Wer kann sich den Kapitalismus überhaupt noch leisten?

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Glaubt man den offiziellen Ansagen, dann können große Teile der Gesellschaft ihren Lebensunterhalt angesichts der Inflation nicht mehr bestreiten, sind also auf staatliche Nothilfe angewiesen.

 

Kapitalismus heißt hierzulande Marktwirtschaft, gern auch mit dem Zusatz „sozial“, die nach Angabe ihrer Vertreter und Verteidiger für die bestmögliche Versorgung der Menschen mit den benötigten Gütern steht. Zurzeit zeugt diese Wirtschaftsweise allerdings von einer recht mangelhaften Versorgung großer Teile der Bevölkerung, da die lebensnotwendigen Dinge für viele unbezahlbar geworden sind – und es weiterhin noch werden sollen.

Das liegt nicht daran, dass es diese Güter nicht geben würde. Statistiken der Ökonomen zeigen, dass der Reichtum im Lande immer noch – wenn auch nicht mehr sehr stark – wächst, während die Beschäftigtenzahlen Rekordhöhen aufweisen. Und dennoch können viele, die diesen Reichtum mit erarbeitet haben, sich alles Mögliche nicht leisten und sind auf Unterstützung angewiesen.

Da könnten doch bei so manchem Zweifel aufkommen bezüglich der Qualität dieser Wirtschaftsweise, die als alternativlos gilt, obwohl es Alternativen gibt. Sogar der staatstreue Ökoprotest wartet ja seit einiger Zeit mit der – wissenschaftlich beglaubigten – Erkenntnis auf, dass die Menschheit ohne „system change“ auf den Abgrund zutreibt…

Der alternativlose Kapitalismus

Alternativlos ist der Kapitalismus für viele Bürger im Lande in einem ganz praktischen Sinne: Sie stehen vor der Situation, dass alles Geschäftsmittel, also Eigentum von Händlern und Produzenten, ist und sie damit von dem, was sie zum Leben brauchen, ausgeschlossen sind. Die einzige Alternative, die sie haben, besteht darin, sich selber als Arbeitskraft zu verdingen, um an das Geld zu kommen, das sie zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes brauchen.

Ums Geld dreht sich eben alles in dieser wunderbaren Wirtschaftsweise. Alle „müssen es wollen – mit verheerenden Folgen für die Mehrheit“, wie es jüngst in einer Artikelreihe bei Telepolis hieß.

Die Zwangslage vermögensloser Menschen wird von den meisten gar nicht als solche wahrgenommen, gilt sie doch selbstverständlich als die Normalität – und nicht als Armut. Abhängig sind Menschen in dieser Lage von Arbeitgebern, die ihre Arbeitskraft nutzen wollen, weil sie durch deren Anwendung ihren Reichtum mehren können. Diese Abhängigkeit kommt durchaus einem Gewaltakt gleich, wie jüngst ein Sozialmediziner festhielt:

„Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: ´Armut ist die schlimmste Form von Gewalt`. Wir haben das Geld, wir sind ein reiches Land.“ (Gerhard Trabert, SZ, 29.8.22)

Mit dem „Wir“ unterstellt der Experte allerdings eine Gemeinsamkeit in dieser Gesellschaft, die es nicht gibt – schließlich redet er von der existierenden Armut. Wenn sie in einem reichen Land zuhause ist, muss sie sich für jemandem lohnen. Dies ist ja auch die Bedingung, unter der der Einsatz von Arbeitskräften stattfindet.

Der Lohn der Beschäftigten stellt für Arbeitgeber eine Kost dar, die den Gewinn und die Freiheit der Kalkulation mit den Preisen beschränkt. Deshalb orientieren sich die Löhne und Gehälter nicht an dem, was die so Beschäftigten zum Leben brauchen, sondern am Geschäftserfolg. Daher bedarf es auf Seiten der für Lohn Arbeitenden immer einiger Einteilungskünste, um mit dem Geld über die Runden zu kommen. Wenn jetzt staatlicherseits über die Notwendigkeit debattiert wird, Entlastungspakete für Beschäftigte, Rentner, Arbeitslosengeldbezieher, Auszubildende und Familien zu schnüren, dann ist dies die amtliche Bestätigung, dass das Resultat von Lohnarbeit ebenfalls Armut ist.

Die Mehrzahl der Bürger befindet sich in der Marktwirtschaft jedoch in einer doppelten Rolle, als Arbeitnehmer müssen sie billig sein, als König Kunde sollen sie durch Kauf den Produzenten und Händlern dazu verhelfen, das in die Waren investierte Geld mit Gewinn wieder in ihre Kassen fließen zu lassen. Schließlich gehört der von den Arbeitnehmern produzierte Reichtum nicht ihnen selbst, sondern ihren Anwendern, und um an Teile dieses Reichtums zu gelangen, müssen sie die Produkte kaufen.

In dieser Rolle erweisen sie sich oft genug als Versager, da sich ihre beschränkte Zahlungsfähigkeit immer wieder als Schranke geltend macht, wenn es darum geht, den Ansprüchen der Wirtschaft in Form hoher Preise zu genügen. Und so kommt es zu Stockungen im Gang des Geschäfts. Dann droht nicht nur ein bisschen Rezession, sondern dann kommt es unter Umständen zu einer regelrechten Krise des Kapitalismus.

Dass regelmäßige Krisen zum Gang des marktwirtschaftlichen Geschäfts gehören, ist gewusst und drückt sich in der Besprechung des Konjunkturverlaufs als Abfolge von Aufschwung, Boom, Abschwung, Rezession und Krise aus. Dennoch sollen die Krisen immer einer besonderen Situation geschuldet sein. Mal war es der Ölpreis, dann die Spekulation auf die Techno-Konzerne – die dot.com-Blase – oder die nicht zurückgezahlten Hypotheken der kleinen Häusle-Besitzer, die die Finanzkrise hervorgerufen haben sollen; dem folgte Corona – und jetzt ist Putin an allem schuld, obgleich es sich um eine Krise handelt, die sich, wie viele vor ihr in der Geschichte des Kapitalismus, als folgerichtige Etappe im Konjunkturverlauf abzeichnet.

Schließlich ist Gas nicht einfach knapp, sondern teuer, ebenso Strom, Lebensmittel und Mieten. Konsumgüter der gehobenen Sorte bleiben in den Regalen, weil die ins Auge gefassten Käufer sie sich nicht leisten können. Produkte finden zunehmend keine Abnahme und der Markt stockt, weil die gesammelte Kaufkraft zu gering ist – und gleichzeitig zu viel da ist.

