, Ehrfurcht vor der Größe und auch Gegner braucht die Macht, um eine Einheit des Volkes zu beschwören, das in seinem Lebensstandard extrem gespalten ist, aber ruhig bleiben soll, weil angeblich Wohlstand durch Superreiche und Anerkennung durch nationale Größe auch auf die Armen heruntertröpfelt (trickle down).
Die AfD orientiert sich explizit an Trump und will auch eine Architektursimulation fördern. So will in einer Richtlinie vorschreiben, „dass jedes Bauobjekt, bei dem das Land oder eine Kommune Träger ist und das einem öffentlichen Zweck dient, eine anerkannte Bautradition aufzugreifen hat. Traditionslose Konstruktionen sind zu vermeiden, regionale Materialien von hoher Langlebigkeit zu bevorzugen. Wir orientieren uns damit an einer von Donald Trump während seiner ersten Amtszeit erlassenen Exekutivorder. Öffentliche Gebäude müssen von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden und müssen historische Identität widerspiegeln.“
Offenbar war in der DDR auch die Architektur gut, die öffentlichen Gebäude sollen nach der AfD erst nach 1990 von einer „außerordentlichen Hässlichkeit“ sein. Im Jahr 2026 ist zwar eigentlich auch das Bauhaus eine Tradition. Aber wie in Bezug auf den Nationalsozialismus definiert die AfD, was Tradition sein soll. Patriotisch Unerwünschtes wird gestrichen. Man hört kulturpolitisch im 19. Jahrhundert auf und setzt auf Wiederholung des Vergangenen, das damals schon wie die Neo-Gotik und vor allem der Neo-Klassizismus, den auch die Nazis schätzten, eine Simulation des Vergangenen war.
Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher, sagt: „Die Altparteien drücken doch auch ihre Wertvorstellungen durch. Wo gibt es denn patriotische Kunst? Wir würden das Gleiche machen, nur eben mit anderen Inhalten.“ Was sind eigentlich patriotische Bilder? Patriotische Musik? Patriotische Architektur? In Tillschneiders Abgeordnetenbüro hänge, so MDR, Reproduktionen von Caspar David Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ und Arnold Böcklins „Toteninsel“.
Eine der eher grotesken Ideen ist die Förderung von „Heimatgefühl und die Nationalidentität“ im ländlichen Raum: „Dazu gehört, dass Brauchtum und Traditionen erhalten werden müssen. Zu diesem Zweck sollen Ortschaften 5 Euro pro Einwohner und Jahr als ungebundene Schlüsselzuweisung für Brauchtum und Tradition vom Land erhalten.“
Die Kultur der AfD soll nicht verstören oder aufregend sein. Sie soll die angebliche Identität und die Tradition erhalten, was nichts anderes heißt als die Abwehr des Neuen, das allerdings die Kunst immer auch angetrieben hat. 2021 gab es ein AfD-Werbevideo, das die Normalität gefeiert hat (AfD will mit Biedermeier-Politik verunsicherte Wähler locken). Das ist die Feier des Norm, des Durchschnittlichen und des Verordneten, die Angst vor der Abweichung. Ein kitschiges Biedermeier-Deutschland mit Rückzug und propagierter nationaler Größe, das so langweilig ist, dass Kriege Abwechslung bringen müssen. Auch das lässt sich von Trumps Kulturpolitik lernen.
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„Die nach Trumps Vorbild kulturell verordnete Langeweile könnte der Vorlauf zum Krieg sein.“
Könnte … aber die ach so weltoffene und vor lauter Vielfalt nur so strotzende geistige Einfalt der jetzigen Regierung (inkl. weiter Teile der Opposition) IST der direkte Vorlauf zum Krieg. Die zahllosen Äußerungen von Baerbock bis Whatafool, von Fiesewetter bis Strack-Zimmerflak lassen daran keinen Zweifel aufkommen,
Mir wäre eine Alternative ohne die AfD auch lieber, aber wenn es um die Frage „Krieg oder Frieden“ geht, dann könnte man in Anlehnung an Bertold Brecht sagen: „Erst kommt das Überleben, dann die Moral.“
Ich glaube, das ist es was ich gestern in meinem Kommentar meinte und dass es zu fürchten sei. Der einzige Trost, wenn es den Trost gibt, ist, dass die durchschnittlich große Hässlichkeit der deutschen Städte, die wir vor allem dem letzten Krieg verdanken, nicht mehr wesentlich zu steigern sein wird.
Ich überlege eben, wann zum letzten Mal „patriotische Kunst“ produziert wurde, die die Zeiten überdauerte. In der Antike bei Homer? Zwei Jahrtausende und mehr danach, wird es die AfD schon richten.
Ach, das ist alles so bescheuert. Und man dachte, die wokeschistische Filmförderung, ohne die kein deutscher Film gedreht werden könnte, wäre der endgültige Tiefpunkt.
