Wie gut ist Deutschland bisher durch die Pandemie gekommen?

Menschliche Killerzelle des Immunsystems. Bild: NIAID

Ein internationaler Vergleich anhand von 10 Kriterien. Schriftenreihe zur COVID-19-Pandemie von Walter Mohr und Frank W. Püschel

 

In der renommierten Wirtschaft- und Finanznachrichtenagentur Bloomberg1 werden auch umfangreiche Datensammlungen und Informationen aus anderen Gesellschaftsbereichen aufbereitet. Insbesondere sollen hier die Daten von zehn Einflussfaktoren analysiert werden, die eine quantitative Bewertung der verschiedenen Länder in Bezug auf die Bewältigung der Corona-Pandemie ermöglichen.

Dieser Aufsatz soll nicht die vielen Einzelmaßnahmen diskutieren, die in Deutschland und anderen Ländern zur Abwehr der Corona-Pandemie durchgeführt worden sind. Vielmehr werden deren Auswirkungen anhand von mehreren quantitativen Messgrößen vergleichend bewertet.

Neuerdings werden mit Flug- und Reisemöglichkeiten zwei weitere Kriterien bei Bloomberg angeboten. Diese beziehen wir nicht mit ein, weil dadurch die Betrachtung der zeitlichen Entwicklung der früheren Daten nicht mehr möglich ist. Ferner wird das Gleichgewicht zwischen den beiden Gruppen mit den direkten Maßzahlen zu Corona und zur Lebensqualität dadurch gestört.

Die ersten fünf Variablen beschreiben direkt die Corona-Entwicklung. Als erstes werden die monatlichen (registrierten) Infektionen pro 100.000 Einwohner, also die Monatsinzidenz für die Infektionen angegeben. Das zweite Kriterium beinhaltet die „monthly fatality rate“, das heißt den Quotienten aus den aktuellen Todesfällen zu den registrierten Infizierten im letzten Monat. Die dritte Größe misst die Todesfälle seit Beginn der Pandemie relativ zur Bevölkerungsgröße. Es folgt an vierter Stelle die neueste Positivrate, die den Anteil der positiven Tests an der Gesamtzahl aller durchgeführten PCR-Tests angibt. Schließlich gehört in diese Gruppe noch die Impfquote, gemessen durch die Anzahl der verimpften Dosen pro 100 Einwohner. Damit sind jetzt auch die Booster-Impfungen mit einbezogen.

Die zweite Gruppe umfasst ebenfalls fünf Größen zur Lebensqualität. Das sechste Merkmal misst die Stärke der Maßnahmen gegen Corona und wird anhand eines Indexes aus einer größeren Anzahl von Einschränkungen durch ein britisches Expertenteam ermittelt. Diese Variable unterliegt starken aktuellen Schwankungen wegen der unterschiedlichen Gefahrenlagen in den jeweiligen Ländern. Ferner wird siebtens die Mobilität innerhalb der Bevölkerung aufgeführt. Als achte Kenngröße wird das geschätzte Bruttoinlandsprodukt für 2021 verwendet, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzubilden. Die beiden letzten Faktoren werden in der Regel nur jährlich ermittelt und bestehen aus einem Index für die Güte der allgemeinen Gesundheitsversorgung und den Stand der humanitären Entwicklung in den betrachteten Ländern.

Die Klassifizierung in den Merkmalen läuft im Prinzip so ab, dass man die Spanne, also die Differenz zwischen dem Maximum und dem Minimum der einzelnen Länderwerte in 10 etwa gleichgroße Intervalle einteilt, die mit einer Bewertung von 1 bis 10 versehen werden. Dabei sind größere Werte als besser zu interpretieren. Somit sind in den beiden Fünfergruppen maximal 50 Punkte erreichbar. Die entsprechenden Punktwerte für die zehn Kriterien sind für dreißig ausgewählte, wichtige Handelsnationen in einer Tabelle zusammengestellt worden. Zusätzlich ist für jedes Kriterium der Mittelwert angegeben.

Klar an der Spitze der Nationenbewertung steht weiterhin Hongkong vor Südkorea und Israel, das als erstes Land erfolgreich die Boosterimpfung weitestgehend durchgeführt hat. Neuseeland hat seinen Rückfall durch die Delta-Mutante überwunden und sich stark beim Impfen verbessert. Weit nach vorn sind im November auch Japan und Taiwan auf den geteilten fünften und sechsten Platz vorgestoßen.