Es gibt auf der einen Seite zu viel Geld, das keine lohnende Anwendung findet, und auf der anderen Seite massenhaft Menschen, die sich vieles nicht leisten können. Da gibt es Fabriken, die viele nützliche Dinge herstellen könnten, aber weil sich die Produktion nicht lohnt, stillgelegt werden. Da gibt es viele Menschen, die arbeiten wollen und müssen, aber entlassen werden, weil sie nicht lohnend eingesetzt werden können.

All dies wird nicht bestritten, sondern offiziell angekündigt, wenn von einer drohenden Rezession die Rede ist, die sich dann in den nächsten Monaten verschärfen soll:

„Die deutsche Wirtschaft wächst im zweiten Quartal dieses Jahres überraschend um 0,1 Prozent. Es könnte jedoch die letzte positive Nachricht vor Beginn einer längeren Talfahrt gewesen sein.“ (SZ, 26.8.22)

Obgleich dies alles bekannt und nicht neu ist, halten sich dennoch die immer gleichen Ideologien über die Wirkungsweisen des Marktes und seine positiven Seiten.

Und seine Ideologien

Damit der Markt seine segensreichen Wirkungen für die Menschen entfalten kann, brauchen die Güter nach dieser Vorstellung Preise, die dafür sorgen sollen, dass sie dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Demnach werden die Güter immer am dringendsten von denen gebraucht, die über Geld verfügen und sich den Kauf leisten können. Menschen mit kleinem Einkommen oder ohne eigene Mittel haben nach dieser Logik offenbar keine Bedürfnisse – oder haben eben keine Bedürfnisse zu haben.

Wer sich das Heizen nicht leisten kann, kann ja auch einen Pullover anziehen, so die Logik. Man muss eben seine Bedürfnisse dem Geldbeutel anpassen und nicht umgekehrt (was jetzt, in Zeiten einer Energiekrise, auch noch als nationaler Dienst verbrämt wird).

Hohe Preise, wie sie zurzeit allenthalben beklagt werden, wie auch niedrige Preise sollen nicht einfach ein Mittel sein, Marktanteile zu erobern und seinen Gewinn zu realisieren, sondern Anreizcharakter haben, also ganz unabhängig von den Akteuren den Markt steuern. Sind die Preise hoch, werden mehr Güter hergestellt und verbilligen die Ware, sind sie billig und nicht so profitabel, wird weniger hergestellt. Aus Sicht der Ökonomen ist der Preis einerseits das Ergebnis der Marktsituation und andrerseits sein Steuerungsmechanismus. Deshalb ist eigentlich jeder Preis angemessen und damit leben wir immer in der besten aller Welten.

Für diejenigen, die nicht zu den Produzenten oder Händlern gehören bilden die Preise jetzt einen Anreiz, Energie zu sparen und sich einzuschränken. Kalt duschen soll ja erfrischend sein und soll auch noch der Umwelt dienen!

Wenn die hohen Preise oder die Inflation beklagt werden, wird meist unterstellt, dass man hier so etwas wie einen selbsttätigen Marktmechanismus vor sich hat, der sich irgendwie von selbst ergibt. So fallen die Erklärungen für die Inflation in der Regel sehr dürftig bzw. zirkulär aus:

„Die Inflation in der Euro-Zone hat sich im August auf dem hohen Niveau weiter beschleunigt und einen Rekordwert erreicht. Gegenüber dem Vorjahresmonat erhöhten sich die Verbraucherpreise um 9,1 Prozent… Getrieben wurde die Teuerung erneut durch den starken Anstieg der Energiepreise. Der Preisauftrieb bei Lebens-und Genussmitteln beschleunigte sich.“ (SZ, 1.9.22)

Interessant: Die Inflation gibt es, weil die Preise für Energie, Mieten und Lebensmittel gestiegen sind. Mit anderen Worten, die Preise steigen, weil sie steigen. Und das gilt hierzulande als ökonomischer Sachverstand! Dabei fallen Preise nicht vom Himmel, sondern werden von Menschen gemacht. Gelegentlich tauchen in den Meldungen dann auch die zuständigen Akteure als Institutionen auf, wenn von Gas-, Strom- oder Nahrungsmittelbörsen die Rede ist:

„Das zeichnet sich an den Terminbörsen ab: Stromkontrakte zur Lieferung im kommenden Januar waren in dieser Woche doppelt so teuer wie noch im Juli und um ein Vielfaches teurer wie im langjährigen Durchschnitt.“ (WAZ, 26.8.22)

An den Börsen handeln Investoren, die sich in großem Umfang die Verfügung über Gas, Öl, Strom oder Schweinbäuche und Getreide sichern, mit viel Geld in der Erwartung, diese Güter in Zukunft mit Gewinn veräußern zu können. Dazu brauchen sie weder Lagerhäuser, Schiffe oder Tanksäulen. Mit dem Kauf sichern sie sich das Zugriffsrecht auf diese Güter, die zum Zeitpunkt des Handels noch nicht einmal produziert sein müssen.

Solche Akteure schließen damit alle anderen von der Verfügung über diese Güter aus und können daher anderen die Preise diktieren. Von der Spekulation an den Börsen ist der Gang des Geschäftes der gesamten Gesellschaft abhängig gemacht.

Der freie Markt und sein Staat

Vor allem liberale Politiker betonen immer wieder, wie wichtig das freie Wirken des Marktes ist und wie sehr staatliche Eingriffe in dieses sensible Gebilde stören. Dabei macht die Diskussion um die Energiepreise gerade deutlich, dass es diesen Markt ohne Staat gar nicht gäbe. Schließlich wurde der Strommarkt durch Beschlüsse der früheren schwarz-gelben Regierung unter Wirtschaftsminister Rexrodt liberalisiert und damit zu einer Geschäftssphäre gemacht, die vorher von halbstaatlichen Monopolisten bestimmt wurde. Nun wird die Neuordnung des Strommarktes gefordert:

„Ursula von der Leyen ist am Montag und Dienstag viel herumgereist – und bei ihren Auftritten verbreitet die Kommissionspräsidentin die Botschaft, dass Brüssel bald etwas gegen die hohen Strompreise tun werde… Daneben müsse die Europäische Union `eine tiefgreifende, strukturelle Reform des Strommarktes machen‘.“ (SZ, 31.8.22)

Welche Maßstäbe dort gelten, ist Gegenstand öffentlicher Debatten: „Der Anstieg der Stromnotierungen liegt daran, dass sich an Europas Energiebörsen der Preis an den Kosten des teuersten Kraftwerks orientiert, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird… Zugleich beschert dieser Börsenpreis günstigen Öko-, Atom- und Kohlestromanbietern riesige Gewinne.“ (SZ, 31.8.22)

Dort setzt dann die Diskussion um die „Übergewinnsteuer“ an. Ganz so, als ob diese Gewinne nicht das Ergebnis staatlichen Handels wären, sondern ein Resultat des Marktes, auf das der Staat jetzt reagieren müsse.

