„Vorsicht vor russischen Hackern, die können alles!“

 

Vor Ort in Moskau und im Visier des Kreml: Nikita Istomin von der NGO Roskomsvoboda im Exklusiv-Interview mit Marcel Malachowski über ihren Kampf für Bürgerrechte und Meinungsfreiheit, über digitalen Klassismus, Elon Musk und die Wirksamkeit der Sanktionen, über die Schatten-Arbeit der Geheimdienste, „Schild und Schwert“ und Wände, die Ohren haben – und warum Telegram ganz sicher nicht sicher ist.

 

So gut wie gar nicht mehr äußern sich Monate nach dem 24. Februar diesen Jahres NGOs in Russland noch öffentlich oder gar gegenüber westlichen Medien, nachdem es Wochen nach dem Beginn der sogenannten Militäroperation massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit durch eine neue und verschärfte Gesetzgebung des russischen Staates gab und diese seitdem auch polizeilich und geheimdienstlich durchgesetzt wird – krass&konkret-Autor Marcel Malachowski ist trotz dieser Umstände über verschlungene Wege ein ausführliches Exklusiv-Interview mit der NGO Roskomsvoboda  in Moskau über ihre Arbeit, die Repressionen und die Situation im Land gelungen.

Nikita Istomin ist Rechtsanwalt, Lawyer by trade, IT- und Privacy-Spezialist und Legal Analyst für Roskomsvoboda, die in etwa vergleichbar ist mit dem deutschen CCC (Chaos Computer Club), aber im Gegensatz zu diesem unter existenziell schwierigen Bedingungen arbeitet. Istomin persönlich betreut auch Angeklagte, Festgenommene und Gefangene. Roskomsvoboda entstand 2012 aus der russischen Piraten-Partei und ihre Mitglieder und Aktivist*innen – im Gegensatz zu westlichen Digital Native Groups sind sehr viele Frauen aktiv – bieten eine besondere Expertise und tatkräftige Hilfe für CyberSecurity jeder Art und die Abwehr gegen digitale Bedrohungen und ungerechtfertigte Verfolgung durch staatliche Behörden und andere. Sie treten für Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit und Datenschutz ein und leisten Rechtshilfe für Verfolgte. Die NGO gewann auch wichtige Präzedenz-Klagen gegen den russischen Staat. Es wird vermutet, dass die meisten der vor allem jungen Millionen Russ*innen ihre VPN-Zugänge (seit dem 24. Februar auch für Netflix und Entertainment-Angebote im Netz) mit der technischen Hilfeleistung der Roskomsvoboda-Sites und -Tools installieren.

Die NGO hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, die staatliche Medienzensurbehörde Roskomnadzor (ironische Anspielung des Namens „RosKomVoboda“, „Svoboda“ ist einer der russischen Begriffe für Freiheit) zu überwachen und ihre Aktionen aufzulisten und öffentlich zu machen. Da Roskomnadzor auch den Anweisungen aus dem Kreml und des von vielen gefürchteten russischen Geheimdienstes FSB (Ex-KGB) unterliegt, hat sich die Gruppe nicht nur Freunde gemacht. Es wird befürchtet, dass das Netzwerk alsbald vom Kreml auf die sogenannte „Liste feindlicher ausländischer Agenten“ gesetzt wird.

Roskomsvoboda arbeiten sowohl klandestin und dezentral als auch mit öffentlichen Kampagnen wie „Digital Defense“ gegen das „Runet“. Der Aktivist Dmitriy Bogatov wurde im April 2017 verhaftet und wegen Terrorismus, Spionage, Agententätigkeit und Extremismus angeklagt. Nach öffentlichen Aktionen und Demonstrationen und durch die Unterstützung seines Anwält*innen-Teams um Roskomsvoboda-Gründer Sarkis Darbinian musste er wieder freigelassen werden.

