
Jonathan Rischke hat es geschafft. Er – der Technoszene entstiegen – ist jetzt erfolgreich und anerkannt. Wie er diesen Weg gemacht hat, wissen allerdings nur wenige. Zum Beispiel der Kanarienquex …
Rischke war steinreich. Mit seinen 48 Jahren hatte er ein Vermögen aufgehäuft, das ihn in besseren und zweitbesten Kreisen zu einer Größe machte. Er galt hier als wilder Hund. Wie Rischke zu Reichtum hatte kommen können, war den meisten letztlich schleierhaft. Irgendwie war er aus dem Sumpf der Berliner Techno-Szene emporgestiegen.
Zunächst hatte er Wohnungen gekauft. Heruntergerockte Buden, aber Altbauten und in guter Lage. Inzwischen gehörten ihm 35 Wohnungen, die meisten davon in jenen ehemaligen Ostbezirken der Stadt, wo eine Kriegskoalition aus internationalen Immobilienfonds und Bionade-Bourgeoisie erst die angestammte DDR-Bevölkerung vor die Tür gesetzt und dann Rischkes altes Milieu aus Hausbesetzern und Elektrohippies verdrängt hatte.
Rischke war geblieben. Rischke war mit aufgestiegen. Rischke mutierte.
Aus einem umtriebigen, etwas dubiosen Eventfuzzi war ein aufgehender Stern am Berliner Juristenhimmel geworden. Die genauen Umstände seines wirtschaftlichen Erfolges zu thematisieren, vermied Rischke selbst nach Tunlichkeit. Er wirkte lieber darauf hin, sich in eine Aura vermeintlich alten Geldes und tradierter gesellschaftlicher Macht zu hüllen.
Drogenselige Toilettenficks in Businessclubs stellten für diese Inszenierung freilich ein gewisses Risiko dar. Aber Rischke brauchte immer noch diesen Kick des Verbotenen: Es war das Geheimnis seines Aufstiegs.
Das war in der zweiten Hälfte der Neunziger gewesen: Techno war binnen Wochen in die Welt explodiert. Der Bassbeat regierte mit einem Mal die Clubs von der US-amerikanischen Westküste bis Kuala Lumpur.
Berlin war jene Metropole, die für das ungeheure Dezibelaufkommen dieser Musikrichtung die nötigen Freiflächen bereithielt: unentdeckte Katakomben, ungesicherte Gebäude und Gebäudekomplexe, ganze Ruinenlandschaften in zentraler Lage.
Dieses weite, freie, wilde Land im Osten der Stadt wurde befeiert, was das Zeug hielt. Die Partydroge Ecstasy explodierte in den Bassbeat – oder andersherum, das ließ sich so genau nicht mehr eruieren. LSD explodierte fröhlich hintendrein. Eine Generation wunderschöner, schwuler Jugend nutzte die allgemeine Verwirrung mit Entschiedenheit – und Rischke, notgeil und außerordentlich geschäftstüchtig, war mittendrin.
Ein Soundsystem mit fetten Bässen, ein Türsteher, eine Bar: Steuerfrei und ohne GEMA-Abrechnung warfen gerade diese illegalen Partys exorbitante Sonderprofite ab!
Über eine Umlagefinanzierung verdiente Rischke auch am Drogenverkauf ein bisschen mit. Zumal die restlos überforderte Hauptstadtpolizei andere Sorgen hatte, als diese laute, aber letztlich harmlose Partymeute zu drangsalieren.
Eine intakte stadtpiratische Gegenmacht war mit dem Fall der Mauer aus Kreuzberg in die ehemalige DDR-Hauptstadt herübergeschwappt. Sie verbandelte sich dort mit den militanten Elementen der »friedlichen Revolution« und man begann sofort, im Ostteil ganze Straßenzüge zu besetzen. Diese wieder zu räumen, war für die Staatsmacht nicht nur mühselig, es war regelrecht gefährlich, denn die Leute wehrten sich gekonnt.
Gleichzeitig hatten die Vagabunden des globalen Hippietrails Kurs auf Berlin gesetzt. Freaks strömten aus allen Richtungen in die wiedervereinigte Stadt, eröffneten hier einen Bauwagenplatz, sorgten dort für kreatives Chaos auf einer Hauptverkehrsstraße und pinselten Berlin von oben bis unten knallbunt an. Die halbe Stadt schien als DJ und/oder Dealer zu arbeiten. Tausende bestritten tatsächlich mit der Basar-Ökonomie dieser schönen, bunten Partywelt ihr Leben. Einige Zehntausend verbrachten einen Großteil ihrer wachen Stunden auf dieser Seite der Realität.
Sogar das Leben außerhalb der Party war damals erträglich. Man wohnte in unsanierten 150-Quadratmeter-Wohnungen mit alten Fenstern und Ofenheizung, die sich fast jeder problemlos leisten, die man aber im Winter kaum warm bekommen konnte.
Immer war irgendwer zu Besuch. Mädels aus Mexiko-City flochten und färbten Haare, und im WG-eigenen Tempelzimmer, geweiht Ganesha, Shiva, Kali oder Durga – jedenfalls einer hinduistischen Gottheit – hockte kiffend die Gilde der Fadenknüpfer und erschuf aus neonbunten Fäden Decken-Gespinste von erhabener Komplexität. Der Hausdealer kam persönlich vorbei und drehte eine Verkaufsrunde von WG zu WG. Er war Freund und Geschäftspartner zugleich.