Zu den Vorstellungen über den Kapitalismus gehört auch die Ideologie, dass der Gewinn das Ergebnis unternehmerischen Risikos sei. Unternehmen riskieren ihr Geld und werden bei Erfolg belohnt, so der Gedanke. Bei Misserfolg droht ihnen der Untergang. Das mag zwar auf den Bäcker an der Ecke zutreffen, nicht jedoch auf Unternehmen, die als relevant für die nationale Ökonomie angesehen werden, wie das Beispiel von Uniper wieder einmal deutlich macht.

Uniper hat im großen Stil Gas aus Russland bezogen und war daher auch in der Lage, Gas als Großabnehmer billig zu bekommen. Dieses Gas hat Uniper mit Aufschlag an Stadtwerke und Unternehmen weiterverkauft und so sein Geschäft gemacht. Nun bleiben die billigen russischen Gaslieferungen aus und die Rechnung von Uniper geht nicht mehr auf, muss das Unternehmen doch an den Börsen teures Gas einkaufen, um seinen Lieferverpflichtungen gegenüber seinen Kunden nachzukommen. Die anstehende Insolvenz – weil das Geschäft nicht mehr aufgeht – will der Staat aber in Gestalt seines grünen Wirtschaftsministers um jeden Preis verhindern:

„Zu dem insgesamt 15 Milliarden Euro schweren Rettungspaket gehört der Einstieg des Bundes mit 30 Prozent bei dem MDax-Konzern, was die außerordentliche Hauptversammlung aber erst noch beschließen muss.“ (WAZ, 30.8.22)

Hat der Staat doch die Versorgung der Nation vom Gelingen dieses Geschäfts abhängig gemacht. Mit der Gasumlage soll nun das Geschäft wieder profitabel gemacht werden, wofür die Verbraucher in Haftung genommen werden. Damit stellt der Wirtschaftsminister mit den Sorgenfalten auf der Stirn klar, worauf es in dieser Gesellschaft ankommt: Das Geschäft muss gelingen, auch wenn die Versorgung der Bürger darunter leidet, weil die sich den Stoff dieses Geschäfts – in diesem Fall Gas – nicht mehr leisten können.

Gewinner versus Verlierer und ihre Betreuer

Dass die hohen Preise nicht nur Haushalte und Betriebe in Schwierigkeiten bringen, sondern sich für einige direkt lohnen, deren Gewinne enorme Zuwächse aufweisen, wird nicht verschwiegen. So melden nicht nur RWE und Steag hohe Gewinne (vgl. WAZ, 24.8.22).

Selbst wenn es zur Abschöpfung dieser Gewinne durch eine Übergewinnsteuer käme, hätte diese Einnahmen zunächst der Staat. Wofür er diese Mittel einzusetzen gedenkt, bleibt dann ganz den Politikern überlassen. Dringliche Vorhaben von Seiten der Politik gibt es ja genug – von der angestrebten Aufrüstung der Bundeswehr über die Sanierung des Haushaltes hin zur schwarzen Null, der stärkeren Unterstützung der Ukraine oder des deutschen (Automobil-)Standorts zur Bewältigung der energiepolitischer Transformation bis hin, zuletzt, zu den Entlastungsprogrammen für bedürftige Untertanen.

Vorher steht aber mit der Inflation zumindest der Staat als ein großer Gewinner fest, dessen Einnahmen mit steigenden Preisen und Löhnen automatisch anwachsen. Schließlich profitiert er prozentual von jedem Geschäft in Form der Mehrwertsteuer und ebenso von den nominal steigenden Löhnen und Gehältern, auch wenn diese real weniger Kaufkraft darstellen.

Da viele Bürger sich schon jetzt wenig und in Zukunft noch weniger leisten können, gilt ihnen die Anteilnahme aller Seiten. So wird der nächste Winter in den schwärzesten Farben ausgemalt – nicht ohne dem Publikum zu versichern, dass alles getan werde, um die sicher eintretenden Schäden abzumildern. Den Schaden zu beseitigen oder zu beheben, verspricht eigentlich niemand. Von Seiten der Politik wird gleich betont, dass der Staat nicht alle Teuerungen ausgleichen könne.

Mit den Entlastungspaketen soll die Schädigung erträglich gemacht werden für diejenigen, die als besonders betroffen gelten. Und streng genommen wird ihnen noch nicht einmal das, die Kompensation der Schäden, versprochen, wie es letztens im Magazin der GEW hieß: Kanzler Scholz verspricht ja vor allem Respekt und Anerkennung angesichts der schweren Zeiten – getreu seiner ständig wiederholten Devise „You‘ll never walk alone“. „Walk on through the rain, though your dreams be tossed and blown“ geht’s bekanntlich weiter im Lied. Auf gut Deutsch: Auch wenn alles in die Hose geht – du bist nicht allein!

Und die Härten treffen nicht wenige in dieser Gesellschaft: „Weil die Energiepreise explodieren, dringt die SPD auf ein neues Entlastungspaket. Das Kernanliegen ist, den sozial Schwachen gezielt mit Direktzahlungen zu helfen: Rentnerinnen und Rentner, Alg-I-Empfängern, Studierenden, Auszubildenden. Die Auszahlung der Direktzahlungen orientiert sich offenkundig nach der Energiepauschale, die Arbeitgeber demnächst an die Arbeitnehmerinnen auszahlen.“ (WAZ, 30.8.22)

Mit den Entlastungspaketen wird deutlich, dass der größte Teil der Gesellschaft ohne staatliche Unterstützung die hohen Preise nicht zahlen kann, somit eine Ansammlung von Sozialfällen darstellt. Den Anspruch, die durch die Inflation verursachten Schäden auszugleichen, haben diese Maßnahmen nicht, sie sollen, siehe das Kanzler-Motto, hinnehmbar gemacht werden. Sprich: Die Bürger sollen sich die dauerhafte Schädigung durch leichte Milderungsmaßnahmen abkaufen lassen. Das scheint auch billig zu haben zu sein:

„Erfolgsmodell 9-Euro-Ticket – Mal günstig an die Ostsee, zur Arbeit oder zu Freunden: Das 9-Euro-Ticket hat in den vergangenen drei Monaten bundesweit 52 Millionen Abonnenten in Busse, Regionalzüge, S-Bahnen und U-Bahnen gelockt.“ (WAZ, 30.8.22)

Offenbar kann ein Großteil der Bevölkerung eine Reise an die Ostsee, zur Arbeit oder zu Freunden nur schwer finanzieren und ist bereit, einiges an Unannehmlichkeiten wie volle und verspätete Züge etc. in Kauf zu nehmen, um auch mal zur Ostsee zu gelangen. Was da als Erfolgsmodell gefeiert wird, ist zudem keine Dauereinrichtung, sondern als begrenzte Maßnahme ein Trostpflaster für all diejenigen, denen die Inflation das Leben schwer macht.

