Genug gebückt, Herr Poschardt?

Deutschland steckt in einem politischen Kulturkampf. Links und rechts scheinen längst keine klaren politischen Koordinaten mehr zu sein. Stattdessen bestimmen moralische Selbstgewissheit, Anpassungsdruck und ideologische Grabenkämpfe die Debatten.

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8 Kommentare

  1. Vorab, bevor ich mir das „Gespräch“ anhöre, eine Bemerkung zur Einleitung.

    Die von allen öffentlich Beteiligten völlig unterbelichtete Genderndebatte und die von beiden Seiten unterbestimmte Israel-Palästina-Debatte zeigen in aller Schärfe, was dabei herauskommt, wenn der Links-Rechts-Kompass für gestrig, überkommen und untauglich gehalten wird, weil angeblich die Unterscheidung in linke und rechte Positionen die Debattenlage und damit letztlich immer noch die Klassenkonflikte nicht mehr treffend beschreiben und analysieren könne. Das Geschwisterkind der verfehlten Annahme, links und rechts habe sich aufgelöst, ist dementsprechend die ebenso vernebelnde Behauptung, es gebe keine sozialen Klassen mehr, sondern angeblich nur noch frei flottierende Meinungsgruppen, zeigt noch deutlicher, worum es solchen Nebelwerfer-Behauptungen geht: Die Multikrise der Herrschaftsverhältnisse soll völlig unkenntlich gemacht werden, indem jede linke Kritik als falsch abgestempelt wird und damit freie Fahrt für rechte Politik geschaffen werden soll. Nachzuzeichnen, auf welche Weise dieser Rechtsruck vonstatten ging, würde den Rahmen eines Forums sprengen. Es muss reichen die Protagonisten der Verhinderung von linker Kritik an bürgerlichem Kapital und bürgerlichem Staat zu benennen.
    Es waren und sind in diesem Prozess, der spätestens in den 1970er Jahren Fahrt aufnahm, auf Politikebene die Sozialdemokraten, die Liberalen, die Grünen, die Rechtskonservativen, selbstredend die Nazis usw. sowie auf „wissenschaftlicher“ Ebene die Theoretiker der sozialen Marktwirtschaft, die Betriebs- und Volkswirtschaftler, die Schichttheoretiker, die Milieutheoretiker und schließlich die Meinungsgruppentheoretiker und nicht zu vergessen erhebliche Mengen von Linken auf beiden Ebenen, die sich in diesen Verschleierungsdiskurs integrierten, sodass sukzessive als links galt, was längst nicht mehr links war. Aktuell dafür können als besonders unangenehme Beispiele trotz noch vorhandener Unterschiede das BSW und die Linkspartei gelten.
    Vorläufig (!) hat die Rechte gewonnen, weil linke Kritik in wenige kleine Diskurszirkel abgedrängt worden ist.

    1. Was ist denn für Sie die »Die Multikrise der Herrschaftsverhältnisse«? Könnten Sie das in Stichpunken erläutern, bitte?

      Ansonsten: Verdammt, dieses Video werde ich wohl der Fairness halber mal ansehen müssen…

      1. Vielleicht auch ganz allgemein eine (System-)Krise des Kapitalismus/der Marktwirtschaft, nicht überall, eher in den (dauerhaft) abgehängt erscheinenden Regionen – sei es, dass es dort schon länger sehr wenig Wachstum bzw. Teilhabe daran gibt oder auch erst in letzter Zeit in ‚entwickelteren‘ Weltgegenden die Hoffnungslosigkeit verstärkt um sich greift, weil das ganze Zeugs, was man halt zum Leben so braucht, übelst teuer geworden ist, womit die Einkommensentwicklung schlicht nicht Schritt hält.
        Das ist die Krise und die autoritären Antworten auf den Verlust des (Aber-)Glaubens in die Erzählung „sozialer Aufstieg durch Bildung/Leistung“ liegen ja auch schon bereit, Unterdrückung und Überwachung von Leuten, die sich das nicht so einfach bieten lassen und auch keine Lust haben, sich gegenseitig in die Pfanne zu hauen.

