„Wir sind hier offen“

Ehemalige Zechensiedlung in Duisburg Marxloh. Bild: Jens Mattern

Zu Fuß durch das Ruhrgebiet – 3. und letzter Tag

In drei Tagen gehe ich zu Fuß von Holzwickede nahe Dortmund nach Duisburg Marxloh. Möglichst durch die ärmeren Viertel, keine wirklichen Recherchen, keine Planung, keine Terminabsprachen im Vorfeld; eine Unterkunft versuche ich spontan aufzutun.

Teil 1: Zu Fuß durch das Ruhrgebiet

Teil 2: „Hier wählen alle AfD“

Im östlichen Essen laufe ich auf der Zollvereinstraße an gepflegteren Wohnhäusern vorbei. Das folgende Viertel Altenessen wirkt mehr herunter gekommen. Vor einer Bäckerei steht eine etwas besser gekleidete Frau im Pensionsalter in der Schlange an. „Es geht zurück“, meint sie. Die Stadt würde hier hin besonders viele Flüchtlinge schicken. Auch vor der besseren Wohnsiedlung, wo sie zu Hause sei, machten sie Radau. Sie fühle sich nicht mehr sicher. Die SPD mache nichts, um die Lebensqualität in dem Viertel zu verbessern. Was sie wählt, will sie mir nicht verraten.

Von dem Chef der SPD-Ortsgruppe Altenessen ist keine Telefonnummer, nur eine Adresse im Internet verzeichnet. Ich entscheide mich für einen Umweg und einen spontanen Besuch. Ich finde ein Reihenhaus im Norden des Viertels. Das sei rein privat hier, der Betreffende noch in der Arbeit, so die Nachbarn, ein Ehepaar Anfang vierzig, welches zur Haustüre heraus kommt. Hier lebe es sich sehr gut, wie die allgemeine Entwicklung im restlichen Altenessen sei, wüssten sie nicht. Davon bekämen sie nichts mit. „Einen schönen Tag noch!“ beendet der Ehemann die Konversation, beide steigen in ihren französischen Mittelklassewagen und fahren davon.

Ein langer Fahrrad- und Fußgängerweg zieht sich entlang der B 224. Riesige Schutthalden verschlucken ganze Straßen, die auf der Karte noch verzeichnet sind, hinter ihnen sind still gelegte Zechen sichtbar. Das Zentrum von Essen-Altendorf ist wieder eine Kebab-Meile, wo auch eine „gutbürgerliche“ Metzgerei viel Kundschaft hat und etwas zu sehnige Landjäger verkauft. Zwei hochgewachsene polnische Frisörinnen rauchen davor lasziv ihre Mentholzigaretten.

Durch eine Schrebergartensiedlung führt ein Fahrradwanderweg parallel zur Fintroper Straße, der Hauptverkehrsroute nach Westen.  Etwa fünf Kilometer lang ist Wohlstand sind zu sehen, manifestiert durch Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, gepflegte Gärten und Nachbarn, die sich mit nicht zu lauter Stimme auf dem Gehweg unterhalten.

Schließlich Oberhausen, auch dieser Ort wirkt besser gestellt. In einem türkischen Imbiss versteht der Besitzer mit seiner zuvorkommenden Art in beiden Sprachen auf die Gäste einzugehen.

Die Ruhr ist ein begradigter Fluss eingerahmt von Laubbäumen, den ich auf einer Brücke mit Fußgängerstreifen überquere; danach folgt das Duisburg-Ortsschild vor einem kleinen Gewerbegebiet. Im Stadtteil Neumühl beginnt schließlich die Duisburger Straße, die nach Marxloh führt. Dort, an einer Ampel, verabschieden sich drei Frauen, eine in der Burka, zwei mit offenen Haaren.

Davon geht Sirin, eine alevitische Kurdin, in meine Richtung und auf meine Fragen ein. Die beleibte junge Frau bietet mir sogar mütterlich Fladenbrot an, nachdem ich ihr erzählt habe, dass ich durch das Ruhrgebiet wandere und die von ihr empfohlene Straßenbahn nicht brauche.

Sie wohnt in Hamborn, das gleich folgt und lobt Marxloh – „überhaupt nicht gefährlich“, da gebe es Brautschauen, die die Leute von überall her anziehen. Sie kenne sogar zwei Mädchen aus den Libanesenclans, die wären „voll okay“.

Überall träfe man doch auf schlechte Menschen, die Rumänen und Bulgaren seien eben etwas lauter, etwas temperamentvoller. Es gebe allerdings oft Streit unter den Libanesen, wie ihre Freundinnen erzählen. Für mich sei es dort jedoch vollkommen ungefährlich.