Auch die Interessenvertretung der deutschen Arbeitnehmer in Form des Deutschen Gewerkschaftsbundes und seiner Mitgliedsgewerkschaften betont, dass man zwar einen Ausgleich für die Preissteigerungen anstrebt, wobei die Forderungshöhe bereits signalisiert, dass man bereit sind, auch unterhalb der Inflationsgrenze abzuschließen.

„IG-Metallchef Hofmann hatte im Vorfeld der Forderungsempfehlung immer wieder klargemacht, dass sich die Auswirkungen der hohen Inflation auf die Beschäftigten nicht allein mit Mitteln der Tarifpolitik ausgleichen ließen. Seine Gewerkschaft fordert deshalb von der Bundesregierung neben einem Gaspreisdeckel eine Senkung des Strompreises und für das kommende Jahr ein zusätzliches Entlastungspaket für die Verbraucher.“

Gleich zu Beginn der Metalltarifrunde hat also der oberste Vertreter der IGM, der weltweit größten organisierten Arbeitnehmervertretung mit 2,26 Millionen Mitgliedern, betont, dass es eine Überforderung der Tarifpolitik sei, einen vollständigen Ausgleich zu schaffen. Auch so kann man zum Ausdruck bringen, dass einem als Gewerkschafter das Wohlergehen der Wirtschaft dringlicher ist als ein Schadensausgleich für die eigenen Mitglieder.

Schließlich sehen die Gewerkschaftsvertreter die Abhängigkeit der Arbeitnehmer vom Gang des Geschäftes längst nicht mehr als einen Mangel, der den Lohnarbeitern immer wieder zum Schaden gereicht, sondern als die positive Geschäftsgrundlage, auf der es zu verhandeln gilt.

Somit war das Ergebnis abzusehen: „Weniger Geld für Arbeitnehmer – Reallöhne sinken wegen der Inflation um 3,6 Prozent.“ (SZ, 24.8.22) Dem abzuhelfen, sehen sich die Gewerkschafter nicht gefordert, sondern verweisen auf die Politik, die gerade die schweren Zeiten ankündigt.

Die Opfer der Inflation können sich auch des Beistands der Kirchen sicher sein, die immer schon den Untertanen empfohlen haben, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Sie stellen ihren Beistand in traditioneller Form unter Beweis:

(Die EKD-Ratsvorsitzende) „Kurschuss kündigte an, dass die evangelische Kirche im kommenden Winter Wärmeräume und Suppenküchen anbieten werde, sollten mehr Menschen angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten in eine Notlage geraten.“ (WAZ, 25.8.22)

Sicherlich werden die Armen auch ins Gebet eingeschlossen und auf Gottes Hilfe verwiesen, was ja jedem, der‘s glaubt, den nun wirklich bombensicheren Trost „You‘ll never walk alone“ verschafft.

Auch die Medien begleiten die sich abzeichnende Notlage

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23 Kommentare

  1. Wenn den verarmten Menschen von staatswegen geholfen wird, ist das Sozialismus. Wenn Unternehmen Staatsknete abgreifen, ist das „freies Unternehmertum“.

  2. Mit der Inflation hat das nichts zu tun, es verschleiert nur das sollte die Inflation zurückgedrängt sein alles wieder in Butter ist.

    „Glaubt man den offiziellen Ansagen, dann können große Teile der Gesellschaft ihren Lebensunterhalt…. Nicht mehr bestreiten.“

    Der Staat übernimmt doch heute schon Teile der Lohnzahlung, was anderes ist Kindergeld oder Mietzuschuss denn? Sind im Lohn nicht die Reproduktionskosten nötig, wie sonst kann die Arbeitskraft erhalten bleiben? https://www.klartext-info.de/alt/buecher/Nebensache_Mensch_2005.pdf 3,2 ab Seite 381

    „für die bestmögliche Versorgung der Menschen mit den benötigten Gütern“ soll die Marktwirtschaft stehen. Dabei wird Markt überlesen, was ja heißt, dass jemand Geld braucht um was zu kaufen. Was notwendig ist, wird auch nicht definiert. Die besten Psychologen im Land arbeiten in der Werbung, um den Leuten von der Notwendigkeit bestimmte Waren zu kaufen einzubläuen.

    Von dem Gerede des reichen Landes sollte Abstand genommen werden, der Staat Deutschland ist verschuldet, der Staat verschleudert sogar sein Liegenschaften ans Kapital. Das ist, was reich ist, einige Kapitalfirmen und Geldverwalter, wo die Eigentumsverhältnisse verschleiert sind.

    Na klar kann das Kapital alles Mögliche produzieren, wenn es Geld dafür gibt, genau das tun sie auch. In der Situation nach mehr Geld von Staat zu rufen, um die Firmen zu retten, ist ein bisschen makaber. Sind es nicht die Firmen, die durch ihre systematischen Notwendigkeiten zu der jetzigen Situation gesorgt haben. Schauen wir doch mal, wo der Weizen aus der Ukraine hingeht und wo er propagandistisch hin sollte, ebenso bei den Impfstoffen.

    Es liegt alles so klar vor und dennoch werden die Verschleierungen nicht weniger.