Die Freiheit des Internet in Russland, ist seit dem 24. Februar, dem Beginn der sogenannten „Spezialoperation“, stark eingeschränkt, Emails von westlichen Providern werden nachweislich teils gar nicht mehr, teils verzögert zugestellt unter oft kuriosen Begründungen, etwa an Email-Adressen von Yandex, welcher bereits zuvor als „undurchsichtig“ galt. Öffentliche Unmutsbekundungen gegen diese Politik sind sehr selten geworden, Protestler*innen und Aktivist*innen agieren zur Zeit unter großen persönlichen Gefahren auch für das eigene Leben.

Nur aus juristischen Gründen wurde im Interview und im Artikel auf die Verwendung bestimmter Wörter und Begriffe in Zusammenhang mit der offiziell in Russland sogenannten „Spezialoperation“ in der Ukraine verzichtet, um Istomin, die NGO und den Autor zu schützen. Die Hintergründe dafür dürften der Öffentlichkeit im freien Westen allgemein bekannt sein.

 

„Wir sind hier immer potenziellen Repressionen ausgesetzt“

 

Nikita, wie ist die allgemeine Situation für die Internetfreiheit in Russland im Moment?

Nikita Istomin: Nun ja, es überraschte uns nicht, dass die Regierung die Meinungs- und Meinungsfreiheit aufgrund der internationalen Spannungen stark einschränkte. Die ganze Spezialoperation dient sowohl als Rechtfertigung als auch als Katalysator für eine weitere Verschärfung der gesetzlichen Regulierung der Internetkommunikation.

Seid Ihr in Eurer Arbeit hier auch aktuell Repressionen ausgesetzt? Hat sich diesbezüglich seit dem 24. Februar etwas noch weiter verschlechtert als schon zuvor?

Nikita Istomin: Wir sind hier wie jede NGO oder zivilgesellschaftliche Organisation, die keine fraglose Loyalität und Unterstützung für Maßnahmen der Regierung zeigt und abweichende Meinungen artikuliert, immer potenziell Repressionen ausgesetzt. Die jüngsten Änderungen der Bundesgesetze statteten die Strafverfolgungsbehörden mit willkürlichem Machtermessen gegen diejenigen aus, die ihr Vorgehen kritisieren und die offizielle Position in Frage stellen. Die vage Sprache der Gesetze macht es ziemlich einfach, jede Kritik, zivilgesellschaftliche Aktion oder auch nur eine bloße Satire oder Ironie als Diskreditierung der russischen Streitkräfte, Verbreitung von gefälschten Nachrichten, Extremismus oder Hassreden zu qualifizieren.

Wir sind jedoch keine politische Organisation, wir haben keine politischen Ambitionen, und unsere Mitglieder können ihre eigenen politischen Präferenzen und Positionen haben, glaube mir, sie sind ziemlich vielfältig und manchmal sogar widersprüchlich. Aber wir teilen gemeinsame Werte wie das Recht auf Privatsphäre und den Schutz personenbezogener Daten, die Verpflichtung zur Meinungs- und Informationsfreiheit. Unsere Organisation konzentriert sich auf das technische Fachwissen, bewertet die sozialen Auswirkungen des sich ändernden regulatorischen Umfelds und beobachtet den Stand der Dinge in Bezug auf die digitalen Rechte in Russland. Ein solcher Fokus könnte uns helfen, zumindest vorerst nicht als vorrangiges Ziel für die Strafverfolgungsbehörden, die Regierung und die politischen Eliten eingestuft zu werden.

Welches genau sind denn im Alltag die Hauptfelder Eurer Arbeit? Ihr bietet auch rechtliche Unterstützung für Betroffene an?

Nikita Istomin: Wir entwickeln und fördern die Ideen und Werte des Schutzes der Privatsphäre und personenbezogener Daten, der Informationsfreiheit und des Zensurverbots, der Notwendigkeit der Transparenz der Regierung und der öffentlichen Aufsicht über die digitalen Aktivitäten der Regierungsbehörden. Wir schärfen das Datenschutzbewusstsein und halten die russische Internet-Community über rechtliche Entwicklungen, Gerichtsverfahren, Verletzungen des Schutzes personenbezogener Daten und vieles weitere auf dem Laufenden. Roskomsvoboda veranstaltet Konferenzen, Festivals, Hackathons und Accelerators, die Innovationsentwickler und Branchenexperten, technische Spezialisten und Anwälte, Journalisten und Aktivisten zusammenbringen und auch Vertreter der Zivilgesellschaft.

