USA: Auf den Nachrichtenkanälen läuft der Krieg 24/7

Ukraine-Demo vor dem Weißen Haus. Bild: Ted Eytan/CC BY-SA-2.0

Es ist, als ob Amerika zum allerersten Mal überhaupt entdeckt, dass Bomben Schäden anrichten und Menschen verletzen und umbringen

Amerika nimmt den Krieg in der Ukraine ernst. Sehr ernst. Das ganze Land ist von blau-gelben Signalfarben überschwemmt. Blau-gelbe Fahnen, blau-gelbe Straßenmalereien, blau-gelbe Coronamasken, blau-gelbe Einstecktüchlein bei den Talking Heads im Fernsehen. Meine Facebook-Freunde haben blau-gelbe Rahmen und in den Bäckereien in New York gibt es Cupcakes mit blau-gelben Zuckerguss. Die Late-Night-Comedians in Manhattan machen Witze über Putin, und Verleger, die einen ukrainischen Autor in ihrer Backlist haben, schätzen sich glücklich. Unsere Gouverneurin verspricht Flüchtlingen aus der Ukraine kostenlosen Rechtsbeistand, Englisch-Kurse und Impfungen. Und auf den Nachrichtenkanälen läuft der Krieg 24/7.

Ich kann mich noch gut an den Irakkrieg, erinnern, den die meisten Amerikaner lange vergessen haben, aber nichts hat die USA so durcheinandergewirbelt wie der Krieg in der Ukraine. Das neue Amerika ist wie Bizarro World, wo alle Superhelden zur Unkenntlichkeit verwandelt wurden und Marilyn Monroe hässlich ist.

Die wichtigste Erkenntnis ist: Das neue Amerika in den Zeiten des neuen Krieges hat entdeckt, dass Bomben Schäden anrichten. Wirklich. Jeden Tag liest man in amerikanischen Zeitungen oder sieht im Fernsehen, dass russische Bomben Zivilisten umbringen. Wirklich grausame Bilder und Geschichten. Wie Frauen in ungeheizten Bunkern unter Beschuss Babys zur Welt bringen müssen. Wie Haustiere verhungern. Wie Tote in Massengräbern geworfen werden. Wie Vergewaltigungsopfer wirklich aussehen. Wie Wohnhäuser über ihren Bewohnern zusammenbrechen. Wie Kinder ersticken und verbluten.

Es ist, als ob Amerika zum allerersten Mal überhaupt entdeckt, dass Bomben Schäden anrichten und Menschen verletzen und umbringen, dass es Clusterbomben gibt, und Brandbomben und heimtückische Bomben mit Zeitzünder. Noch nie haben US- Zeitungen so über einen Krieg berichtet, so hautnah und aus Sicht der Opfer. Nicht mal Bosnien. Bestimmt nicht Irak. Irakische Opfer kommen in US-Zeitungen nicht vor.

Amerikanische Bomben sind in US-Zeitungen klinisch saubere Präzisionswaffen, die nur Sachschäden anrichten oder allenfalls Schurken umbringen. Typisch ist eine Kriegsgeschichte in der New York Times von letzter Woche. Da ging es darum, wie es Drohnenpiloten traumatisiert, dass sie — vom sicheren Pentagon aus — per Knopfdruck Drohnen befehligen, die Menschen im Mittleren Osten töten. Nun brauchen die Piloten psychologische Behandlung. So sieht der Krieg aus Sicht von amerikanischen Zeitungen normalerweise auch aus. Erst wenn traumatisierte Veteranen zur Waffe greifen und in Amerika Menschen erschießen, dann wacht das Land kurz auf. Aber nur kurz.

Oder der Internationale Strafgerichtshof. Die USA sind nicht Mitglied und weigern sich nicht nur, mit dem Gericht zu kooperieren; in Amerika macht man sich strafbar, wenn man hilft, amerikanische Kriegsverbrecher zu verfolgen. Diese Gesetze sind unter den Republikanern verabschiedet worden, aber die Demokraten haben nichts dagegen, sie sind nur ein bisschen leiser deswegen.

Amerika unterwirft sich grundsätzlich keiner internationalen Justiz. Nun hat sich der Senat hinter eine Resolution gestellt, Putin in Den Haag abzuurteilen. Okay, das kann man ja fordern, aber wirklich, Amerika, ist das nicht der zweite Schritt vor dem ersten?