  3. Warum muss die öde AntikapitalismusLeier wieder angeschlagen, wenn es um den Bankrott einer bestimmten Politik geht? Die aberwitzige „ Energiewende“, die vorsätzlich gesellschaftszerstörende Förderung der illegalen Masseneinwanderung, eine fehlkalibrierte Sozialpolitik und die kriminelle Euro-Konstruktion – all das sind menschengemachte Fehlleistungen, die ins Desaster führen. Mit der „Systemfrage“ hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Die dümmliche Aufwärmung der „Debatte“ über den“Kapitalismus“ ist keine Lösung, sondern Ablenkungsstrategie und mithin Teil des Problems

    1. An Kapitalismuskritik stört mich weniger die Kritik als solche, sondern die Abwesenheit eines attraktiven alternativen Konzepts. Was ich aber noch viel schlimmer finde, ist rechts-reaktionäre Kritik an der Kritik so wie in diesem schlimmen Kommentar.

      1. Erst einmal muss es doch darum gehen, sich in der Kritik zum Kapitalismus einig zu sein. (Da wird auf die Argumente nicht eingegangen)
        Dann kann über eine Alternative diskutiert werden. Ich weiß, keine Alternative weis, aber das Kapitalismus die Welt für Menschen nicht lebbar lässt.

    1. Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu essen, bitte sehr! Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her!!
      Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht!!! Beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nie vergessen:
      die Solidarität!!!!

  4. All die Wünsche, wie der Kapitalismus humanisiert werden müsste, sind reine Illusion. Mögen die Klagen auch berechtigt sein, die Vorstellungen zur Lösung der Widersprüche berühren nur Erscheinungen, nicht das Wesen, der Ursachen der systemimmanenten ständigen Konzentration und Zentralisation des Kapitals.
    Es ist letztlich die Produktionsweise, die Warenproduktion und in dieser der Wert, der die gesellschaftliche Entwicklung zur Katastrophe unumkehrbar bestimmt. Nur eine Produktionsweise, die nicht auf dem Wert mit all seinen Kategorien, Ware, Geld, Kapital, aufbaut, sondern auf den Bedürfnissen zuallererst der Produzenten und dem Rest der Bevölkerung aufgebaut wird, kann die Lösung erbringen.
    Dazu gab es auf Telepolis eine Artikelreihe von Heinrich Harbach und Werner Richter zum Wert. Müsste noch im Archiv abrufbar sein.
    Der Kapitalismus ist nicht reformierbar, der Wert erzwingt die jetzige Entwicklung und kümmert sich einen feuchten Dreck um Klagen, Wünsche und die Bedürfnisse der Menschen. Seine Verwertung ist das einzige Ziel der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Man kann ihn nicht grün, rot oder human machen, wenn dann nur medial mit durchgreifender Manipulation bis hin zum Bürgerkrieg gegen die Aufmüpfigen.

  5. Die Existenz von Kapitalismus ist zwingend an die Existenz von bestimmten Rechtsprinzipien gebunden. Exemplarisch:

    – Vertragsfreiheit (durch Sanktionen aufgehoben)
    – Recht auf Eigentum (durch Sanktionen aufgehoben)
    – Recht auf Zugang zu Informationen (bereits vor den Sanktionen durch Zensur aufgehoben)
    – Presse- und Meinungsfreiheit (bereits vor den Sanktionen durch Verbote „falscher“ Meinungen aufgehoben).

    Es gibt in Deutschland keinen Kapitalismus mehr, folglich gibt es auch keine Probleme durch Kapitalismus. Das was wir in Deutschland haben, dürfte eher eine Form von Feudalismus oder Absolutismus sein, also eine Pre-Aufklärische Gesellschaftsform.

    (*) Die Zensur wurde vom Staat in das Privatrecht ausgelagert. Es zensiert nicht mehr eine Behörde, sondern ein Privatunternehmen.

    1. Interessanter Gedankengang. Allerdings stimme ich nicht zu.

      Die von dir aufgeführten Punkte gehören zum Idealbild einer „idealen Marktwirtschaft“, in der alle Konsumenten und Anbieter stets alle Informationen über einen Markt zur Verfügung haben und dann frei in ihren Entscheidungen ihre Verträge schließen.

      Eine derart ideale Marktwirtschaft hat es nie gegeben und kann es auch gar nicht geben, weil die Situation auf jedem Markt zu komplex und unübersichtlich ist. Selbst bei einem so simplen Beispiel wie einem Wochenmarkt lässt sich das zeigen: Du besuchst ihn, entscheidest dich irgendwann für ein Angebot an Kartoffeln, weil dir Preis und Qualität zusagen – und beim Verlassen des Markts stellst du fest, dass es dieselbe Qualität an dem Stand da gleich neben dem Ausgang für ein paar Cent weniger gegeben hätte. Nur hattest du diese Information nicht rechtzeitig.

      Was schon bei einem überschaubaren Wochenmarkt nicht klappt, wird bei größeren und komplexeren Märkten erst recht nicht funktionieren. Somit ist die Marktwirtschaft in ihrer idealisierten Form unerreichbar.

      Der Artikel, den wir hier kommentieren, handelt aber nicht von der Marktwirtschaft, sondern vom Kapitalismus, also davon, dass Kapital eingesetzt wird, um Rendite zu erwirtschaften. Zu diesem Zweck wird alles „verwertet“: Natur, Ressourcen, Menschen, menschliche Beziehungen – einfach alles. Das ist nicht deckungsgleich mit der sog. Marktwirtschaft, die ihrerseits allerdings ein Phänomen des Kapitalismus ist.

      Die von dir aufgeführten Einschränkungen der Marktwirtschaft schränken den Kapitalismus keineswegs ein – im Gegenteil, sie werden ja gerade zur Stützung desselben eingeführt. Der Kapitalismus braucht keine „Freiheit“ zu seiner Existenz, das kann dir jeder Mitmensch in der sogenannten „Dritten Welt“ bestätigen.

      Allerdings ist der Kapitalismus so langsam mal an seinem Ende angelangt. Anstatt das jetzt selbst langatmig auszuführen erlaube ich mir einen Link auf einen kleinen Aufsatz, der das ziemlich kompakt und auf den Punkt darlegt:

      https://wertkritik.org/theorie

      1. Marx mal wieder… 🙁 Lass mal stecken. Marx hat vor 150 Jahren davon geträumt, dass der Kapitalismus in einer Krise steckt und die Arbeiter verelenden. Tatsächlich haben aber Arbeiter im Kapitalismus zu höherem Wohlstand gefunden, als in jeder anderen Gesellschaftsform. Die Prophezeiungen von Marx sind samt und sonders nicht eingetreten. Wäre Marxismus eine wissenschaftliche Weltanschauung, würde man Marxismus beerdigen.

