Verhindert das Asow-Regiment in Mariupol die Evakuierung der Bewohner?

Ein Kämpfer aus dem Asow Regiment rät den Bewohnern Mariupols von der Evakuierung ab
Asow-Kämpfer rät Bewohnern von Mariupol von der Evakuierung ab.

In Kriegszeiten lässt sich ohne unabhängige Beobachter nicht erkennen, was wirklich vor sich geht. Aber der Verdacht besteht, dass das in Mariupol seit 2014 stationierte rechtsnationalistische Asow-Regiment einen Teil des Problems darstellt.

 

Die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer war bereits 2014 umkämpft. Vermutlich wollten die Separatisten einen Korridor ans Meer einrichten oder sogar bis Kherson und Odessa oder gar Transnistrien. Das scheint auch jetzt wieder Absicht der russischen Streitkräfte zu sein.  Verteidigt wurde Mariupol u.a. von dem nach dem Maidan gegründeten Asow-Regiment, das auch jetzt wieder eine wichtige Rolle im militärischen Kampf spielt und mit ein Problem darstellen dürfte, der russischen Forderung nach Abzug der Bevölkerung nachzukommen. Der ukrainische Präsident Selenskij hat gestern Mariupol ebenso wie  Wolnowakha, Charkiw, Gostomel, Tschernihiv und Kherson den Titel „Stadt der Helden“ verliehen.

Schon zum zweiten Mal ist die Einrichtung eines entsprechenden humanitären Korridors zur Evakuierung gescheitert. Von ukrainischer Seite heißt es, die russischen Streitkräfte und die separatistischen Verbände hätten den Beschuss wieder aufgenommen. Es sei extrem gefährlich, unter diesen Bedingungen Menschen zu evakuieren. Von der russischen Seite der Milizen der „Volksrepublik Donezk“ (DNR) wird hingegen die Ukrainer beschuldigt, sich geweigert zu haben, die Sicherheit des Korridors zu garantieren. Trotz der „Provokation“ der Nationalisten habe man es aber geschafft, 300 Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Unabhängige Berichte über die Gründe und die Lage gibt es nicht.

Schon in den ersten Tages des Krieges wurde gemunkelt, dass die Asow-Kämpfer in Mariupol Menschen bedrohen und nicht aus der Stadt lassen sollen. Der griechische Sender SKAI berichtete von einem griechischstämmigen Bewohner der Stadt, der am 28. Februar auf die Frage geantwortet haben soll, wann er sie verlassen will, dass die Asow-Kämpfer alle töten würden, die das versuchen sollten. Sie seien für alles verantwortlich. Vor Kriegsausbruch beschwerte sich das griechische Außenministerium bereits, dass bei Auseinandersetzungen mit ukrainischen Soldaten in der Nähe von Mariupol zwei Griechen getötet und zwei verletzt wurden.

Aus der Ukraine hörte man gestern Abend lediglich vom Berater des Innenministers Anton Gerashchenko, dass die „Verteidiger Mariupol“ – „eine Brigade des Marinekorps, des Regiments der Asowschen Nationalgarde und der territorialen Verteidigungseinheiten“ – 40 russische Soldaten getötet und zwei festgenommen hätten. Sie sollen versucht haben, in die Außenbezirke der Stadt einzudringen. 7 Panzer, 5 gepanzerte Mannschaftswagen und 2 „Tiger“ seien zerstört worden.  Von Nazis sprechen nicht nur die Russen, sondern auch die Ukrainer. Geraschenko: „Trotz der Tatsache, dass Mariupol wie das belagerte Leningrad von den Nazis umzingelt ist, ist die Moral der Verteidiger auf einem unglaublichen Höhepunkt.“

Beide Seiten pflegen die strategische Kommunikation, teilen also nur das mit, was für sie von Vorteil und für die Gegner von Nachteil ist. Aber zu den Informationen gehören die beider Seiten. Die Miliz der DNR behauptet, das Bataillon Asow habe eine Kolonne von Zivilisten beschossen, als sie versuchten, Mariupol entlang des humanitären Korridors der Autobahn M-23 in Richtung Novoazovsk zu verlassen. Zwei Menschen seien dabei getötet und vier verletzt worden. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses der Russischen Föderation, Alexander Bastrykin, hat Ermittlungen angeordnet, was natürlich wiederum zynisch ist, wenn russische Streitkräfte Städte beschießen und bombardieren.

