
Nach einer abenteuerlichen Flucht sind Fauna und der Quex endlich in Sicherheit. Dabei aber stoßen sie auf höchst ungewöhnliche Wesen unbekannter Herkunft.
Der Weg durch den Uferpark verlief parallel zum Fluss. Altes Stadtgemäuer begrenzte die Uferpromenade zum Wasser hin. Weiter vorne, erleuchtet von einer Straßenlaterne, war auf einer über den Fluss reichenden Aussichtsplattform eine Parkbank aufgestellt. Fauna stellte den Motor ab und ließ die Schwalbe ausrollen. Der Schwung reichte gerade bis zur anvisierten Bank.
»Warum ist der Motor aus?«, fragte KQ.
Als statt einer Antwort von Fauna das helle Klicken leerlaufender Fahrradgangschaltungen in sein rechtes Ohr drang, wandte er den Kopf herum: Zwei undefinierbare Objekte rollten mit ebenfalls auslaufendem Tempo im 90-Grad-Winkel auf dieselbe Bank zu.
Mit einem kleinen Ruck bremsten Fauna und die zwei anderen Gefährte ihre Restgeschwindigkeit ab und kamen im exakt gleichen Moment zum Stehen. Fünf Wesen, alle in gleichem Maße überrascht. Schweigen. Augen, die sich trafen. Gesichter, die sich erkannten. Frohes Kinderlächeln: Wesen von vollendeter Schönheit!
Das erste Gefährt schien auf den ersten Blick ein handelsübliches Fahrrad zu sein. Bei genauerem Hinsehen erkannte Fauna, dass die Räder durch seitliche Ledereinsätze geschützt waren und der Lenker mit metallenen Aufbauten bestückt war, deren Zweck nicht sofort ersichtlich war.
Das Wesen auf dem Rad schien ein Weibchen zu sein. »Ist der Blonde verletzt?«, fragte es.
Fauna hob die Achseln und sah sich nach KQ um.
»Du bist schön!«, sagte der Quex. Er war von der Schwalbe gestiegen und kniete vor einem der anderen zwei Wesen, welches sich in seinem Liegefahrrad aufgesetzt hatte. KQ streichelte dessen Hand. Eine Berührung von unendlicher Zärtlichkeit. »Du auch«, kicherte das Wesen, offenbar ein Männchen seiner Gattung.
Dessen Liegegefährt stellte eine äußerst bemerkenswerte Konstruktion dar. Am Vorderrad Pedale, darüber eine Lenkstange und ein Sattel. Zwischen zwei kleineren Hinterrädern war eine Sitzfläche aus Leder gespannt, worauf ein, wiederum weibliches Wesen hockte. Es hatte lange, schwarze Haare, darin blaue und rote Strähnen und allerlei eingeflochtenes Fadenzeugs. Dazu ein Nasenpiercing und die Ohren voller Kreolen. Die schwarze Kleidung erinnerte an das Outfit einer Dark-Wave-Hexe.
So versanken sie ineinander: Fauna, der Kanarienquex und diese drei eigenartigen Wesen mit ihren noch eigenartigeren Vehikeln.
Plötzlich, wie auf ein stilles Kommando hin, warfen alle Fünf die Köpfe zurück und öffneten die Münder. Es klang wie Wolfsgesang oder Unterwasseraufnahmen der Buckelwale. Kehlige Laute aus fünf Hälsen fügten sich mühelos zu einem harmonischen Klang von überirdischer Schönheit. Pfeifende Obertöne waren zu hören – dann brachen sie wiederum fast gleichzeitig ab und lachten alle miteinander auf, wie befreit.
»Ein Jahrtausende altes Begrüßungsritual«, dachte Donna Fauna bei sich.
KQ und der Typ im Liegerad waren weggetreten. Sie starrten einander in die Augen und schienen auf diese Weise zu kommunizieren. Nach einer Weile kamen sie wieder zu sich. Aus unerfindlichen Gründen hallten die Worte »Hast Du die Botschaft für den Schweizer?« durch KQs Gehirn, woraufhin er und sein Gegenüber sich erneut tief in die Augen schauten und sich, wie synchronisiert, langsam und bestätigend zunickten.