        Bezüglich Deiner Marktthesen: Das, was Du beobachtet hast, nennt man unvollkommene Märkte. Solche unvollkommenen Märkte sind der Normalfall im Kapitalismus und eine wesentliche Triebfeder der Kapitalismus. Alle Marktteilnehmer versuchen gleichermaßen Preisvorteile zu finden und zu nutzen. Das Gleichgewicht des Marktes ist nichts, was aus sich selbst existiert, sondern etwas, das durch das Handeln von Marktteilnehmern angenähert wird. Dadurch, dass Marktteilnehmer aktiv nach Preisvorteilen suchen, werden Angebotslücken entdeckt und geschlossen.

        Was wir heute in der Westen haben, ist aber eine komplett andere Situation: Es werden durch staatliches Handeln wesentliche Marktteilnehmer vom Markt ausgeschlossen, es werden durch politisches Handeln Informationen unterdrückt und Unternehmen enteignet. Die Folge sind steigende Preise. Die Ursache der steigenden Gaspreise, die Ursachen von Bäckerpleiten und Jobverlusten ist nicht Kapitalismus, sondern die Politik. Und das letzte mal als wir solch mächtigen politischen Akteure hatten, war zur Zeit des Absolutismus.

        1. Marx mal wieder…

          Joh, das ist ein zähes Kerlchen.

          Marx hat vor 150 Jahren davon geträumt, dass der Kapitalismus in einer Krise steckt und die Arbeiter verelenden.

          Wovon Marx geträumt hat, weiß ich nicht. Ich kann nur zur Kenntnis nehmen, was er geschrieben hat. Was hast du denn für ’ne Quelle bezüglich seiner Träume?

          Tatsächlich haben aber Arbeiter im Kapitalismus zu höherem Wohlstand gefunden, als in jeder anderen Gesellschaftsform.

          Ja, aber nur in einigen ausgewählten Ländern und nur auf Kosten der Menschen in anderen Ländern. Und nur auf Kosten zahlloser Kriege, Unterdrückungsmaßnahmen und kriegerischen Handlungen. Die Tatsache, dass du in einem dieser ausgewählten Länder geboren wurdest und lebst, sollte dir nicht den Blick auf alle anderen verstellen. Zitat:
          Dem WHI 2021 zufolge befindet sich ein Land – Somalia – in einer gravierenden Hungersituation. In den fünf Ländern Zentralafrikanische Republik, Tschad, Demokratische Republik Kongo, Madagaskar und Jemen ist die Hungersituation sehr ernst . In einigen Ländern liegen nicht ausreichend Daten vor, um einen WHI-Wert zu berechnen. Doch auf Basis bekannter Daten wurden vier weitere Länder – Burundi, Komoren, Südsudan und Syrien – vorläufig als sehr ernst bewertet. (Link)
          Welches dieser Länder ist deiner Analyse nach denn nicht kapitalistisch organisiert? Oder sind die dort (ver)hungernden Menschen alle keine „Arbeiter“, oder wie passt das in deine Theorie?

          Denn Rest deines Beitrags lasse ich mal so stehen. Du hältst die Begriffe „Marktwirtschaft“ und „Kapitalismus“ für Synonyme. So lange wie du diesen Fehler nicht aufgeben magst brauchen wir nicht zu diskutieren.

  6. Bitte mal kurz darüber nachdenken, ob mit Zahlen bedrucktes Papier überhaupt in irgendeiner Form werthaltig ist.. Abgesehen vom Nutzen gefalteter Hüte.
    Was ich weiß: Getreide –> Mehl —> Brot sind ohne Geld werthaltig. Wasser auch. Menschen, die darüber nicht in ausreichender Menge verfügen, werden krank, verhungern oder verdursten. Es scheint zur Zeit um sich zu greifen, die Verneinung realer Bedürfnisse der Menschen als Wissenschaft zu bezeichnen. Wie leistungsfähig das gegenwärtige, wissenschaftsbasierte Produktions- und Verteilungssystem ist, lässt sich an der weltweiten Zunahme von Hunger, Krankheit und Tod ablesen. Gegenwärtig versagt das System, das angetreten ist als ein „überlegenes“ alle Menschen mit Essen, trinkbarem Wasser und Hitze- bzw. Kälteschutz zu versorgen. Es ist offensichtlich kein Anliegen „der Wirtschaft“ Menschen zuverlässig mit dem Nötigsten zu versorgen. „Die Wirtschaft“ legt bedrucktes Papier in einbruchsichere Schränke. Von mir aus darf „die Wirtschaft“ auch im Interesse des Fortschritts eingebildetes Geld auf Halbleiterplatten speichern, die man kühlen muss, damit „das Geld“ nicht verschwindet oder ohne Streichholz Feuer fängt. Wenn das kein Schwachsinn ist, was dann?
    Wäre dem nicht so, hätten alle genug zu essen und nicht eine Handvoll Leute Yachten, die nicht in die Häfen der angefahrenen Zielorte an den schönsten Stränden der Welt passen.
    Den gegenwärtigen Zustand der Welt kann man mit Fug und Recht als umfassendes Systemversagen charakterisieren – ohne jemals eine Zeile Marx, Smith, Schumpeter, Hayek, Keynes …oder sonstwen gelesen zu haben. Möglicherweise steht uns eine Zeitspanne bevor, in der sich die Unbelesenen ohne Bezug zu Weisheit und Seele ihr Brot verschaffen. Einfach weil sie es brauchen. Zumindest haben sie das immer wieder in Abständen an unterschiedlichen Orten geschafft. So ist es mündlich und schriftlich überliefert. Es hat immer wieder einmal geklappt: mit gewöhnlichen Menschen und Keulen, Äxten, Heugabeln, Steinen, Zwillen … ohne Gott, Richter, Generäle und Professoren.
    Wenn es mit Gott, Richtern, Generälen und Professoren organisiert wird, nennt man es Krieg. Da muss dann ein jeder um sein Leben fürchten und hungern und frieren. Immer im Dienste des und der Höheren und ihrer „Werte“. Wenn Werte hochgehalten werden, steht meistens Hunger in Aussicht. Natürlich nicht für Richter, Generäle und Professoren.

    1. „Den gegenwärtigen Zustand der Welt kann man mit Fug und Recht als umfassendes Systemversagen charakterisieren…“

      Versagen?
      Das Kap. System ist gerade in seiner neoliberalen Prägung doch nicht als Welternährunprogramm angetreten.
      Da ist Anpassung gefragt – Marktverlerer, die ausgemerzt werden, sind nach Hayek vorgesehen und gewollt.
      Sozialdarwinisms in Reinform.

