Können mit Antidepressiva („Serotonin-Verstärker“ oder „Noradrenalin-Verstärker“) gezielt Depressionen behandelt werden?

Wie wirken die immer häufiger verschriebenen Medikamente – und wie nicht?

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9 Kommentare

  1. Und was ist mit Umweltfaktoren ?: knapp 3 Generationen nachdem Deutschland einen brutalen Vernichtungskrieg geführt hat, der 14-15 Millionen Russen das Leben kostete, wählen die Deutschen einen Russenhasser zu ihrem Führer; und da soll man nicht depressiv werden ?

  2. Den Paxil-/Study-329-Skandal kann man in dem Kontext durchaus erwähnen:

    GSK ließ 1994–1998 eine Studie mit Paroxetin bei Jugendlichen mit Depressionen durchführen. Die Studie wurde 2001 veröffentlicht und kam zu dem Ergebnis, Paroxetin sei bei Jugendlichen wirksam und gut verträglich. Diese Publikation wurde anschließend massiv für die Vermarktung von Paxil genutzt.

    Das Problem: Die internen Daten sahen ganz anders aus.

    Eine spätere unabhängige Neubewertung der vollständigen Studiendaten kam zu dem Ergebnis:
    • Paroxetin zeigte keinen Wirksamkeitsvorteil gegenüber Placebo – und zwar bei keinem der acht vorab festgelegten Wirksamkeitsendpunkte.
    • Gleichzeitig traten unter Paroxetin deutlich mehr schwere und suizidbezogene unerwünschte Ereignisse auf.
    • Die ursprüngliche Publikation stellte die Ergebnisse dennoch als Beleg für Wirksamkeit und gute Verträglichkeit dar.

    Besonders belastend ist ein internes GSK-Dokument von 1998. Darin wurde sinngemäß festgehalten, dass es „kommerziell nicht akzeptabel“ sei, zu veröffentlichen, dass eine Wirksamkeit nicht nachgewiesen worden war, weil dies das Image von Paroxetin beschädigen würde.

    Noch brisanter: Suizidbezogene Ereignisse wurden teilweise unter dem wesentlich harmloser klingenden Begriff „emotional lability“ geführt. Die FDA verlangte später von GSK eine separate Auswertung aller Begriffe, die auf Suizidgedanken, Suizidversuche oder entsprechende Ereignisse hindeuteten. Die daraufhin vorgenommene Neubewertung zeigte ein erhöhtes Suizidalitätsrisiko bei pädiatrischen Patienten unter Paroxetin gegenüber Placebo.

    Daraus entstand die große SSRI-Warnung
    Das Ganze blieb nicht auf Paxil beschränkt. Die FDA wertete anschließend die Daten mehrerer SSRI aus. 2004 führte das schließlich zur berühmten Black-Box-Warnung für Antidepressiva hinsichtlich eines erhöhten Risikos von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen.
    Interessant auch: Paroxetin war in den USA nie für die Behandlung einer Depression bei Kindern zugelassen. Es wurde aber trotzdem in erheblichem Umfang off-label bei Kindern und Jugendlichen verschrieben.

    1. Sehr gut. Und der von mir so geschätzte wie oft zitierte David Healy war maßgeblich am Offenlegen dieser Geschichte beteiligt, siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Study_329#RIAT_re-analysis_of_study_329

      Aber gut 20 Jahre später muss man feststellen, dass diese Kritik den Siegeszug der „Antidepressiva“ nicht aufhalten konnte. Wie Healy 2004 schlussfolgerte: „Let Them Eat Prozac“. Dazu in Teil 4 mehr. Das „quick fix“ ist einfach zu verlockend.

  3. „Gemäß neuen Untersuchungen erfahren aber schon nach nur zwölf Wochen der medikamentösen Behandlung 55 Prozent der Betroffenen Entzugserscheinungen, wenn sie wieder aufhören.“
    Link führt zu:
    https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/evidence-on-antidepressant-withdrawal-an-appraisal-and-reanalysis-of-a-recent-systematic-review/1E02C154EE580CA43F0EE86492B3A0E7:
    „Conclusions
    Henssler’s review is based on unreliable data and does not provide an adequate basis for the evaluation of antidepressant withdrawal effects. Further good-quality research on antidepressant withdrawal is required.“
    Herr Schleim?

  4. Statt Psychopharmaka würde ich lieber lernen, zu meditieren. Die Studien zeigen, eine eindeutige Verbesserung, vor allem bei angeleiteter Meditation. Im Gegensatz zum westlichen Verständnis, welches mechanistisch geprägt ist, hat das östliche Verständnis den Menschen als lebendes Wesen betrachtet. Deswegen funktionieren die westlichen Ansätze oft so wie bei der Autoreparatur – leider sind wir keine Autos.

  5. Statt Psychopharmaka würde ich lieber lernen, zu meditieren. Die Studien zeigen, eine eindeutige Verbesserung, vor allem bei angeleiteter Meditation. Im Gegensatz zum westlichen Verständnis, welches mechanistisch geprägt ist, hat das östliche Verständnis den Menschen als lebendes Wesen betrachtet. Deswegen funktionieren die westlichen Ansätze oft so wie bei der Autoreparatur – leider sind wir keine Autos.

  6. Mein erster Kommentar wurde gelöscht.
    Wie eine Recherche ergab, habe ich tatsächlich
    etwas durcheinander geworfen.
    Nun gut.

    Eine Suche in den Leitlinien der DGPPN
    bestätigt für mich, was Herr Schleim andeutet:
    Man steht dem Einsatz antidepressiver Medikamente insgesamt wesentlich kritischer
    in der Psychiatrie gegenüber als vor Jahren.

    Für mich eine recht neue Entwicklung,
    Vielleicht führt dies zu neuen, effektiveren
    Therapieansätzen.

  7. Depression – Niedergedrückt sein, – beschreibt das nicht die Lebensrealität breiter Bevölkerungsgruppen und ist eine Therapie dieser „Störung“ nicht recht eigentlich der Versuch eines quasi Orwell’schen Schönredens und Akzeptanzerzwingung einer an sich furchtbaren, inakzeptablen und niederdrückenden Realität.

  8. Herr Schleim, in manchen alternativ-medizinischen Sichtweisen gibt es nicht diese Trennung zwischen körperlichen und geistig bzw emotionalen Erkrankungen. Und das geht weit über die ja auch in der Schulmedizin zumindest teilweise akzeptieren pyschosomatischen Ursachen für körperliche Probleme.
    Es geht eher um einen Krankheitsbegriff in dem die körperlichen und die geistig-emotionalen Probleme nur verschiedene Aspekte ein und derselben Störung des Gesamtorganismus sind. Weiter wird in diesem Gesundheitsbild die Ansicht vertreten, dass wenn diese Störung nur auf körperlicher Ebene behandelt wird, sich die Symptome auf andere körperliche Aspekte oder auch emotional-geistige Bereiche verschieben können.
    Genau dazu meine Frage zur Studienlage:
    Gibt es Anzeichen, die für dieses Modell sprechen? Z.B. gibt es nach Behandlung von Neurodermitis mit Cortison ein erhöhtes Risiko für Depressionen? Gibt es ein erhöhtes Risiko nach Operationen mit Vollnarkose?
    Häufiger Einnahme von Antibiotika in der Vergangenheit?
    Längerfristiger Einsatz von Schmerzmitteln?

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