
Der Kanarienquex ist ahnungslos im Berliner Undergroundschuppen „Shivas Paradize“ unterwegs, während draußen die Welt im Chaos versinkt. Die linksradikale Transe „Donna Fauna“ versucht, ihn über den 11. September 2001 in Kenntnis zu setzen. Aber die Abwehrmechanismen des Kanarienquexes sind stark ausgebaut. In Partykreisen eine lebende Legende, hat er eben eine ganz spezielle Art, die Welt wahrzunehmen …
Direkt dem großen Feuer gegenüber bot sich neuerdings ein erhebender Anblick: Als eine der spektakulärsten Anschaffungen der jüngeren Zeit gab eine künstliche Berglandschaft den Shiva-Feiernden Gelegenheit, sich in luftiger Höhe zum Alleinsein zu verkrümeln. Es handelte sich um gängiges Spielgerät für Menschenkinder: ein Klettergerüst, verbunden mit fingerdickem Drahtseil, das sich um die zentralen Stützmasten zu einer komplexen Struktur spannte.
Die düsteren Prophezeiungen des Shiva-Schamanen fliehend, erkletterte KQ diese neue Spielebene.
»Stranger Mood an diesem Tag«, dachte der Kanarienquex, als er von diesem Drahtseilgebirge aus einige Zeit zugebracht hatte, das Treiben unter sich zu betrachten.
Inzwischen waren es schon wieder erstaunlich viele, die sich in Ermangelung geregelter Wochenarbeitszeiten in Shivas Paradize tummelten.
Der Quex schaute sich das acidverspulte Treiben vom Klettergerüst aus eine Weile an. Shivas Nachmittagsmeute war für ihre ausgesuchte Planlosigkeit berüchtigt. Dann verließ er seinen Aussichtsposten und begab sich herab auf die Tanzfläche.
Dort noch nicht angekommen, kündete der Vibrationsalarm vom Erhalt einer SMS.
KQ ging unauffällig ein paar Meter abseits, um nicht in Thom Willbroox’ Blickfeld zu geraten, der allen Ernstes ein Telefonierverbot im gesamten Kombinat durchsetzen wollte.
In einer Ecke stehend fingerte KQ das Telefon aus einem kleinen Seidenbeutel. Auf dem Display las er:
»Babylon on fire, Süßer … +++ What the fuck is going on?! +++ CALL ME NOW!!! +++ d. fauna«
Na was! Donna Fauna! Wenn es nach der ging, war die Welt schon des Öfteren im Chaos versunken, quer durchs vergangene Jahrzehnt.
Das arme Kind war friedensbewegungsgeschädigt. Von ihren Eltern in frühem Kindesalter über jedes vertretbare Maß hinaus shalom-haverimisiert, hatte Fauna die Neutronenbombenapokalyptik der Raketenkrise der Achtzigerjahre zu einem emotionalen Grundmuster ausgebaut.
Wer sie nicht kannte, fiel erfahrungsgemäß ein- bis zweimal auf Faunas charismatisch vorgetragene Panikattacken herein und ließ sich ein paar Meter in Richtung des vermeintlichen Weltuntergangs mitschleifen. Auf die Dauer reagierten die meisten gelassen, wenn Fauna mal wieder meinte, ihre depressive Todessehnsucht zur Grundlage weltpolitischer Analysen machen zu müssen.
KQ gehörte zu denen, die ihre Ausraster einschätzen konnten. Für Sekundenbruchteile irritiert, beschloss er umgehend, die hysterische Aufforderung bass zu ignorieren. Er dachte ja nicht daran, Fauna zurückzurufen. Und »NOW!!!« schon mal gar nicht. Nicht mit drei Ausrufezeichen.
Die Guteste hatte, das sagte sich der Kanarienquex bei aller Sympathie, echt einen ordentlichen Knacks im Hirn. Was für KQ, der seine scheinbar viel harmloseren Neurosen intern dramatischer einstufte, seit jeher die Geschäftsgrundlage freundschaftlicher Betätigung darstellte. Es waren immer die keineswegs nur harmlos Wahnsinnigen gewesen, bei denen das Quexometer heftig ausschlug.
