Wladimir Sergijenko: Die Ukrainer wollen gewinnen, aber nicht alle wollen den Krieg

In der Ukraine herrscht tatsächlich Patriotismus, aber die Menschen sind beeinflusst durch Regierungspropaganda und die Männer dürfen nicht ausreisen. Neben der geschürten Erwartung, den Krieg zu gewinnen, herrscht Angst vor Kollaborateuren und ist Skepsis nicht zugelassen.

 

Wir sprechen heute einmal über die Ukraine. Es gab gerade eine neue Umfrage, nach der 84 % der Ukrainer sagen würden, dass sie für einen Frieden keine Gebiete hergeben würden. Ist die Stimmung in der Ukraine wirklich noch so, dass die Menschen hinter dem Krieg stehen, oder breitet sich nicht auch allmählich Müdigkeit aus?

 

Wladimir Sergijenko: Die Frage lautet immer, wo man die Umfrage gemacht hat. Ich schenke der Umfrage keinen Glauben, weil es einen riesigen Unterschied zwischen Regionen gibt, die beschossen werden oder die in der Nähe der Kämpfe sind, und solchen, in denen es ein ganz normales Leben gibt und nur einmal in zwei Wochen Raketen kommen. Für mich sieht das wie eine ukrainische Regierungsposition aus. Meine Skepsis kommt von einer Umfrage, die Donezk und Lugansk betraf. Gefragt wurde, ob die Ukrainer bereit sind, diese Gebiete abzugeben.

Vor dem Krieg?

Wladimir Sergijenko: Ja. In der Westukraine hat man den Frieden geschätzt. Man hat sich nicht interessiert für diese Gebiete und gesagt:  Bitte sehr, geht weg von uns, lasst uns in Ruhe, wir gehen nach Europa, wir brauchen euch nicht. Aber die Regierungsposition war immer anders. Natürlich könnte sich die Meinung verändert haben. Nach meinen Gesprächen in letzter Zeit mit Ukrainern ist es natürlich so, dass jeder gewinnen will. Wenn du beispielsweise in einem Fanclub eines Fußballteams in der dritten Liga bist, dann weiß du, dass dein Klub jedes Mal verliert und nie in die zweite Liga und nie in die Champions League kommt. Aber du trägst diesen Schal, du springst auf, wenn dein Team ein Tor schießt, und du weißt ganz genau, dass wir nicht gewinnen, aber wir sind dabei, wir unterstützen unser Team, weil das unsere Heimat ist. Bei meinen letzten Gesprächen mit Ukrainern habe ich das so verstanden. Sie unterstützen in jedem Fall die eigene Regierung, die eigene Position, die eigene Heimat. Aber sie wollen Frieden. Sie scheißen auf die Position, dass der Krieg erst nach der Eroberung der Krim enden soll. Das ist einfach Blödsinn, ich glaube es nicht.

Gestern hat mir jemand berichtet, dass er bei einem Spaziergang – es gibt Gebiete, wo kann man noch spazieren gehen kann – von Uniformierten aufgehalten wurde. Sie haben sich nicht vorgestellt und gefragt, warum er sich noch nicht freiwillig angemeldet hat, um an die Front zu gehen: Bist du angerufen worden? Verweigerst du die Wehrpflicht? Dann haben sie ihm sein Smartphone abgenommen und versucht, da reinzukommen. Dann sagten sie: Bitte entsperre es. Sie haben seine ganze WhatsApp- und  Facebook-Seiten und auch seine Mail angeschaut.

In Nikolajew sagte beispielsweise der amtierende Bürgermeister, weil die Russen die Stadt beschießen und Hinweise von Einwohnern erhalren, dass jeder, der einen Tipp gibt, wer prorussisch ist, 100 Dollar erhält. Dann will er die Stadt abschließen, so dass niemand mehr heraus- und hineinkommt. Es werden die Hinweise über die prorussischen Kollaborateure überprüft und es wird gedroht, wir finden euch.

Kannst du dir vorstellen, dass  dann Umfragen auch unter Bedingung der Anonymität wirklich funktionieren können? Für mich ist die Umfrage komisch. Es gibt Menschen, die sagen, dass niemals Gebiete hergegeben werden dürfen. Aber das sind niemals 84 Prozent. Es gibt Menschen, die Angst haben, dass die Sonderoperation zu einem richtigen Krieg wird, in dem Städte bombardiert werden, und dass die Russen Waffen haben, die sie noch nicht benutzt haben. Diese Angst ist da. Ich habe den Vergleich mit dem Fanclub gemacht. Die wollen unbedingt, dass die eigene Mannschaft gewinnt. Aber wenn sie tiefer nachdenken über den Krieg, dann wollen sie keinen Krieg. Sie wollen gewinnen, aber keinen Krieg. Das ist ein wichtiger Unterschied.

