
Impotenz und andere sexuelle Probleme durch und nach Antidepressiva-Konsum.
Im ersten Teil haben wir uns mit historischen und gegenwärtigen Trends von Depressionen beschäftigt. Das Störungsbild ist vor allem von einer Antriebslosigkeit und depressiven Verstimmung geprägt. Dazu können andere Schwierigkeiten kommen, wie Schlafstörungen, Gewichtsveränderungen und Konzentrationsprobleme. Wir sahen, dass Depressionen auffällig häufig und in den letzten Jahren immer öfter diagnostiziert werden.
Im zweiten Teil ging es um die Wirkungsweise der häufig gegen Depressionen verschriebenen Psychopharmaka. Da diese oft auch bei anderen Störungsbildern – zum Beispiel Angst-, Ess- und Zwangsstörungen – verschrieben werden und ihre Wirkung nicht spezifisch anti-depressiv ist, führt die Bezeichnung „Antidepressiva“ eigentlich in die Irre. Daher empfehlen inzwischen führende Fachleute aus der Pharmakologie die Bezeichnungen „Serotonin-“ oder „Noradrenalin-Verstärker“.
Obwohl von diesen Mitteln in Deutschland inzwischen mehr als 1,8 Milliarden Tagesdosen pro Jahr verschrieben werden – genug für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen –, ist ihr therapeutischer Effekt bescheiden. Im Vergleich zum Placebo geht es oft nur um eine leichte Verbesserung, wenn überhaupt. Neuere Studien deuten darauf hin, dass bei einer Behandlung von Depressionen mit Psychotherapie die Gabe von Psychopharmaka keinen zusätzlichen Nutzen bringt. Auch das sahen wir im zweiten Teil.
Was diese Substanzen im Körper machen, ist immer noch nicht richtig verstanden. Ihre Wirkung scheint am ehesten eine Kombination von aktivierenden und emotional dämpfenden Effekten zu sein. Demgegenüber stehen Nebenwirkungen wie die emotionale Abstumpfung, Übergewicht, vor allem bei jüngeren Menschen sogar eine erhöhte Suizidalität und die häufig genannten sexuellen Funktionsstörungen.
Mit Letzteren werden wir uns in diesem Teil ausführlicher beschäftigen. Zunächst möchte ich aber noch einen Depressionsexperten aus der Psychiatrie zur Unterstützung meiner kritischen Sichtweise zitieren.
Psychiatrischer Depressionsexperte
Viele dürften von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin andere Informationen über die Wirkung der „Antidepressiva“ erhalten haben. Daher ist es hilfreich, hier einen anerkannten Depressionsexperten zu Wort kommen zu lassen. Passenderweise war Gregor Hasler, Psychiatrieprofessor an der Universität Freiburg (Schweiz), am 7. Juni zu Gast im Podcast „Swisslectures“. In der Folge ging es darum, „Was die Wissenschaft wirklich über Antidepressiva weiss.“ Ein vielsagender Auszug zur Wirkung der Psychopharmaka war:
Hasler: „Im Akutfall will der Hausarzt oftmals einfach dämpfen und der Patient findet das auch gut.“ Moderator: „Also es dämpft alles in diesem Fall.“ Hasler: „Es dämpft ein bisschen alles und dann ist der Patient ruhiger und ruft nicht immer an. Aber für den Patienten kann das im Akutfall…“ Moderator: „Eine einfache Lösung für den Hausarzt.“ Hasler: „Genau. Man sieht allgemein, Hausärzte lieben dämpfende Medikamente und aktivierende vermeiden sie. Sonst wird der Patient noch lebendig und [er lacht] will noch mehr Sitzungen! – Nein, ich will das auch nicht lächerlich machen. Ich sage nur, im Akutfall kann die Dämpfung gut sein, aber du hast recht, wenn man dann langfristig das macht, ist das nicht gut.“ … In den USA würde man häufiger aktivierende Substanzen verschreiben. „Das hat auch mit Kulturen zu tun. Aber schon, das sieht man auch bei anderen Medikamenten, einfach die Dämpfung ist typisch etwas, was man in Heimen, also Nicht-Experten, die dämpfen zu einem Großteil die Patienten.“ (Gregor Hasler, Swisslectures vom 7. Juni 2026, ca. 25:30 und 30:30 Minuten)
Während also Betroffenen oft erzählt wird, sie hätten eine Erkrankung im medizinischen Sinn, nämlich Depressionen, die mit einer Stoffwechselstörung im Gehirn zusammenhänge, zeichnet Hasler ein anderes Bild: Die „Antidepressiva“ würden primär zur (emotionalen) Dämpfung verschrieben. Das hätte für die Arztpraxen und Pflegeheime den Vorteil, dass Patientinnen und Patienten nicht zu oft anrufen beziehungsweise nicht zu viele Sitzungen wollen.