Ungeachtet dessen grad die Frage an den Autoren, was das für ein Sachsen-Anhalt gewesen sein soll, das die erste Naziregierung hatte? Magdeburg, wenn ich jetzt nicht alles durcheinander bringe, war Sitz der Administration der preußischen Provinz „Sachsen“, die nicht das Land Sachsen war. Preußen hatte keine Naziregierung gewählt und wurde im Preußenschlag, der sich gegen die sozialdemokratische Regierung Braun richtete, entmachtet.
Tja ja, Geschichtskenntnisse sind ab und zu doch nicht von Nachteil.
Ansonsten muss ich auffüllen, da sonst Sperre droht.
Obwohl ich Herrn Rötzer als klugen Kopf, als Pazifisten und als Herausgeber dieses meinungsoffenen Magazins kenne und schätze, hat mich der Artikel enttäuscht. Er verrät, dass der Autor im Hinblick auf die nationalkonservativen Kräfte unseres Landes im Grunde überhaupt nicht anders und auch nicht differenzierter denkt als die Leute vom „Spiegel“, von der „Zeit“ oder der „Süddeutschen“.
Das verwundert auch deshalb, weil sein Redaktionskollege Herr De Lapuente in dieser Hinsicht deutlich differenzierter argumentiert. Es scheint also so zu sein, dass die beiden wichtigsten Redakteure des Overton Magazins untereinander einen geringeren diskursiven Austausch pflegen als ich dachte bzw. dass sie ganz bewusst unterschiedliche Meinungslager berücksichtigen wollen.
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Am meisten fällt mir im Artikel der Umstand auf, dass Herr Rötzer JEGLICHES Verständnis für Menschen vermissen lässt, die die aktuelle Negierung von nationalen Traditionen und von Patriotismus sowie das undemokratische Überstülpen internationalistischer bzw. globalistischer Muster durch mächtige Netzwerke auch bloß für bedauerlich halten.
Dass dafür sogar die Kritik an der sog. „Bauhaus“-Architektur als angeblich problematisches Beispiel für das Denken der AfD herhalten muss, das halte ich für wirklich äußerst unpassend. Der hässliche Bauhaus-Stil ist zurecht sehr umstritten, und kürzlich hat dazu übrigens Nicolas Riedl bei „Manova“ eine lesenswerte Reihe unter dem vielsagenden Titel „Die Würfel-Wüste“ veröffentlicht.
https://www.manova.news/artikel/die-wurfel-wuste
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Doch auch im Hinblick auf die Identität des Landes – also einen absoluten Kernbereich des geistig-kulturellen Lebens von jedem Volk – fehlt Herrn Rötzer anscheinend leider das Gespür für das rechte Maß. Ansonsten würde er ja erkennen, dass wir es hier tatsächlich längst mit einem maßlosen Abbau, mit einer zutiefst destruktiven Dekonstruktion von Gemeinschaft ermöglichenden und Identität stiftenden Strukturen und Verhältnissen zu tun haben. Dieses Problem scheint für ihn schlichtweg nicht zu existieren. Damit sitzt er – ohne es zu wollen – mit Leuten wie Soros oder Habermas in einem Boot.
Schon der von links kommende Rolf Peter Sieferle, der ja nun einer rechten Gesinnung vollkommen unverdächtig ist, hat dazu in „Finis Germania“ 2016 weitaus differenziertere und passendere Gedanken veröffentlicht.
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Nun wäre es ja möglich gewesen, dass Herr Rötzer lediglich im Hinblick auf die Stärke der Ausprägung und die Intensität der konservativen Kritik Bedenken vorgebracht hätte. So etwa im Sinne von: „Ja, das sind bedenkenswerte und nicht ganz grundlose Anliegen, aber die AfD schießt da vielleicht etwas über das Ziel hinaus …“
Nein, eben das findet man im Artikel nicht, sondern stattdessen eine an die linksliberale „Brandmauer“-Ideologie erinnernde TOTALE Ablehnung.
Mit der AFD an der Regierung werden wir das Gleiche erleben wie die MAGA-Idioten mit Trump.
Statt Frieden, NATO, Aufrüstung bis hin zum Krieg, statt Sozialstaat Manchaster Kapitalismus.
Die Forsa-Umfrage:
AFD 28%, CDU/CSU 22%, GRÜNE 15%, LINKE 12%, SPD 12%
Zieht man bei der CDU/CSU die ca. 6% der CSU ab kommt die CDU mit 16% der SPD immer näher.
Umfrage zu Sozialstaat und Steuerpolitik: Endlich auf die große Mehrheit hören
Quelle: https://www.blog-der-republik.de/umfrage-zu-sozialstaat-und-steuerpolitik-endlich-auf-die-grosse-mehrheit-hoeren/