Adorno in Israel

Adorno in Tel Aviv, ChatGPT macht es möglich.

Von der akuten Relevanz einer Irrelevanz.

Die Bedeutung eines großen Denkers für die eigene geistige Arbeit ist wandelbar. Nicht nur ändert sich oft der “Stellenwert” des Denkers im dynamischen Getriebe von Rezeptionsprozessen und Kanonisierungsmechanismen, sondern die eigene geistige Arbeit ist Wendungen und Wandlungen ausgeliefert – teils solchen, die durchaus heteronomen Impulsen geschuldet sind –, welche den ehemaligen markanten Einfluss des Denkers nachmals verblassen, wenn nicht ganz und gar verschwinden lassen. Dass der Denker auf geistesgeschichtlicher Dauer eine Renaissance erfahren mag, ändert zumeist nichts daran, dass sich in der eigenen Lebensgeschichte früher oder später mit einiger Deutlichgkeit herausstellt, ob er fürs eigene Denken noch relevant sei oder nicht.

Meine gesamte geistige Ausrichtung ist nicht nur recht frühzeitig von Adornos Denken geprägt worden, sondern sein Denken hat für mich mit zunehmendem Alter eine immer größere Bedeutung gewonnen, eine Relevanz, die sich nicht nur als konstitutive Grundlage meiner Weltsicht immer mehr verfestigte, sondern für mich auch darin ihre Geltung bewahrte, dass sich der Wahrheitsgehalt der von Adorno gestellten Analysen real in zunehmendem Maß zu manifestieren begann.

Es reicht hin, auf die mittlerweile nahezu monströsen Auswüchse der Kulturindustrie zu verweisen, um die Brisanz der von Horkheimer und Adorno schon in den 1940er Jahren, also in der Frühzeit moderner Populärkultur, gelieferten Diagnose auf den kritischen Punkt zu bringen. Auch die Kategorie des “autoritären Charakters” hat sowohl in meiner wissenschaftlichen Arbeit als auch in einigen der von mir vorgenommenen politischen Analysen eine beträchtliche Rolle gespielt. Eingehend zu untersuchen wäre zudem die Verschwisterung des Autoritären mit bestimmten Mustern der sich globalisierenden Kulturindustrie, was die Durchschlagskraft des Adornoschen Denkinstrumentariums nur noch suggestiver unter Beweis stellen dürfte.

Als entscheidend hat sich für mich indes Adornos Auseinandersetzung mit dem, was in meinen ersten Lebensjahrzeit hebräisch bereits Shoah hieß, im Deutschen aber noch unter den Begriff “Auschwitz” subsumiert wurde. Prägend wurde für mich Adorno dabei nicht nur, weil er mit diesem “Thema” eine familien-, mithin lebensgeschichtlich zentrale Dimension meines Daseins berührte, sondern auch, weil er die durch meine frühe israelische Sozialisation sehr zionistisch gefärbte Sicht der Shoah und die mit ihr einhergehende Ideologie in einen anderen, einen gesamtzivilisatorischen Kontext gestellt hatte.

Ob ich mir mit der Aneignung dieser universalistischen Sicht der Shoah, ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung, späterhin gerade in Israel einen großen Gefallen getan habe, sei dahingestellt. Ganz ohne Zweifel begründete sie aber ein zentrales Moment meiner ideologiekritisch durchwirkten akademischen Arbeiten zu Israels und Deutschlands politischen Kulturen. Dass dabei die Kritik der instrumentalisierten Rezeption der Shoah in beiden Ländern ohne die Folie des Adornoschen kritischen Paradigmas nicht möglich gewesen wäre, steht für mich außer Frage. Dass diese Folie weiterhin als regulative Idee in emanzipativer Absicht zu wahren und kritisch – mithin eben nicht affirmativ, wie sie sich in beiden politischen Kulturen zunehmend etabliert hat – zu befestigen sei, soll hier mit einiger Emphase postuliert werden.

In einem 1966 abgehaltenen Rundfunkvortrag behauptete Adorno, dass jede Debatte über Erziehungsideale “nichtig und gleichgültig” sei jenem zentralen Erziehungsziel gegenüber, dass sich Auschwitz nicht wiederhole: “[Auschwitz] war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.” Und noch heißt es dann: “Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte.”

Es ist Mode geworden, dem Denken Adornos seine Überlebtheit vorzuhalten. Ein Denken sei es, das sich aus der Spezifität einer biographischen Erfahrung speise, die längst schon historisiert gehöre: Die dunkel-verzweifelte Weltsicht unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sei auf das eigene beschädigte Leben, auf den Einfluss des zwar lebensrettenden, doch traumatisch fortwirkenden existenziellen Erlebnisses von Emigration und durchlebter Entwurzelung zurückzuführen. Zwar verleihe diese der nachmaligen Reflexion ihre historische Authentizität, aber eben um den Preis, dass die Gesamtschau der individuellen Erfahrung subsumiert oder zumindest doch durch diese vorrangig bestimmt werde. Die Emphase der Adornoschen Verzweiflung nimmt sich aus solcher Sicht pathetisch aus, gar ideologisch, weil Partikulares für allgemein ausgegeben werde. Was soll man noch mit einem solchen Denken in einer Zeit, die sich alles Ideologischen enthoben zu haben wähnt?

Darüber hinaus werden der Adornoschen Philosophie (wenn sie denn als Philosophie überhaupt akzeptiert wird) immanente Defizite vorgehalten. Indem sie die Geschichte der Zivilisation einem transhistorischen Argument unterwerfe, enthistorisiere sie historisch Spezifisches, unterschlage mithin die in der geschichtlichen Gesamttendenz sichtbar werdenden Veränderungen, die sich weitaus differenzierter ausprägen, als es sich in langzeitlichen Strukturformen und Mustern ausnehmen mag. Mehr noch: Da die transhistorische Gesamttendenz als eine von Urzeiten bis hin zum modernen Spätkapitalismus sich entfaltende Folge von stetig komplexer und undurchdringlicher werdenden Herrschaftsmechanismen, die in die Vorstellung einer hochentwickelten, total verwalteten Welt mündet, (nach)gezeichnet wird, komme das Gefühl historischer Ausweglosigkeit auf, womit sich Kritische Theorie selbst in die Erkenntnis-Sackgasse manövriere. Der von Peter Sloterdijk im Jahre 1999 gegen Habermas polemisch gerichtete Ausruf, die Kritische Theorie sei tot, mag unterschwellig auch etwas mit dem – freilich unreflektierten – Bedürfnis zu tun gehabt haben, den vermeintlichen Gordischen Knoten dieser kritischen Denktradition ein für alle Mal durchzuhauen.

Zu fragen ist freilich, was genau – über die spezifische Intention Sloterdijks hinaus – getötet werden soll. Adorno selbst wies seinerzeit in anderem Zusammenhang darauf hin, dass ein “uralt bürgerlicher Mechanismus, den die Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts gut kannten, […] erneut, doch unverändert ab[läuft]: das Leiden an einem negativen Zustand, diesmal an der blockierten Realität, wird zur Wut an den, welcher ihn ausspricht”. Ein Spannungsfeld tut sich auf zwischen negativer Realität, ihrem kritischen Begriff und der Bereitschaft, sich diesem aufrechterhaltenen Begriff auszusetzen. Zweierlei mag ihn unterlaufen: zum einen das Desinteresse am kritisch stets Wiederholten, wobei sich das “Interesse” – bewusst oder unbewusst – dem real Vorwaltenden entschlägt; zum anderen die Nomenklatur – man entwindet sich dem real Vorwaltenden, indem man es umbenennt. Die vom Desinteresse herrührende Indifferenz bedarf dabei nicht der Begründung. Eher schon der wissenschaftlich sich gebende konzeptuelle Schichtwechsel.

Nicht von ungefähr meinte Adorno bei seinem Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag, welcher der makrotheoretischen Erörterung des Zustands entwickelter Gesellschaftsysteme gewidmet war, der “mit dem Stand der sozialwissenschaftlichen Kontroverse nicht Vertraute könnte auf den Verdacht geraten, es handele sich um einen Nomenklaturstreit; Fachleute seien von der eitlen Sorge geplagt, ob die gegenwärtige Phase nun Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft heißen solle”. Ob es dabei dem mit dem Stand der sozialwissenschaftlichen Kontroverse sehr wohl Vertrauten heute anders gehen mag, darf bezweifelt werden. Aktuelle Codeworte wie Globalisierung, Zivil-, Konsum-, Medien-, gar “Spaß”gesellschaft indizieren ein genuines Bedürfnis, offensichtliche Transformationen, die moderne Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten weltweit durchliefen, begrifflich zu fassen, kaschieren jedoch nicht minder den Umstand, daß sich am Wesen dessen, was im Begriff als obsolet abgetan wird, nichts Grundlegendes geändert hat. Trotz aller Umbenennung ist der (Spät-)Kapitalismus samt der ihm innewohnenden Herrschafts-, Ausbeutungs- und Manipulationsmechanismen mitnichten aus der Welt geschafft, sondern unterläuft lediglich einen euphemistisch modifizierten Absegnungsdiskurs, der sich gerade im Nomenklaturstreit (der freilich heute kaum noch “Streit” genannt werden kann; das reale Kräfteverhältnis der objektiven Weltlage hat sich auf den agonalen theoretischen Diskurs merklich ausgewirkt) als Ideologie höchster Stufe erweist.