 

Man kennt ja nicht die Zahl der Opfer und Verluste, die es auf ukrainischer oder auf russischer Seite gegeben hat. Aber gibt es innerhalb der ukrainischen Bevölkerung ein gewisses Aufbegehren, dass man nicht weiter sterben will, also dass man nicht eingezogen und an die Front gehen will? Oder ist der Heroismus immer noch so groß?

 

Wladimir Sergijenko: Wenn die Ukraine das Gesetz zur Überquerung der Grenze so ändern wird, dass jeder, der will, das Land verlassen kann, dann wird man sehen können, wie das funktioniert mit dem Patriotismus und Heroismus. Zurzeit gibt es eine Sperre für Männer. Wenn man von Patriotismus ausgeht, müsste man den Männern nicht verbieten, die Grenze überschreiten. Ich habe letzte Woche viel mit Ukrainern gesprochen, auch mit Anwälten. Im Internet gibt es schon Angebote – das klingt wirklich erschreckend –  beispielsweise zur Vermittlung von Behinderten. Wenn eine Oma oder Opa behindert ist,  dann kann man einen Besuch bei polnischen oder deutschen Ärzten konstruieren. Der Behinderte muss in Begleitung kommen und diese Begleitung kostet etwas. So kann man sich legalisieren als Begleitung und dann ausreisen. Das kostet einfach Geld.  Es gibt auch Informationen, wo man für einen Grenzübertritt zahlt, wie viel gezahlt werden muss und so weiter.

Den Patriotismus darf man aber nicht unterschätzen. Es gibt Leid über Gestorbene, das Herz blutet bei den Angehörigen. Es gibt in der Ukraine wie woanders auch Propaganda, in der man gestorbene Kinder usw. zeigt. Und es gibt einen Hass in eine bestimmte Richtung. Aber wenn man darüber spricht, ob jemand wirklich bereit ist, zu kämpfen und das Leben zu riskieren, dann gibt es Reportagen, in denen die Menschen sagen, sie möchten nicht kämpfen, sie würden dem Tod ausgeliefert werden, wenn sie die Befehle ausführen würden. Das Gesetz, das den Männern verbietet, das Land zu verlassen, bedeutet, dass der Patriotismus unter der Kontrolle der Regierung steht. Wenn man die ganze Woche mit Menschen zu tun hat, die versuchen, das Land zu verlassen und dabei auf Tricks setzen, dann bedeutet das, dass es auch eine andere Meinung im Land gibt. Aber darüber spricht man nicht laut.

Im Gespräch ist auch eine Mobilisierung von Frauen. Dann dürften die auch das Land nicht verlassen. Man weiß nicht, ob das Gesetz kommt oder nicht. Das bringt Ängste mit sich. Die Frage ist auch, ob eine vierte Mobilisierung kommt, also dass alle eingezogen werden. Wer nicht schießen kann, kann zumindest kochen oder Gräben ausheben.

Manche Leute wie etwa der Präsidentenberater Arestovich äußern an einem Tag voll Hoffnung, dass die Ukrainer die besten sind und gewinnen werden, und am nächsten Tag, dass die Ukrainer diese oder jene Stadt von den Russen zurückerobert haben, über die er sich lächerlich macht, aber dann erklärt er, man müsse dies korrigieren. Auch der Geheimdienstchef und das Verteidigungsministerium sagen, dass man das korrigieren müsse. Man hat also gestern gelogen und sagt heute die Wahrheit.

In der Ukraine fragt man sich, ob Frieden überhaupt möglich ist. Das heißt, die Ukrainer sind im Inneren überzeugt, dass sie die Russen aufhalten können, wenn diese bestimmte Waffen nicht einsetzen. Aber ich kenne keine Diskussion darüber, was passiert, wenn die Russen die Hauptstadt bombardieren usw. Es wird nicht darüber diskutiert, was man machen wird, wenn dies oder jenes passiert.

 

Eine der treibenden Kräfte in der Ukraine sollen die Freiwilligenbataillone sein, die nationalistisch ausgerichtet sind und von Russland als Nazis bezeichnet werden. Weiß man denn, wie stark die eigentlich sind?