Die Diagnose würde oft nach nur zehn Minuten gestellt, denn mehr Zeit habe man beim Hausarzt meist nicht. Doch auch nicht alle Betroffenen würden gerne eine Stunde lang über sich selbst reden, wie es vielleicht bei einem psychiatrischen Termin der Fall wäre.
Angst oder Depressionen?
Psychiatrieprofessor Hasler wundert sich zudem, warum die häufig als Antidepressivum verschriebenen Serotonin-Verstärker überhaupt als Mittel gegen Depressionen angesehen würden und nicht als Angstlöser. Eine Antwort auf seine Frage findet sich mit einem Blick auf die Geschichte der Psychopharmaka und ihrer Vermarktung: Denn schon in den 1950ern und 1960ern kam es mit den neu entdeckten Benzodiazepinen wie Librium (Chlordiazepoxid) und Valium (Diazepam) zu einem starken Anstieg der Medikamentenverschreibungen. Diese wurden vor allem wegen ihrer angstlösenden und schlaffördernden Wirkung genommen. 1965 gab schon ein Viertel der Amerikanerinnen und Amerikaner an, eines der Mittel ausprobiert zu haben.

Diese Verschreibungspraxis kam jedoch zunehmend in die Kritik. Man würde damit Patientinnen und Patienten vor allem ruhigstellen. Und außerdem habe man das Abhängigkeitspotenzial unterschätzt. Auch heute noch muss man bei der inzwischen viel größeren Breite an verfügbaren Benzodiazepinen und den ähnlichen Z-Drugs nach nur wenigen Wochen mit einer Medikamentenabhängigkeit rechnen. Bei Entwicklung einer Toleranz für die Wirkstoffe muss zudem die Dosierung immer weiter erhöht werden.
Als in den 1980ern die neuen Serotonin-Verstärker auf den Markt gebracht wurden, wollte die Pharmaindustrie diese ausdrücklich von den (damals kritisierten) Angstlösern unterscheiden. Deswegen strebte man zunächst die Zulassung als Antidepressivum an. Es hat funktioniert. Aber wie wir im zweiten Teil sahen und oben auch der Psychiatrieprofessor einräumte, sind sie gar keine spezifischen Antidepressiva.
USA: MAHA-Bewegung
Die allgemeineren Nebenwirkungen dieser Substanzen wurden schon erwähnt. Dabei verwies ich auch kurz auf das Risiko der sexuellen Funktionsstörung bei den Serotonin- und Noradrenalin-Verstärkern. Das Thema rückte jetzt in den USA durch Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. vermehrt ins Rampenlicht. In der ihm typischen, platten Weise behauptete er, von den „Antidepressiva“ komme man genauso schwer wieder los wie von Heroin.
Dabei muss man wissen, dass Kennedy selbst schwer heroinabhängig war. 1963 wurde erst sein Onkel, der US-Präsident John F., und 1968 sein Vater Robert F. Kennedy ermordet. Dieser war damals US-Senator. Laut Kennedy Juniors Angaben nahm er ab dem Alter von 15 Jahren Heroin, also ab 1969. Erst 14 Jahre später, nach einer Verurteilung und Therapie, habe er damit aufhören können.
Seine harte Kritik an den „Antidepressiva“ fällt jedenfalls in der pharmakritischen MAHA-Bewegung (Make America Healthy Again, dt. Macht Amerika wieder gesund) auf fruchtbaren Boden. So bekamen Betroffene zum Beispiel mit sexuellen Funktionsstörungen jüngst mehr Aufmerksamkeit.
Sexuelle Nebenwirkungen
Ein treffendes Beispiel ist die erst 23-jährige Studentin Lauren Friedman. Auf einer MAHA-Tagung im Mai berichtete sie von ihrer eigenen Erfahrung. Durch die Behandlung mit einem Serotonin-Verstärker sei ihre Klitoris völlig taub geworden. Auch im Inneren fühle sie nichts mehr.
