Unter der grünen Weide

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Der Dialog eines im Kampf verwundeten Kosaken mit einem Raben, der als Todesbote und zugleich als Nachrichtenübermittler an die Verwandten des Sterbenden begriffen wird.

 

Man muss sie nur hören, ohne zu verstehen, was sie singen, die russische Sängerin Pelageja in Begleitung der Sänger Elmira Kalimullina, Maria Goya und Anri Goginaschwili bei ihrer Interpretation des Liedes „Unter der grünen Weide“, um in tiefe Erschütterung zu geraten. Es ist das Zusammenwirken der Intensität von Pelagejas in wundervollem Alt (bzw. Mezzosopran) vollführten Vortrag, der kunstvoll phrasierten Melodielinien, der Harmonisierung der Leitstimme durch die sich in der Wiederholung des jeweiligen Verses hinzugesellenden MitsängerInnen, der gemeinsamen Steigerung der Singemphase von Vers zu Vers, welches den Hörer in den Bann dieser herzzerreißend schönen Darbietung unweigerlich zieht.

Die Musik ist ganz und gar der großen russischen Volksliedtradition verpflichtet, in elegisch-traurigem Moll gehalten, zuweilen in die typische offene Oktave mündend, von betörender Zartheit und suggestiver Expressivität zugleich. Aber in der Interpretation Pelagejas und ihrer BegleiterInnen kommt noch etwas hinzu: ein das gesamte Lied durchziehender, im Baß erklingender Grundton, der den Hörer von Anbeginn auf das einstimmt, worum es in diesem Lied inhaltlich geht.

Es handelt sich um den Dialog eines im Kampf tödlich verwundeten (möglicherweise ukrainischen) Kosaken mit einem über ihn krähend kreisenden schwarzen Raben, der im Lied als Todesbote, zugleich aber auch als ein vom Kosaken eingesetzter Botschafter auftritt. Der sich seines nahenden Todes bewusste Verwundete schickt den Vogel, damit er seinen Eltern sein blutendes Gewand übergebe, vor allem aber seiner jungen Frau die Nachricht von seinem Tode überbringe.

Wie dies nun gestaltet ist, bestürzt in der kunstvoll metaphorisierenden Beschreibung der zugefügten Verwundung und des ihr folgenden Todes, insbesondere aber in der bitteren, doch letztlich verklärten Ironie, mit der der Kosake sich von seiner Frau verabschiedet und ihr dabei den an ihr begangenen „Verrat“ eingesteht: Den Tod vergleicht er „einer anderen Braut“, die er gefunden und mit der er eine „stille Hochzeit“ unter dem Weidenbaum, seinem Todesort, gefeiert habe. Der „scharfe Säbel“ sei sein Heiratsvermittler gewesen, der „Trauzeuge“ – das „stählerne Bajonett“. Die „schnelle Kugel“ habe sie „verheiratet“, die „Mutter-Erde“ sie „verlobt“. Die eindringliche Emphase in Pelagejas Darbietung gewinnt beim Lesen dieser elegischen Verszeilen eine weitere Dimension der (ästhetisch suggerierten) Bestürzung.

Dass man den Tod poetisieren kann, ist kulturgeschichtlich bekannt. Der schiere Gedanke des im 14. Jahrhundert aufgekommenen „Totentanzes“ rückte den Tod in den metaphorischen Bereich der Kunst, eine Konstellation, die zahllose Darstellungen in der Malerei, der Musik und der Bühnen- wie Filmdarstellung zeitigen sollte. Noch im Jahre 1872 ließ sich Arnold Böcklin in seinem Selbstbildnis vom fiedelnden Tod begleiten. Die wohl beredtste Verschwisterung von Tod, schmeichelnder Verführung und letztendlicher Gewalt findet sich wohl in Goethes, von Franz Schubert vertontem „Erlkönig“.

„Unter der grünen Weide“ reiht sich (folkloristisch) in diese Tradition ein. Die ursprüngliche Version des Liedes, wohl in den 1830er Jahren entstanden, sollte späterhin unter dem Titel „Der schwarze Rabe“ populär werden. Man kann Pelageja und ihrem Ensemble nur dankbar sein, sich des Originals in dieser aufwühlend schönen Interpretation angenommen zu haben.

 

https://www.youtube.com/watch?v=TMuIwJv4NSM

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