Unser technisches Team überprüft und testet VPNs und andere technische Tools, die für Benutzer nützlich sein könnten, entwickelt die technische Infrastruktur der Projekte und eigene Lösungen zur Wiederherstellung des Zugriffs auf Informationen, erkennt neue Einschränkungen, die von den Anbietern und Regierungsbehörden auferlegt werden, analysiert und öffentlich sichtbar wichtige Daten zu der Angelegenheit, zum Beispiel zur Nachverfolgung der Aufzeichnungen über blockierte Ressourcen. Unsere Anwälte prüfen auch Rechnungen und bieten rechtlichen Beistand für Bedürftige oder gemeinnützige Projekte oder Organisationen der Zivilgesellschaft, die sich positiv auf digitale Rechte auswirken.

Wir bieten häufig Rechtshilfe für Privatpersonen oder gemeinnützige Organisationen an, die Gefahr laufen, verfolgt zu werden oder die bereits mit Verwaltungs- oder Strafanzeigen und/oder Vorladungen vor Gericht oder Strafverfolgungsbehörden konfrontiert wurden, oder nicht zuletzt deren Rechte wurden von den privaten Organisationen verletzt. Zum Beispiel haben wir kürzlich eine Sammelklage gegen Yandex wegen der jüngsten Verletzung der personenbezogenen Daten seiner Nutzer eingeleitet.

 

„Geld ist nur ein Machtmittel“

 

Yandex ist die größte Internet-Plattform Russland und ein Email-Provider, dessen Seriösität viele bezweifeln, wofür es Gründe gibt … War das Internet denn vor dem 24. Februar frei in Russland? Denn generell gilt ja: Digitale Freiheit und Freiheit im Leben ist immer eine Frage des Geldes, egal, wo auf der Welt …

Nikita Istomin: Wenn wir beide das philosophisch genau so sehen on the same page, möchte ich Dich daran erinnern, dass es keine absolute Freiheit gibt, selbst wenn wir über das Internet sprechen. Dennoch kann man dazu wohl eine klare Antwort geben: Russische Internetnutzer genossen bisher mehr Freiheiten, weil es weniger Einschränkungen bei der Ausübung ihrer Grundrechte gab. Freiheit ist ein integrales Konzept, das man Menschen nicht entziehen kann, unabhängig davon, ob es sich um Online-Aktivitäten handelt oder nicht. Meine persönliche Meinung ist, dass Geld nur ein Machtmittel ist …

… für die, die es nötig haben, Geld als Machtmittel  in ihrer Angst vor dem Verlust ihrer unberechtigten Privilegien einzusetzen …

Nikita Istomin: … und wenn ich Dir dazu eine weitere Inspiration geben darf, würde ich mich auch auf die komplizierte Natur und Wechselwirkung von Macht und Freiheit konzentrieren, im sehr allgemeinen Sinne dieser beiden Begriffe.

Gehen wir wieder online: Gerade Deutschland ist in Sachen Digitalisierung ja sehr rückständig, wie alle Rankings zeigen, dort gibt es große technische Probleme beim Fortschritt im Vergleich zu anderen Ländern, nicht nur zu den westlichen oder natürlich zu Israel. In den arabischen Ländern, im Iran, in Asien, in der Türkei, in Bulgarien oder in Südamerika kann man immer wieder beobachten, dass soziale Netzwerke und Messenger-Dienste viel mehr im Alltag, aber auch von Politikern oder politischen Aktivisten genutzt werden, weil dort sind sie im digitalen Lebensstil nicht so konservativ. Welche Rolle spielen diese Netzwerke im Alltag für Russ*innen im Allgemeinen und besonders seit dem 24. Februar?

