Zu Fuß durch das Ruhrgebiet

Trinkhalle in Holzwickede. Bild: J. Mattern

In drei Tagen will ich zu Fuß von Holzwickede nahe Dortmund nach Duisburg Marxloh. Möglichst durch die ärmeren Viertel, keine wirklichen Recherchen, keine Planung, keine Terminabsprachen im Vorfeld; eine Unterkunft versuche ich spontan aufzutun.  Tag eins

 

Das Frühstück besteht aus einem Espresso draußen vor der Bäckerei in Holzwickede; Frau Lange hat es mir über die Theke gereicht und mit ihrem polnischen Akzent erlaubt, nach dem Trinken zu zahlen, damit ich ihn heiß genießen kann. Aussicht habe ich auf einen kleinen weißen Kiosk mit der Aufschrift „Trinkhalle“, daneben ein blauer Plastik-Container.

„Ist das schon das Ruhrgebiet?“ frage ich einen Kunden mit hellblonden Haaren Ende Fünfzig im BVB-Trikot, als ich die eins Euro siebzig hinlege. Er bejaht dies freundlich mit einer sonoren Stimme.

Es kann losgehen.

In drei Tagen will ich zu Fuß von Holzwickede nahe Dortmund nach Duisburg Marxloh. Möglichst durch die ärmeren Viertel, keine wirklichen Recherchen, keine Planung, keine Terminabsprachen im Vorfeld; eine Unterkunft versuche ich spontan aufzutun.

Über die schwierigen Viertel wurde so viel geschrieben, ich will den Blick des Fußgängers wagen, der ab und an die Frage stellt: „Wie geht es?“

An der Straße, die aus Holzwickede herausführt, stehen gepflegte Mehrfamilienhäuser, es folgt eine ländliche Szenerie nach dem Ortsschild: Felder, ein kleiner Mähdrescher auf einer Anhöhe, darüber ein kreisender Bussard. Das erste Haus von Dortmund, Dortmund Sölden, ist eine spitzwinklige Villa in Weiß. Sie hat einen goldenen Türknauf und ein getäfeltes Garagentor, das in der Morgensonne leuchtet.

„Morgen“ grüßen die Bewohner freundlich, die mir entgegen kommen: Ich bin noch im Süden des Ruhrgebiets und will weiter nach Norden, wo die Armut sichtbar sein soll.

Der Weg dorthin führt unter der Betonbrücke der Bundesautobahn 1 hindurch über ein Feld mit Mais und Weizen; wie lange Fäden ziehen sich am grauer werdenden Sommerhimmel die Leitungen der Strommasten.

Von dem gepflegten Wohnviertel Dortmund Asseln mit einem altmodischen Laden für Spielzeugeisenbahnfreunde bewege ich mich nach Westen, ein riesiger Rewe und ein Logistikzentrum folgen, dann die Straßenbahnlinie, die zum Zentrum führt.

Vor einem italienischen Eiscafé unterhalten sich zwei beleibte Frauen: „hart“ höre ich heraus und „überleben“. Das Lokal ist leer. „Ja, es ist schlimm“ antwortet die Besitzerin auf die Frage nach der Dortmunder Nordstadt, dem berüchtigten Viertel. Ärger wäre es geworden, sie fahre nur noch mit Verriegelung im Auto durch. Das sei vor vier Jahren noch nicht so gewesen. Ich könne ruhig dort hingehen, allerdings nur bis Sonnenuntergang.

Die gebürtige Portugiesin scheint erleichtert, mit mir darüber sprechen zu können. Das Johannisbeereis, das ich bestellt habe, spendiert sie mir.

Im polnischen Supermarkt ist der Service anders, eine Angestellte schnauzt mich in ihrer Muttersprache an, ich solle gefälligst einen Einkaufskorb benutzen. Draußen beschimpft mich ein Mann, weil ich ihm als Nichtraucher keine Zigarette spendieren kann.

„Dortmund City“ mit seinen Einkaufspassagen wirkt nichtssagend. In der Nordstadt, die sich gleich anschließt, ist die Veränderung deutlich, hier wirken die vier- bis fünfstöckigen Mietshäuser allesamt grau und schmutzfarben. Ich spreche eine junge Blondine mit falschen Wimpern, Bomberjacke und Nasenring an, während ihr Freund im Alkoholladen einkauft. Sie würde hier nicht mehr abends unterwegs sein. Auch sie bezeichnet die Mallinckrodstraße und den Nordmarkt als besonders schlimm.

