Ukraine: die gefährdete Borschtsch-Nation

Bild: Unesco

Die ukrainische Kultur des Borschtsch-Kochens ist für die Unesco ein „dringend erhaltungsbedürftiges immaterielles Kulturerbe“. Die Geste der Solidarität  in Zeiten des Kriegs mutet grotesk an.

 

Die Unesco ist angetreten, neben den Welterbestätten auch das immaterielle Kulturerbe zu bewahren, das in Regionen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Da geht es um Tanz, Theater, Gesänge, Bräuche oder auch Handwerkskünste, in Deutschland wurde in die Liste auch die Genossenschaftsidee, das Zusammenleben von Dänen und Deutschen, die Passionsspiele oder der Rheinische Karneval aufgenommen. Und dann gibt es auch, wenn das Verschwinden droht, seit 2008 die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes (List of Intangible Cultural Heritage in Need of Urgent Safeguarding), das gerade die in Osteuropa verbreitete Kochen der Suppe Borschtsch aufgenommen wurde. Geschützt werden soll die „Kultur des Kochens des ukrainischen Borschtsch“.

Begründet wird dies mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, die vor dem Angreifer durch militärischer Hilfe, Milliardenkredite zur Aufrechterhaltung des Staates, Sanktionen gegen Russland, Unterstützung bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen und jetzt kulturell beschützt werden soll. Obgleich der ukrainische Borschtsch als „integraler Bestandteil des ukrainischen Familien- und Gemeinschaftslebens“ bereits 2020 in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde und es vorgesehen war, ihn 2023 auf die repräsentative Liste zu setzen, wurde auf einer außerordentlichen Sitzung am 1. Juli die Aufnahme vorgezogen. Es handele sich um einen „Fall von extremer Dringlichkeit“.

Die extreme Dringlichkeit, die in der ganzen Ukraine – aber überdies in Polen, Rumänien, Belarus und natürlich auch Russland – verbreitete Borschtsch-Kochkultur schützen zu müssen, wird durch den Krieg und den „negativen Einfluss auf diese Tradition“ in der Ukraine begründet: „Der bewaffnete Konflikt hat die Lebensfähigkeit des Elements bedroht. Die Vertreibung von Menschen und Kulturträgern bedroht das Element, da die Menschen nicht nur nicht in der Lage sind, zu kochen oder lokales Gemüse für Borschtsch anzubauen, sondern auch nicht zusammenkommen können, um das Element zu praktizieren, was das soziale und kulturelle Wohlergehen der Gemeinschaften untergräbt.“ Betont wird, dass der Unesco-Schutz eines immateriellen Kulturerbes nicht bedeutet, dass Exklusivität oder Eigentum beansprucht wird.

Da könnte man natürlich viel schützen. Es geht auch nicht um den Schutz von nationalen Borschtsch-Varianten, sondern um in der ganzen Ukraine in allen Regionen und von allen Bevölkerungsgruppen praktiziertes Kochen der Suppe. In der Regel wird von der Unesco nicht nationales immaterielles Kulturerbe, sondern regionales „dringend“ geschützt (Liste). In der Ukraine sind dies bislang  Kosakengesänge der Region Dnepropetrovsk (2016) und andere regionale Bräuche gewesen. In der Begründung heißt es, „die Kultur des Borschtsch-Kochens wurde in allen Regionen der Ukraine seit langem praktiziert und gefeiert“, Borschtsch wird als „Teil der ukrainischen Gesellschaft, des kulturellen Erbes, der kulturellen Identität und Tradition“ betrachtet.

Im Antrag  des ukrainischen Kultur- und Informationsministeriums liest man: „Man kann sagen, dass Borschtsch in der Ukraine eine lebendige Manifestation der Kultur ist, die das ganze Territorium des Landes bedeckt und mehr bedeutet als nur eine köstliche und äußerst nahrhafte Mahlzeit und Phänomen des täglichen Lebens. Er ist ein obligatorischer Bestandteil der sozialen Praxis, des Humors, der Sprache, von Gedichten, Liedern usw.“ Kochen und Verzehrten von Borschtsch seien typisch für „ethnische Ukrainer und Vertreter von anderen in der Ukraine lebenden Nationalitäten“. Müsste also das Kochen von  Sauerkraut oder Schweinebraten für Deutschland oder der Leberkäse für Bayern endlich auch als immaterielles Kulturerbe geschützt werden?

Alle essen Borreschtsch in der Ukraine ….