Nikita Istomin: Nun, hier können wir den gleichen Trend beobachten, der lange vor der militärischen Spezialoperation seinen Lauf genommen hat. Unsere Politiker und die leidenschaftlichsten Pro-Regierungs-Aktivisten nutzten praktisch alle berühmten sozialen Netzwerke und Websites, sogar die black labeled wie YouTube, Instagram, Facebook und Twitter. Damals hielten sie es nicht für verachtenswert, sie zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen. Soziale Netzwerke und Messenger werden täglich als alternative Kanäle zur Verbreitung von Informationen und Kommunikation genutzt. Das ist hier ganz normal …

 

„Wir raten zu Taktiken, um Risiken einer ungerechtfertigten Verfolgung zu mindern“

Manche Wände haben ja Ohren … Aber natürlich gibt es viele Geheimtipps wie technische und physische Hilfsmittel, spezielle Kanäle und digitale Foren, die auch komplett abseits des Darknets liegen oder spezielle Software für wirklich sichere Kommunikation, die wir jetzt nicht alle im Detail erwähnen wollen, um sie nicht offenzulegen für jede*n, der mitliest, oder jemanden zu gefährden …

Aber generell gilt sowieso: Signal gilt als sehr sicher, Mehrfach-VPN-Kanäle oder der Tor-Browser auch. Einzelne Mailanbieter waren bereits vor dem 24. Februar in Russland und Belarus gesperrt, wie etwa das von Ex-US-Geheimdienstlern mitentwickelte Protonmail, da dieser durch sehr strenge Schweizer Datenschutzgesetze besonders gesichert ist und auch einen kostenfreien Anwalts-Service bietet für Journalisten und Aktivisten und überall vor ungerechtfertigtem Zugriff durch Dienste, schlechte Kriminelle und staatliche Behörden schützt. Gibt es also doch noch Möglichkeiten für eine sichere private Kommunikation?

Nikita Istomin: Ja, die gibt es. Es ist ein uralter, ewig währender Wettkampf zwischen einem Schwert und einem Schild. Bezogen auf die russische Gesamtbevölkerung greifen leider nur mehr oder weniger technisch versierte Nutzer auf die Nutzung solch weit verbreiteter VPNs beziehungsweise Tor zurück.

Apropos „Schild und Schwert“, ein beliebtes Bonmot in Russland mit tiefer historischer Bedeutung bis hin zur Tscheka, apropos FSB und NSA: Ungerechtfertigtes Tracking durch Behörden und andere ist eine große Gefahr, aber man kann sich darauf vorbereiten, nicht nur in Russland. Es gab sogar Kontrollen von Mobilgeräten auf den Straßen von Moskau. Gebt Ihr dazu auch Schutzhinweise?

Nikita Istomin: Auf jeden Fall. Wir beraten Menschen zu verschiedenen Maßnahmen und Taktiken auch im Alltag, um Risiken einer ungerechtfertigten Verfolgung zu mindern, und wie sie allgemein einen besseren Schutz ihrer personenbezogenen Daten gewährleisten können. Das ist auch unkompliziert für jeden auf unserer Website zu finden …

VK, das russische Facebook, das auch viele kritische russische Exilanten in Hamburg, Mailand, Barcelona oder Berlin-„Charlottengrad“ nutzen, ist bekanntlich nicht sicher … aber das ist auch Telegram nicht wirklich?

Nikita Istomin: Aus Sicht der maximalen Sicherheit ist Telegram definitiv kein todsicheres Tool für sichere Kommunikation, es sei denn, man oder frau verwenden seine geheime Chat-Funktion. VK mit seinem guten Ruf … versteht sich von selbst.

 

„Die strengen Gesetze in Russland lähmen das tägliche Leben“

 

Verstehe … Es gab ja aber bereits vor dem 24. Februar rechtliche Schritte gegen einzelne Internet-Aktivisten? Ist das auch schlimmer geworden?