Adorno hat hierauf im besagten, nunmehr bald sechzig Jahre alten Vortrag prägnanten Bezug genommen. Er unterstrich durchaus den objektiv stattgefundenen Wandel im Bereich der Produktionsmittel, meinte darüber hinaus, man dürfe sich zur bündigen Disjunktion von Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft gar nicht nötigen lassen, bestand jedoch vor allem darauf, dass Herrschaft weiter über Menschen durch den ökonomischen Prozess hindurch ausgeübt werde, nur dass dessen Objekte “längst nicht mehr nur die Massen [sind], sondern auch die Verfügenden und ihr Anhang. Der alten Theorie gemäß wurden sie weithin zu Funktionen ihres eigenen Produktionsapparats”. Und habe sich schon die Verelendungstheorie nicht à la lettre bewahrheitet, “so doch in dem nicht weniger beängstigenden Sinn, daß Unfreiheit, Abhängigkeit von einer dem Bewußtsein derer, die sie bedienen, entlaufenen Apparatur universal über die Menschen sich ausbreitet”. Zwar werden nach Lebensstandard und Bewusstsein “vollends in den maßgebenden westlichen Staaten Klassendifferenzen weit weniger sichtbar als in den Dezennien während und nach der industriellen Revolution”, und doch sind stets noch “die Menschen, was sie nach der Marxischen Analyse um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren: Anhängsel an die Maschinerie, nicht mehr bloß buchstäblich die Arbeiter, welche nach der Beschaffenheit der Maschinen sich einzurichten haben, die sie bedienen, sondern weit darüber hinaus metaphorisch, bis in ihre intimsten Regungen hinein genötigt, dem Gesellschaftsmechanismus als Rollenträger sich einzuordnen und ohne Reservat nach ihm sich zu modeln. Produziert wird heute wie ehedem um des Profits willen.” Vor allem ging es aber Adorno um den von ihm sobezeichneten “Vorrang der Struktur”, darum eben, “daß Begriffe wie Tauschgesellschaft ihre Objektivität haben, einen Zwang des Allgemeinen hinter den Sachverhalten bekunden, der keineswegs stets zureichend in operationell definierte Sachverhalte sich übersetzen läßt”.

Auf dieser Grundlage lässt sich die eingangs zitierte Aussage Adornos über die perennierende Barbarei nach Auschwitz genauer umreißen: Auschwitz begreift sich als bereits stattgefundener “Rückfall in die Barbarei”, welche nun aber, da sie sich real zugetragen hat, als chronische Möglichkeit anfallsartiger Wiederkehr nicht mehr wegzudenken ist. Der Grund hierfür liegt darin, daß die strukturellen Bedingungen, die Auschwitz als Kulminationspunkt einer Gesamttendenz historisch zeitigten, als solche – als strukturell bedingte Konstellationen also – mitnichten überwunden sind, sondern stets fortwähren. Es handelt sich dabei keineswegs um außergewöhnliche Bedingungen, sondern um solche, die in der Tendenz ihrer eigenen realen sozialen- geschichtlichen Logik angelegt sind. Dass sie sich nun nicht als katastrophenträchtige Bedrohung darstellen, gar als Not “unsichtbar” geworden sind, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im gesellschaftlichen Druck fortwirken – jenem vermeintlich normalen, gewöhnlichen, alltäglichen gesellschaftlichen Druck, der die “Menschen zu dem Unsäglichen [hintreibt], das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte”. In ihrer realen historischen Ausbildung mag sich die Monstrosität von Auschwitz als Ausnahmezustand ausnehmen, nicht jedoch als tendenzielles Potenzial der Realgeschichte.

Dabei wird aber das Auschwitz-Spezifische genau ins Auge gefasst. Was sich bereits in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung – also unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg – andeutet, wird zwanzig Jahre später, in Adornos Negative Dialektik, wie folgt formuliert: “Mit dem Mord an Millionen durch Verwaltung ist der Tod zu etwas geworden, was so noch nie zu fürchten war. Keine Möglichkeit mehr, dass er in das erfahrene Leben der Einzelnen als ein irgend mit dessen Verlauf Übereinstimmendes eintrete. Enteignet wird das Individuum des Letzten und Ärmsten, was ihm geblieben war. Dass in den Lagern nicht mehr das Individuum starb, sondern das Exemplar, muss das Sterben auch derer affizieren, die der Maßnahme entgingen. Der Völkermord ist die absolute Integration, die überall sich vorbereitet, wo Menschen gleichgemacht werden, geschliffen, wie man beim Militär es nannte, bis man sie, Abweichungen vom Begriff ihrer vollkommenen Nichtigkeit, buchstäblich austilgt.”

Adornos tiefe Verzweiflung darüber, dass Kultur nichts gegen diese Tendenz zur Integration (geschweige denn gegen die “absolute Integration”) vermochte, findet ihren prägnanten Ausdruck im weiteren: “Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war, seitdem sie, in Opposition zur materiellen Existenz, dieser das Licht einzuhauchen sich anmaßte, das die Trennung des Geistes von körperlicher Arbeit ihr vorenthielt.” Aus dieser nach Auschwitz entstandenen, ihrem Wesen nach aporetischen Situation gibt es offenbar keinen wirklichen Ausweg: “Wer für Erhaltung der radikal schuldigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.”

Unter diesem Gesichtspunkt begreift Adorno Auschwitz als Kulminationspunkt eines umfassenden Zivilisationsprozesses, der sich in der “total verwalteten Welt” der Moderne als zunehmende Auslöschung des Individuums manifestiert. Gemeint ist die moderne Welt, die ihren historischen Ausgangspunkt gerade im “Glücksversprechen” der Aufklärung, im Ideal des Individuums und der Autonomie des Subjekts hatte, aber auch die Welt, die eben diese Hoffnungen zerschlug: Nicht nur entwickelten sich ihre sozialistisch-kommunistischen Emanzipationsversuche bald zu totalitär-autoritären Herrschaftsmechanismen, und das mörderische Potential des Kapitalismus nahm zeitweilig die repressive Form eines “Führer”-Faschismus an, sondern auch die der Moderne von ihrem Anbeginn innewohnende Logik (die eigentümliche Verbindung von rationalem Aufklärungsoptimismus und der segensreichen technologischen Entwicklung von “materiellen Lebensformen”), wurde angesichts des Holocaust in ihren Grundfesten erschüttert. Dialektik der Aufklärung (als konkretes Umschlagen des Fortschritts in extremste Repression bzw. als rigorose Instrumentalisierung einer Wohlstand verheißenden Technologie zum Zweck gegenteiliger Zerstörung und Vernichtung) war von nun an keine bloß hypothetische Möglichkeit mehr, sondern wurde zum wirklichen Ereignis, zur konkreten Manifestation einer ihre Fähigkeiten, Leistungen und Mächte gegen sich selbst richtenden Zivilisation. Es waren denn in der Tat die ausgesprochen (zweck)rationalen institutionellen Errungenschaften der Moderne (Industrie, Bürokratie und Administration), die das eigentliche Ausmaß der monströsen Vernichtung – den Triumph des dialektischen Motivs eines “Umschlags von Quantität in Qualität” – erst eigentlich ermöglicht hatten.

In diesem Sinne postuliert Adorno: “Was die Sadisten im Lager ihren Opfern ansagten: morgen wirst du als Rauch aus diesem Schornstein in den Himmel dich schlängeln, nennt die Gleichgültigkeit des Lebens jedes Einzelnen, auf welche Geschichte sich hinbewegt: schon in seiner formalen Freiheit ist er so fungibel und ersetzbar wie dann unter den Tritten der Liquidatoren. Weil aber der Einzelne, in der Welt, deren Gesetz der universale individuelle Vorteil ist, gar nichts anderes hat als dies gleichgültig gewordene Selbst, ist der Vollzug der altvertrauten Tendenz zugleich das Entsetzlichste; daraus führt so wenig etwas hinaus wie aus der elektrisch geladenen Stacheldrahtumfriedung der Lager.”

Trotz der sich aus dieser historischen Tendenz einer “Gleichgültigkeit des Lebens jedes Einzelnen” ergebenden Ausweglosigkeit, begnügte sich Adorno indes nicht mit deren Feststellung, sondern insistierte darauf, daß Hitler “den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen [habe]: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe”.

Es ist Adorno also offenbar doch um eine des Unsäglichen eingedenkende Kultur – “nach Auschwitz” – zu tun. Hierbei stechen nun folgende gravierenden Momente hervor: Adornos Auffassung des Geschehenen zeichnet sich durch eine universal ausgerichtete Einstellung aus. Er spricht von einem fundamentalen “Stande der Unfreiheit” der Menschen, von einem im wesentlichen repressiven und entfremdeten Zustand des Bestehenden also. Dementsprechend begreift er auch die “Bedingungen”, die das Ungeheuerliche zeitigen konnten, als historisch-sozial determiniert: als einen weiterhin lastenden “gesellschaftlichen Druck” und eine stets fortdauernde Not, deren äußeren Erscheinungen in der Ära “nach Auschwitz” gleichwohl unsichtbarer geworden seien. Es ist nun dieser Zustand, der den “Rückfall in die Barbarei” sowohl zur historisch konkretisierten – also bereits vollbrachten – Manifestation, als auch zu der nunmehr nie wieder wegzudenkenden Möglichkeit ihrer permanent drohenden Wiederkehr hat werden lassen. Auschwitz war schon der Rückfall in die Barbarei; somit wurde es zum Paradigma eines dem ungebrochen gutgläubigen Fortschrittsoptimismus der Aufklärung gegenläufigen “Zivilisationsbruches”.

Die Einzigartigkeit des Geschehenen ist, so besehen, als ein Allgemeines zu denken, als absoluter Kulminationspunkt einer “nach weltgeschichtlichem Maß” angelegten Permanentbedrohung. Dass, wie Adorno meint, “in den Lagern nicht mehr das Individuum starb, sondern das Exemplar”, somit also der nazistische Völkermord “die absolute Integration” veranstaltete, ist demnach als Symptom einer welthistorischen Entwicklung, darüber hinaus aber auch als die Universaldiagnose einer Zivilisation mit dem steten Potential eines Rückfalls in die Barbarei zu verstehen. Daher der Auftrag – der von Adorno sogenannte “neue kategorische Imperativ” –, dass das einizigartig durch Auschwitz als Maßstab Gesetzte sich nicht wiederhole, nichts diesem Maßstab sich auch nur Näherndes, “nichts ähnliches”, geschehe.