Diese Sammelleidenschaft für Irrsinnige aller Provenienz war beim Quex berufsbedingt. Oder berufsvermeidungsbedingt – für die, denen eine Tätigkeit als reisender Partylöwe wenig handfest gilt.
Dabei war der Quex anerkannter Profi in seinem Geschäft. Der Lifestyle, den er sich auf diese Tour leisten konnte, durfte sich anschauen lassen.
Er verbrachte wilde Wochen auf den Partyinseln aller Meere, feierte tagelang mit Sven Väth auf einer Yacht vor Ibiza, jettete zu den Highlights der Goa-Bewegung in australischen Urwäldern und nordafrikanischen Wüsten – und immer fanden sich Leute, die bereitwillig für sein Kommen bezahlten.
Andere mussten sich dafür als Tresenhilfe verdingen, Lasershows veranstalten, als Cybermonster, DJs, VJs, MJs oder auf Stelzen das Feiervolk animieren oder sich sonstwie zum Kasperl machen.
Vom Kanarienquex wurde dergleichen nicht erwartet. KQ hatte geschafft, regelmäßig als er selbst engagiert zu werden. Er wurde eingeladen, auf Kosten des Hauses zu sein, wie er gerade sein wollte. Wenn er sich dann, was ständig vorkam, inmitten der Elite der Drogenkultur auf das Extremste aufführte, nahm ihm das niemand übel, im Gegenteil: Dann waren’s alle zufrieden, jaja, der kleine, orange-grüne Quex war sein Geld mal wieder wert gewesen. Was für ein Auftritt, grandios!
Wenn es nun doch so etwas Ähnliches wie eine Berufsbezeichnung geben sollte für das, was der Quex da machte, dann fühlte er sich den Dealern nahe. Immerhin vertickte KQ den begehrtesten Stoff, den diese karge Kugel zu bieten hatte. Und die Abenteuer, Skandale, Bewusstseinszustände und Illusionen, die er seinen Kunden verhökerte, waren mindestens so verboten und vor allem tausendmal wirkungsvoller als das bisschen Chemie-Dreck, für das die Kollegen von der Pillenfraktion zum Teil für Jahrzehnte ins Kittchen wanderten.
Die mit dem wirklich guten Zeug erwischen sie halt nie, lächelte der Quex zufrieden – und stolzierte wie der stiergehörnte König der Narren zurück Richtung Tanzfläche!
Was war los? Eine ganze Weile nachdem KQ den Dancefloor erreicht und Faunas SMS erfolgreich verdrängt hatte, erwischte ihn ein jäher Stimmungssturz. Mitten im wilden Tanz riss die Verbindung. Mattscheibe! Seine Beine fanden den Rhythmus nicht mehr, der Kopf begann zu rattern. Eine leichte Gänsehaut zog vom Nacken her den Rücken hinunter. KQ machte einige Anläufe, in den Sound zurückzufinden. Nichts zu machen.
Ortswechsel.
Der Kanarienquex ging nach draußen. Das hasste er wirklich an der Rave-Szene: Vor den Toren der Sanitäranlagen endete jeder Style! Darüber ärgerte sich KQ jedes Mal. Die Klos waren wie immer verschissen bis sonst wohin.
Drum ging er lieber vor die Tür, um sein Geschäft zu verrichten. Und die Umgebung von Shivas Paradize war jeden Ausflug wert. Man konnte fantastisch durch verlassenes Industriegut turnen. Von freier Natur, die sich das Land zurückeroberte, bis hin zu leeren Arbeitshallen ließ sich für jede Fäkalstimmung das richtige Ambiente finden.
Der Quex entschied sich für einen Schuttberg aus zerschmissenen roten Scherben, der sich malerisch im Innenhof der verwaisten Ziegelei erhob. KQ kraxelte nach oben und schaute sich um. Erhaben stand der Löwe da, zwei Meter nur vom Himmel weg und warf seine Augen im Kreis. King Leo checkt die Lage.