Nikita Istomin: Ja, die gab es und allerdings: Wie ich ja bereits erwähnt habe, die Sprachregelung wurde nun immer strenger. Im Großen und Ganzen reicht die Palette der Maßnahmen von administrativen Anforderungen zum Beispiel für ausländische Agenten …

… als solche gelten auch Journalisten aus dem Westen…

Nikita Istomin: … und der Einschränkung von Informationen in Bezug auf diese bis hin zu strafrechtlichen Sanktionen und Einschränkungen nach den Gesetzen zur Bekämpfung von Extremisten, die das tägliche Leben und jede Aktivität lähmen. Das paralysiert die Leute.

Ist es richtig, dass Ihr vor Gericht erreicht habt, dass Tor weiterhin zugänglich ist? Und ist die Auseinandersetzung damit schon gewonnen?

Nikita Istomin: Ja, wir hatten tatsächlich erfolgreich Berufung eingelegt, um die Gerichtsentscheidung aufzuheben, nach der die Tor-Website gesperrt wurde, von der man die Tools herunterladen kann. Obwohl wir zugeben sollten, dass dieser Rechtsstreit noch lange nicht zu Ende ist.

Als vor Jahrzehnten das Internet auf die Welt kam, hofften ja viele fortschrittlich denkende Menschen auf ein neues Zeitalter der Gedanken- und Informationsfreiheit, um das private Glück aller Menschen auf der Welt zu fördern. Heute ist das Internet stark bedroht durch den Kapitalismus, durch monopolistische Großkonzerne, durch autoritäre Regierungen, durch gewöhnliche Kriminelle, die Unschuldige ausbeuten, durch Hassreden. Wie siehst Du denn generell die Zukunft des Internet, sophisticated?

Nikita Istomin: Auf der einen Seite befürchte ich eine weitere „Balkanisierung“ und regionale Fragmentierung des Internets, aber vielleicht auf viel subtilere und undurchschaubarere Weise als zuvor vorhergesagt von vielen. Andererseits beobachten wir ein steigendes Interesse an dezentralen Strukturen, Blockchain- und Krypto-Assets. Wer weiß, vielleicht stehen wir an der Schwelle zum sogenannten Web 3.0 und sein Aufstieg wird unweigerlich zu großen Umwälzungen sowohl in der IT-Branche als auch in der Gesellschaft, wie wir sie kennen, führen.

Aber es gibt zwei angeborene Probleme bei der Erstellung von Prognosen: Es ist eine undankbare Arbeit, und es ist quasi unmöglich, das tatsächliche Timing zu erraten. Und angesichts der Zeit und des Kontexts kann jede Projektion nur kurzsichtig sein.

 

„Ich wette auf einen kompletten Shutdown Russlands – durch die russische Regierung“

 

Spekuliert wird in der Szene in Moskau immer wieder auch über eine vollständige Abkopplung des russischen Internets vom globalen Internet. Aber ist das realistisch und technisch machbar? Das würde die russische Jugend sehr verärgern, nicht wahr? Auch Instagram ist dort sehr beliebt, nicht nur bei Peskows Tochter …

Nikita Istomin: Die Regierung nutzte diese Spekulation als so-called boogeyman, als eine bloße Ablenkung, während sie gleichzeitig die Infrastruktur des vermeintlich „souveränen Internets“ förderte, promotete und implementierte. Die sogenannte externe Entkoppelung ist theoretisch zwar durchaus realistisch, das wäre aber ein politischer Selbstmord, auch für solche Multistakeholder-Organisationen wie die ICANN. Darüber hinaus wird dieser Schritt keine langfristigen Auswirkungen haben, zum Beispiel unter Berücksichtigung der möglichen Spiegelung von DNS-Servern. Und nicht zuletzt gab es ja bereits diesen einen Versuch, Russland vom globalen Internet  komplett abzukoppeln, aber sowohl Ripe NCC als auch die ICANN lehnten die bloße Idee ab, ein Land abzukoppeln. So paradox es auch erscheinen mag, aber ich würde eher auf die Abkopplung Russlands von innen durch die russische Regierung wetten. Ein solcher Shutdown birgt jedoch viele politische, wirtschaftliche und technische Risiken und ist schwieriger umzusetzen als der externe.