In einer Bank von Hamborn berichtet mir ein junger großgewachsener Wachmann, dass er schon heute beinahe eine Schlägerei gehabt habe, da sich jemand die Maske nicht habe anziehen wollen. Ein junger Mann mit schmalen Gesicht und Hoodie daneben mischt sich ein und meint, dass er hier kürzlich überfallen worden sei. Die Gegend sei eben unruhig.

Brautmoden in Marxloh. Bild: Jens Mattern

Marxloh: Viele Männer stehen hier draußen zum Palaver herum, es gibt jede Menge orientalisch aussehende Menschen, Frauen ganz verschleiert, aber auch provokativ sexy. In den Schaufenstern sind exklusiv aussehende Brautkleider ausgestellt, auf dem Gehsteig davor liegt der Müll.

Zwei Hotels liegen in einer Seitenstraße mit rußig aussehenden Zechenhäusern, eines ist bereits ausgebucht. Vor dem zweiten steht ein schwarzer Mercedes, auf dem zwei Männer ihre Energiedrinkdosen abgestellt haben. Wieder die große Leere innen. Vor allem Arbeiter für das nahe Krupp-Werk steigen hier ab, meint der Sohn des Pächters. „Wir sind hier offen“, sagt der junge Mann verteidigend zu seinem Viertel, will aber sonst nicht zitiert werden. Hier stiegen oft Monteure für das nahe Stahlwerk ab.

Schild gegen das Müllwegwerfen in Marxloh. Bild: Jens Mattern

Von meinem Hotelzimmer habe ich einen Blick auf die Gärten der Zechensiedlung. Ein älterer türkischer Herr macht sich in seinem Grün zu schaffen und schaut zu mir herauf.

Ich mache einen Spaziergang. Aus dem Fenster-Kiosk warnt mich die Verkäuferin vor einer Straße. Dort dürfe ich in die Jugendgruppe, die sich dort immer aufhalte, auf keinen Fall hineinlaufen. Sie selbst verschwinde hier gleich nach Dienstschluss. Sie ist stark übergewichtig, wie die meisten Deutschen hier.

Ich schlendere durch die Schreber-Kolonie mit deutschen und türkischen Fahnen, hier scheint kaum Leben zu sein.

Wieder zurück auf der Weserstraße, der Verkehrsader des Viertels, ein Van hält vor mir. Ein dicker Mann, der Fahrer schiebt sich heraus, hilft einer dicken Frau und ihrem Sohn beim Aussteigen. Man spricht Polnisch.

Der Chef des Fahrunternehmens wuchtet die vielen Taschen der Passagierin mit dem dunkelroten New Wave Kurzhaarschnitt auf den Gehsteig, die von zwei arabisch aussehenden Männern übernommen werden, welche sie in das graue Mietshaus hinein schleppen. Sie ruft ihnen Kommandos auf Polnisch hinterher. Zu mir meint sie, sie habe sich an die Verhältnisse hier gewöhnt, wegen ihres Sohnes wolle sie nicht weg, Deutsch könne sie kaum, „ja und dann diese Leute in der Nachbarschaft“, gemeint sind die beiden Südländer.

Der Heimkehrerin vom polnischen Ostseestrand trage ich an, die letzte Tasche hochzutragen, doch einer der Helfer ist schneller und sie verabschiedet sich von mir, ohne dass ich einen Blick in das Innere der Mietskaserne bekomme.

Ich biege in die besagte Straße, in die ich nicht gehen soll, die Jugendliche hängen auf der anderen Seite ab und ich bemühe mich gerade aus zu schauen. Es folgt eine türkische Kneipe mit Sichtblenden. Es dringt Musik nach draußen. Ich will schon den Klingelknopf drücken, da ruft hinter mir eine Stimme, zu: „Was willst Du? Was suchst Du? Das ist zu!“ Ein Mann sitzt in geduckter Haltung auf dem Trottoir der anderen Straßenseite. Ich gehe rasch weg.

Sybille Gäbler, ehemalige Fabrikarbeiterin. Bild: Jens Mattern

Vor einem Laden mit Brautkleidern bückt sich eine Frau mit akkurat frisierten blonden Haaren ein Handfeger und Schaufel in den Händen nach den vielen Zigarettenkippen. Sie trägt eine saubere weiße Bluse und rosa Gummihandschuhe und hat einen durchdringenden Blick. Sybille Gäbler ist ihr Name. Ich frage sie nach früher.