        Herr De Lapuente hat manchmal gute Analysen zu bieten, scheint dann aber wieder zu meinen, „die Nation“ o.ä. sei mindestens ein wichtiger Teil der Lösung von Problemen unserer Zeit. Und auch wenn er das Folgende selber so nie geäußert hat, ist das für mich halt das Denken, was die deutsche Empörung und den Widerstand gegen die Übernahme der Commerzbank durch Unicredit erklärt oder das Getue um Nike/Adidas und wer DFB-Sponsor ist. Klar, wo steht die Konzernzentrale, was hat der CEO für einen Pass und wo ist rheinischer Kapitalismus (wesentlich gerechter, solide, ehrlich) und wo der globale (raubtierhaft, „nur auf Gewinn aus“, schlimmschlimm)?

        Von Herrn Poschardt hinwiederum habe ich eigentlich NOCH NIE etwas gelesen oder gehört, was mir irgendwie vernünftig und erfrischend, erhellend oder erneuernd erschienen wäre, nur Ressentiments, die von vielen (eher Privilegierten) geteilt werden und dann noch absurderweise im rebellischen Tabubrecherstil rausgehauen werden. Ja klar, „man darf“ viel sagen, aber es soll ruhig auch Sinn machen! Was „Bückbürger“ sein sollen und warum der Herr etwas gegen Funktionsjacken(träger) hat, erschließt sich mir einfach nicht, auch nicht nach längerem Überlegen.

        Das Video mit dem Gespräch der beiden habe ich jetzt gar nicht geschaut, lástima Margarito…

    2. Nicht besonders gut.
      Thema Israel – da gibts im „rechten“ Lager was auch immer das ist, sowohl Befürworter als auch Gegner.
      Es ist generell so das zu unterschiedlichen Themen unterschiedliche Meinungen existieren.
      Es gibt nicht DIE linke Meinung genausowenig wie DIE rechte.
      Die SPD kann Soziales abbauen genauso wie die CDU.

      „Vorläufig (!) hat die Rechte gewonnen, weil linke Kritik in wenige kleine Diskurszirkel abgedrängt worden ist.“

      Die Linke hat sich in Wokismus verloren. Bis vor 20 Jahren wurde aus Protest Links gewählt, nach deren Versagen, wird jetzt rechts gewählt. Thats all. Das heißt aber nicht das damals alle Links waren und heute alle rechts. Ist so ein grundsätzliches Mißverständnis. Die meisten Bürger sind eigentlich neutral und wählen den der aktuell am besten passt.
      Wer sich errinnert, hat die Linke damals die Wohnungen mit privatisiert, wo sie heute den Kämpfer des kleinen Mannes gibt. Dank der Linken verschulden wir uns jetzt jedes Jahr weiter mit 200 Mrd. Das führt dazu das in den nächsten Jahren imemr weniger Geld für Soziales da sein wird. Mit Diskurszirkel hat das nichts zu tun, das ist schlicht Versagen.

  2. Poschardt hat die Springer Denkweise 1:1 aufgesogen. Siehe auch WP unter Positionen. Er denkt er hat eine eigene Meinung aber die hat er nicht. Er sagt ja selbst er war mal links (wohl bis er zu Springer kam). Da kann ich auch gleich die Bild Zeitung lesen. (nicht persönlich gemeint) Shitbürger ist für mich auch so ein typischer Bild Zeitungs Sprech.

    1. Springer. Millionen Fliegen können sich nicht irren!

      (Die Friede hat ja dem Mathias erst 2020 ’ne Milliarde geschenkt, die sie entbehren konnte. Diese Leute haben „die Menschen“ verstanden!)

  3. Du hast offensichtlich keine Antwort auf meinen Beitrag geschrieben.
    Ich habe explizit diejenigen, die du für links hältst, als Nicht-Linke bezeichnet. Die Partei, die sich selbst „Die Linke“ nennt, ist nicht links, sondern wird nur im völlig verdrehten (rechten) Diskurs als Linke tituliert. Genau das ist Folge des von mir beschriebenen Prozesses der Rechtsverschiebung der politischen Rechten (unter dem Deckmantel der Behauptung, es gebe kein links und rechts mehr.
    Mir aber hältst du die Privatisierungspolitik der angeblich Linken vor.
    Antwort verfehlt.