Wladimir Sergijenko: Ich kann dir nur sagen, was öffentlich mitgeteilt wurde, nämlich dass die Ukraine fast eine Million Menschen für die Armee stellen kann. Das wäre fast jeder Mann, der sich nicht versteckt. Man versucht auch, Kinder zu verstecken, die über 18 Jahre alt sind. Die Eltern sagen: Um Gottes willen, geh nicht raus. Zu der einen Million, die man offiziell stellen könnte, gehören vor allem die Einheiten der Territorialverteidigung. Man konnte diese patriotische Welle im Internet verfolgen. Sie war sehr stark. Als Land fühlte man sich bestraft für etwas, was man nicht gemacht hat. 85 Prozent der Ukrainer könnten die Meinung haben, dass sie unschuldig sind. Wir sprechen nicht über das internationale Recht und diese politischen Begriffe, sondern über das, was die Menschen fühlen. Sie haben Wut auf Russland und auf Putin, sie haben kein Verständnis für diesen Angriff. Sie wollen, dass die Ukraine nicht mehr bombardiert wird. Sie sind sauer auf Deutschland, USA, NATO und so, weil sie von allen verarscht wurden, besonders wenn die Hoffnung auf einen NATO-Beitritt geschürt wurde und dann Finnland und Schweden einen Blitzbeitritt erhielten oder fast einen Beitritt. Man fühlt sich verarscht, aber trotzdem werden die 85 Prozent realistisch sein. Aber wenn man die Menschen frägt, ob sie bereit sind, für diese Gefühle zu sterben, dann sind es sicher weniger.

Der Verlust der Gebiete war vor einer Woche kein Thema in der Ukraine, weil man davon sprach, dass man angreifen und die Russen zurückdrängen wird, dass man diesen Krieg gewinnen wird. Wenn man mit Ukrainern spricht, dann ist jeder über die Wut hinaus Analytiker oder Geheimdienstmitarbeiter  geworden. Sie sagen, wir bekommen jetzt Waffen, in einer Woche sind die Russen zurückgeschlagen. Die sind demotiviert und haben nicht solche Waffen. Soll man das glauben? Nein. Ich habe keine Ahnung, was dort vor Ort an der Front passiert. Es gibt diejenigen, die wirklich patriotisch sind, und diejenigen, die sagen: Scheiße!

Es gab Nachrichten, dass jetzt vermehrt Flüchtlinge aus dem Süden der Ukraine wieder in die russisch besetzten Gebiete nach Cherson etc. zurückfahren, weil sie offenbar in der Ukraine keine Arbeit finden oder einfach zu ihren Leuten zurückkehren wollen. Dadurch werden sie praktisch zu Kollaborateuren, könnte man aus der Sicht von Kiew sagen. Ist hier die Stimmung am Kippen? Oder ist das eine falsche Nachricht?

Wladimir Sergijenko: Das ist schwierig.. Ich kenne Ukrainer, deren Verwandtschaft in Mariupol gestorben ist. Die Stadt liegt in Ruinen. Man muss auch sagen, dass Regionen in Donezk unter ukrainischem Beschuss stehen. Da ist auch die Hölle los. Die Waffenlieferungen haben bewirkt, dass auch zivile Objekte wie Schulen oder Kindergärten beschossen werden. Was zuerst den Russen als Vorwurf gemacht wurde, machen jetzt auch die Ukrainer. Aber trotzdem gibt es den Moment, an dem die Menschen das Flüchtlingsleben satt haben und in die Heimat zurückkehren wollen. Die Russen haben genug Material gesammelt, um zu beweisen, dass mit dem Vorwurf, dass jemand Kollaborateur ist, sein Leben in Gefahr ist und es keine faire Verhandlung gibt.

Ich kann dir ein Beispiel geben:  Eine Frau wurde verhaftet, weil sie Informationen gesammelt hat, die die Russen für einen UN-Bericht genutzt haben. Man hat ihr vorgeworfen, dass sie die Informationen auf Bestellung der russischen Geheimdienste gesammelt habe. Sie wurde also festgenommen, obwohl sie nicht mit den Russen kollaboriert hat. Sie ist eine alte Dame und sitzt zurzeit im Knast. Ich verstehe, das Land ist im Krieg, aber wenn es tatsächlich Rechtsbrüche gibt und die Frau als Anwältin darüber berichtet hat, dann würde ich gerne den Fall prüfen, ob das wirklich wahr ist. Dieser Fall bedeutet, dass man das Sammeln und Weitergeben von Information verbietet, wenn es Rechtsverletzungen gegeben hat. Ist die Ukraine also ein Rechtsstaat?