Dann öffnete er seine Hose und ging in die Hocke. In seinem Rücken war die Sonne schon wieder auf dem absteigenden Ast. Das untergehende Rot reflektierte auf der heruntergelassenen Silberhose und tauchte den scheißenden Quex in ein majestätisches Licht.
Der Quex-Magen hatte einiges an Krämpfen auszustehen, ehe es losging. Er hockte da, auf diesem Berg roter Dachziegel, würgte und presste, um den Schließmuskel zu lockern. Dann stöhnte der Quex genüsslich auf und seilte seine Exkremente ab.
Mit dem da hatte er nichts mehr zu tun.
Das Wurzelchakra flimmerte ein wenig.
Es konnte weitergehen.
Neuen Farben entgegen.
KQ hatte die Dauerparty zum Beruf gemacht und die Depressionen einigermaßen unter Kontrolle. Mit Fauna und dem Weazel hatte sich ein großartiges Team gefunden. Shivas Paradize war den Paradiesvögeln Burg und Heimat geworden. Zwischen allen Stühlen hatten sie hier ein großes, rotes Plüschsofa errichtet. Und es saß sich saugemütlich darin.
Wären nur diese Zeichen nicht gewesen.
Seit Tagen flog dem Quex zum Beispiel Asche um die Ohren. Das schwarze Porzellanschiffchen für die Räucherstäbe hatte am Boden gelegen, als er am Samstag heimgekehrt war. Damit fing es an. Es war nicht zerbrochen. Aber die Asche lag überall verstreut.
Tags drauf, beim nachmittäglichen Frühstück, schmiss erst Fauna den Aschenbecher um, dann noch mal das Weazel, schließlich KQ selber. Auch bei den diesen Tag begleitenden Joints war dem sonst so umsichtigen Quex die Asche konsequent auf die Klamotten gefallen.
Asche, Asche, Asche: alles voller Asche. So was registrierte der symbolerfahrene Quex. Und es gefiel ihm nicht.
Erst recht passten ihm diese zwei Fliegen nicht ins Konzept. Sie fielen KQs mit blauen Glassteinen besetztes Pentagramm-Amulett regelrecht an, als er mit Plastiktüten unterm Arm vom Einkaufen kam. Sie stürzten sich richtig drauf, genau auf das Zeichen, wie zielgerichtet.
Die vom Quex als komplett überflüssig empfundene Krönung des Alarmfeuerwerks folgte zwei Meter weiter: in Form einer toten Krähe, die halb skelettiert direkt neben seinem Hauseingang vor sich hin weste.
Alles das in kürzester Zeit und in völligem Kontrast zu der inneren Ausgeglichenheit und Zukunftsfreude, die den Kanarienquex seit Wochen beseelte. Was sollte das? Er konnte die Zeichen weder ignorieren noch einordnen. Ein Menetekel? Stand ein Unglücksfall bevor? Der überraschende Tod eines nahen Freundes? Oder nur dumme Zufälle?
Dabei war KQ gewarnt. Dieser Symboltick, das ging in letzter Zeit eindeutig übers Ziel hinaus.
Er kannte diese Typen doch: esoterisch verseuchte Mathecracks mit abgebrochenem Informatikstudium, die aus jedem Joghurtpreis die Quersumme errechneten, nach der siebten Quadratwurzel eine versteckte 23 entdeckten und damit die Welt erklären wollten.
KQ glaubte durchaus an die mystische Kraft von Orten und Symbolen. Er liebte ausgefeilte Rituale, Numerik, Tarot-Karten und Sterndeuterei. Er hatte keinerlei Berührungsängste mit fantastischen Realitäten. Sauber ausgearbeiteten Verschwörungstheorien brachte er jederzeit Respekt entgegen.