Tatsächlich ist schon lange bekannt, dass Serotonin- und Noradrenalin-Verstärker zu sexuellen Störungen führen können. Dazu zählen eine Abnahme der Lust, genitale Taubheit, eine Verzögerung oder völliger Verlust des Orgasmus, bei Frauen eine Abnahme der Feuchtigkeit und bei Männern eine Erektionsstörung.
Bei den ursprünglichen Studien für die Medikamentenzulassung schätzte man die Häufigkeit solcher Nebenwirkungen auf unter 5 Prozent. Der pharmakritische britische Psychiatrieprofessor David Healy war damals an solchen Studien beteiligt. Er behauptet, die Forschenden seien explizit dazu angehalten worden, die Behandelten nicht nach sexuellen Nebenwirkungen zu fragen. Inzwischen schätzt man deren Häufigkeit durch Serotonin- oder Nordadrenalin-Verstärker auf 80 oder sogar noch mehr Prozent; das wusste man in der Fachwelt schon vor 20 Jahren.
In der gegenwärtigen Diskussion geht es vor allem um die bleibende Störung der Sexualität, die nach dem Absetzen der Medikamente nicht verschwindet oder dann vielleicht sogar erst auftritt. Hierzu gab es bereits 1991 erste Berichte, also schon kurz nach der Zulassung der Serotonin-Verstärker. Das Thema wurde so prominent, dass dafür ein neuer Begriff geprägt wurde: Post-SSRI Sexual Dysfunction (PSSD, dt. Sexuelle Dysfunktion nach Serotonin-Verstärker).
PSSD: bleibende sexuelle Störung
Das Problem wird dadurch verkompliziert, dass sexuelle Schwierigkeiten auch Teil einer depressiven Störung sein können. Immerhin sind Antriebslosigkeit und der Verlust von Freude häufige Symptome. Umgekehrt könnte aber gerade die Sexualität für einige Betroffene einer der letzten Bereiche sein, in denen sie Glücksgefühle erfahren. Dann können Lust- und Erektionsprobleme für Menschen, die es ohnehin schon schwer haben, vernichtend sein.
Erstaunlicherweise gibt es erst seit Kurzem Studien dazu, was diese sexuellen Nebenwirkungen für die Betroffenen bedeuten – vor allem dann, wenn sie dauerhaft bleiben. Diese Untersuchungen kommen aber nicht aus der Psychiatrie, wo man die Psychopharmaka verschreibt, sondern aus der Pädagogik, Psychologie und Sexualmedizin.
Im nächsten Teil der Serie beschäftigen wir uns damit, was diese Forschung zeigt und was aus der medizinischen Fachwelt in jüngerer Zeit zum Thema PSSD berichtet wird.
Achtung! Bei der Änderung oder dem Absetzen von Psychopharmaka oder deren Dosierung kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen. Besprechen Sie die Möglichkeiten und Risiken im Voraus mit Ihrem behandelnden Arzt oder der Ärztin.
Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht.
Zum Thema s.a. sein Buch: Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt.
Quellen
- Csoka, A. B., & Shipko, S. (2006). Persistent sexual side effects after SSRI discontinuation. Psychotherapy and Psychosomatics, 75(3), 187.
- Healy, D. (2020). Antidepressants and sexual dysfunction: a history. Journal of the Royal Society of Medicine, 113(4), 133-135.
- Parry, H. J. (1968). Use of psychotropic drugs by US adults. Public Health Reports, 83(10), 799-810.
- Peeples, L. (2026). The baffling science of SSRIs: how do they really work?. Nature, 656(8129), 812-814.
- Studt, A., Gannon, M., Orzel, J., Vaughan, A., & Pearlman, A. M. (2021). Characterizing post-SSRI sexual dysfunction and its impact on quality of life through an international online survey. International Journal of Risk & Safety in Medicine, 32(4), 321-329.
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Wer so am Ende ist, dass Antidepressiva indiziert sind, hat doch eh keinen Bock auf Sex mehr. Insofern ist es doch kein Problem, wenn die zugehörige Sensorik vorübergehend stillgelegt ist.
Kommt ja wieder, wenn man das Zeug absetzt. Bleibende Schäden sind mir in dieser Hinsicht nicht bekannt.
Den Artikel nicht gelesen? Da steht es doch und mir sind auch Patienten bekannte, die bleibenden Schäden erlitten haben.