Menschen haben wirklich Angst, dass man sie als Kollaborateure einstuft. Es gibt so viele Videos und Drohungen, dass man alle findet. Man darf nicht vergessen, dass man schnell in den von Russland besetzten Gebieten zum Kollaborateur wird. Da gibt es beispielsweise ein kleines Dorf, dessen Bürgermeister sagt, er sei alt und  nicht geeignet für den Partisanenkrieg. Ihn interessiere, dass es hier Strom, sauberes Wasser usw. gibt. Er bleibe in seiner Stadt. Und dann explodiert sein Auto und er wird dabei getötet, weil er als Kollaborateur eingestuft wurde. Solche Fälle gibt es schon. Ist das Terrorismus, ist das ein normales Mittel im Krieg?

Wenn im Volk die Stimmung ist, dass man ihn als Kollaborateur umgebracht hat, dann nutzen das natürlich die Russen und sagen, das sei kein Krieg, sondern Terrorismus. Die Ukrainer töten Kollaborateure.  Es gibt kein Gesetz in der Ukraine, das die Vernichtung von Kollaborateuren genehmigt. Die Drohungen sind aber ständig da und es wird Propaganda auf Telegram oder YouTube gemacht, dass die Getöteten den richtigen Platz im Himmel erhalten haben. Das ist kein Rechtsstaat.

Ist denn auch Angst in der Ukraine selbst und nicht nur in den besetzten Gebieten verbreitet?

Wladimir Sergijenko: Ja,  in der Ukraine. Es gibt natürlich Menschen, die lesen russische, amerikanische und auch ukrainische Nachrichten. Sie versuchen, so wenig wie möglich sich zu äußern, weil sie Angst haben, als nächstes dran zu sein. Dann könnte es geschehen, dass man an die Front als „Freiwilliger“ geschickt wird.

Natürlich muss im Kriegszustand die Bevölkerung mobilisiert werden. Aber wenn man  über Exekutionen spricht, die nicht legal sind, dann sprechen wir über einen Terrorismus. Aber wenn in den Medien und im Internet gejubelt wird, dann ist das eine Stimmung, dass die Leute lieber schweigen. Und dann kommen wir zum Anfang unseres Gespräches über diese 84 Prozent, die dafür gestimmt haben, ob Gebiete abgetreten werden sollen oder nicht. Der Patriotismus ist vorhanden, aber sie wollen nicht den Krieg. Aber der Staat hat es geschafft, Angstgefühle in der Bevölkerung zu wecken. Das bedeutet, man kann Patriot sein, aber gleichzeitig Angst haben, skeptisch zu sein. Und noch schlimmer sind die ständigen Drohungen wie vom Bürgermeister von Nikolajew, dass eine Stadt abgesperrt und von Kollaborateuren gesäubert wird.

Ich habe Verständnis für die Leute, die in die besetzten Gebiete zurückkehren. Wenn man mit Flüchtlingen von der Ostukraine spricht, die in die Westukraine gekommen und nicht nach Europa gegangen sind, dann haben die keinen Job mehr und können keine Arbeit finden. Irgendwann hat man kein Geld mehr und dann überlegt man, wieder zurück zum eigenen Haus zu gehen, das vielleicht auch beschädigt ist. Man muss auch verstehen, dass es diesen Leute manchmal scheißegal ist, weil sie auch mit Russen klar kommen können.

Aber  wenn die Stimmung so ist, dass die Ukraine siegen wird, Selenskij verspricht ja gerne, dass man zurückkommen wird, geht dann mit diesem Versprechen Angst bei diejenigen einher, die unter der russischen Besatzung leben, dass sie dann verfolgt werden könnten? Ist das also auch eine Drohung?

Wladimir Sergijenko: Eigentlich ja, das ist eine Drohung. Das patriotische Gefühl ist unter den Ukrainern vorhanden, aber es gibt einen riesigen Unterschied, ob man als Ukrainer in einem Gebiet lebt, in dem Krieg herrscht, oder in einem Gebiet, wo vielleicht einmal oder zweimal in der Woche eine Rakete vorbeifliegt. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen den Menschen, die unter der Besatzung leben und denen, die nicht unter Besatzung leben. Wer zurückkehren will,  hat nicht Lust, darüber zu sprechen. Das sind nicht viele Leute. In der Bevölkerung gibt es ein  Verständnis für die Selenskij-Aufrufe. Sie glauben ihm, wenn er sagt, dass die Krim zurückerobert wird. Das heißt, jeder ist ein Analytiker mit patriotischem Gefühl. Aber öffentliche Skepsis ist verboten.