Noch interessanter ist, wie sich das Bild von Deutschland geändert hat. Folgte man bisher amerikanischen Zeitungen, war Deutschland im Kern eine aggressive Militärmacht, die man misstrauisch im Auge behalten sollte, damit sie bloß nicht anfängt aufzurüsten. Es ist, als lebten manchen Kommentatoren noch im Jahr 1919. Plötzlich aber können die Deutschen gar nicht schnell eine große Armee zusammenstellen, durch Polen marschieren und Russland angreifen. Oder wenigstens schwere Waffen in die Ukraine schicken.

Nach Ansicht mancher Kommentatoren — etwa des Liberalen Paul Krugman — sind die Deutschen dazu gar moralisch verpflichtet. Warum? Weil Deutschland vom russischen Öl profitiert. Bis vor kurzen war Russland der drittgrößte Öl-Importeur in die USA, aber daraus ist noch keine gefühlte Verpflichtung erwachsen. Ein echter Krieg, in dem Zehntausende von amerikanischen Soldaten sterben und nicht bloß Pentagon-Strategen auf Drohnenknöpfe drücken, das wäre in den USA sehr, sehr unpopulär. Lieber feuert Amerika die Ukrainer, und die Europäer, vom Sofa aus an, patriotisch zu sein.

Derweil haben die amerikanischen Linken die Flüchtlinge an der Grenze entdeckt. Der polnisch-ukrainischen Grenze, die an der mexikanischen Grenze sind vergessen, seit Trump nicht mehr im Amt ist. Sie finden es empörend, dass Polen ukrainische Frauen und Kinder aufnimmt, nicht aber junge Männer aus Syrien oder Gaza oder Afghanistan, die vor Bomben geflüchtet sind — woher stammen diese Bomben denn? Wenn es doch nur eine Möglichkeit geben würde, das herauszufinden!

Das Erstaunlichste ist aber, dass noch kein einziger amerikanischer Linker gefordert hat, die USA möchten diese Flüchtlinge herausliften und nach Amerika in Sicherheit bringen. Dabei wäre das möglich. Amerika ist reich. Das liegt aber nicht daran, dass die amerikanische Linke etwas dagegen hätte, dunkelhäutige Flüchtlinge aufzunehmen; vielmehr ist das eine Idee, auf die sie in ihren wildesten Träumen gar nicht kommen. Es ist, als sei Amerika eine Insel, die auf ihren Bildschirmen ein Kriegsspiel anguckt, mit dem es nichts zu tun hat. Während wir einerseits froh sind, dass wir weit weg sind, ist alles ein bisschen beunruhigend und das kann irgendwie nicht lange gut gehen, das ist klar.

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6 Kommentare

  1. Hallo zusammen,
    danke für solche Artikel hier und den Kommentarbereich mit informativen Beiträgen z. B. von „venice“.

    Hierzulande wird die „deutsche Pflicht“ bereits von Grundschulklassen wahrgenommen, die z. B. Herzen Blau-Gelb ausmalen und entsprechend beschriften.

    Zu der halben Million gestorbener Kinder im Irak sagte Madeleine Albright ja: „the price, we think, the price is worth it“ – aber in der Ukraine sterben jetzt ja Menschen mit hellerer Haut- und Augenfarbe…..

    Doch man sollte nicht übersehen, dass das Interesse des Westens am Ukraine-Krieg eigennützige Gründe hat.
    Seine Bedeutung wurde von Fred Kempe, dem Präsidenten des Atlantic Councils, mit den beiden Weltkriegen und dem anschließenden Kalten Krieg gleichgesetzt, durch den die USA die Hegemonie zum Aufbau ihrer unipolaren „liberalen Weltordnung“ erreichten, die inzwischen erodiert.
    Dazu schrieb Kempe:
    „(…) the question is not what the new world order would be, but rather if the U.S. and its allies can through Ukraine reverse the erosion of the past century’s gains as a first step toward establishing the first truly „global“ world order.“

    Der Atlantic Council sieht es demnach genauso wie Lawrow, dass es im Ukraine-Krieg um die zukünftige Weltordnung geht.
    Kempes Formulierung „through Ukraine“ verdeutlicht, dass die Ukraine dabei nur Werkzeug ist -allerdings ein wichtiges, denn „a Putin victory“ in der Ukraine werde den Niedergang des Westens als „effective global actor“ beschleunigen, schreibt er.