Dann folgt als bestes europäisches Land Finnland sowie Australien. Knapp dahinter steht jetzt Schweden, das am Anfang der Pandemie mit einer kritikwürdigen Strategie viele Todesfälle zu beklagen hatte. Es folgen Kanada und Norwegen, das wegen erhöhter Infektionen in diesem Monat wie fast alle europäischen Länder viele Plätze verloren hat. Den zwölften Rang nimmt mit konstanten Werten China ein. Auf den weiteren Plätzen stehen in dieser Reihenfolge Dänemark, Singapur, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie mit einem weiteren Abstand Spanien, Großbritannien und Chile, das sich dank einer ausgezeichneten Impfquote deutlich im Ranking verbessert hat. 60 und mehr Punkte erreichen noch Italien, Türkei und die Schweiz.

Mit 50 bis 60 Punkten und damit einer nur ausreichenden Note reihen sich die Niederlande, Österreich, Belgien, USA und Deutschland ein, das gegenüber Oktober durch die hohe vierte Welle stark zurückgefallen ist. Nur Brasilien, Ägypten und Russland sind noch wesentlich schlechter aufgestellt und müssen als mangelhaft eingestuft werden.

Für Deutschland sollen die aktuellen Werte für November jetzt im Einzelnen diskutiert werden. In der ersten Gruppe, den Corona-Maßzahlen, kommt Deutschland insgesamt auf schwache 24 Punkte. Das resultiert hauptsächlich aus den hohen Infektionen (Kriterium 1) und der stark gestiegenen Positivrate (Kriterium 4). In beiden Fällen erhält Deutschland lediglich die geringste Punktzahl 1. Bei den Todesfällen durch Corona seit Beginn liegt Deutschland mit 5 Punkten im Mittelfeld, während bei den Todesfällen bezogen auf die registrierten Infizierten (aktuelle Letalität) im Kriterium 2 und bei den Impfquoten (Kriterium 5) mit 9 und 8 Punkten international überdurchschnittlich Bewertungen erreicht werden.

In der zweiten Gruppe, die die Lebensqualität repräsentiert, schneidet Deutschland mit 31 Punkten deutlich besser ab. Dabei ist die Stärke der Maßnahmen (Kriterium 6) auf mittlerem Niveau. Beim Bruttoinlandsprodukt für 2021 gehört Deutschland zu den Ländern mit den geringsten Steigerungen zum Vorjahr, was daran liegt, dass Deutschland 2020 wirtschaftlich überdurchschnittlich gut überstanden hat und daher im Folgejahr 2021 keinen so großen Nachholbedarf wie viele andere Länder hat. Hier wird Deutschland eindeutig unter Wert eingestuft.

Dafür gibt es bei den drei anderen Faktoren Mobilität, Güte des Gesundheitswesens und den Stand der humanitären Entwicklung hohe Bewertungen. Das Ergebnis für den November insgesamt liegt in Deutschland weit unter dem Durchschnitt der anderen Länder. Alle west- und nordeuropäischen Länder stehen erstmalig besser da als Deutschland. Die Bilanz vor dem Regierungswechsel in Deutschland fällt somit nur mäßig aus.

Länderbewertungstabelle

Es ist lohnenswert, die in der Gesamtrangliste (über die letzten sieben Monate) führenden (zwölf) Länder auf Gemeinsamkeiten zu untersuchen (siehe Tabelle). Diese Länder haben einen Punktedurchschnitt von über 70, was auf einer üblichen Notenskala mit gut bis sehr gut einzustufen ist. Seit Beginn der Bewertungen vor knapp einem Jahr gibt es vier führende Nationen, die jetzt immer noch ganz oben stehen.

Vor den verstärkten Impfmöglichkeiten war zu Beginn Neuseeland mit seiner konsequenten No-Covid-Strategie führend. Dann erfolgten ein Rückfall wegen der gefährlicheren Delta-Mutante und der zunächst relativ geringen Impfquote. Aufgrund des jetzt erhöhten Impftempos konnten danach Singapur und Norwegen die Spitzenpositionen einnehmen. Weil in diesen beiden Ländern größere Infektionen ausgebrochen sind, ist seit drei Monaten Hongkong in Führung gegangen. Dieses Land hat exzellente Corona-Maßzahlen und schneidet auch bei den Kenngrößen zur Lebensqualität sehr gut ab.