Wenn man einen direkten Kontakt mit einem Bürgermeister eines aus ukrainischer Sicht besetzten Ortes in der Region Donezk hat, dann beschießen die Ukrainer jetzt diese Orte jeden Tag mit deutschen Haubitzen. Vor den Waffenlieferungen sagen sie dort,  seien sie einmal in der Woche beschossen worden, aber jetzte geschehe dies jede Stunde, manchmal pro Stunde fünf, sechs Mal. Es sind Kinder in einer Schule gestorben. Ich habe gehört, dass dieser Beschuss von ukrainischer Seite viel stärker geworden ist, aber keinen Vorteil im Krieg bringt. Erreicht wurde aber , eine Angst zu erzeugen, in Donezk auf der Straße zu gehen.  Das ist etwas Neues. Ich weiß nicht, wie Russland darauf reagieren wird. Es gibt eine Wut darüber, wieso die Russen so langsam reagieren auf diese neue Lieferung von Haubitzen.

Die zwei Seiten bereiten einen militärischen Zusammenstoß vor. Man weiß nicht, wo das passiert, aber beispielsweise hat die ukrainische Seite bestätigt, dass ein Elektrizitätswerk beschossen wurde. Die Ukraine führt derzeit auch auf andere Weise Krieg. Es werden Objekte, die für das für zivile Leben wichtig sind, wie die Kanalisation, Abwasser, Wasseraufbereitung, Wasserkanäle, Elektrizitätswerke, Krankenhäuser etc. beschossen. Die Ukrainer führen mit den neuen Waffen einen ganz anderen Krieg. Wenn man mit Ukrainern aus dem Westen spricht, dann ist das für sie gut. Die Zivilbevölkerung soll mehr Angst bekommen, dann wird sie mehr Druck auf Moskau ausüben und dann wird der Krieg vorbei sein. Es gibt eine Freude, dass endlich wichtige zivile Infrastruktur in der Ostukraine bombardiert wird.

Ich habe keine offizielle Diskussion mitbekommen, aber das könnte zu einer nächsten Fluchtwelle führen. Die Bewohner erwarten, dass der Angriff bald beendet sein wird oder dass es zu einer neuen Eskalation kommt. In der Bevölkerung herrscht das Gefühl vor, dass die Eskalation bald kommt.

Die meisten Ukrainer glauben, dass sie den Krieg locker gewinnen. Es gibt eine enorme Propaganda von der Regierung, das ist eine offizielle Position. Die Hoffnung ist da in der ukrainischen Gesellschaft. Aber es gibt auch die Angst vor den Kollaborateuren und Oppositionellen. Niemand weiß, wo diese Menschen sind. Es gibt keinen Kontakt mehr mit den offiziellen Oppositionellen, die „prorussisch“ waren. Die sitzen in einem Bunker, die sind geflohen, keine Ahnung. Aber das Schweigen im Informationsraum bedeutet wahrscheinlich, dass sie im Gefängnis sind. Das sind patriotisch begründete Maßnahmen, die nicht legal sind. Und das bedeutet auch Ermordung von Kollaborateuren in den vom Feind besetzten Gebiet.

Es gibt Leute, die haben Angst und sind gleichzeitig total patriotisch. Natürlich gibt es Leute, die Angst haben zu sprechen. Es gibt Leute, die zu fliehen versuchen. Mir tun diese Menschen leid, die nicht am Krieg teilnehmen wollen. Die ständige patriotische Begründung für Gesetzlosigkeit ist das, was in der Ukraine zur Zeit wirklich stattfindet. Es herrscht eine Mischung zwischen Gestapo und KZ. Ich habe das schon von offizieller Stelle gehört, aber auch im Internet mitbekommen, dass man davon spricht, die Russen gefangen zu nehmen und sie dann in ein KZ zu sperren. Die meisten Ukrainer haben Verständnis für das Regierungsvorgehen. Wenn man von einem mehrjährigen Krieg oder einen Krieg spricht, in dem um jeden Meter gekämpft wird, dann ist die ukrainische Position, dass mehr Menschen sterben werden, aber man die ganze Ukraine erobern und die besetzten Gebiete befreien wird. In meinem privaten Umkreis – und ich habe enorm viele Gespräche -, glauben 50 Prozent der Ukrainer das und 50 Prozent sagen: Um Gottes willen.