Wie siehst Du denn die weitere Entwicklung der Computerindustrie in China, auch ein extrem autoritärer Staat, in der das Individuum verachtet wird? Könnten auch private Huawei-Produkte zur Spionage gegen russische Aktivisten eingesetzt werden, wie Geheimdienstkreise im Westen in den letzten Wochen intern vermuteten?

Nikita Istomin: Die Computerindustrie in China versucht immer noch, ihren Platz zu verbessern aus der runner-up position heraus, des ewig Aufholenden, obwohl China weitaus unabhängiger ist als Russland. Aber natürlich, warum nicht? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die russischen Regierungsbehörden im Allgemeinen von den westlichen Technologien abhängig sind. Ich habe zumindest gehört, dass die DPI-Hardware jetzt für den Export nach Russland verboten wurde.

Roskomnadzor gilt als ja im Ausland als besonders repressiv und agiert zudem oft vermeintlich moralisierend wie schlimmste US-Spießer in Mid West in den 1950er-Jahren. Wie bewertest Du denn Roskomnadsor aus Deiner persönlichen Erfahrung und Deinem Kontakt mit ihnen?

Nikita Istomin: Die offizielle Position und Mission und die Praxis von Roskomnadzor sind durchaus verschieden. In den meisten Fällen dient es als Vollstrecker der Gerichtsentscheidungen oder der Entscheidungen der anderen Bundesbehörden. Es hat von oben einen sehr engen Ermessensspielraum, Informationen online selbst einzuschränken. Deshalb wäre es eigentlich unfair, gegenüber Roskomnadzor irgendwelche Bewertungen zu abgeben, ohne der Regierung als Ganzes gegenüber irgendwelche Bewertungen zu geben, sowohl gegenüber der ersteren als auch der letzteren, sonst macht es damit Roskomnadsor zum Sündenbock.

Meine persönliche Vermutung ist nämlich vielmehr eher, dass solch eine explizit moralisierende und repressive Regierungsform aus der modernen russischen Geschichte, aber auch vor allem aus der sowjetischen Geschichte, und bestimmten Menschen heraus stammt, die absichtlich oder unbewusst versuchen, sie fortzusetzen.

 

„Erfolgreicher Geschäftsmann oder Verfechter der Menschenrechte – beides geht nicht“

 

Technisch guter und finanziell erschwinglicher Zugang zum Internet ist aber immer eine Frage des Geldes. Ist das Internet für Russen außerhalb von St. Petersburg und Moskau denn überhaupt finanziell erschwinglich?

Nikita Istomin: Ja, der Internetzugang bleibt im ganzen Land relativ günstig, insbesondere im Vergleich zu Nordamerika, Australien und den meisten europäischen Ländern. Es wäre sehr illusorisch zu sagen, dass das Internet nur in St. Petersburg und Moskau finanziell erschwinglich ist.

Es gab sogar mal einen Expertenrat für Informationspolitik in der Duma? Hat er sich denn aber wirklich für die digitale Freiheit eingesetzt?

Nikita Istomin: Er existiert sogar immer noch. Insgesamt ist es hier aber keine Mission, digitale Rechte zu fördern und zu schützen. Dieser Rat ganz offiziell in der Duma, dem russischen Parlament, besteht aus Mitgliedern mit unterschiedlichen, sogar sehr gegensätzlichen Meinungen, einschließlich bei den Themenfeldern Telekommunikation, IT-Industrie und „regierungsfreundliche“ NGOs. Das einzige Mitglied, das sich ständig und konsequent für digitale Rechte einsetzt, ist tatsächlich der Leiter der Roskomsvoboda. Mehrere Berufsverbände aus der Tech-Branche im Rat nehmen dort eine mehr oder weniger neutrale Haltung ein, zum Beispiel aus den Unternehmen der Telekommunikation, den Streaming-Plattformen oder aus dem E-Commerce.