„Das war mal alles ganz anders.“ Ganz andere Geschäfte habe es gegeben.

Sie wohne hier schon lange, zwei der heute tonangebenden Libanesen kenne sie bereits als kleine Kinder. Bald werde sie wegziehen. Angst habe sie aber keine, man kenne sie. Von ihr gebe es stets Kontra, sie weise Leute zurecht, die Müll weg werfen. Wenn ich Zeit hätte, dann würde sie mir ein Fotoalbum zeigen, wo sie nur Müll fotografiert habe, dafür werde sie als Nazi beschimpft. Dabei wähle sie gar nicht die AfD, sie wähle lieber kleine Parteien, die sich für Ökologie engagierten.

Die ehemalige Fabrikarbeiterin ärgert, dass bei dem Auftritt von Merkel und Laschet in Marxloh die Journalisten sich gar nicht wirklich für das Viertel interessierten. Reul, der Innenminister von NRW, sei der einzige, bei dem sich noch Hoffnung habe. „Aber der Laschet, was haben die denn schon hier gemacht, seit die regieren? Nix. Und das wird von Tag zu Tag schlimmer.“

Ein Polizeiauto fährt vorbei, sehr schnell, ohne Sirene und Blaulicht.

„Die haben sie wohl gerufen. Das ist unglaublich, was für ein Mob aufläuft, wenn sie einen haben. Die (die Polizisten) werden bespuckt und vollgerotzt.“

Die Stadt schicke die ganzen Junkies, Alkis sowie die Rumänen und Bulgaren hierher. Deren Kinder rennen bis um zwei Uhr nachts auf der Straße herum. Ab und an meint sie, dass ich das alles sowieso nicht schreiben würde. „Dann bekommen Sie Ärger!“

Was sollte die Stadt denn tun, meine ich. „Für Ordnung und Sauberkeit sorgen.“ Frau Gäbler gibt mir noch einige Warnungen auf den Weg. „Machen Sie das bloß nicht, hier haben schon manche auf die Fresse gekriegt!“, kommentiert sie mein Vorhaben, gewisse Lokale zu besuchen.

Im östlichen Teil von Marxloh streiten sich zwei junge betrunkene Polen im Trainingsanzug lautstark; einer schreit ständig zu einem Fenster hinauf, doch er bekommt keine Antwort von oben.

Die Lokale sind offiziell leer, die Besucher gehen jedoch in nichtöffentliche Hinterzimmer hinein, wohl um den Coronabestimmungen zu entgehen. Die Reaktion der Wirte ist bei meinem Auftreten argwöhnisch und ablehnend.

Es ist richtig dunkel geworden; in die Straße mit den Jugendlichen gehe ich nun nicht mehr.

Der türkischstmmige Hotelpächter. Bild: Jens Mattern

Tag 4

Das Frühstück im Hotel geht auf Kosten des Hauses und ich speise allein in einem ausladenden Saal.

Der Hotelpächter passt mich am Ausgang ab. Er will „sich auskotzen“, wie der Mann Anfang fünfzig sagt. Er sei türkischer Herkunft, betont aber, dass er sein ganzes Leben in Deutschland verbracht habe; Maurer sei er gewesen, bei Krupp habe er lange gearbeitet und das Hotel vor kurzem von einem Freund übernommen. Bald wolle er es aufgeben.

Die, die etwas leisten, die hier etwas machen, würden vom deutschen Staat bestraft. Die Rumänen und Bulgaren besetzten illegal Häuser, machten dabei alles kaputt, würfen überall Dreck auf die Straßen. Nach Marxloh schiebe die Stadt die gesellschaftlichen Problemfälle ab. Ihm gehöre ein altes Zechenhaus, in kurzer Zeit seien die Gebühren für die Straßenreinigung von 300 auf 900 Euro  gestiegen. Im Hotel blieben nun die Kunden weg.

Ich gehe zur Straßenbahnhaltestelle; ein junger Mann mit vermutlichem Nahost-Migrationshintergrund will auch zum Bahnhof und bietet mir sehr freundlich an, auf seiner Karte mitzufahren. Ich lehne ab.

 

Jens Mattern war im letzten Sommer im Ruhrgebiet unterwegs.

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Ein Kommentar

  1. Ein sehr schöner nüchterner Artikel.
    Ich habe in der Vergangenheit 15 Jahre Außendienstmitarbeiter
    im gesammten Ruhrgebiet betreut und war sehr oft dort.
    Leider scheint es auch hier nicht mehr ganz so zu sein wie noch
    vor 15 Jahren um es mal vorsichtig auszudrücken.

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