Der Publizist und Soziologe Wladimir Wladimirowitsch Sergijenko wurde 1971 im westukrainischen Lwiw geboren. Seit 1991 lebt er in Deutschland. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Anthologien mit Poesie und Erzählungen. In Deutschland ist 2013 sein Buch „Russisch fluchen“ erschienen (Eulenspiegel Verlag). In Russland und im russischsprachigen Europa ist er insbesondere aufgrund seiner Radiosendung „Eurozone“ bekannt, die mehrmals wöchentlich im staatlichen Radio „Vesti FM“ läuft.

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9 Kommentare

  1. Sehr guter Beitrag. So dürften auch die Deutschen unter den Nazis gelebt und gedacht haben. Die Methoden sind ja auch weitgehend die selben.

    1. Die Stimmung wird ähnlich gewesen sein. Diejenigen, die in den Verdacht geraten, die Russen zu unterstützen, müssen wirklich Angst haben. Die Ukrainer sind nämlich so, wie sie behaupten, dass die Russen es seien.
      Die meisten wollen keinen Krieg und wenn sie nicht aus der Nähe der umkämpften Gebiete kommen, sind ihnen diese Gebiete wahrscheinlich herzlich egal, Hauptsache es gibt endlich Frieden. Nur Selenskyi -man fragt sich, was der einwirft – faselt vom Endsieg, ebenso wie sein wahnsinniger Berater. Man fragt sich in der Tat, wer dahinter steht. Die Briten heizen das an, wahrscheinlich sind auch andere, deren Oligarchen in der Ukraine investiert haben, nicht untätig. Die unsägliche Victoria Nuland beispielsweise. Und auch bei uns gibt es ja eine Marieluise Beck, eine Rebecca Harms, einen Ralf Fücks und eine Annalena Baerbock. Allen ist gemeinsam, dass sie diesen Krieg wollen. Bis zum letzten Ukrainer. Unbelehrbar. Mit gefaketer Empathie. Nicht zu fassen. Was wäre denn, wenn deren eigene Kinder in den Krieg müssten?

  2. Ein bissiges Interview, dank an den unermüdlichen arbeitenden Herr Rötzer
    und Herr Sergijenko.
    Würde eine solche Umfrage in D (oder EU) auch solche Ergebnisse erhalten?
    Denn die Propaganda ist die gleiche.
    Ich frage mich des öfteren, welcher Machtkampf wird im Hintergrund geführt?
    Ist es möglich das das ein rein westlicher innen Machtkampf ist? Denn die politischen Akteure ganz sicher nicht, diese sind Sprachrohre ihrer Führer. Vor Jahren wurde geschrieben, ihr geht arbeiten während wir unseren Streit behandeln.
    Aber seit Corona und der extremen Sanktionen, gehen bald tausende wenn nicht millionenfach keiner mehr arbeiten. Die Rezession ist da und sehr viele werden bald enteignet, das ganze soziale System wird sanglos klanglos verschwinden…

  3. Leider lesen die für diesen andauernden Krieg verantwortlichen Politiker diesen Artikel nicht bzw. bekommen den von ihren Claquen nicht vorgelegt.
    Spätesten nachdem die ukrainischen Machthaber dazu übergegangen sind die eigene Bevölkerung zu maletrieren, muss was passieren. Wo und wie soll das enden?
    Ein Friedensschluss ist von den Kriegsparteien nicht zu erwarten und m. E.. unmöglich.
    Wenn das Herr Scholz u.a. an eine Vereinbarung zwischen Konfliktparteien glauben, sollten sie nochmals den Geschichtsunterricht 4./5. Schuljahr besuchen. Dort wurde zu meiner Zeit die „Dolchstoß-Legende“ behandelt.
    Es sollte unserer Führungsmacht den ersten Schritt zu tun. Leider werden die dortigen Missionare und die diese antreibenden Großunternehmen und Banker keine Ruhe geben.
    Wir sollten wenigstens androhen die Militärhilfe zu stoppen, falls die praktizierten Gestapo-Methoden und die Beschießung der eigenen Bevölkerung nicht aufhören. Wenn uns dann die Führungsmacht plus ihrem Anhängsel ( dem ehemaligen Empire) eine Rüge erteilt und uns zur Ordnung ruft, können wir unsere Hände in Unschuld waschen. Vor allem könnte dann der hiesigen Bevölkerung angezeigt werden, wer die „Hosen“ an hat und das wir keine andere Wahl haben.
    Leider ist auch vom derzeitigen Oberfranzosen und vom Bundeskanzler keine derartige Initiative zu erwarten. Seit dem Besuch bei Putin schmollen die beiden Helden.
    Die Briten im Besonderen, sowie die übrigen Westeuropäer sollten sich den Untergang von Kartago in Erinnerung rufen: „nach dem 3. Krieg war es nicht mehr Auffindbar.“