Fauna war mit der Situation überfordert. Von der wilden Flucht erschöpft, war sie von der Schwalbe gestiegen und hockte nun auf der Mauer über dem Fluss und beobachtete, was der Quex mit diesem Wesen trieb. Das Weibchen, das auf dem Ledersitz gehockt hatte, stand auf und kam an Fauna heran.
»Wie heißt Du?«, fragte Fauna. »Rafaela!«, kam es zurück.
»Ich bin Donna Fauna und das ist der Kanarienquex.«
»Fauna und der Quex!«, wiederholte das Wesen namens Rafaela mit versonnenem Blick. Fauna deutete zur gegenüberliegenden Flussseite, der sie und KQ gerade entronnen waren. »Ich mag die andere Seite auch nicht. Alles voller Menschen!«, sprach die andere. »Ich habe eigentlich mein ganzes Leben im Wald verbracht«, sagte das Wesen auf dem Liegerad.
»Wir wollen gerade was Essen«, sagte das Wesen auf dem ledergepanzerten Fahrrad: »Kommt Ihr mit?«
Die fünf bestiegen ihre allesamt recht ungewöhnlichen Fahrgelegenheiten. Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Nach hundert Metern erreichten sie einen asphaltierten Platz, von welchem aus Wege in verschiedene Richtungen abgingen. Die Kolonne löste sich auf und die drei Gefährte steuerten auf verschiedene Abfahrten aus diesem Kreisverkehr los. Als das bemerkt worden war, kam Gejohle auf, alle drei Fahrzeuge wendeten und fuhren wieder aufeinander zu. Sie kamen erneut, wie beim ersten Zusammentreffen, mit einem gleichzeitigen Ruck voreinander zum Stehen. Wieder trafen sich die Blicke, wieder lachten alle fröhlich auf. Dann setzten die Gefährte jeweils zurück und nahmen erneut Fahrt auf.
Ach, Shiva! Zerstörerische Kraft und Güte Deiner alles durchdringenden Energie! Unergründlich, die verschlungenen Pfade deines göttlichen Spiels!
»Nein! Nein! Mephistopheles! Nicht!«, flehte KQ nach vorne.
»Wir sehen uns!«, rief Fauna in die Nacht und die Schwalbe fuhr einsam davon.
»Du hirnverbrannte, sturköpfige, von allen Geistern verlassene Ego-Ratte! Also, ich meine: Das ist ja fantastisch!«
Das Weazel war hin- und hergerissen, als Fauna und KQ ihre Geschichte erzählt hatten. Einerseits war es außer sich vor Begeisterung über die sensationellen Nachrichten von der Entdeckung dieser schönen Wesen. Andererseits: Welche geistige Umnachtung hatte Fauna nur dazu gebracht, deren Einladung zum gemeinsamen Essen auszuschlagen?
Fauna war geknickt und konnte sich selbst nicht erklären, warum sie einfach davongefahren war. Sie wusste lediglich, dass die Entscheidung einer spontanen Regung entsprungen war, die sich aus Ego, Selbstsucht und anderen Niederungen ihres Charakters gespeist hatte. Dieses Wissen behielt sie zwar für sich, aber es drückte sie innerlich nieder.
Der Kanarienquex sagte nichts dazu. Fauna hatte ihm am gestrigen Abend mehrfach den Arsch gerettet und sich überhaupt rührend seiner angenommen. Es lag ihm fern, ihr Vorwürfe zu machen. Aber die traurige Sehnsucht in seinen Worten sprach Bände:
»Die waren so schön. Das waren die schönsten Menschen, die ich je gesehen habe.« »Wenn es Menschen waren!«, ging das Weazel dazwischen. Fauna stimmte zu: »Die sahen weitgehend aus wie Menschen. Aber die hatten einen merkwürdigen Glanz, alle drei. Irgendwas an denen war substantiell anders. Die waren so … bläulich!«
Sie spekulierten eine Weile, was es mit den Wesen auf sich haben könnte, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Auch über das weitere Vorgehen herrschte allgemeine Ratlosigkeit.
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