Erwähnenswert ist auch, dass dieser Rat dem zuständigen Ausschuss und zwar dem für Informationspolitik, Informationstechnologien und Kommunikation der Staatsduma angegliedert ist. Wenn Du dir die Statistiken ansiehst, wirst Du feststellen, dass ein erheblicher Teil der vom Ausschuss erfolgreich eingebrachten und von der Bundesversammlung verabschiedeten Änderungen oder neuen Bestimmungen die Beschränkungen des Internet, die staatliche Aufsicht und Kontrolle betreffen. Es ist also durchaus ein vielschichtiges und differenziertes Bild …

Elon Musk hat doch mehr Geld, als er braucht … Könnte er Euch eigentlich in Eurer Arbeit nicht technisch unterstützen?

Nikita Istomin: Elon Musk ist ein bemerkenswerter Unternehmer, den man beobachten sollte, insbesondere wenn man seine jüngste Absicht berücksichtigt, Twitter zu übernehmen. Könnte er uns unterstützen? Ja, er könnte, aber es ist tatsächlich leichter zu sagen, als uns zu helfen. Und bei allem Respekt, er ist ein Geschäftsmann und seine Anreize werden hauptsächlich von gewinnorientierten Zielen bestimmt. Das ist ganz natürlich, man ist entweder ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein unermüdlicher Verfechter der Menschenrechte, aber beides zusammen geht nicht.

 

„Im Schatten der Hackergruppen verstecken sich Regierungen“

 

Wie hat sich denn die Stimmung hier in Moskau in den letzten Wochen verändert? Gibt es in den Geschäften schon Auswirkungen der Sanktionen für die Wirtschaft? Sehr viele Russen haben früher lieber bargeldlos bezahlt. Sind die Preise in den Geschäften dauerhaft gestiegen?

Nikita Istomin: Als allgemeine Beobachtung hat sich nichts geändert. Ja, es gibt einen Anstieg der Preise für Verbrauchsgüter, es gibt ein abnehmendes Sortiment und eine Reihe von Marken, die vom russischen Markt zurückgezogen wurden. Beim bargeldlosen Bezahlen hat die ganze Situation aber kein Chaos verursacht, da die Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere diejenigen, die bei den staatlichen Haushaltsbehörden beschäftigt sind, eh das nationale Zahlungssystem „Mir“ nutzen. Die Sanktionen haben die Abwicklung grenzüberschreitender Transaktionen jedoch gelähmt oder erheblich komplexer und zeitaufwändiger gemacht.

In US-Spielfilmen und deutschen Krimis werden russische Hacker besonders gefürchtet und als die besten der Welt dargestellt … die, die überall reinkommen. Seien wir ehrlich mit einem Schuss Ironie: Ist das wirklich so?

Nikita Istomin: Naja, um es etwas scherzhaft auszudrücken: Vorsicht vor russischen Hackern, die können alles.

Aber wie man in Napoli sagt: In jedem Scherz steckt immer Wahrheit, nicht wahr? Wobei zu erwähnen ist, dass auch in Russland gute Hacker als „consultants“ und freelancing cut-outs nicht alle für die Regierung arbeiten, obwohl es finanziell sehr lukrativ ist, sondern auch als überzeugte Individualisten „auf eigene Rechnung“ …

Nikita Istomin: Ehrlich gesagt haben die russischen Hacker ein solches Image, weil die russischen Programmierer und die IT-Crowd faktisch von ihren skills als die besten der Welt gelten. Ich denke, die Argumentation ist sowohl für die Hacker als auch für die russischen IT-Leute dieselbe: Sie bieten das beste Preis-Leistungs-Verhältnis auf dem Arbeitsmarkt. Ich neige aber zudem zu der Annahme, dass es letztendlich die Regierungen sind, die sich hinter den Schatten einer berüchtigten Hackergruppe verstecken, denn in dieser Branche beruflicher Aktivitäten haben wir gerne auch mit  verschleiernden Mythen und Legenden zu tun.