  4. Ich lese dies als Stimmungsbericht über den Fleck ‚Ukraine‘, wobei ich nicht weiß, ob der Autor vor Ort war. Das dortige Oligarchen-TV ist meines Erachtens vergleichbar mit dem Westfernsehen für die DDR-Bürger. Früher lebten die deutschen Patrioten vorwiegend in der DDR. Wenn jetzt von Patrioten in der Ukraine die Rede ist, bezieht sich dies wohl auf die Zurückgebliebenen abzüglich der beiden Volksrepubliken und der Krim.

    Heute ist Deutschland so etwas wie eine Gesamt-DDR, Plattenbauten wohin man blickt. Auf dem Fleck ‚Ukraine‘, Ost-West-Ausdehnung ca. 1300 km, leben bzw. lebten vorwiegend Russen und sogenannte Ukrainer.

    Ukrainer ist, wer vom Einwohnermeldeamt einen entsprechend ausgestellten Pass hat. Sich mit seiner Identität zu befassen, habe ich in einem Interview von Frau Baysha gelesen, haben Ukrainer aufgrund wirtschaftlicher Not keine Zeit.

    Trotz der Gefahr, als Kollaborateur angesehen zu werden, und trotz der vielfältigen wirtschaftlichen, kriegerischen und sozialen Nöte, kann es den Ukrainern aber nicht entgehen, dass wohl nur die Altersjahrgänge über 65 wachsen und immer mehr Bauern John Deere heißen.

  5. Die Interviews mit Wladimir Wladimirowitsch Sergijenko bringen ein anderes Licht auf die Vorgänge in der Ukraine und zwar ein sehr realistisches, wie ich meine. Die Glaubwürdigkeit von Sergijenko hat mich beeindruckt, als er sagte “ Nein, so denkt nicht Putin, die Russen denken so, – es sind die Russen im Krieg und nicht nur Putin.“(nach meiner Erinnerung).
    Im Gegensatz dazu steht die US-Terminologie von SADDAM, KIM, PUTIN…, wo alles auf einen einzigen Schurken, wie im Comic, zurückgeführt wird.
    Die junge Welt meldete übrigens, dass es ein geheimes Dekret von Selenskij gibt wonach sein ehemaliger Ziehvater, der Oligarch Igor Kolomoiskij, ausgebürgert werden soll. Das klingt wie: “ keine Gefangene…“.

  6. The Nation brachte am 28.7. einen Kommentar zur Frage diplomatischer Lösung des Krieges, dessen Sichtweise an sich nicht neu ist: Der externe Autor Rajan Menon, City College NY, beschreibt darin den Status Quo und leugnet jede Verantwortung des Westens für die Entstehungsgeschichte des Konflikts. Das sind olle Kamellen mittlerweile. Eine Sicht die man haben kann, aber wie man es dreht und wendet Vieles ignoriert, was einen westlichen Einfluss beweist (aber seiner Argumentation gelegen kommt):
    https://www.thenation.com/article/world/russia-ukraine-negotiations/

    Interessanter ist ein Leserkommentar, den ich hier komplett zitiere, er betrifft auch die Glaubwürdigkeit der Umfrage, derzufolge 89% der Ukrainer an einen Sieg glauben, siehe Sergijenko oben:

    „(…)Dave Clennon says:
    July 30, 2022 at 5:19 pm

    Menon’s policy advice depends heavily on his citation of a poll surveying Ukrainian public opinion:

    “In a June poll conducted by the University of Chicago, 89 percent of Ukrainians opposed conceding territory to Russia in exchange for an to end the war. Sixty-six percent said that it was ‚extremely likely‘ or ‚very likely‘ that their army would force Russia to retreat to the pre–February 24 lines. And more than half believed that Russia would even be expelled from Crimea and the parts of Donbas it occupied in 2014.”