Abgesehen von der großen Frage, welche Gesellschaft zu errichten wäre, damit die wesentlichen “Bedingungen” für einen solchen Rückfall in die Baraberei ein für allemal ausgemerzt würden, wird hier auch eine Forderung an die Menschen “im Stande ihrer Unfreiheit” erhoben: ihr Denken und Handeln stets gegen mörderische Unterdrückung, gegen die systematische Verursachung von immer neuen Opfern zu richten. In diesem Sinne wohl hat Adorno auch sein berühmt gewordenes Diktum von der Unmöglichkeit einer Lyrik nach Auschwitz in späteren Jahren, wenn nicht ganz zurückgenommen, so doch merklich revidiert. “Das perennierende Leiden”, heißt es in der Negativen Dialektik, “hat soviel recht auf Ausdruck wie der Gemartete zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.”

Vergleicht man den ideologischen Stellenwert, den die Shoah im Selbstverständnis Israels, mithin im Zionismus einnahm, mit seiner zivilisationskritischen Auslegung im Denken Adornos, wird klar, wie inkomensurabel der Ansatz der Kritischen Theorie und die sinnstiftenden Ideologeme des Zionismus waren (und noch immer sind). Denn waren auch die alten Frankfurter Denker um eine (in ihre Gesamtdiagnose westlicher Zivilisationstendenz integrierbare) Antisemitismustheorie bemüht, war doch diese keinesfalls auf die vom Zionismus angebotene Lösung des “Problems” ausgerichtet. Während bei ihnen das Schicksal der Juden zum Paradigma einer weltgeschichtlichen Entwicklung erhoben wurde, die diesem Schickal beigemessene Bedeutung somit universalen Charakter trug (ohne dabei die konkrete Kollektivindividualität der Juden aus den Augen zu verlieren), vereinnahmte der israelische Zionismus den Holocaust, eben als Shoah der Juden, ganz und gar für seine Partikularinteressen, die eher mit den Legitimationsbemühungen seiner selbst, als mit der Auseinandersetzung mit den über das Jüdische hinausgehenden gesellschaftlichen Tendenzen zu tun hatten.

Nicht zu übersehen ist dabei, wie sehr der Begriff des “Judeseins in der Welt” (und zwar sowohl in seiner lebensweltlich konkreten als auch in seiner symbolischen Bedeutung) sich in beiden Fällen unterscheidet: Während der Jude des Zionismus sich seiner im Holocaust kulminierenden Diasporischen zu entledigen hat, wird das Diasporische des Juden in der Kritischen Theorie zum Angelpunkt einer gerade dieses Diasporische zur exponierten Gesellschafts- und Zivilisationskritik befähigenden Position gewendet.

Dass dies nicht nur mit der allgemeinen Diaspora-Erfahrung des Juden zu tun hat, sondern auch mit der konkreten Exilsituation der aus Deutschland geflüchteten Denker, hat Detlev Claussen hervorgehoben: “Die konkrete amerikanische Erfahrung der Kritischen Theoretiker könnte man vielleicht so beschreiben: Sie trafen auf eine formierte Welt alternativloser bürgerlicher Gesellschaft, zu der ihr legitimes Bedürfnis nach lebensgeschichtlicher Kontinuität in Widerspruch geriet. Dieser individuell erfahrene Widerspruch wird zur Erkenntnisquelle einer Kritischen Theorie der Gegenwart.” Und weiter heißt es dann: “In der Emigration bricht sich das lebensgeschichtliche Kontinuum an der gesellschaftsgeschichtlichen Differenz von europäischer und amerikanischer Gesellschaft.” Dies umso mehr, als “der Emigrant sein Bedürfnis nach lebensgeschichtlicher Kontinuität” mit sich bringt, eben sein “traditionelles Selbstverständnis als Individuum, das auf keine Gnade der Gesellschaft hoffen darf, in die er einwandert”. Das Diasporische versteht sich hier also als die subjektiv erlebte Durchbrechung eines (wie immer objektiv bereits durchbrochenen, gleichwohl subjektiv nicht so wahrgenommenen) lebensgeschichtlichen Kontinuums, die sich aber dem Zustand der neuentstandenen objektiven Anomie nicht mehr entziehen kann.

Bei den Frankfurter Denkern sublimiert sich diese objektive Durchbrechung des Lebenskontinuums zur kritischen Theoretisierung ebendieses objektiv Anomischen – eine Leistung, die freilich ohne Beibehaltung der diasporischen Verfassung nur schwer denkbar wäre. Hingegen ist das Diasporische im Zionismus das schlechthin zu Negierende: Eine Position, die es als positiv gewendeten Impuls zur besseren Einsicht in das Bestehende begreift, gar speist, ist ihm nicht nur zutiefst wesensfremd, sondern unterminiert auch mutatis mutandis seine Raison d’être. Ausgesprochen antizionistische Diskurse mal ausgenommen, läßt sich behaupten, dass nichts dem zionistischen Anliegen mehr zuwiderlaufen könnte, als diese das Diasporische kritisch wendende Position, die noch in den Konzeptionen des “ganz Anderen” und ähnlichen Begriffen des Ausbruches aus dem affirmierten “Normalen” ihren emphatisch theoretischen Nachhall haben.

Nun sind aber Horkheimer und Adorno nach dem Krieg bekanntlich nach Frankfurt zurückgekehrt. Ob sie dabei in die “Heimat” zurückgekehrt sind, kommt ganz darauf an, was man darunter versteht. Dass aber Adorno die Sprache als gravierenden Impuls für seine Rückkehr angab, verweist doch darauf hin, daß selbst noch die Entscheidung für ein Leben im Diasporischen der “nach Auschwitz” gegründeten Bundesrepublik ein Stück dessen, was man als die eigene lebensgeschichtlich sedimentierte “Heimat” ansieht, bewahrt. Sprache ist dabei zwar kein “Niemandsland”, doch aber ein Ort der Utopie, insofern er zum einen die Sehnsucht nach der im Blochschen Sinne in der Kindheit aufscheinenden “Heimat” meint, zum anderen aber die bewusst vollzogene Transzendierung der historischen Tatsache, dass die deutsche Sprache zur Sprache der Täter entartet war. Dass dies nur ein Exiljude leisten konnte, liegt auf der Hand (dies umso mehr, als die allermeisten von Deutschland vertriebenen Juden mit diesem ihren Ursprungsland nichts mehr zu tun haben wollten bzw. sich die deutsche Sprache, wenn überhaupt, in dem zur neuen Heimat gewordenen Exil bewahrten).

Dem Zionismus musste eine solche Haltung der Rückkehr des vertriebenen Juden in das Land seiner Verfolger als schier pervers erscheinen. Denn nicht nur hatte ihm der Holocaust, wie gesagt, den endgültigen Beweis erbracht, dass der Jude nur in einem eigenen Land leben und überleben könne, die Diaspora mithin negiert werden müsse, sondern die lebensgeschichtlich praktizierte Entscheidung, diesem Postulat nicht zu folgen, und diese Entscheidung auch noch in Deutschland zu vollführen, galt dem Zionismus als endgültiger Beleg für eine immer noch vorwaltende, ihrem Wesen nach diasporische Mentalität im allerschlimmsten Sinne, eben das vom Zionismus als galuti zutiefst Verabscheute, das es zu bekämpfen und auch noch zum Teil bei den nach Israel Eingewanderten auszumerzen galt.

Worin wäre also Adornos Denken für das heutige Israel relevant? Wollte man sich im Flaschenpost-Pathos ergehen, würde man sagen: in seiner Irrelevanz, die sich aber durch die Ideologie des in Israel schlecht Bestehenden bestimmt, mithin also im Gegenentwurf zu diesem die Relevanz einer emanzipativen Verheißung in sich birgt. Man sollte sich aber hüten, sich in solchem Einsamkeitspathos zu sehr zu gefallen. Dafür ist die durch den sogenannten Nahostkonflikt determinierte Realität Israels zu schrecklich, die Schrecklichkeit mithin zu akut, als dass man sich den Luxus leisten dürfte, die notwendige Überwindung dieser bestimmten Ausformung von falschem Leben auf unbestimmt-künftige “bessere Zeiten“ zu delegieren. Die Zeit drängt, wenn man das mal ganz unphilosophisch ausdrücken darf. Entsprechend liegt die Relevanz des Adornoschen Denkens im eher Naheliegenden, in dem, was es konkret zu leisten vermag, ohne sich dabei durch überhastetes Drängen auf unmittelbare Veränderung untreu zu werden.

Denn wenn der staatsoffiziell-ideologische Umgang mit dem Holocaust in Israel Auschwitz zum instrumentellen Argument hat verkommen lassen, Auschwitz dabei nicht nur als heteronomer Begründungsfaktor einer barbarischen Besatzungspolitik, sondern auch als Ideologie einer selbst verschuldeten Unmündigkeit im Verhältnis zur eigenen Lebenswirklichkeit, mithin zur impliziten Selbstentfremdung herhalten muss, dann wird damit nicht nur die elementare Verantwortung eines Gedenkens der Opfer im Stande ihres Opferseins verraten, sondern darüber hinaus auch die eigene, real-manifeste wie potenzielle, Opferwerdung zur (nationalen) Ideologie einer gleichsam vorbestimmten, durch Geschichte zementierten, ihrem Wesen nach aber zunehmend ahistorisch sich gebärdenden Unausweichlichkeit “erhoben“.

Wenn also Auschwitz-Gedenken für die Befestigung einer Kollektivmentalität missbraucht wird, welche das eigene konkrete Dasein mutatis mutandis aufs Spiel setzt; wenn als “Lehre“ aus Auschwitz der Primat der militärischen Wehrgewalt, damit aber auch das allgemeine – ursprünglich ungewollte? – Gewaltparadigma hochgehalten wird; wenn das eigene Überleben zur leeren Floskel mutiert ist, das Überleben des (gegenerischen) Anderen aber der Leere der eigenen Überlebensfloskel unterstellt wird, dann kontaminiert man damit das Andenken derer, in deren Namen man sich einer falschen Ideologie der Erinnerung verschrieben hat.