Bei Jonathan Rischke verhielt all dies sich nicht anders. Mit dem Unterschied, dass er solche 150-Quadratmeter-Wohnungen zu kaufen und zu sanieren pflegte. Die erste Wohnung hatte ihm – und dieses Detail verschwieg Rischke grundsätzlich – der in der Versicherungsbranche tätige Vater finanziert. Die zweite Wohnung finanzierte sich aus einer Hypothek auf die erste. Die dritte aus einer Hypothek auf die zweite. Die vierte endlich konnte Rischke aus eigener Kraft anzahlen, mit den Einnahmen illegaler Techno- und Goa-Events, die er inzwischen im großen Stil veranstaltete.
Rischkes Jurastudium indessen lag nicht vollends brach. Wie ein kleines, schmutziges Geheimnis gehütet, wurschtelte er sich durchs Grundstudium. Via Sondertilgung zahlte er eifrig die Kredite für seine Wohnungen ab und erhöhte ebenso eifrig die Mieten, wann immer die stetige Fluktuation der Bewohner dazu Gelegenheit gab.
Zu Beginn des Hauptstudiums drehten schon die ersten der nunmehr acht Wohnungen ins Plus. Zwei besonders riskante Elektro-Events glückten Rischke grandios und spülten ihm einen sechsstelligen Betrag auf die schwarzen Konten. Damit kaufte er noch einmal eine opulente Dachgeschosswohnung in Mitte und sanierte sie anschließend. In diese Wohnung zog er ein und sich selbst Knall auf Fall aus dem Veranstalterleben zurück. Er ersetzte Ecstasy und LSD durch Speed und Koks und büffelte wie ein Verrückter für die Staatsexamen.
Rischke bestand, mit summa cum laude.
»Weißt Du noch, wie sie den Craver erwischt haben?«, fragte der Kanarienquex bei der Zigarre danach. KQ trieb plantschend im Pool auf der Dachterrasse des ehemaligen Instituts für Marxismus-Leninismus.
Rischke stand am Beckenrand und warf den Blick weit über das morgendlich leuchtende Berlin.
Der Craver, na klar! Der war ein Dealer gewesen, aber was für einer. Eine jener legendären Gestalten der magischen Jahre der elektronischen Revolution.
Der Craver hatte Dinger abgezogen, vor denen selbst die Durchgeknalltesten zurückgeschreckt waren. Als der Polizeiterror immer übler geworden und es auf den Zufahrtsstraßen zu den Elektro-Festivals schon zugegangen war wie an der alten Zonengrenze, hatte sich der Craver als tollkühner Blockadebrecher bewährt. Immer wieder war er mit seinem rostigen MB 100 durchgekommen, hatte seinen Drogentransporter dann zielsicher auf die Tanzfläche gesteuert, mitten rein in den Pulk der Tanzenden, Ladeklappe auf und verkaufen, verschenken, verkaufen. Der Craver hatte alles im Angebot gehabt, von der gewöhnlichen grünen Haschplatte und Pillen aller Art bis hin zu erlesenen Delikatessen, wie jenem brasilianischen Zauberpilz, von dem der Quex nunmehr zu schwärmen begann.
Aber dann war es aus gewesen mit des Cravers draufgängerischer Herrlichkeit. Längst hatte der sich selbst total abgeschossen mit den Substanzen, die er beim Verkaufen auch reichlich konsumiert hatte, war verrannt in den Trip von der eigenen Unbesiegbarkeit und blind für den massiven Fahndungsdruck, der auf ihn zielte. Bei einem Goa-Festival auf der Insel Fehmarn war er schließlich in die Falle gegangen, mit Karacho und mit Ansage. Es war das vorhersehbare und etwas unrühmliche Ende einer großen Dealer-Karriere gewesen – und der Beginn eines langjährigen Knastaufenthalts.
»Das ist halt der Unterschied, KQ, weißt Du? Im Gegensatz zum Craver hab’ ich gerade noch die Kurve gekriegt. Die hatten mich ja auch schon fast am Haken. Aber ich hab’ eben vor diesem letzten, großen Rave, der einen in den Abgrund reißt, da hab ich die Biege gemacht, rechtzeitig!«
»Du?«, gab der Kanarienquex dem verdutzten Rischke zurück: »Du ein Typ wie der Craver? Im Leben nicht!«
Der Quex hatte das zu seinem eigenen Befremden mit einem Unterton unversöhnlicher Verachtung herausgebracht.
Jonathan Rischke fühlte sich unendlich einsam jetzt. Wie erstarrt saß er im Strandkorb und schaute minutenlang hinüber zum Fernsehturm. Dann wandelte sich seine Verletztheit in eine Welle sexueller Aggression. Rischke hatte den Impuls, einfach seine Badehose, die allen Ernstes 300 Euro gekostet hatte, abzustreifen. Vor seinem inneren Auge schlenderte er cool wie Packeis zum Beckenrand, zog KQs hageren Körper halb aus dem Wasser, griff sich diesen blöden, blonden Schädel und fickte derb in das freche Maul.
Alles das jedoch unterließ Jonathan Rischke.
Die ersten Strahlen eines neuen Morgens erhellten das Sonnendeck des Soho-Clubs. Es wurde Zeit, sich jener ausführlichen Morgentoilette zu unterziehen, die Rischke nach Nächten wie dieser äußerlich instand setzte. Er würde das vitaminreiche Frühstück mit etwas Chemie würzen, um sich und seinen Mitarbeitern einen konzentrierten Arbeitstag zu ermöglichen.
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Erfolgreich und anerkannt(von ähnlichen Gestalten).
Macht ja Anerkennung aus.
ein echter Jugendthtriller. 😉
Man kann nie früh genug der Camorra beitreten, oder das ganze Buch lesen.