    If you link to the actual poll results, you find that the poll was NOT conducted by the University of Chicago. It was conducted by a company which goes by the name of “NORC.” To give itself greater credibility, the company bills itself as “NORC at the University of Chicago.” Furthermore, NORC, itself, did NOT conduct the poll. NORC admits that it employed a sub-contractor — “Data were collected in Ukraine by the local agency Info Sapiens.”

    Menon emphasizes that a very large majority of the 1,005 cell-phone respondents support Zelensky’s government and that they expect, and want, Russia to be completely expelled.

    What result did Menon expect? Ukraine is in the middle of a civil war that began in 2014. Russia has intervened militarily in the civil war. Zelensky’s government has cracked down, with extremely harsh measures, on opposition political parties and dissenting individuals. Is it surprising to Menon that a large majority of poll respondents, speaking on Ukrainian cell-phone services, would be reluctant to criticize the Ukrainian government?

    Just today (7/30/22), the Los Angeles Times published a front-page story, “Ukraine hunts enemy within.”

    The Times published the story, online, two days earlier, with a different title:
    “How to punish wartime collaborators …”

    https://www.latimes.com/world-nation/story/2022-07-28/how-to-punish-wartime-collaborators-ukraine-tries-to-chart-a-course

    Menon should read the LATimes article. Then he should reflect on how HE, if he were a Ukrainian, would answer a pollster’s questions about the present & future course of the war. (…)“

  7. Kommentar auf THE NATION vom 28.7., konventionelle Sichtweise zum Status Quo:

    https://www.thenation.com/article/world/russia-ukraine-negotiations/

    Rayan Menon vom City College NY argumentiert, für mich nicht überzeugend, dass es keinen Frieden geben werde, weil der Westen keinen Einfluss auf Kiew ausübe. Das Gegenteil ist doch eher der Fall.

    Inzwischen olle Kamelle: die Behauptung, der Krieg sei zustandekommen ohne Zutun unserer Seite. Das kann man gerne schreiben, aber gewisse historische Tatsachen lassen sich nicht mehr ändern.

    Interessanter ein Leserkommentar dazu. Der Betreffende äußert Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Umfrage, und den 89% Ukrainern, die gegen Friedensschließung seien, siehe ebenso Sergijenko oben.

    Ich zitiere hier den kompletten Beitrag:

    „(…)Dave Clennon says:
    July 30, 2022 at 5:19 pm

    Menon’s policy advice depends heavily on his citation of a poll surveying Ukrainian public opinion:

    “In a June poll conducted by the University of Chicago, 89 percent of Ukrainians opposed conceding territory to Russia in exchange for an to end the war. Sixty-six percent said that it was ‚extremely likely‘ or ‚very likely‘ that their army would force Russia to retreat to the pre–February 24 lines. And more than half believed that Russia would even be expelled from Crimea and the parts of Donbas it occupied in 2014.”

    If you link to the actual poll results, you find that the poll was NOT conducted by the University of Chicago. It was conducted by a company which goes by the name of “NORC.” To give itself greater credibility, the company bills itself as “NORC at the University of Chicago.” Furthermore, NORC, itself, did NOT conduct the poll. NORC admits that it employed a sub-contractor — “Data were collected in Ukraine by the local agency Info Sapiens.”

    Menon emphasizes that a very large majority of the 1,005 cell-phone respondents support Zelensky’s government and that they expect, and want, Russia to be completely expelled.

    What result did Menon expect? Ukraine is in the middle of a civil war that began in 2014. Russia has intervened militarily in the civil war. Zelensky’s government has cracked down, with extremely harsh measures, on opposition political parties and dissenting individuals. Is it surprising to Menon that a large majority of poll respondents, speaking on Ukrainian cell-phone services, would be reluctant to criticize the Ukrainian government?

    Just today (7/30/22), the Los Angeles Times published a front-page story, “Ukraine hunts enemy within.”

    The Times published the story, online, two days earlier, with a different title:
    “How to punish wartime collaborators …”

    https://www.latimes.com/world-nation/story/2022-07-28/how-to-punish-wartime-collaborators-ukraine-tries-to-chart-a-course

    Menon should read the LATimes article. Then he should reflect on how HE, if he were a Ukrainian, would answer a pollster’s questions about the present & future course of the war. (…)“

  8. lieber Moderator, ggf. bitte meinen 2. Kommentar mit THE NATION löschen. Ist eine Wiederholung des vorherigen (ich kenne das neue Kommentarsystem noch nicht.)
    Danke

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