Auschwitz für das Nationale zu vereinnahmen (konkret: den Staat der Juden als Zufluchtsort für Juden bei künftiger Kollektivbedrohung zu begreifen), ist nicht nur deshalb (gelinde ausgedrückt) kurzsichtig, darüber hinaus aber auch eine regelrechte Verkehrung des aus der Shoah zu “Folgernden“, weil sich der Judenstaat inzwischen als kein allzu sicherer Ort für Juden erwiesen hat, sondern auch deshalb, weil man bei solchem Nexus einem Faktor das Wort redet, aus dessen immanenten historischen Logik sich potenziell Auschwitz herausbilden konnte.

Damit sei nichts über die Notwendigkeit der Existenz des Staates Israel gesagt. Wohl sei damit hingegen die Matrix seines sich im Politischen, Gesellschaftlichen, Kulturellen und Ideologischen niederschlagenden Selbstverständnisses hinterfragt. Denn wenn der das zionistische Postulat der Diaspora-Negation bestimmende Antisemitismus nur im Spiegel einer partikularen nationalen Ideologie anvisiert wird, der Antisemitismus selbst und die Shoah als sein historischer Kulminationspunkt somit zum Argument und “Belegmaterial“ für etwas werden, das sich nicht mit den genuinen Ursachen des Antisemitismus als einem über “das Jüdische“ hinausweisenden Phänomen, ja einer Grundstruktur der Moderne insgesamt auseinandersetzt, dann wird ein Zentralmoment weltgeschichtlicher Monstrosität in den Dienst eines Partikularinteresses gestellt bei gleichzeitiger Verkennung des globalisierten Universalcharakters des am Phänomen zu Begreifenden und zu Bekämpfenden. Dafür bedarf es freilich einer universalen Sicht. Adornos Denken bietet sie an. Nicht auszuschließen freilich, dass es gerade seine ungebrochene Relevanz ist, die es der aus der Angst geborenen israelischen Partikularsicht verbietet, sich ihm zu verschreiben. Die Ursachen dafür eingehend zu untersuchen, die kulturindustriell vermittelte Verblendung ideologiekritisch nach und nach zu dekodieren, den Mut zum Blick auf den Verhängniszusammenhang von Shoah-Israel-Palästina herauszubilden – dies könnte eine dem Adornoschen Denken verpflichtete Kritische Theorie leisten. Die Zeit drängt.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, ist im Januar 2026 erschienen.
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33 Kommentare

  1. Dann ist wohl der „Zionismus“ die Erziehung zur Barbarei, und der Genozid in Gaza sowie andere Kriegsverbrechen nicht wegen sondern trotz des Holocausts ein Akt der Barbarei!?

    1. In ihrer Dialektik der Aufklärung haben Adorno und Horkheimer die faschstische Rassebiologie als eine auf archaischem, vormodernem Denkmustern beruhende Fehlentwicklung der Wissenschaft beschrieben. Diese Fehlentwicklung wird dann auf ein rein technisches Verständnis, heute würde man eher sagen technokratisches (technizistisches) Verständnis, von Wissenschaft ausgedehnt. Es wird darin die fehlende Reflexion über die impliziten Bedingungen und Grenzen solcher wissenschaftlicher Erkenntnis kritisiert.

      Obwohl als Juden dem Staat Israel gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt, waren Horkheimer und Adorno so weit vom zionistischen Vorstellungen entfernt: Horkheimer zu Israel:

      Nation unter Nationen, Soldaten, Führer, money-raisers für sich selbst. Wie einst das Christentum in der katholischen Kirche, nur weniger aussichtsreich, soll im Staat Israel das Judentum zunächst das Ziel erblicken

  2. Adorno ist ein großer Denker, völlig egal, wie sehr sich bürgerliche Scheinintellektuelle an einzelnen Positionen abarbeiten mögen – den meisten fehlt ohnehin die Reflexionstiefe früherer Generationen von Intellektuellen, nicht nur den kritischen. Eine Frage drängt sich mir beim Lesen des Textes noch auf: hält sich der Autor etwa auch selbst für einen großen Denker???

    1. keiner weiß wie die Welt wirklich ist. Ein großer Denker wird in sich eine innere Welt
      aufgebaut haben, in dem seine Gedanken geformt werden und sich dadurch bemerkbar macht
      neue Aspekte zu entdecken und umständlichst mit alten Begriffen oder aber uns Zuhörern
      unverständlichen neu erzeugten Termini zu beschreiben.
      Eine KI trainiert mit Texten eines einfachen Denkers wird schon bald Texte generieren
      können, die eine einfache Kopie des Originals darstellen.
      Eine KI mit Texten eines überragenden Autors zu trainieren wird dagegen zu einer echten
      Alternative mit einem konkurrierenden `Weltbild` führen, wenn überhaupt.
      Man wird durch das Original immer wieder überrascht werden können.

  3. Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern.

    Welche denn diese Bedingungen sind, darüber dürfte es unterschiedliche Ansichten geben, abhängig davon ob man ideologisch materialistisch oder idealistisch geprägt ist. Idealisten behaupten, die Schicht des Zivilisation sei dünn, sie müsse mit Erziehung und Moral gefestigt werden. Materialisten machen wirtschaftliche Umstände mit gesellschaftlichem Chaos für den Rückfall in die Barbarei verantwortlich. Adorno ist für mich schwer zu verstehen, aber er neigt wohl eher den Idealisten zu.

    Für die Existenz des Staates Israel ist zweifellos wichtig, welches Selbstverständnis Israel von sich selbst hat. Wichtiger für das Überleben des Staates ist jedoch die Funktion, die Israel im US-amerikanischen Imperialismus ausübt. Denn kein Staat ist intensiver an das US-Imperium gekettet als Israel. Wie lange könnte das expansionistische Israel denn ohne USA-Rückhalt (finanziell und militärisch) in einem unfreundlich gesonnenen Umfeld überleben?

    1. @garno Es ist immer der Materialismus 💰 und die Gier der Nimmersatten 🤑, die in die Barbarei führt und das gemeine Volk tanzt 🥳 💃🕺 idealistisch um das „goldene Kalb“. Das war schon vor rund 2.000 Jahren so. An diesem Prinzip hat sich seit Tausenden von Jahren menschlicher Evolution nichts geändert. Mit „idealistischen“ Motiven und „höheren“ Werten lässt sich allerdings leichter Krieg führen und gemeinsam morden.

      Das folgende Zitat wird dem 1948 von einem Nationalisten ermordeten indischen Rechtsanwalt und Intellektuellen Mahatma Gandhi zugeschrieben: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier.“

      Krieg ist die institutionalisierte, nationalisierte bzw. staatliche Krönung der nimmersatten feudalen Klasse und ihrer oportunistischen Speichellecker und medialen Hofschranzen. Nur die Waffen, die Techniken und Technologien, um andere Menschen effektiver und effizienter zu ermorden, wurden von den Wissenschaftlern/Ingenieuren/Technikern im Laufe der Zeit kontinuerlich weiterentwickelt. Krieg führen konnte man auch schon vor 2.000 Jahren mit einer Streitaxt, einem Schwert oder einem Wurfspeer, aber das sind im Vergleich zu „modernen“ Raketen oder KI-gesteuerten Kampfdrohnen ökonomisch gesehen extrem ineffektive und ineffiziente Waffen. Die „Wirtschaftsweisen“ und ökonomischen Berater der deutschen Regierung werden in dieser Hinsicht wahrscheinlich nicht widersprechen.

      Man stelle sich vor, die alten Römer, Alexander der Große, Karl der Große, das britische Empire, die „christlichen“ Siedler in Nordamerika, der Indianermörder General Philip Sheridan, Napoleon, das Dritte Reich inkl. Adolf Hitler usw. hätten schon Raketen mit nuklearen Sprengköpfen und KI-gesteuerte Kampfdrohnen gehabt. Ob die Menschheit dann heute 2026 noch existieren würde? Daran kann, sollte und muss man begründete Zweifel haben.

      Der einzige Grund, warum das US-amerikanische Imperium 2026 keinen direkten Krieg mit Russland und China führt, das ist die Tatsache, dass diese Neuklearmächte nuklear antworten könnten und das könnte dann auch 🚀 Atlanta, New Orleans, Newport, Washington, Chicago, Dallas, Houston, Las Vegas, Boston, Miami, San Francisco, Los Angelas und den Trump-Tower in New York treffen 💥 💀 ⚰️ 🪦.

      In der Ukraine machen das derzeit die europäischen Vasallenstaaten, allen voran die deutsche Regierung. Das ist für die USA nicht nur kostengünstiger, sondern auch profitabler, wenn die Europäer die Waffen vom US-Militär kaufen, und es ist viel ungefährlicher für den Imperator im Weißen Haus in Washington.

    1. Grigat schreibt seit Jahren immer und immer den gleichen Text. Den habe ich irgendwie schon sechs bis sechzehnmal gelesen und nie war er gut. Richtig schon garnicht. Mag das lesen, wer sich davon Aufklärung und Gewinn verspricht. Nur fürchte ich, dass sich eine solche Erwartung sich nicht für viele erfüllen wird.

    2. Bei diesem Satz aus dem von Ihnen empfohlenen Artikel: „Jede Form des Antiimperialismus ist durch den positiven Bezug auf Staat und Nation wesenhaft antiemanzipatorisch“ musste ich aufhören, weiterzulesen. Da kann ich ja gleich den Augstein-Spiegel lesen, was ich nicht tue.

  4. Meinereiner möchte diese Gedanken 💭 noch universeller 🌐♾️ machen.

    Die Judenverfolgung und der „Holocaust“ sind nicht vom „Himmel gefallen, das hatte seine historischen Ursachen. Es gab in Europa schon lange vor 1933 Vorurteile gegen „die“ Juden. Dieser Antisemitismus fielen am Ende der Weimarer Republik lediglich auf fruchtbaren Boden, weil sie vom bislang größten deutschen Terroristen (aka „Führer“) aller Zeiten rhetorisch geschickt und medial exzellent kommuniziert als Sündenböcke für alles herhalten mussten, was am Ende der Demokratie der Weimarer Republik politisch, sozial und vor allem ökonomisch schief lief.