An der Kreuzung der Bornstraße mit der Mallinckrodstraße strömen Männer und Frauen in Uniform aus einem grauen Gebäude mit der Aufschrift „Ordnungsamt“. Alle scheinen nahe an der Pensionsgrenze, auch ihr Vorgesetzter Norbert Dahinten in Zivil, den sie mir zum Frage-Antwort-Spiel herbeischaffen, hat schlohweißes Haar.

Er sei erst vier Jahre hier und könne die Entwicklung des Brennpunkts nicht bewerten, meint er erstmals ausweichend. Seine Leute würden ein Sicherheitsgefühl vermitteln, sich aber vor allem um Verkehrsprobleme und Falschparken kümmern. Das Thema Bürgerrecht, das Recht einen Straftäter fest zu nehmen, scheint ihm nicht zu gefallen. „Wir versuchen, dies zu vermeiden. Mir ist wichtig, dass sie alle heil nach Hause kommen.“ Auch er sei nach Dienstschluss „sehr schnell weg“. Wer hier abends herumspazieren wollte, bräuchte ein „starkes Nervenkostüm“. Neben dem Nordmarkt, einem kleinen Park, wäre noch der Barsigplatz bekannt für den Drogenverkauf, das werde ich schon selbst sehen. „Viel Spaß beim Wandern“, schickt er mir hinterher.

Nach einem Kilometer Laufen, bemerke ich am Barsigplatz nicht so viele Klienten und Anbieter, das Rondell sieht in der Sonne um die Mittagszeit recht unspektakulär aus. Auffällig ist die starke Präsenz der BVB-Farben: Hauswände in Schwarz-Gelb, Fahnen an den Fenstern, an Leinen über der Straße, überall Aufkleber. Ein Gegenakzent?

Am Nordmarkt, auf dem Kinderspielplatz spielen kaum Kinder, die Parkbänke besetzen breitschultrige Männer. Rundherum vermittelt die Stadt auf besondere Weise Präsenz – vier Reinigungsfahrzeuge, in unterschiedlichster Größe, umkreisen spritzend und bürstend das Brennpunkt-Rechteck.

Viele Menschen aus Bulgarien und Rumänien sind zu sehen.

Auf einer Verkehrsinsel sitzt eine Gruppe Männer, sie essen aus Plastiktellern chinesisch und trinken und reden polnisch. Mit Flaschen von „Tyskie-Bier“ in der Hand meinen sie, dass es hier prima sei. Ein weit besser gekleideter Pole kommt dazu, der noch ein wenig mit einem Geschäftspartner via Smartphone diskutiert, auch er hält in der anderen Hand eine Bierflasche. Meine Gesprächsversuche versanden, sie wollen wohl unter sich sein.

Heike, Helferin in der Suppenküche in Dortmund Nordstadt. Bild: J. Mattern

„Suppenküche Kana“ steht über einer Holztür, ein paar Schritte weiter, immer noch in der Mallinckrodtstraße. Daneben ein „Nazis raus aus der Nordstadt“-Kleinplakat.

„Sie kommen zu spät, wir schließen“, meint eine Frau mit kurzen blonden Haaren, die aus der Großküche erscheint und mich mit meinem Rucksack für einen Bedürftigen hält. Essen werde hier zwischen 12 Uhr und 14 Uhr ausgeteilt.

„Es ist menschunwürdig, was hier geschieht“, meint die Leiterin, weit im Pensionsalter, die sich mit Hella vorstellt und nur noch mühsam gehen kann. Früher seien hier bis zu vierhundert Personen verköstigt worden, nun wären es hundertfünfzig, da sie wegen Corona draußen essen müssten. Dabei käme es zu Auseinandersetzungen. Seit dreißig Jahren arbeite der Verein, allein durch Spenden finanziert, um unabhängig zu bleiben.

„Es kommen nicht nur Wohnsitzlose, auch Studenten und Rentner.“ Und nach Anfrage: „Auch Nazis, wenn sie die Klappe halten.“ Die gebe es immer mehr. Niemand dürfe hier Weltanschauungen anderen aufdrängen, das gelte auch für die Freiwilligen. Ursprünglich war die Suppenküche mal eine evangelische Initiative.

Ich biege in eine Seitenstraße ab, hier gibt es viele kulinarische Angebote vor allem aus dem arabischen Kulturkreis.

