Wie wollen wir eigentlich leben?

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 Ulrike Guérot im Gespräch mit Markus J. Karsten über ihr Buch „Wer schweigt, stimmt zu“

Nach zwei Jahren Pandemie, in zermürbten Gesellschaften, verformten Demokratien, polarisierten Debatten, erschöpften Volkswirtschaften und eingeschränkten Freiheitsrechten, liegt diese Frage mitten auf dem europäischen Tisch! Guérot schreibt:

„Die ganze Welt schwankt zwischen Dystopie und Utopie, zwischen globalem Wahn und globaler Hoffnung, auf der einen wie der anderen Seite in dem Bewusstsein, dass die Pandemie eine Zäsur ist und danach einiges anders sein wird.

Nüchtern kann festgestellt werden, dass der Traum von „Bella Ciao“, der großen Solidarität, wie sie vor letztes Jahr noch weltweit auf den Balkonen ausgerufen wurde, ausgeträumt ist. 2020 war für die Hochvermögenden das finanziell erfolgreichste Jahr in der Menschheitsgeschichte: Milliardäre konnten ihre Vermögen während der Pandemie um fünf Billionen Dollar steigern, was einem Anstieg um rund 60 Prozent innerhalb eines Jahres auf 13 Billionen Dollar entspricht. Für alle anderen bleiben 5 Prozent mehr Inflation (in der Türkei schon 78 Prozent), auch die FED, die US-Notenbank, macht sich schon Sorgen. Dazu steigende Energiepreise und etliche Menschen, die trotz Vollerwerbstätigkeit nicht mehr über die Runden kommen. Wie viele Leute nach zwei Jahren Maßnahmen ihre Existenz, ihr Geschäft, ihr Kleinunternehmen oder ihren Laden verloren haben, ist noch gar nicht beziffert. Dass der Mittelstand hinweggefegt wurde, dürfte eine Tatsache sein, und jeder, der ein paar Essays über die Ursprünge totalitärer Herrschaft gelesen hat, weiß, dass diese fast immer mit der Vernichtung des Mittelstandes beginnt.“

Ulrike Guérot hat einen Essay für all diejenigen geschrieben, die nicht so leben wollen wie in den letzten zwei Jahren, die einem Virus nicht noch ein demokratischen System hinterher werfen und die ihre Freiheit nicht für eine vermeintliche Sicherheit verspielen wollen.

Ulrike Guérot studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Bonn, Münster und Paris. Sie ist Professorin, Autorin und Aktivistin in den Themenbereichen Europa und Demokratie, mit Stationen in Think Tanks und an Universitäten in Paris, Brüssel, London, Washington, Berlin und Wien. 2014 gründete sie das European Democracy Lab, e.V., eine Denkfabrik zum Neudenken von Europa. 2016 wurde ihr Buch „Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie“ europaweit ein Bestseller. Seit Herbst 2021 ist Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms Universität Bonn und Co-Direktorin des Centre Ernst Robert Curtius (CERC).

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7 Kommentare

  1. Gewiss, der preziöse Mittelstand gehört zu den bedrohten Arten. Aber nicht erst seit Corona. Der Kapitalismus läuft bekanntlich schon seit 2008 im Zombiemodus. Ich kann mich nur wiederholen – man kann auf eine Seuche nicht nicht reagieren. Wer das nicht wahrhaben will, hat den Kontakt mit der Realität längst verloren.

    1. Man kann & soll auf eine Seuche reagierrn, das wird hier auch nicht in Abrede gestellt. Es gilt der treffende Satz der Autorin: „Man soll einem gefährlichen Virus nicht auch noch eine demokratische Gesellschaft hintergerwerfen.“ Anders gesagt, auf die sozusagen gesellschaftlichen, menschlichen Kosten des Virus muss anders rragiert werden, also noch grundsätzlichere gesellschaftliche Kosten zu verursachen indem man die Grundlagen der Gesellschaft im „Abwerhlampf“ zersetzt.

    1. Immer wieder interessant!
      Aber ich verstehe nicht, warum hier in der Vergangenheit gesprochen wird. Es ist immer noch so, dass nicht kritisiert oder infrage gestellt werden darf. Das ist die (neue) Realität!!!

  2. Das Leben in einer Diktatur ist nicht lebenswert. Deshalb kann ich nur bestätigen, dass wir runter Einsatz unseres Lebens um die Freiheit kämpfen müssen. Nur wenn wir bereit sind, unser Leben für die Freiheit zu opfern, werden wir überleben.

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