Aber als hauptberuflicher Illuminatenjäger wollte er lieber nicht enden. Asche hin, Fliegen her, Yoghurtbecher sonst wohin: Alles war gut, wurde besser und würde gut bleiben.
Die Phase seines Durchbruchs hatte begonnen.
Die Sterne standen mehr als günstig.
»Lass uns tanzen!« Die Springmaus, eine seiner besten Partyfreundinnen, nahm seine schwitzigen Hände und hievte den Quex aus dem Stimmungstief, in Richtung Boxentürme. Er ließ sich ziehen und erneut vibrierten die harten Beats durch seinen Körper. Ins Tanzen kam er nicht recht. Am Rande des Pulks die weiche Hüfte wiegend, hatte den Kanarienquex die Vernunft dennoch schnell zurück.
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😉
Bitte weiter.
Lustige Stilmischung und dabei am Puls der Zeit.
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Die Anfangs Szene von ZARDOZ sagt alles : https://youtu.be/cDz5bS9HvJY?si=A3qY4sF1xbc1QVf1 der arme Gay hat vier Frauen zu Hause, davor ist verstecken mit den Jungs im Waldloch angesagt.
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@ Altlandrebell
Gibt es noch den Lösungsweg für die Schachaufgabe?
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👌🏻👍
Aber ein Eimer reicht bei mir nicht.
Hab mir gerade den Bob Dylan Film im Kino gegönnt. Der Bob ist ja zur Zeit der Kubakrise gestartet, der Film ist mit faszinierenden Zeitdokumenten angereichert, Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf, dazu die Musik. Aber ich mach hier keine Schleichwerbung.
Ich denk mal, die Sehnsucht nach militärischer Betätigung ist für den freiwilligen Muschkoten nichts anderes als das Streben nach Macht: wer die Knarre hat, kann die anderen ohne Knarre springen lassen oder eben auch töten. Es ist nicht einfach nur Schwanzvergleich. Diese Machtgeilheit konnte ich schon öfter live und in Farbe bewundern, gerade auch im Zivilleben, wenn solche Leute von ihrer Dienstzeit schwärmten. Wenn ein System auf solchen kranken Typen aufbaut, kann es selbst nur krank sein. Leider gibt es davon viele, sie werden ja gezüchtet (auch mit solchen Artikelchen wie dem in der Tagesschau…).
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„Das gesellschaftliche System ist so bellizistisch wie es normopathisch ist (Maaz). Ein krankes System gebiert eben kranke Typen, die wiederum das kranke System nähren, aufbauen und erweitern…“
Ein System, dessen Motivation auf gesellschaftlicher Distinktion aufbaut, kann auch keine gesunden, friedlichen Menschen hervor bringen, die des kooperativen, gemeinschaftlich orientieren Denkens fähig sind.
Das ist natürlich ein spieltheoretisches Problem, aber nicht ausschließlich. Denn irgendwer hat dieses System „geschaffen“, nämlich die Profiteure des Systems. Der Fisch stinkt vom Kopfe her.
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Zwar nicht ‚ex cathedra implantiert oder institutionalisiert‘, aber doch immer wieder vorangetrieben und umgestaltet von eben den ‚Profiteuren des Systems‘. Und ihr Sieg ist verheerend, am Ende auch für sie selbst. Wenn’s so weiter geht…
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Oha. Daran sieht man mal wieder, wie wohltuend es ist, keinen Fernseher zu besitzen und sich auch ansonsten von solchen ‚Machwerken‘ fernzuhalten. Jedem anzuraten, der sich seine seelische Gesundheit bewahren will.
Wie sind Sie denn darauf gestoßen ? Wohl nicht freiwillig, oder ?
Bei diesem geistesgestörten Propagandastück (ekeln sich die ‚Autoren‘ eigentlich nicht vor sich selbst ?) kommt einem zwangsläufig eine Kreuzung aus dem bekannten Ausspruch von Max Liebermann und der Szene mit dem „hauchdünnen Pfefferminz-Plätzchen“ aus Monty Pythons‘ „Sinn des Lebens“ in den Sinn…
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