    Nach 1933 wurde das von der nationalen deutschen Regierung und den ordentlichen deutschen Untertanen = „Drittes Reich“ lediglich organisatorisch effektiv und effizient geplant millionenfach in tödliche Taten umgesetzt.

    Was dabei vor allem heute in Deutschland vom Mainstream immer unter den medialen Teppich gekehrt wird, das ist die Tatsache, dass von der deutschen Regierung von 1933 bis 1945 eben nicht nur die Juden bekämpft und millionenfach zum Teil auf grausame und bestialische Weise ermordet wurden, sondern eben alle Menschen, die nicht in das totalitär gleichgeschaltete, rassistische, nationalistische und sozialdarwinistische Weltbild der Nazis passten.

    Dazu gehörten Sinti und Roma, Pazististen, Humanisten, Kriegsgegner, Sozialisten, Kommunisten, Homosexuelle, sog. „Asoziale“, Schwerkranke, Schwerbehinderte, kritische Schriftsteller und Intellektuelle, kritische Arbeitnehmervertreter, kirchen- und regierungskritische Pfarrer/Priester und andere Regimekritiker. Viele deutsche Opportunisten (Journalisten, Richter, Lehrer, Ärzte, Krankenpfleger, Wissenschaftler, Gerichtsvollzieher und andere kleine und große Verwaltungsbeamte, Kirchenvertreter usw.) haben dabei mitgemacht, konnten sich 1945 aber nicht mehr daran „erinnern“ oder haben als sogenannte Mitläufer nur „Befehle ausgeführt“.

    Dieses „soziale“ bzw. asoziale Verhalten zieht sich durch die Geschichte der Menschheit aka „Homo sapiens“. Im Mittelalter wurden Hexen als „Sündenböcke“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wenn die Ernte schlecht ausfiel, die Bauern nichts zum Essen hatten und die herrschende feudale Klasse (Adel+Klerus) Angst vor einer Revolution/Rebellion hatte. Die Mehrheit hatte zwar immer noch kein Brot auf dem Tisch, aber die kleinen Leute „wussten“, wer Schuld an der sozialen und ökonomischen Misere ist: die Frau mit den roten Haaren war es, weil sie mit dem Teufel geschlafen hat.

    Im „Wilden Westen“ wurden die nordamerikanischen Ureinwohner zu „Wilden“ degradiert, die „christliche“ weiße Siedler ermorden. Historische Tatsache ist: Es waren die mehrheitlich „christlichen“ und „kultivierten“ europäischen Siedler, die Millionen Indianer bzw. Ureinwohner jahrzehntelang ermordet und nahezu ausgerottet haben. Das Morden geht nur leichter, wenn man die Opfer zu Tätern macht und sie nicht mehr als Menschen anerkennt, sondern zu „Wilden“ oder „Untermenschen“ degradiert. Viele Menschen haben nämlich eine Hemmschwelle, andere Menschen zu ermorden.

    Wenn man im Namen

    ● des Führers,
    ● des Kaisers/Königs/Herzogs,
    ● der „Nation“,
    ● der „nationalen Sicherheit“,
    ● des „Vaterlandes“,
    ● der „Verteidigung“ der Heimat,
    ● der eigenen „Religion“
    ● und/oder eines anderen „höheren“ Zweckes bzw. höheren Autorität

    kollektiv mordet, dann fällt das aber nicht nur leichter, viele Bürger glauben auch noch, sie würden damit etwas Gutes tun.

    Das gilt auch 2026 für den Genozid im Gaza, der nach offizieller Verlautbarung der „C“DU und anderer Genozid-Verharmloser und Genozid-Relativierer kein Genozid ist. Wer behauptet, hier würden lediglich Terroristen bekämpft, der belügt sich selbst und/oder belügt andere. Es geht hier um die ökonomischen und geopolitischen Interessen der israelischen Regierung und das nicht erst seit ein paar Jahren, sondern seit 1948.

    Die Frage ist nämlich, wer dort wen seit Jahrzehnten einsperrt und die Antwort lautet: Es sind nicht die Palästinenser, die die isrealischen Bürger im Gaza bzw. Israel seit Jahrzehnten einsperren. Es ist die zionistische israelische Regierung, die die Palästinenser im Gaza einsperrt, die israelische Regierung will diesen Landstreifen und die Palästinser dort wollen nicht freiwilig gehen. Dann braucht man eben einen Anlass/Grund dafür, um den Krieg als „Verteidigung“ bezeichnen und das gewaltsam ⚔️ 💥🔥💀☠️ durchführen zu können.

    Das ist das grundlegende Leitmotiv, das sich durch die Geschichte der Menschheit zieht und sich in Varianten 🔁 🔄 🔃 immer wiederholt.

    Von dem 2004 verstorbenen Schauspieler, Autor und Regisseur Peter Ustinov stammt der Satz: „Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen.“

    Was sagen die Antisemitismusforscher und „Journalisten“ von ARD, BILD, FAZ, RTL, SPIEGEL, SZ, WELT, ZDF usw. dazu? Was sagt der Sprecher der BPK dazu? Das ist schließlich ein ehemaliger „Journalist“ der SZ.

    1. Sie sagen: Die Judenverfolgung und der „Holocaust“ sind nicht vom „Himmel gefallen“.

      Doch, sie sind buchstäblich vom Himmel gefallen, aus einem Himmel des christlichen Monotheismus, der die Juden fast 2000 Jahre lang verfolgte und mit dabei war, als es ans Judenfrei-Machen ging. Die deutsche evangelische Kirche an vorderster Front, buchstäblich. Heute spielen sie sich zu großen Holocaust Gedenk-Spezialisten auf, ohne auch nur im geringsten ihre eigenen Verantwortung zu erwähnen.

      1. @Routard 1. Das ist ja gerade die Quintessenz meines Kommentars. Diesen latenten Antisemitismus gab es auch schon vor dem Dritten Reich. Von Adolf Hitler und der NSDAP wurden die Juden den Deutschen nur propagandistisch und medial sehr geschickt als „Sündenbock“ für den ökonomischen und sozialen Niedergang der Weimarer Republik verkauft.

        Nur zur Erinnerung: Im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 haben viele deutsche Juden noch für den deutschen Kaiser und Deutschland gegen Frankreich und die Franzosen gekämpft. Viele deutsche Juden sind an der Front für das deutsche Kaiserreich auch gestorben.

        Von manchen AfD-Politikern wird das Dritte Reich von 1933 bis 1945 heute als „Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ verharmlost und relativiert, weil sie keine Debatte um die ökonomischen, sozialen, gesellschaftlichen und politischen Ursachen, die zum Niedergang der Weimarer Republik führten, wollen.

        2. Desweiteren verdeckt die monotheistische Argumentation um die Religion bzw. der Glaube an den „richtigen“ Gott nur die ökonomischen, sozialen und geopolitischen Motive und Ursachen, die dahinterstehen.

        Geht es im Gaza um den „richtigen“ Gott und/oder die „richtige“ Religion und/oder Antisemitismus? Da geht es um die ökonomischen Interessen der israelischen Regierung und territoriale Expansion. Was wäre, wenn alle Palästinenser im Gaza in der nächsten Woche zur jüdischen Religion konvertieren würden? Wäre der Krieg im Gaza dann zu Ende und könnten die jüdischen Palästinenser dann dort in Frieden leben?

        Da glaube ich eher daran, dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder von der „C(hristlichen)“SU im nächsten Jahr keine Politik mehr für die Rüstungsindustrie, die Reichen und die milliardenschweren „Superreichen“ macht, sondern eine Politik im Sinne des Pazifisten, Kapitalismuskritikers, Sozialrevoluzzers und Anwalt der Armen/Bedürftigen, den man seit Jahrhunderten Jesus CHRISTUS nennt.

    2. Die „Geschichte der Menschheit aka ‚Homo sapiens'“ wird immer wieder für ein Grauen welthistorischen Ausmasses in den Ring geworfen – sozusagen als Normalisierung/Universalisierung eines spezifischen historischen Grauens -, das ich eher als expliziten Ausfluss der Geschichte UNSERER Zivilisation sehe, und nicht zufällig wird hier ja auch als Beweis des „Menschheitsgeschichtlichen“ prompt wiederum ein spezifisch europäischer Greuel aufgerufen: „Im Mittelalter wurden Hexen als ‚Sündenböcke‘ auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wenn die Ernte schlecht ausfiel…“ Dem entgegen bin ich der Ansicht, dass z.B. die Geschichte der „amerikanischen“ (auch schon wieder ein aneignend europäisierender Begriff…) Zivilisation(en) ohne Begegnung mit der europäischen sehr sehr anders verlaufen wäre. Damit will ich nicht sagen, einzig die europäische Zivilisation habe Greuel historischen Ausmasses zu verantworten, aber ich finde, in unserem Geschichtsbild sollten wir europäischen Schuster korrekterweise überall dort bei unseren europäischen Leisten bleiben, wo unsere Zivilisation sich fast alternativlos zur allein HERRSCHENDEN gemacht hat – also eigentlich fast überall…
      Ulkigerweise entspricht dem Anspruch, unsere zivilisatorischen Greuel seien schlicht diejenigen der Menschheit insgesamt, der selbstverständliche Anspruch unserer Eliten auf Weltherrschaft, der ja bis auf den heutigen Tag unsere westliche Geo- und Wirtschafts-Politik beherrscht: Selbstüberhebung sogar noch im Alleinvertretungs-Anspruch auf weltgeschichtlich herausragendes Verbrechertum – dazu passt auch das europäische Bild der Shoa als angeblich DAS ultimative non-plus-ultra-Verbrechen in der Menschheitsgeschichte ever: Sowas bringen einzig und allein wir Europäer zustande, nehmt das gefälligst zur Kenntnis und vergesst es nie! Womit aber nur alle andern (möglichen) Grossverbrechen aller Zivilisationen a priori verniedlicht werden, v.a. natürlich alle andern eigenen… (Warum haben z.B. Hiroshima und Nagaskai keine Sonderstellung in unserem Geschichtsbild inne? Etwa, weil der ulimative atomare Holocaust noch bevorsteht? also NOCH nicht Geschichte ist? Aber warum auch immer: als spezifischer Ausfluss z.B. indianischer oder afrikanischer etc. Zivilisation wäre er sicher nicht zu bezeichnen, oder?