      1. Das Kap. System ist gerade in seiner neoliberalen Prägung doch nicht als Welternährungsprogramm angetreten.

        Das Narrativ ist aber, dass es durch den Kapitalismus allen Menschen angeblich besser gehen soll als ohne ihn. Die Wahrheit ist demgegenüber, dass es eben nur einer gewissen Zahl von Menschen besser geht auf Kosten einer großen Zahl anderer Menschen. Dieser Widerspruch zwischen Narrativ und Realität wird seit Jahrhunderten durch Ideologie „behoben“, indem man von auserwählten Menschen redet und halt von den anderen.

        Hayek ist da ein Beispiel, der greift aber auch nur die perversen Gedanken eines Thomas Robert Malthus aus dem 18. Jahrhundert auf. Der war ein christlicher Pfaffe.

        Franz Müntefering war kein christlicher Pfaffe, sondern ein römisch-katholisch-sozialdemokratischer Spitzenpolitiker, der in der Hartz-IV-Debatte sein Parteiprogramm zitierte: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“.

        Insofern ist es völlig richtig zu sagen, dass dem Kapitalismus (und seinen Steigbügelhaltern) der Hungertod von Menschen gleichgültig ist.

        Dein Einwand geht aber an der Kritik von @Christa Meist, wenn ich sie richtig verstehe, vorbei. Denn auch wenn sie schreibt „ohne jemals eine Zeile Marx, Smith, Schumpeter, Hayek, Keynes …oder sonstwen gelesen zu haben“, ist sie sehr nahe dran an der Werttheorie, die am Kapitalismus eben – schlicht gesagt – kritisiert, dass alles einen Tauschwert („Marktwert“) zugewiesen bekommt, ohne nach einem Wert im Sinne des menschlichen Daseins zu fragen. Um Christas Beispiel aufzugreifen:

        Getreide –> Mehl —> Brot sind ohne Geld werthaltig. Wasser auch.

        Das ist selbsterklärend. Im Kapitalismus bekommen diese Dinge ihren Wert aber erst durch den Handel damit, den heiligen „Markt“. Das wiederum bedeutet, dass dir Getreide, Mehl, Brot und Wasser nur zustehen, wenn du sie kaufen kannst. Wäre es anders, müsste niemand verhungern oder verdursten, es ist ja genug für alle da auf der Welt. Es hat nur nicht jeder das Geld, um es zu kaufen.

        Allein das ist ja Grund genug, den Kapitalismus zu überwinden und durch ein menschengerechtes Konstrukt zu ersetzen. Das ist aber nicht alles.

        Aufgrund seiner eigenen Dynamik strebt der Kapitalismus seinem Ende entgegen. Zu seinem Wesen gehört der Zwang zur immerwährenden Anhäufung von Kapital, das ist seine Dynamik, und das macht ihn endlich. Grob lässt sich das mit zwei Argumenten schildern.

        → Die äußere Schranke des Kapitalismus ist die Natur. Kapitalistische Gesellschaften können nicht aufhören, immer mehr und immer schneller zu produzieren und somit immer mehr Teile der Natur zu vernutzen. Die Erde als Lieferant der Natur ist aber begrenzt. Irgendwann ist Schluss. Wir kennen das aktuell als Klimakatastrophe, die das Leben auf Erden zunehmend problematischer macht.

        → Die innere Schranke des Kapitalismus liegt darin, dass er immer mehr Technologien entwickelt, mit deren Hilfe menschliche Arbeitskraft ersetzt wird. Stichwort „Automatisierung“, man stellt Produkte mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft her. Das ist aus Konkurrenzgründen notwendig, denn die menschliche Arbeitskraft ist ein „Kostenfaktor“ und verhindert die Anhäufung von Kapital.
        Nun wird aber der Mehrwert, wie Marx das nannte, ausschließlich durch die menschliche Arbeitskraft generiert. Maschinen machen keinen Mehrwert, weil die Maschinen des Konkurrenten das gleiche können.
        Entlasse ich aber immer mehr Menschen aus dem Produktionsprozess, dann verdienen immer weniger einen Arbeitslohn. Und wem verkaufe ich dann meine Waren?

        Die Folge sind einerseits Absatzprobleme und andererseits das, was @Christa beschreibt: „mit gewöhnlichen Menschen und Keulen, Äxten, Heugabeln, Steinen, Zwillen … ohne Gott, Richter, Generäle und Professoren.“

        Beide Schranken sind existent, und beide sind auch inzwischen riesengroß sichtbar.

        Oder, um es auf die Frage des Artikels von Suitbert Cechura zu beziehen, wer sich den Kapitalismus eigentlich noch leisten kann: Nur wenige Menschen auf der Erde. Zu wenige, als dass er noch allzu lange Bestand haben könnte.

        1. Ich glaube nicht, dass du irgendjemandemn der abhängig beschäftigt ist, HartzIV, entschuldigung Bürgergeld bekommt, oder Grundrente in der gegenwärtigen Lage erklären musst, wer in wessen Interesse diese Lage herbeigeführt hat. Zumindest die ca. 25 % wissen das,, die nicht wählen, also eine ansehnliche Minderheit. Wieviele es werden ist nicht absehbar. Leider argumentieren Linke sehr selten in einer Sprache, die von diesen vielen verstanden wird. Ich nehme an, das liegt daran, dass sie meistens Bilder längst Verstorbener vor sich hertragen, statt da mit den Leuten zu reden, wo sie sind: auf der Straße. Es gibt genug Diskussionsanlässe und auch Diskussionsbereitschaft. Das konnte ich vor kurzem an einem Infostand der DKP zum Antikriegstag in einer mittelgroßen Kreisstadt beobachten. Möglicherweise wäre der Zuspruch noch größer gewesen, wäre nicht einer der Anwesenden aus der LINKEN über den ganzen Winter als Antifaschist mit saudummen Sprüchen gegen Pflegeberufler-Demos gegen Corona-Maßnahmen aufgefallen.

    2. Sorry, aber was Du machst, ist Soziologengeschwätz.

      Du verwechselst das Konzept Geld mit Geldeigenschaften.

      Zunächst: Physisch nutzbares Geld gibt es, nennt sich Kurantgeld. Exemplarisch hat Bettwäsche in der DDR eine Geldfunktion übernommen. Bettwäsche war knapp und begehrt und eignete sich deshalb als Tauschmittel. Aber Bettwäsche hat auch einen Nachteil, etwa wenn man teure Sachen kaufen will. Eine Erdgas-Turbine kostet umgerechnet zum Beispiel 10 Millionen mal Bettwäsche. Eine einfache Bezahlung wird damit zur logistischen Herausforderung, bei der dutzende von Zügen und riesige Lagerhallen ins Spiel kommen.