Berichtet wird, dass das Asow-Regiment am Samstag ein Wohnhaus gesprengt hätte, wodurch weitere Gebäude beschädigt worden seien. Die Gegend sei abgesperrt worden, über Opfer habe man keine Kenntnis. Allgemein wird gesagt, die Rechtsnationalisten würden verhindern, dass Menschen die Stadt verlassen, sie würden die Zivilbevölkerung als „menschliche Schutzschilde“ instrumentalisieren.

Überdies wird gestern berichtet, dass durch Beschuss der ukrainischen Streitkräfte in Donezk am Sonntag Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser und eine Gaspipeline beschädigt wurden. Überdies sei durch Beschuss eine Frau verletzt, ein Kindergarten und Wohngebäude beschädigt worden.

Wenn man Dmitri Jarosch, dem rechtsextremen Mitbegründer des mit den Maidan-Protesten erstarkten paramilitärisch organisierten Rechten Sektors, glaubt, sind mit diesen verbundene Freiwilligenverbände nicht an den Kämpfen in Mariupol beteiligt. Die umkämpfte Hafenstadt am Asowschen Meer, in der 400.000 Einwohner leben sollen, ist aber seit 2014 Stützpunkt zumindest des Asow-Regiments. Eine neonazistische Formation, die in Verbindung mit internationalen rechtsextremistischen Bewegungen und Parteien steht wie den Identitären und den dem III. Weg.

Das Regiment Asow ist eine Miliz, die wie andere ähnliche rechte Milizen, vom damaligen Innenminister in die Nationalgarde aufgenommen und legitimiert wurde. Das Regiment entstand aus der Sozial-Nationalen Versammlung (SNA), einem Zusammenschluss rechtsextremer und neonazistischer Gruppen, vergleichbar dem Rechten Sektor. Man hängt einer rassistischen Ideologie an, will eine „rassereine Ukraine“. SNA und Rechter Sektor waren wie andere rechtsnationalistische Gruppierungen am Maidan beteiligt und übten sich dort im bewaffneten Kampf, der dann im Osten fortgesetzt wurde.

Das Asow-Regiment hat schon seit Beginn rechtsgesinnte Mitkämpfer aus dem Ausland aufgenommen und wird auch jetzt wieder attraktiv für ausländische Rechte, die gerne kämpfen und militärisch ausgebildet werden wollen.  Die Ukraine wird in einem Artikel der New York Times für Rechtsextreme als ein ähnlicher Hafen beschrieben, wie Syrien, der Irak oder Afghanistan für Islamisten, nur sind es dieses Mal keine religiösen Fanatiker, sondern Rassisten. In Verbindung mit Asow entstand eine Partei und der Nationale Korps, eine Art Bürgerwehr, die etwa von der Stadtverwaltung in Kiew und von anderen Städten als Ordnungsgruppe eingesetzt wird. So haben sich auch andere rechtsextreme Gruppen wie C14 etabliert. Die rechtsextremen paramilitärischen Verbände sind zwar pro forma der Nationalgarde unterstellt, aber nicht weisungsgebunden und können auch andere Finanzierungsquellen erschließen. Nach Beginn des Kriegs durchsetzen sie auch die Territorialen Verteidigungseinheiten, die schon 100.000 Männer und Frauen umfassen sollen, und können sich so weiter ausbreiten.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

11 Kommentare

  1. Whitney Webb befürchtet ein Überschwappen auf Europa und die USA:

    https://unlimitedhangout.com/2022/03/investigative-reports/ukraine-and-the-new-al-qaeda/
    March 2, 2022
    „Selbst das FBI, das sich öffentlich mehr Sorgen um RIM [Russian Imperial Movement] macht, musste zugeben, dass in den USA ansässige weiße Rassisten Verbindungen zu der Gruppe gepflegt haben. In einer Anklageschrift aus dem Jahr 2018 stellte das FBI fest, dass Azov „vermutlich an der Ausbildung und Radikalisierung von in den USA ansässigen Organisationen der weißen Rassisten teilgenommen hat“. Im Gegensatz dazu gibt es nach wie vor keine Beweise für konkrete Verbindungen eines einzelnen US-Bürgers zu RIM.