Dort treffe ich eine der Helferinnen aus der Suppenküche auf der Straße, mit dem Vornamen Elisabeth. Die zierliche Rentnerin mit Kurzhaarschnitt raucht eine Mentholzigarette, schaut mir beim Erzählen immer direkt in die Augen. Man müsse sich eben für andere engagieren. Das Leben sei anstrengend gewesen, vierzig Jahre hatte sie als Hauptschullehrerin gewirkt, ihr könne auch darum nichts mehr etwas anhaben, ihr Sohn sei da ja viel ängstlicher. Der fahre gleich wieder weg, wenn er sie mal hierher chauffiere.

Dortmunds Nazihochburg, so die Medienberichte, sei in der Emscherstraße in Dorstfeld, wo schon mal die Reichsflagge gehisst werde; das liegt auf meinem Weg nach Westen. Die Verkäuferin des polnischen Ladens dort wurde schon oft von Journalisten befragt, sie reagiert auf meine Fragen gelassen. Nein, sie wusste und weiß nichts Negatives zu berichten. Sie habe keine Probleme mit den Rechtsradikalen meint sie und lächelt.

Vor Ort sind überall sind die Rollläden unten, bei Wohnhäusern, einer Kneipe und einer Werkstatt mit Verbotsschildern. Zwei Männer kommen mir entgegen, beide in Schwarz, einer trägt ein T-Shirt mit der US-Flagge und dem Weißkopfseeadler und führt einen deutschen Schäferhund mit. Dann bin ich wieder allein auf der Emscherstraße.

Dortmund wird wieder ländlicher. Ich laufe durch das „Hallerey Naturschutzgebiet“, links ein Wald, rechts eine verwachsene hohe Hecke, bis der Regen so stark wird und ich mich unter einem Baum unterstellen und schließlich den Poncho anziehen muss.

Nach dem Abstieg neben einer Brücke komme ich in einen westlichen Vorort von Dortmund, Jugendliche mit bunten Frisuren an der Bushaltestelle machen sich über meinem orangenen Umhang lustig. Der Regen lässt nicht nach, ich suche eine Unterkunft.

„Maske runter, damit ich Sie sehen kann“, meint der weißhaarige Wirt in seiner leeren Kneipe mit vielen BVB-Fahnen zu mir. Ein Teil seines Hemdes hängt aus der Hose. Ich habe rufen müssen, um ihn aus der Küche zu holen. Er fixiert mich für eine Weile, dann nickt er. Vierzig Euro will er sofort für das Zimmer, cash, trotz des EC-Klebebildchen vor dem Eingang, das etwas verblichen wirkt.

Ich muss noch das Bargeld aus einer Bank ziehen und lerne die Konkurrenz kennen – eine ältere Frau, die ein geblümtes Kleid mit tiefem Ausschnitt trägt und mir zum gleichen Preis ein Zimmer mit Etagendusche anbietet. Ich sage dankend nein, verspreche aber zum Essen zu kommen.  Dort bin ich der einzige im Speiseraum. Die Wirtin bringt mir Grüne Bohnen mit Bauch und Wurst, typisch westfälisch. „Junger Mann“ meint sie vorwurfsvoll, wenn ich irgendwelche Ansprüche stellen will.

„Junger Mann“ nennt sie auch den einzigen Hotel-Gast, einen gebückten Herrn weit über Siebzig, mit dem sie ein wenig plaudert und über dessen Besuchsmotiv sie später mit mir rätselt. Auch dass ich ihr Hotel nicht gewählt habe, beschäftigt sie. Seine Zimmer seien doch auf alt eingerichtet, so ihre rhetorische Frage zu meinem Wirt. Ich bejahe. „Ha, meine sind modern!“ Zwei Jahre wolle sie das noch machen. Früher, ja früher, da hätte sie mit ihrem Mann eine Kneipe im Zentrum, die habe schon um vier Uhr morgens aufgemacht. Sie hat genug von dem Gespräch, schickt mich um halb neun Uhr abends in den Regen und schließt ab.

Jens Mattern war im letzten Sommer im Ruhrgebiet unterwegs.

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2 Kommentare

  1. Eine Reportage wie man sie sich wünscht. Der Reporter schreibt auf, was er sieht.

    Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung. Wäre toll.

  2. Endlich mal ein Bericht in dem auch die einfachen Leute mal zu Wort kommen um von ihren Sorgen, Nöten und kleinen Freuden zu erzählen.

    Ein GROSSES DANKESCHON dafür an den Autor

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