Das Ganze fällt beim Anpreisen der nationalen Kulturpraxis in absurde Begründungen: „Man könnte sagen, dass Borschtsch ein demokratisches Gericht ist, an dem Frauen und Männer gleichermaßen teilnehmen. Durch seine regionale und lokale Vielfalt stellt Borschtsch eines der zentralen Elemente dar, die multinationale ukrainische Gesellschaft von der Vergangenheit  („Borschtsch ist die älteste Mahlzeit“, wie der ukrainische Klassiker Iwan Franko sagte) bis heute („Ein Tag ohne Borschtsch ist ein verlorener Tag“, wie ein modernes Sprichwort sagt) vereint.“

Wenn das Kochen Borschtsch in seinen vielen Variationen so zentral für die ukrainische Kultur ist, wie kann der Krieg es gefährden? Zumal die Angreifer selbst von einer Bortschtsch-Kultur kommen. Es wird  dabei doch auf Regionen verwiesen, die von Russland besetzt wurden oder die bombardiert werden, während in der Westukraine doch die Kochkultur weiter verfolgt werden kann, die ja auch, wie in dem Antrag zu lesen ist, selbst von den Flüchtlingen im Ausland praktiziert wird. „Vor allem handelt es sich (bei der Bedrohung)  um die Regionen Donezk, Luhansk, Cherson, Kiew, Sumy, Tschernihiw, Charkiw und Saporischschja, in denen aufgrund der Besetzung oder der totalen Zerstörung das Element vom Aussterben bedroht – die Träger der Tradition werden getötet, gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, oder deportiert, die Weitergabe der Kultur des Kochen ist auch bedroht, außerdem wurde die Umwelt zerstört – durch die totale Bombardierung werden Naturräume und traditionelle Landwirtschaft zerstört sowie Wasserverschmutzung verursacht. All dies hat erhebliche Auswirkungen auf das Element, viele Menschen sind nicht in der Lage zu kochen oder Gemüse für Borschtsch anzubauen, was das soziale Wohlergehen der Gemeinschaften gefährdet und traditionelle Lebensmittel und Unterernährung bedrohen kann.“

Das ist nicht sauber formuliert, sondern schnell fabriziert. Es ging um einen Sieg im Hinblick kultureller Identität. Ob die Ukraine als Borschtsch-Land davon profitiert, ist kaum vorstellbar, verstärkt wird höchstens, Opfer zu sein. Das allgemeine Argument, dass eine Kulturpraxis eine Gemeinschaft vereint, ist schon ein wenig fragwürdig. Im Kontext des russischen Krieges gegen die Ukraine mag es einleuchten, aber wenn es auch in Russland die Borschtsch-Kochkultur gibt, was kaum bestreitbar ist, dann eint sie die Angreifer. Das kann also wohl kaum ein Argument für den dringenden Schutz eines immateriellen Kulturguts sein, das auch außerhalb der betroffenen Gesellschaft im Alltagsleben gepflegt wird.  Es bleibt, dass die Unesco wahrscheinlich ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine setzen wollte, das ihr aber wenig helfen wird.

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7 Kommentare

  1. Ja, dann müssen natürlich auch die Tütensuppen von Maggi und Knorr von der Unesco als urdeutsches Kulturerbe anerkannt werden. Ich bin, wie viele meiner Zeitgenossen, damit aufgepäppelt worden und selbst mein ungeschickter Vater konnte eine Suppe kochen. Vielleicht gewinnt Deutschland dann auch den ESC oder kommt in die Nato. Ach nee, da sind wir ja schon drinnen.

  2. „Es bleibt, dass die Unesco wahrscheinlich ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine setzen wollte, das ihr aber wenig helfen wird.“
    Das haben Zeichen so an sich, daß sie in erster Linie fürs Gemüt des Zeichensetzers gut sind, eigentlich überhaupt nur dafür.

  3. Seit Jahren tobt der Streit zwischen Ukraine und Russland, wer denn nun den Wahren guten, besten Borschtsch kochen könne, dabei gibt es wahrscheinlich soviele Varianten wie es Gegenden gibt, in denen er gekocht wird.

    Ich verstehe diese „Auszeichnung“ so, daß damit „die internationale Gemeinschaft“ den Preis der Ukraine zugesprochen hat, weil das eben gerade opportun ist. Da? die Kocherei dort durch was auch immer gefährdet sein soll, ist ja albern angesichts der Tatsache, daß die Russen gerade einmal 20% des Territoriums besetzt halten (die selbständigen Republiken eingerechnet). Den Russen in der Ukraine wird der Ihre weiterhin schmecken und die Ukrainer den Ihren weiterhin für den besten halten; womöglich wird er auch noch ähnlich zubereitet.

    Viel Lärm um nichts.

    Alberner finde ich dagegen die hierzulande üblichen Solidaritätsbekundungen. Wenn ein von Porsche gesponserter Eisstand erklärt, für jede Kugel x€ für die Ukraine zu spenden und mein Facharzt seine Sprechzimmertür gelb-blau dekoriert, dann frage ich mich schon, ob die noch alle Tassen…….

  4. Mir ist die russische Soljanka lieber!

    Und vielleicht sollte sich der Facharzt von Venice12 mit „Sputnik V“ impfen, dann ist er vor einem schlimmen Herbst/ Winter gefeit…..

  5. Wie immer, wenn man von der Kokaine hört, entpuppt es sich als größenwahnsinnig, aufgeblasenes Geschwafel. Ich weiß nicht, geht es nur mir so? Aber wenn ich „Ukraine“ höre, macht sich nur noch Aggression breit. Ich empfinde sie als frech forderndes Pack. Ein paar kräftige Ohrfeigen – und weiter zur Tagesordnung!

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