    Demzufolge geht es für die transatlantischen Falken beim Ukraine-Krieg um die eigene Existenzgrundlage.
    Frieden durch Verhandlungen, bei denen russische Forderungen erfüllt werden müssten, werden sie als „a Putin victory“ verhindern wollen.
    Stattdessen schwärmte Hillary Clinton bereits von einem „Afghanistan“ mitten in Europa, einem endlosen Krieg in der Ukraine durch Aktivierung der Zivilbevölkerung als „Partisanen“.

    Das Leid der Menschen in der Ukraine wird von diesen Kreisen zwar medial angeprangert, doch sind sie begierig darauf, es zu verlängern.
    Schade, dass so viele Ukrainer lieber „Bandera-Smothies“ basteln, anstatt zu überlegen, wofür sie ihr Leben riskieren sollen.

    https://www.cnbc.com/amp/2022/04/03/a-new-world-order-is-emerging-and-the-world-is-not-ready-for-it.html

  2. Hier in Deutschland sieht es nicht anders aus. Wer vorher unkritisch war, ist es immer noch und plappert munter drauf los.
    Dabei ist es so einfach, man braucht keine Fake-News Seiten und kein RT Deutsch im web aufzusuchen, ein paar kritische deutsche blogs reichen aus, die Dokumente findet man auf den websites der Thinktanks oder bei Vorträgen im Internet. Da wird ja kein Geheimnis draus gemacht.
    Die Absichten und Vorstellungen der Kriegstreiber aus den USA liegen offen zu Tage – aber es interessiert niemanden.
    Aber wehe man erwähnt, dass man selbst die Amerikaner für die Hauptverantwortlichen hält. Da klappt der Kiefer runter und die Augen weiten sich vor Entsetzen.

    George Orwell nannte die Nachrichtensendungen in „1984“ die „Fünf-Minuten-Hasssendung“. Diese Bezeichnung schien mir vollkommen unzutreffend, heute muss ich sagen, es stimmt. Und ja, es funktioniert.

  3. Entschuldigung an den Vorschreiber ! Das ich mir erlaube sein Kommentar in einen Auszug zu erweitern, es sprach mich einfach an.
    George Orwell nannte die Nachrichtensendungen in „1984“ die „Fünf-Minuten-Hasssendung“. Diese Bezeichnung erschien mir vollkommen unzutreffend. Heute muss ich sagen, es stimmt! Und ja, es funktioniert. George Prognostizierte damals eine Welt die so fern war wie der Mond. Heute leben wir auf den Mond mit einer täglichen und abendlichen Nachrichtensendungen, oh! sorry der Hasssendung „Tagesschau“. Mein Gott sind wir Deutschen runtergekommen. Willkommen in 1984, im Orwellischen Universum. Ich empfehle jedem „Heinrich Mann‘s Roman aus dem Jahr 1914 „Der Untertan“ zu lesen.
    Der ist aktuell denn je.