  4. Hier geht es nicht um „Liberalismus“❗Hier geht es um Wirtschaftsliberalismus. Herr Poschardt ist kein Liberaler, er ist ein Wirtschaftsliberaler.

    Der Liberalismus will einen starken Staat, der die Bürger vor einer übergriffigen Regierung schützt und alle Bürger ökonomisch und sozial frei macht. Wirtschaftsliberale wollen, dass die Oligarchen, Plutokraten und milliardenschweren „Superreichen“ noch reicher und freier werden und alle anderen bekommen „Brot und Spiele“ wie im alten Rom. Das nennt man heute „Junkfood“ und „We love to entertain you!“. Das klingt moderner als „Brot und Spiele“.

    Es waren die Wirtschaftsliberalen und Konservativen, die jahrzehntelang einen gesetzlichen Mindestlohn abgelehnt und verhindert haben. Die blaue Alice und die anderen Rechten von der AfD waren nicht nur gegen die Einführung, sie lehnen jede Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes für die Geringverdiener um 30 oder 40 Cent pro Stunde ab. Wer jeden Tag hart arbeitet und am Monatsende trotzdem Angst vor der nächtsten Mieterhöhung hat, der ist nicht frei, aber das geht Herrn Poschardt am wirtschaftliberalen Popo vorbei. (Rainer Reimer sagt: Das reimt sich sogar! Ist das nicht schön!?)

    Kein Problem haben Wirtschaftsliberale, Konservative und AfD-Politikerinnen wie die blaue Alice nämlich damit, dass Multimillionäre und vor allem Multimilliardäre immer reicher und reicher werden. Kein Problem haben Wirtschaftsliberale, Konservative und AfD-Politiker mit Immobilienspekulanten und Vermietern, die den eigenen Hals nicht voll kriegen. Kein Problem haben Wirtschaftsliberale, Konservative und AfD-Politiker mit Reichen und sogenannten „Superreichen“, die die Allgemeinheit cum ex um Milliarden betrügen. Da braucht man in Deutschland erst ein höchstrichterliches Urteil, das feststellt, dass es illegal und kriminell ist, sich Steuern erstatten zu lassen, die man nie gezahlt hat. Das ist so, als ob man für 80 Euro Benzin tanken würde, mit einem 100 Euro-Schein bezahlt und einen 50 Euro-Schein zurückbekommt. Allerdings ging es bei Cum Ex nicht um 30 Euro, sondern um Milliarden.

    Aber Bürger, die in diesem „demokratischen und sozialen Bundesstaat“ (siehe Art. 20 Grundgesetz) kein Geld für das Bahnticket haben und auch kein Geld, die Strafe zu bezahlen, wenn sie dabei erwischt werden, wandern ruckzuck in den Knast. In deutschen Gefängnissen sitzen derzeit zwischen 2.000 und 3.000 dieser sogenannten „Schwarzfahrer“ und verbüßen ein „Ersatzfreiheitsstrafe“.

    Der schwarzbraune „liberale“ Witz kommt aber noch: Herr Poschard hat vor ein paar Jahren den „Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik“ bekommen. Nur zur Erinnerung: Ludig Erhard war der erste Bundeswirtschaftsminster der Bundesrepublik Deutschland, der nach den Ende des Zweiten Weltkrieges „Wohlstand für Alle“ (Bürger) schaffen wollte, weil er den ökonomischen und sozialen Niedergang der demokratischen Weimarer Republik und den Aufstieg der NSDAP persönlich miterlebt hat.

    Mit einer Politik, die Wohlstand für alle Bürger schafft, hat die neoliberale Politik seit der „geistig-moralischen Wende“ des konservativen CDU-Politikers Helmut Kohl in den 1980er Jahren nichts mehr zu tun. Seitdem geht es nur darum, wie die Reichen und Superreichen noch reicher und freier werden.

    Liberalismus bedeutet Freiheit für alle,
    der Wirtschaftsliberalismus ist eine verlogene Falle.
    Wer reich ist, kann sich Freiheit kaufen,
    wer arm ist, muss seine Freiheit verkaufen.

    (Rainer Reimer, Reimstadt am Rhein, Reimland 2026)

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