      Dann: Der Grund weshalb alle Geld wollen, liegt nicht in den physischen Eigenschaften von Geld, sondern in seinen Tauschmöglichkeiten. Mit meinem Arbeitgeber habe ich als Zahlungsmittel EUR statt Bettwäsche vereinbart. Ist für mich bequemer, weil ich mir mit den EUR alles kaufen kann, was ich will. Mein Arbeitgeber ist ein Industrieunternehmen. Ich habe fast keine Verwendung für seine Produkte. Ohne Geld würde ich nicht für das Unternehmen arbeiten, das Unternehmen gäbe es nicht.

      Geld ermöglicht eine indirekte Tauschmöglichkeit und damit eine arbeitsteilige Wirtschaft. Ohne Geld gehen wir zurück auf das Niveau einer Gesellschaft mit Tauschwirtschaft. Also Steinzeit oder noch früher (in der Steinzeit wurden bereits Muscheln oder seltene Steine als Geld benutzt).

      1. Wenn Geschwätz, dann Materialistengeschwätz, bitte. Fakt ist: Das sog. Kurantgeld, also Geld als nötiges Tauschmittel, ist ein winziger Bruchteil der täglich von Staaten geschaffenen Geldmenge, die verwendet wurde und wird, um auf den Konten max. eines Promilles der Bevölkerung Summen anzuhäufen, denen eben gerade kein in der Produktion geschaffener Tauschwert gegenübersteht. Da geht es nicht um Konzepte, sondern um Realitäten. Gegenwärtig wird der Versuch gemacht, den Lohnabhängigen die letzten Reste ihrer möglicherweise noch verwendbaren „Tauschwerte“ zu entreißen.
        Dein Kenntnisstand zur Frage des Geldes im Kapitalismus entspricht in etwa dem eines Unterrichtsfilmes zur Geschichte des Geldes, der mir aus den 70er Jahren noch in Erinnerung ist. Sicher ist er in den Stadt- und Kreisbildstellen noch als CD o. ä. verfügbar. Für die Aktualisierung von Unterrichtsmaterial hat man nämlich kein Geld. Deshalb werden ständig Eltern zur Kasse gebeten für Material von Verlagen, wenn sie so mutig sind, sich dagegen zu wehren, dass ständig mit „Informationen“ von Wirtschaftsverbänden beschult wird, weil es die geschenkt gibt.

        1. Die Superreichen brauchen Dein Geld nicht. Die Superreichen besitzen die Zentralbanken (die Bundesbank ist zum Beispiel eine Ausgründung der großen deutschen Geschäftsbanken und damit indirekt unter Kontrolle der Aktionäre) und können sich ihr eigenes Geld drucken. Das es Superreichen um Geld geht, ist eine naive Vorstellung. Auch Superreiche müssen Kosten und Einnahmen in Balance halten, aber sie haben kein Geldproblem als solches.

          Sorry Mädchen, aber ich habe dieses Geld-Zeuchs übrigens studiert und brauche Deine VHS-Kurse nichdt.

          Und schlage bitte die Begriffe nach, bevor Du sie benutzt. Kurantgeld ist nicht als Tauschmittel benötigtes Geld, sondern Geld mit einem innewohnenden Wert. Ein typisches Beispiel für Kurantgeld sind Goldmünzen. Völlig egal welcher Wert vorn auf der Münze steht, der Wert des Geldes entsteht durch den Goldgehalt. Und falls Dir Goldmünzen noch zu gewöhnlich sind, andere Formen von Kurantgeld sind Ölfässer oder Unterlegscheiben. Also Dinge die einen tatsächlichen Nutzen haben und deshalb wertvoll sind. Der Nachteil von Kurantgeld ist immer der Transport- und Tauschaufwand.

          Wir wissen aus der Geschichte der letzten 200 Jahren, dass Menschen beim Zusammenbruch einer Währung (heißt: eine Form von Giralgeld wird wertlos) blitzartig beginnen sich eigenes Geld zu machen. Zum Beispiel in Form von Gutscheinen. Nicht aus kapitalistischen Gründen, sondern weil außer Dir praktisch allen Menschen der Vorteil von Geld sofort klar ist. Geld dient als Tauschmittel, als Verrechnungseinheit und der Wertaufbahrung.

          1. Nachgeschlagen habe ich den Begriff „kurant“, ergänzend zum mir bekannten Wort Tauschmittel im dwds. Tauschmittel kann unter den verschiedensten historischen Bedingungen so gut wie alles sein, wofür der andere etwas Erwünschtes herzugeben bereit ist. Die bedruckten Papierfetzen verlieren ihren Wert als Tauschmittel spätestens in dem Moment, wo niemand mehr etwas Nützliches dafür hergibt oder hergeben kann. Die Wirtschaftswissenschaften, insbesondere die Volkswirtschaftslehre, sind bisher den Beweis schuldig geblieben, dass sie einen Beitrag zur Stabilisierung des Tauschwertes leisten oder leisten können.
            Niemandes gegenwärtige Einsichten sind wissenschaftliche Wahrheiten. Auch deine nicht.
            Ich erkläre dich hiermit für ausgeschlossen aus meinem persönlichen Debattenraum. Ich bin die Experten minimalster Lebensausschnitte so leid, die Zusammenhänge nicht im geringsten interessieren. Das erste derartige Wesen das mir begegnete, etwa vor 20 Jahren, untersuchte weibliche Praxis in Lohnverhandlungen mit dem Ziel, gegen die geschlechtsbezogene Minderbezahlung von Arbeit anzugehen mit Schulungen zur Gesprächstaktik für Frauen in Gehaltsverhandlungen. Ich habe zu dieser Art von „Lösungen“ keinen Zugang und pfeife deshalb auf Experten deines Schlages.

  7. In der sog. marktkonformen Demokratie malt man alle vier Jahre ein legitimatorisches Kreuzchen in ein Kästchen und beauftragt jenen Staat (von wegen Parteien, die zur Willensbildung beitragen und so) mit der Lösung der Probleme, die er qua Verfassung (FDGO, Eigentum) selbst berbeigeführt hat.

    Ich halte es da mit A. Einstein:
    „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

    Der „Wahnsinn“ – im wahrsten Wortsinn – dürfte bald bittere Realität werden.

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