  5. Woher das Adorno Bild des Artikels stammt, weiß ich nicht. Mir war nicht bekannt, dass Adorno Israel besuchte. Er starb am 6. August 1969, konnte daher einer Einladung seines Freundes Gershom Scholem (ein überzeugter Zionist), der in Jerusalem lebte, nicht mehr nachkommen. Sehr wahrscheinlich war ihm der israelische Nationalismus genauso unheimlich wie andere.

    Die Sowjetunion war ihm ein Gräuel, weil sie das humanistische Ideal einer „Aufhebung“ des Widerspruchs zwischen Individuum und Gesellschaft zugunsten eines extrem bürokratisierten staatlichen Verwaltungsmodells von eingebildeten, aber machtbewussten Apparatschiks fallen ließ.

    Die USA standen für Kulturindustrie, Massengesellschaft, die das Versprechen der Freiheit durch eine Variante von Brot & Spiele, den Konsumismus, ablösten.

    Und dann Auschwitz, die Shoa. Was Zuckermann dazu schreibt, ist, was von Adorno bleiben wird:
    1. Der Rückfall in die Barbarei in einer Kulturnation wie Deutschland ist ein Zivilisationsbruch, der so unfassbar ist, dass die Hoffnung auf ein besseres Leben, auf das Glück der größten Zahl (die Aufklärung), eine humane Gesellschaftsordnung, sehr pessimistisch gesehen werden muss.
    2. Der zweite Punkt ist die Entstehung des bürgerlichen Individuums, also des gebildeten, selbstbewussten Einzelnen, der Voraussetzung demokratischer Erneuerung, dem Schreckgespenst aller Bürokraten, aber Hoffnung aller fortschrittlichen Menschen. Diese Hoffnung teilte Adorno, aber zugleich sagte er vorher, dass sie dem Untergang geweiht sei. Wenn das selbständig denkende Individuum nicht bereits in der Shoa unterging, dann würde es sich – so Adornos Befürchtung – endgültig in der Kulturindustrie des Spätkapitalismus auflösen.
    3. Die bürgerliche Hochkultur, die Kunst, mit der ihr innewohnenden Hoffnung auf eine Befreiung aus einer zweckgesteuerten instrumentellen Welt war durch den Zivilisationsbruch der Shoa obsolet geworden. Daher: Kein Gedicht mehr nach Auschwitz.

    An diese Punkte schließt sich die Forderung an, kritische Theorie zu betreiben, das heißt und hieß andauernd, der Tatsache von Auschwitz ins Auge zu sehen.
    In diesem Zusammenhang komme ich auf einen Artikel zu sprechen, der aus der Overton-Redaktion zuletzt forderte, das Gedenken an die Gräuel der Shoa einzustellen. Nein, nicht nur, die ritualisierten Gedenken-Industrie der Leute, die sie für ihre Zwecke instrumentalisieren (und Zuckermann sei gedankt, dass er diesen Zusammenhang erwähnt), sondern überhaupt: Es sei genug getrauert, gedacht, jetzt solle das Vergessen kommen – so wie es auch die Mayas vorbildhaft getan hätten. Ich sage jetzt nicht, wie ich diese Empfehlung einschätze, sonst würde mein Beitrag hier sicher nicht erscheinen können.

    Was an Adorno zu kritisieren wäre, habe ich oft genug geschrieben (hauptsächlich die Abwendung von der Klassenanalyse, deren Ablösung durch Kulturtheorie, wohl unter dem Einfluss der Emigration und natürlich seiner Herkunft als Schönberg-Schüler geschuldet).

    Ich verstehe Moshe Zuckermann sehr gut, sein Leiden, sein Entsetzen und die Versuchung, die das fast religiöse Pathos Adornos in einer solchen Lage darstellt. Trotzdem:
    Warum sieht er nicht, dass dieses Israel als Steigbügelhalter des Imperialismus im Nahen Osten gegründet wurde (Balfour Abkommen), es immer war und bis heute geblieben ist? Dass diese Instrumentalisierung der Shoa ein propagandisch immens wichtiger Schachzug ist, der das Gedenken selbst beschmutzt. Dass so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden (Als Bewahrer des Holocaust-Gedenkens die in der Tradition der damaligen Täter Stehenden zu präsentieren, damit das Gedenken selbst zu okkupieren und sich als „Die Guten“ darzustellen und gleichzeitig die Leute, die an einer wirklichen „Aufarbeitung“ interessiert sind, zu isolieren).

    All dies läuft auf eines hinaus: Es soll nichts von dem begriffen werden, was Auschwitz hervorgebracht hat, denn die Ursachen sind nicht beseitigt und die Enkelgeneration gedenkt, schaut gefühlig-besoffen und arbeitet an der Perfektionierung von Herrschaft und Unterdrückung: weltweit, in globalem Maßstab.

    1. Routard schreibt: „Ich verstehe Moshe Zuckermann sehr gut, sein Leiden, sein Entsetzen und die Versuchung, die das fast religiöse Pathos Adornos in einer solchen Lage darstellt. Trotzdem:
      Warum sieht er nicht, dass dieses Israel als Steigbügelhalter des Imperialismus im Nahen Osten gegründet wurde (Balfour Abkommen), es immer war und bis heute geblieben ist? Dass diese Instrumentalisierung der Shoa ein propagandisch immens wichtiger Schachzug ist, der das Gedenken selbst beschmutzt. Dass so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden (Als Bewahrer des Holocaust-Gedenkens die in der Tradition der damaligen Täter Stehenden zu präsentieren, damit das Gedenken selbst zu okkupieren und sich als „Die Guten“ darzustellen und gleichzeitig die Leute, die an einer wirklichen „Aufarbeitung“ interessiert sind, zu isolieren).“
      Bei allem Respekt vor Ihrem Intellekt: Sie können Israel nicht in seiner Komplexität verstehen, weil Ihnen der emotionale Zugang fehlt. Sie versuchen sich gedanklich anzunähern und das ist wichtig. Es ist unerträglich, was die israelische Armee im Auftrag der Regierung und im Rahmen des imperialen Hintergrunds anrichtet und es ist schlimm, was viele israelische Juden über Palästinenser sagen und damit Siedler und Soldaten animieren, weitere Grausamkeiten anzurichten, anstatt sie zu bremsen. Dennoch ist Israel auch ein Zufluchtsort und das hat neben der ganzen Dialektik eine existentielle, eine Überlebensperspektive für Juden. Es reicht schon, als israelkritischer Jude in Deutschland Schwierigkeiten zu haben, einen Veranstaltungsort für einen Vortrag zu bekommen, um zu wissen und zu spüren, dass Israel nicht nur ein imperial – kolonialistisches Projekt ist. So seltsam das auch klingen mag.

      1. Ich habe einige Bekannte in Israel, die sich derzeit wie in der Falle sitzend vorkommen. Sie hoffen darauf, dass Netanjahu gehen muss.
        Zum Thema Israel und Palästinenser habe ich unter einen anderen Zuckermann Artikel geschrieben, dass es als einzige Chance ansehe, dass sich israelische Opposition und PLO wieder zu einer gemeinsamen, antiimperialistischen Strategie zusammenfinden.
        Solange dies nicht gelingt, kann man immer die regionale Konfliktsituation dazu nutzen, eine Seite gegen die andere aufzuhetzen. DAS klappt immer, sieht man ja auch in den Kommentaren hier im Forum, wo viele gegen Israel wettern, dabei immer den Schwanz anbellen und nie den ganzen Hund, schon gar nicht den Hundeführer…..

        1. Ja, da stimme ich Ihnen zu. Die israelische Opposition und die PLO müssen wieder zusammenarbeiten. So schwierig das auch wird. Nach wie vor glaube ich an eine Konföderation zwischen Juden und Palästinensern, so verrückt das auch klingen mag.

  6. Ein Zitat von Adorno halte ich für absolut zeitlos:
    „Von manchen Menschen ist es schon eine Unverschämtheit, wenn sie überhaupt ich sagen!“
    So ist es wohl!