 

„Lasst niemanden in Eure Rechte und Freiheiten eingreifen!“

 

Die amerikanischen Geheim- und Nachrichtendienste und ihre honorarbasierten Freelancer überall auf der Welt sind nicht nur in der allgemeinen Kommunikationsüberwachung sehr gut aufgestellt, noch besser nur die israelischen, nur zwei keywords unter sehr vielen: Stuxnet und Pegasus. Hacker sind global gut vernetzt, allerdings sind die russischen Dienste eher für gezielte Angriffe bekannt. Sind russische Behörden technisch überhaupt handlungsfähig? Denn die Sperrung von Telegram vor Jahren ist ja blamabelst gescheitert, was in der Szene in Moskau ein running gag ist?

Nikita Istomin: Im Allgemeinen sind sie nicht sehr gut aufgestellt auf dem gesamten Spielfeld, nein, sie sind technisch nicht so effektiv wie beispielsweise ihre amerikanischen Kollegen. Nur bestimmte Teile des Bundessicherheitsdienstes und des Militärischen Nachrichtendienstes GRU könnten über vergleichbare organisch-technische Fähigkeiten verfügen. Und Du solltest die allgemeine technische Abhängigkeit vom Hardwareimport nicht vergessen …

Kurioserweise fehlen auch in Hamburg derzeit lieferungsbedingt durch Shanghai viele wichtige Huawei-Produkte … Noch eine kulinarische Frage: Vermisst jemand in Russland jetzt wirklich McDonald’s?

Nikita Istomin: Wenn Du mich fragen würdest, würde ich sagen, dass ich es überhaupt nicht vermisse. Als Konsument bevorzuge ich andere Fast-Food-Ketten. Ich kann aber nicht für den Rest der Russen sprechen.

Was wünschst Du Dir für die Menschen in Russland für die Zukunft? Und nicht vergessen: die Zukunft beginnt schon in zwei Sekunden …

Nikita Istomin: Ich wünsche ihnen viel Glück und dass sie nicht vergessen, wer wir sind, unsere Identität und unsere Geschichte. Bleibt sicher und passt auf Eure Lieben auf! Lasst niemanden in Eure Rechte und Freiheiten eingreifen!

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

3 Kommentare

  1. Ich meine das der Artikel ein moralisches Geplauder war. Lustig auch die Einschränkung „Ungerechtfertigt“ auch gerechtfertigt (nach Gesetzen) ist Mist.
    Lieblingsspruch bei der bürgerlichen Presse, es gibt Leute die sind dagegen. Na klar, Ausdruck der Demokratie oder einfach bei 100 Mio. Menschen gibt es immer, welche, die wogegen sind.
    Es ist zumindest nett das gesagt wurde das der Westen frei ist. Frei wovon oder wozu wird nie gesagt. Was ist mit der russischen Presse in Deutschland. Wie läuft es im westlichen Polen, Türkei oder Ungarn? Die Engländer werden nicht mehr erwähnt.
    Es wäre doch gut gewesen, wenn über die konkrete Arbeit inhaltlich geredet worden wäre. Das die Presse im Krieg embedded ist doch nichts Neues.
    Es wäre ja alles erträglicher gewesen, wenn das, was wie Kritik aussah, nicht gleich mit dem Westen abgeglichen würde.
    Was nicht zur Sprache kam : https://www.youtube.com/watch?v=orPLcm_oMqU&t=1480s

  2. Gut, dass sich transatlantische Propaganda heutzutage im Deutschen eines sich selber klar identifizierenden Markenzeichens bedient (*) und einem damit die Möglichkeit gibt, die für den Konsum benötigte Lebenszeit anderweitig einzusetzen.
    Schade, dass sie auch hier angekommen ist.

    (*) der feminisierte Schriftsprache, euphemistisch als „gegendert“ bezeichnet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.