    Angesichts der Tatsache, dass die CIA nun einen Aufstand unterstützt, der sich nach Aussage prominenter ehemaliger CIA-Beamter „über mehrere Grenzen hinweg ausbreiten“ wird, ist die Tatsache, dass zu den Kräften, die von der Behörde im Rahmen dieses „kommenden Aufstands“ ausgebildet und bewaffnet werden, auch das Asow-Bataillon gehört, von Bedeutung. Es scheint, dass die CIA entschlossen ist, eine weitere sich selbst erfüllende Prophezeiung zu schaffen, indem sie genau das Netzwerk der „globalen weißen Vorherrschaft“ züchtet, von dem Geheimdienstbeamte behauptet haben, es sei die „nächste“ große Bedrohung nach dem Abklingen der Kovid-19-Krise.“

    Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

    Siehe auch:
    Whitney Webb
    November 09th, 2018
    https://www.mintpressnews.com/fbi-neo-nazi-militia-trained-by-us-military-in-ukraine-now-training-us-white-supremacists/251687/

  2. Ein Drittel der Einwohner von Mariupoli sind griechischstämmig. Sie telefonieren mit Verwandten in Griechenland, wenn sie denn noch Strom haben und immer wird das Gleiche erzählt. Nicht die Russen hindern sie an der Flucht, es sind die Mitglieder des Asow-Bataillons, die unvorstellbar grausam sind und die Einwohner dort tatsächlich als Faustpfand in der Hand halten, nicht einmal Kinder dürfen die Zone verlassen. Und die westlichen Regierungen und Medien wollen es nicht wissen.

    1. Wenn man sich Plausibilitätsüberlegungen macht, ist das ja auch klar. Was sollen die Russen davon haben, Zivilisten nicht abziehen zu lassen? Verteufelungsfutter für die westliche Propagandamaschine?

      „…nur sind es dieses Mal keine religiösen Fanatiker, sondern Rassisten.“ Nicht falsch, wie Rötzer es ausdrückt, aber warum sie nicht beim Namen nennen? Es sind Faschisten, Neozazis. Das ist nicht falsch, nur weil Putin es auch sagt.

      1. Der Begriff Neonazi beinhaltet den antisemitischen Aspekt. Der spielt anscheinend beim Asow Regiment keine Rolle. Darum ist er falsch. (Er macht sich aber gerade in der Propaganda so gut, weil er so eindeutig negativ besetzt ist.)
        Richtiger sind die Bezeichnungen faschistisch (, was ja aber auch auf Russland zutrifft,) und rassistisch. Auch wenn Russland sich den Rassenkult nicht offen auf die Fahne geschrieben hat: Den Rassenkult betreibt es indirekt auch, wenn es meint, militärisch in ukrainischer Innenpolitik eingreifen zu dürfen, nur weil die betroffene ukrainische Bevölkerung russischstämmig ist.
        (Das wäre nur bei Völkermord legitim, der aber an den russischstämmigen Ukrainern absolut nicht bewiesen ist. Darum verwendet Russland bewusst die Bezeichnung Neonazis, um die Analogie zum Holocaust herzustellen.)
        Nach diesem Prinzip dürfte jeder Staat, dem irgendwann einmal Bürger an einen anderen Staat abhanden gekommen sind, in deren neuer (Wahl-)Heimat militärisch aktiv werden, um „sein Volk“ zu schützen. Dann wären alle Staaten mit ethnischen Minderheiten (also de facto alle) unter Vorwänden leicht militärisches Freiwild.
        Das moralisch falsche Handeln des Asow Regiments muss als eigenständiger Fall betrachtet werden, mit eigenem Kontext. Das macht es nicht besser. Aber das unbedachte Verwenden von falschen historischen Einordnungen ist Propaganda und verhindert eine reale Betrachtung.

    2. Ich habe von Einheimischen gesehen (Videos in social Media), dass sie die Keller usw. nicht verlassen durften. Sie wurden sofort erschossen. Von den eigenen Leuten. Egal ob Alt oder jung. Hauptsache sie blieben in Mariupol.

    3. Einheimische aus Mariupol haben auch erzählt, dass Menschen, deren Kinder auf den Straßen Tod lagen, noch nicht einmal hin durften, um die Leichen zu bergen. Die Menschen die das versucht hatten, wurden erschossen. Gestern habe ich ein Video gesehen, in dem ein Mann an einer Laterne mit Klebebändern angebunden war. Ukrainische Männer haben das getan. Einer hat es gefilmt, der andere hat ihm dann mit einer kleinen Axt die Hand abgehackt. Live vor der Kamera. Der Mann schrie und sagte nur völlig geschockt „ihr habt meine Hand abgeschnitten“ und dann ist er in sich zusammengesackt…. unfassbar was es für Drecksschweine gibt. Ich hoffe das alle zur Rechenschaft gezogen werden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.