Unter den zwölf bestplatzierten Ländern sind mit Hongkong, Singapur, Südkorea und China vier asiatische Staaten, und zwar demokratische und autokratische Länder. Ferner gehören die nordeuropäischen Länder Norwegen, Dänemark, Finnland und mit leichtem Abstand wegen der missglückten Strategie zu Coronabeginn jetzt auch Schweden dazu. Den dritten Block bilden die vier westlich orientierten Staaten Neuseeland, Australien, Israel und Kanada.

Man kann den Erfolg dieser Länder mit Hilfe der Verbindungen innerhalb eines dreifachen Fundaments erklären, das aus der Regierung, der Bevölkerung und der Wissenschaft besteht. In allen 12 Ländern sind die Beziehungen zwischen diesen drei wesentlichen Säulen sehr stark ausgeprägt. So ist die Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung nicht nur traditionell in den nordeuropäischen Staaten, sondern auch in Neuseeland, Australien und Kanada besonders positiv.

In den asiatischen Staaten besteht zwar eine andere Kultur mit mehr Gehorsam gegenüber dem Staat, aber das ist wie in Israel ebenfalls erfolgreich. Diese Kulturen haben ebenfalls ein ungestörteres Verhältnis zur (medizinischen) Wissenschaft und dieses zeichnet sich auch durch eine gute Zusammenarbeit mit der Politik aus. Der Glauben an die Fähigkeiten der Regierung, die Pandemie abzuwehren, und der Wille, die aufgestellten Regeln zu befolgen sowie die Solidarität innerhalb der Bevölkerung tragen im hohen Maße zur Qualität der Seuchenabwehr in diesen Ländern bei.

Ganz anders hingegen in Deutschland und den USA, die auf den Plätzen 24 und 26 weit zurückliegen. Hier steht die Individualität der Menschen vor der Solidarität, ein größerer Teil ist staatsverdrossen oder zieht alternative Medizinansätze vor, wobei man häufig auf Ideologien beharrt und faktenresistent ist. In den USA ist diese schädliche Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten, während in Deutschland noch Hoffnung besteht, eine weitere Spaltung der Gesellschaft abzuwenden.

Allein schon durch den Vergleich der beiden Plätze bzw. Punktwerte, die die Länder beim aktuellen November-Ranking und in der Gesamtrangliste für die zurückliegenden sieben Monate erzielen, lassen sich die Auf- und Absteiger in der zeitlichen Corona-Entwicklung ablesen.

Fünf Länder sind besonders erfolgreich gewesen. Chile und Israel haben exzellente Impfquoten (Kriterium 5) verbunden mit hoher Mobilität (Kriterium 7). Ähnliches gilt auch für Taiwan, Japan und Brasilien. Letzte bleiben jedoch insgesamt mangelhaft in der Bewertung. Europäische Länder, die in den letzten Monaten Spitzenpositionen eingenommen hatten, sind nicht dabei, weil die aktuelle hohe Infektionswelle dort Schaden anrichtet. Zu den Ländern, die die höchsten Einbußen bei den Punkt[1]werten haben, insbesondere bei Kriterium 1 (Inzidenzen der monatlichen Infektionen) und Kriterium 4 (Positivrate), gehören die Schweiz, Norwegen und Deutschland sowie Singapur.

Die gerade auftauchende, neue Omikron-Mutante mischt die Karten neu. Sie ist wohl ansteckender und könnte sich in vielen Ländern bis Januar durchsetzen. In wie weit sie den Immunschutz der Impfungen umgehen kann, ist zurzeit noch nicht geklärt. Aber gerade in der Wintersaison könnte es die europäischen Länder hart treffen. Es tritt damit eine neue Situation ein, die alle vor die nächsten Herausforderung stellen werden.

Prof. Dr. Walter Mohr

Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehr- und Forschungstätigkeiten an Fachhochschulen und Universitäten mit über 50 Veröffentlichungen, ins[1]besondere in den Bereichen Zeitreihenanalyse und Wirtschafts- und Wahlprognosen sowie medizinischen Qualitätsuntersuchungen (eHealth).

Dr. Frank W. Püschel

Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehrtätigkeiten im Hochschulbereich, Forschungsschwerpunkt auf den Gebieten der Zeitreihenanalyse und Wirtschaftsprognosen. Aktuell tätig in der Geschäftsführung eines Medizinprodukteherstellers.

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