  4. Mir ist übel, ich lebe in einer Wahrnehmungsblase.
    Gerade habe ich gehört, dass immer noch Zivilisten in Mariopol festsitzen und verzweifelt auf einen Fluchtkorridor warten, der von den Russen immer wieder verweigert wird. Das mehrfache Angebot eines freien Abzuges für alle, die die Waffen niederlegen, ist schließlich eine unannehmbare Zumutung für die Ukrainer. Seit Tagen rätsele ich, ob es denn neben völkerrechtswidrigen Angriffskriegen irgendwie völkerrechtskonforme Kriege gibt, oder wann es zuletzt Kriege ohne Angreifer gab. Krieg scheint eine Frage der Interpretationshoheit zu sein. Tatsächlich findet man eine Übersicht von „Spezialoperationen“ unter dem Stichwort „Kriegsformen“ bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Danach gab es in den Seperatistengebieten einen Autonomie- und Sezessionskrieg, der nun durch die russische Spezialoperation fortgesetzt wird und aus dem sich einen neue Form der sogeannten „neuen Kriege“ gerade entwickelt.
    Erstaunlich ist dabei tatsächlich, dass Politik, Medien und Bürger erschreckt feststellen, dass bei Kriegen die betroffenen Menschen Gräueltaten, Grausamkeiten und Zerstörung erdulden müssen. Wer hätte das gedacht! Deutsche Waffen werden schließlich nur zur Dekoration hergestellt und aus Abschreckungsgründen verkauft.
    Noch erstaunlicher ist, dass Russland mit seinen Atomwaffen droht. Sowas kann man doch gar nicht ernst nehmen. Der bissige Putin will doch nur spielen.
    Wer das ernst zu nehmen scheint, gehört in die Kategorie Schulzomat – also zu den Bedenkenträgern, die sich weigern, sofort fremden Interessen zu dienen und deren Wünsche bedendenlos zu erfüllen. Dafür darf man ebenso bedenkenlos alle Grundsätze über Bord werfen, selbst wenn das dem eigenen Land und seiner Bevölkerung größten Schaden zufügt.
    Dass aber muss alles ein Irrtum sein – wie bereits gesagt, leide ich unter Wahrnehmungsblasen. Vermutlich bin ich an der Hirnabgabestelle versehentlich vorbei gelaufen.
    Neulich bin ich beim Vorbeilaufen glatt in Polen gelandet. Richtig gemütlich war es da. Die besuchten Menschen foren keineswegs vor sich hin. Fernwärme vom Kohlekraftwerk beheizt fast die ganze Stadt. Bei rund 24 Gand Innenraumwärme kam ich ins Gespräch – Der Russe ist und war schon immer ein überflüssiges Übel. Den Kaczyńskizwilling haben sie ermodert. Das Massaker von Katyn ist unvergessen. Wolodymyr Selenskyj ein freiheitskämpfender Held.
    Tatsächlich findet man überall Solidaritäts- und Sympathiebekundungen, ob Straßenbahn oder Buss, Servietten in Lokalen …
    Ukrainer sind überall zu finden. Oft arbeiten sie hier seit Jahren. Die neu angekommenen Flüchtlinge treffen auf viel Wohlwollen. Zwei Monate lang gibt es 40 PLN = 8,50€ pro Tag und Person und irgendwie wird es danach schon weitergehen.
    Ich hab mir Heftpflaster gekauft. Deutsch sein ist im Augenblick nicht so angesagt, wegen der unfreundlichen Zurückhaltung beim Gasverzicht, bei Waffenlieferungen …

  5. Wie dünn die Schicht der Zivilisation doch ist!
    Gestern = vor Corona waren noch – gefühlt – normale Menschen um uns herum. Dann änderte die Politik die Menschen ins Hassgestalten von Geimpften gegen!! Ungeimpfte.
    Gutes Vorspiel.
    Die Vorübung wurde dann von der Politik und der wildgewordenen Presse (in Dauerbeschuss von Selensky und Melnyk, die in Amerikas Namen noch besser in der Manipulation und Propaganda sind) zur Hauptübung.

    Die Frage ist: WIE MANIPULIERT MAN DIE DEUTSCHEN IN NOCH GRÖßERE RASEREI??
    WIE UNTERDRÜCKT MAN (Selensky und Co) DAS DURCH DEN 2. WELTKRIEG SCHULDBELADENE DEUTSCHLAND IN KRIEGSBEFÜRWORTER IN UNSEREM SINNE?
    Prima, Herr Selensky, ihr Schmierentheater ist gut gelungen, unter Frechheiten des Nichtdiplomaten Melnyk, der gerne mal in München einen Kranz am Grab des Faschischten Bandera niederlegt.
    Und in Deutschland liegt das gesamte dumme deutsche Volk diesem amerikabezahlten Präsidenten zu Füßen.
    Erst nach nund nach wird das deutsche Volk verstehen, dass dies alles ein großer Fehler war. KRIEG IST NIEMALS EINE LÖSUNG.
    Aber dann ist Deutschland und Europa in die Bedeutungslosigkeit versunken.
    „We made America great again“ und wir haben k e i n e Exportwirtschaft mehr . Wir haben mehr Arme und unsere Demokratie ist zerstört.
    Du liebe Güte: Wo ist das Land der Dichter und Denker geblieben???

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