  7. Die Ausnahmestellung der Shoa im europäischen Geschichtsbild kommt der generellen Entwertung aller nicht-jüdischen Opfer der holocaustischen Weltkriege Europas gleich. In unseren Köpfen vollzog sich ein „Umschlag von Quantität in Qualität“ in diesem Ausmasse nur bezüglich der 6 Mio à la Auschwitz vernichteten Juden – dieser Rechnung widerspricht aber allein schon in Bezug auf den 2. Weltkrieg die Tatsache, dass bereits während des Aufstiegs der Nazi-Ideologie zur totalen Herrschaft neben den Juden (wenn auch nicht so lautstark wie sie) als zu Vernichtende auch die Zigeuner, die Schwulen, die Behinderten etc. von vorneherein auserwählt waren, sowie – nicht zu vergessen! – die „slawischen Rassen“. Und letzteres Projekt wurde schon lange, bevor in der Wannsee-Konferenz die sog. Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde, konkret angegangen: mit der berühmten Operation Barbarossa, und zwar bereits damals mit einem Personal- und Material-Aufwand, wie ihn die Geschichte bis dahin ebenfalls noch nie gesehen hatte – Resultat: 27 Mio Opfer allein auf sowjetischer Seite, und auch Deutsche starben dabei mehr als in allen andern „chirurgischen“ Operationen der Nazis. (Randbemerkung: Bei der Gegenbewegung alsdann richtete sich der Vormarsch der Roten Armee bezeichnenderweise v.a. am Rückzug der Wehrmacht aus, während die Flächenbombardements der Alliierten von vornherein enorme Verluste in der deutschen Zivilbevölkerung in Kauf nahmen.)
    Solche selektiv betriebene Sicht auf historische „Rückfälle in die Barbarei“ normalisiert den Krieg als solchen in der Geschichte gegenüber „nicht-kriegerischen“ Vernichtungs-Absichten und -Anstrengungen, und führt im heutigen Europa fast zwangsläufig dazu, dass einerseits das genozidale Israel als sakrosankte Staatsmacht zu behandelt wird, welcher vergleichbare Verbrechen quasi von Geburt an (sowohl des Staates wie auch seiner jüdischen Bürger) unmöglich seien, und andererseits zum aktuellen europäischen Kriegsgedröhn gegen Russland, mit dem sich (West-)Europa* als unfähig erweist, selbst die unmittelbarsten historischen Erfahrungen mit diesem Riesenland (wie z.B. Mauerfall inkl. friedlichem Rückzug und Auflösung des Warschauer Paktes, Im- statt Explosion der UdSSR sowie die deutsche Wiedervereinigung: Riesengeschenke, welche alle nicht möglich gewesen wären ohne russische Friedfertigkeit) in Rechnung zu stellen. Russen (u.v.a.m., z.B. Afrikaner) als Opfer europäischer Holocauste zu betrachten, die den jüdischen Opfern gleichwertig sein könnten – derlei ist im europäischen Geschichtsbild, nach welchem sich bis zum heutigen Tage die guten alten missionarischen, zivilisatorischen, imperialistischen, kolonialistischen, rassistischen Reflexe austoben, nicht vorgesehen.
    *) Das selektive Geschichtsbild Europas hat nach 1990 auch seine ost-europäische Variante entwickelt: In Bezug auf Negativ-Erfahrungen mit Russland in der Nachkriegs-Geschichte werden da, wie mir scheint, auch lieber ausschliesslich die russischen Anteile am ehemals allerorten herrschenden Stalinismus verarbeitet – als hätte nicht jede post-sowjetische Nation bzw. jeder ehemalige Moskau-Satellit auf allen Ebenen der Herrschaft auch seine eigenen Stalinisten gehabt, bzw. als wären nur sie – Esten, Letten, Litauer, Ukrainer, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Bulgaren, Rumänen etc. – und nicht auch unzählige Russen Opfer des Stalinismus gewesen.

    1. Ich vergass: In diesem Sinne sehe ich auch den Zionismus nicht als eine jüdische Ideologie (& Praxis), sondern als ur-europäische: von jüdischen Europäern entworfen, von Briten (damals noch weltgrösste Kolonialmacht) gebilligt, gefördert und im Zwischenkriegs-Mandats-Gebiert Palästina vorexerziert, und schliesslich, ab 1948, in jüdischer (Besatzungs-)Verwaltung geheiligt.

    2. die meisten Opfer der Deutschen waren nach dem Krieg hinter dem „Eisernen Vorhang“ und damit für die Westdeutschen und die späteren Natostaaten „Täter“. wer weiss, ob die Verbrechen Deutscher gegen Juden ohne die Gründung des Staates Israel nicht auch schnell „vergessen“ worden wären, so wie kaum jemand über Sinti und Roma als Opfer von Deutschen spricht. ein wenig Musikfolklore und Lagerfeuerromantik.

  8. Adorno wollte, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden. Um was dadurch zu verhindern? Ein neues Auschwitz? Erkläre mir einer den Wirkzusammenhang.

    Die deutschen Idealisten hingegen wollten durch Erziehung im Schönen und Wahren das Gute stärken um einen zweiten Tugendterror a la Französische Revolution zu verhindern.

    Die letztgenannte Herangehensweise erscheint mir weitaus erfolgsversprechender, auch wenn der deutsche Idealismus, empirisch betrachtet, daran gescheitert ist.

    1. Adorno wollte, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden. Um was dadurch zu verhindern? Ein neues Auschwitz? Erkläre mir einer den Wirkzusammenhang.

      Es steht doch eigentlich im Text:
      “Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war, seitdem sie, in Opposition zur materiellen Existenz, dieser das Licht einzuhauchen sich anmaßte, das die Trennung des Geistes von körperlicher Arbeit ihr vorenthielt.”

      Wenn ich mich nicht täusche unterscheiden „die Kritischen“ zumindest zwei Regionen der Kultur/Vernunft. Eine Vernunft, die auf Gesetzmäßigkeit, auf’s Allgemeine hinaus will, um das Einzelne zu fassen, zu unterwerfen, zum Zwecke der Naturbeherrschung. = „instrumentelle Vernuft“
      Und eine Sphäre, die nicht kategorisiert, sondern sich der Besonderheit hingibt, sich also an die Erscheinung geradezu „anschmiegen“ muss, um, wie im Gedicht eine vergängliche Stimmung festzuhalten etc. pp.

      Und nun lautet die Behauptung: Während der erste Bereich für den Massenmord verantwortlich ist, hat der andere zumindest nicht dagegen rebelliert. Damit ist seine angebliche Feinfühligkeit als Ideologie (=falsches Bewußtsein) entlarvt.

      Man kann’s auch ganz platt und personifiziert ausdrücken: Der Vater von Reinhard Heydrich, dem ersten Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der die Wannseekonferenz zur Endlösung leitete, war Opernkomponist gewesen und Gründer des Halleschen Konservatoriums. Der junge Reinhard ist in diesem Millieu aufgewachsen, hat womöglich auch Gedichte geschrieben, jedenfalls aber nachweislich Violine gespielt und zwar sogar regelmäßig im Duett mit der Frau von Abwehrchef Canaris.
      Wie kann man unter diesen Umständen noch von einer zivilisierenden Wirkung von Kultur sprechen?!

      1. Danke für die verständliche Zusammenfassung. Wenn Kultur nicht zivilisiert, zivilisiert denn dann im Umkehrschluss die Unkultur, also in diesem Fall das nicht (oder besser: nie mehr) geschriebene Gedicht in deutscher Sprache?

        Adornos Gedichtverbot spitzt eine der spannendsten Fragen der Philosophie, nämlich den möglichen Zusammenhang zwischen Ästhetik und Ethik, zu und provoziert geradezu zur Gegenrede, was ja erstmal zu begrüßen ist, insbesondere im liberal-demokratischen Sinne (hehe). Insofern würde ich seine Zuspitzung als eine frühe Form des Clickbaits bezeichnen, im intellektuell abgehoben und sprachlich äußerst abstrakten Sound der Nachkriegszeit.

        Was auffällt, ist das Unvermögen, mit der demokratisierten Form der Kultur, nämlich der Popkultur, die zu seinen Lebzeiten bereits am Erblühen ist, sprachgewandt umzugehen. Die Generationen nach ’68 sind in dieser Hinsicht abgebrühter, nehmen die Dinge nicht mehr so schwer, erwarten jedoch auch keine tiefere Erkenntnis. Sie haben gelernt, Produkte der sog. Kulturindustrie als Bereicherung zu verstehen (und manche sehnen sich schon zurück in die Zeit, als Popkultur noch echte Softpower ausstrahlte).

        Von meiner Seite (geboren Ende der 70er) zugespitzt formuliert: Adornos Gedichtverbot setzt den trostlosen, antihumanen Nihilismus der Kriegsjahre fort. Er kann mir nicht verbieten, mein sprachliches Potential auszubilden oder jugendliche Sehnsüchte oder Naturidyllen in Form von Popsongs für mich und die Nachwelt festzuhalten – how dare you, Adorno!

        1. Was auffällt, ist das Unvermögen, mit der demokratisierten Form der Kultur, nämlich der Popkultur, die zu seinen Lebzeiten bereits am Erblühen ist, sprachgewandt umzugehen.

          In der „populären Musik“, die ihm in Amerika zunächst als Jazz begegnet, glaubt Adorno das Eindringen der Maschine in die Musik (sprich: Kunst) zu hören. Der stampfende Rhythmus beginnt, die Melodie zu unterwerfen. Bezüglich des Jazz der damaligen Zeit mag uns das heute merkwürdig vorkommen, aber die weitere Entwicklung, die beim Techno endet, bestätigt Adorno.

          Adorno ist nicht der Einzige mit solch feinen Ohren. Der etwa gleichaltrige Günther Anders identifiziert 1956 in seinem Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“ den Jazz als „industriellen Dionysos-Kult“. In §14 heißt es:
          „Die auch heute noch vielfach als «negroid» abgefertigte Jazzmusik verdankt ihr Dasein nicht etwa nur (wenn überhaupt) der «Blutserinnerung an Wüste und Urwaldtrommel»; vielmehr ist sie (mindestens zugleich) «Maschinenmusik», das heißt: eine Musik, die diejenigen Tänze in Gang bringt, die dem Menschen
          der industriellen Revolution angemessen sind. Was im Jazz Stimme geworden ist, ist nicht nur die «Dumpfheit archaischer Existenz» oder die «Gier des aufheulenden Geschlechts», sondern immer zugleich die Obstinatheit des präzise arbeitenden Stanzwerks, das das Glissando der Animalität ungerührt und säuberlich in immer gleiche Stücke zerschneidet.“ usw.

          Adornos Nachdenken über die Massenvernichtung hat ja durchaus auch einen technikphilosophischen Aspekt, der bei Anders dann den Schwerpunkt seines Werks ausmacht.

          1. Verstehe, der technikphilosophische Aspekt als Klammer: Man kritisiert den industriellen Charakter des Jazz (und später des Pop) und hebt beim Denken über die Massenvernichtung hervor, dass diese auf industriellem Wege umgesetzt wurde. (Übrigens: Wenn ich den obigen Satz schreibe, merke auch ich, dass man mit größerer Anstrengung als sonst versucht, die richtigen, hier möglichst neutralen, Worte zu finden – man verbietet sich also selbst eine poetische Sprache und nähert sich dem abstrakten Duktus der Frankfurter Schule an.)

            Tatsächlich habe ich mich gegen Ende meines Germanistikstudiums mit der Musikästhetik des frühen 20. Jahrhunderts beschäftigt. Zu der Zeit spielen neben den spätromantischen und modernen Komponisten (darunter natürlich Wagner) zusehends die Anfänge der Kulturindustrie, also auch Jazz, eine Rolle. Das Zitat von Anders trifft ins Schwarze, denn von Beginn an wurde Jazz einerseits mit Exotik (Urwaldtrommel) und andererseits mit Maschinen und industrieller Fertigung am Fließband (obstinates Stanzwerk) assoziiert, im Grunde zwei gegensätzliche Pole. Der letztere lässt sich auch positiv beurteilen, etwa im fordistischen Sinne: Wohlstand für alle dank Massenproduktion. Eine negative Beurteilung in Bezug auf die Massenvernichtung hingegen erfolgt eher bei den deutschen Spätromantikern, Wagner vorneweg.

            Zurück zu Adornos Gedichtverbot und dem soziologisch-abstrakten Sprachduktus der Frankfurter Schule: Sie wirkte auf mich, einem westdeutschen Schüler und angehenden Musiker in den 90er Jahren, antiquiert, gerade weil die Industrialisierung – und Amerikanisierung im popkulturellen Bereich – generellen Wohlstand sowie attraktive Produkte hervorbrachte. Lass‘ die Leute doch auf Techno tanzen, Adorno und Co! (Auch wenn es mittlerweile echt nervt, hehe.)

  9. Es ist ganz normal: Spricht man über die Shoa und den Zivilisationsbruch, den sie für die scheinbar so hochstehende Kulturnation Deutschland bedeutete, kommt mit ziemlicher Sicherheit genauso schnell wie Schmidts Katze einer hinter dem Ofen hervor und breitet den Vorwurf aus, die 6 Millionen jüdischen Opfer in den Mittelpunkt zu stellen, käme einer Entwertung der vielen anderen Opfergruppen, also „Zigeuner, die Schwulen, die Behinderten“ gleich (Nur der historischen Wahrheit wegen sei erwähnt, dass es Kommunisten waren, die als Erste in die deutschen KZs eingeliefert wurden, vor allem nach der sog. Reichskristallnacht an dem anderen 9.11., im Jahr 1938).
    Anders herum ist es mit der DDR: Weil dort ganz allgemein von „Opfern des Faschismus“ gesprochen wurde, hat es Schmidts Katze aber so was von eilig zu betonen, dass man dort vergessen habe, Juden zu erwähnen. Woran man sieht: Wie man’s macht, macht man’s falsch.
    Was war nun das Spezifische an der Shoa, also der systematischen Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, eine Aussage, von der ich überzeugt bin, dass sie richtig ist?
    Weil es immer drei sein müssen, nenne ich hier die drei wichtigsten:
    1. Keine andere Opfergruppe eignete sich so gut zur Substitution des Großkapitals als Gegner und Feind – wer es nachlesen will, lese den beeindruckenden Artikel von Armin Bernhard hier bei Overton:
    https://overton-magazin.de/hintergrund/kultur/warum-die-aufarbeitung-der-faschistischen-vergangenheit-gescheitert-ist/
    Die Organisationen der Arbeiterklasse waren in Deutschland stark, so stark, dass man ihnen ein für alle Mal den Garaus machen musste – den entsprechenden Schlachtplan bekamen die Juden zu spüren.
    2. Keine andere Opfergruppe passte ideologisch so gut „ins Bild“: die jahrhundertelange Verfolgung der Juden durch die ideologischen Großstützen der Herrschenden, die christlichen Kirchen, vor allem die evangelische mit dem Weltmeister des Antisemitismus als Gründervater. Man brauchte nur daran anzuknüpfen und hatte schon die Hälfte der Bevölkerung hinter sich (bei den katholischen funktionierte es bei weitem schlechter: sie hatten ihre eigenen Führer).
    3. Dass sich die Juden – gewissermaßen genetisch – als Sündenbock-Gruppe eigneten, lag daran, dass sie eine eigene Kultur hatten, ihre eigenen religiösen Organisationen, eine Gemeinschaft, die auch über Landesgrenzen miteinander verbunden war, das heißt nicht der gleichen Befehlsstruktur gehorchten, wie Millionen ihrer deutschen „Mit“bürger.
    Dies sind die wesentlichen Gründe, die sie zu der geeigneten Opfergruppe für die in Deutschland herrschende Clique machte, die man bedenkenlos in die Gaskammern schickte.

    Ich kann die näheren Zusammenhänge hier nicht ausführen, zur Projektion als Motor haben Adorno & Horkheimer in den Studien zum autoritären Charakter ziemlich gut untersucht. Wie sie funktionierte, man kann die Studie noch heute mit Gewinn lesen.

    Abschließend: Um den deutschen Nationalsozialismus zu verstehen, braucht man einen selektiven Blick, wie bei jeder Analyse, sonst verwechselt man Katzen mit Spatzen. Will man verstehen, wie er funktionierte, findet man die Antwort auf die Frage, warum es die Gaskammern in Deutschland gab, nicht aber in Italien, Ungarn, Frankreich, England usw., und auch auf die Frage, wie es kommt, dass genau um dieses Thema bis heute eine so intensive, interessengeleitete Auseinandersetzung geführt wird.

    1. Routard schreibt: „die Antwort auf die Frage, warum es die Gaskammern in Deutschland gab, nicht aber in Italien, Ungarn, Frankreich, England usw., und auch auf die Frage, wie es kommt, dass genau um dieses Thema bis heute eine so intensive, interessengeleitete Auseinandersetzung geführt wird.“

      die redundante Antwort: es gab Gaskammern in Polen, die von Deutschen betrieben wurden, weil es sie gab.
      die paradoxe Antwort: weil die deutschen Gaskammern, die verwendet wurden, in Polen waren.
      Warum es bis heute eine interessengeleitete Auseinandersetzung gibt:
      die redundante Antwort: Interessengeleitet.
      die paradoxe Antwort: Weil Aufmerksamkeit generiert werden kann.

  10. Jeder halbwegs Gebildete sieht sofort, dass das Gesicht im manipulierten Photo „Adorno in Tel Aviv, ChatGPT macht es möglich.“ nicht das des Adornos ist!

  11. Zionismus ist in meinen Augen ein Überbegriff

    Es gibt dieses gesellschaftliche Phänomen nicht nur im Judentum sondern auch in so ziemlich jeglicher Religion. Aber auch außerhalb des religiösen.

    Um es auf den Punkt zu bringen zitier ich mal Jesus Christus.
    „Euer ja sei ein ja und euer nein ein nein
    alles andere stammt vom Bösen.“

    Diesen Satz zu einfach zu interpretieren führt zu gewaltigen geradezu vernichtenden Grausamkeiten von Menschen gegenüber Menschen.

    Adorno weist daraufhin das ein ja stets ein Nein bedeutet und ein Nein stets ein ja.
    Das hinter den Satz von Christus gerade ein einer komplexen voller unzähliger Sammelsurien von ja’s und nein’s ein unerreichbar erscheinendes Ideal steckt.
    Der kategorische Imperative leuchtet (fast) jeden ein aber wie dieser in die Lebenswirklichkeit der Menschen umzusetzen ist hat keiner eine überzeugende Antwort.

    Ist ein ständiges Jein die Lösung ?
    Zumindest für einige Menschen ?

    Eine Weltwährung und Weltregierung ?

    Künstliche möglichst Superintelligenz ?

    Ein ständiges sozusagen tägliches aushandeln ?

    Hr. Zuckermann hat Recht die Zeit drängt aber liegt die Lösung in der Eile oder doch alle Zeit der Welt zu nehmen ?

  12. Die Dinge aus Sicht einer intellektuellen Elite erklärt. Eine Rolle spielt darin allenfalls noch das „mittlere Mangagement“ in Form von Journalisten, einfachen Richtern und Beamten. Der ganze Rest ist einfach nur graue Masse, anscheinend beliebig formbar und letztlich schuldunfähig. Gesellschaft also von oben nach unten gedacht.
    Der Nationalsozialismus wurde aber erst möglich, durch ein immenses Potential an Hass und Wut in der Gesellschaft. Natürlich hat er sich dessen bedient und es gegen bestimmte Gruppen gebündelt.
    Seine Ursachen nicht auch von unten nach oben zu denken macht eine Wiederholung wahrscheinlicher. Und wieder werden die Befindlichkeiten innerhalb einer großen Bevölkerungsgruppe ignoriert. Diese aber als nicht relevant zu betrachten erweist sich als Rückkopplung.
    Die eigentliche Frage aber, woher rührt dieser ganze Hass. Intellektuell lässt sich diese Frage nicht beantworten. KI sagt: Oft entsteht Hass aus tiefen Kränkungen, Ohnmachtsgefühlen, Angst oder ungelösten Konflikten.
    In der östliche Mystik existieren Hass und Liebe nebeneinander als Formen emotionaler Energie. Wobei der eigentliche Gegenspieler der Liebe die Angst ist. Hass zwischen Menschen entsteht demnach, weil Individuen von der Gesellschaft darauf konditioniert werden, sich selbst nicht zu genügen, sich im Inneren abzulehnen und dann ihren Selbsthass auf andere projizieren.
    Der Konsumismus könnte diese Leerstelle nun wunderbar mit Waren füllen, solange welche verfügbar sind. Ich glaube nicht an das in sich selbst ruhende Glück, vielmehr halte ich die Erfüllung sozialer Bedürfnisse für unabdingbar. Aber auch dies unterliegt längst einer Marktlogik. Der Hass wird also weiter wachsen und bereit stehen, sich erneut seiner Bündelung zuzuführen, als dem zuallerletzt noch einzig möglichen sozialen Akt.

    1. Das ist zwar Ultra schwarz, was Sie da schreiben, aber ich fürchte, nach allem, was zu beobachten ist, dass es tatsächlich darauf hinaus läuft.
      Nichts wird uns retten, auch nicht die raren Erkenntnisse einiger Weniger in einer kaputten Zivilisation.
      Es ist traurig und seltsam verwunderlich zugleich, dass sie so gar nichts bewirkten.

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