Türkei will ohne NATO-Beteiligung “Getreidekorridor” schaffen

Bild: Russisches Außenministerium

Die Türkei ist und bleibt ein Schlüsselakteur in der Schwarzmeerregion und stärkt ihren geopolitischen Einfluss als Vermittler im Ukraine-Krieg.

Bei der Bekämpfung der globalen Nahrungsmittelkrise will der Westen unbedingt erreichen, dass die Ukraine ihr diesjähriges Exportvolumen an Getreide per Seeweg auf die Märkte bringt. Das Problem dabei: Die einzigen sich unter ukrainischer Kontrolle befindenden Häfen im Schwarzen Meer sind durch ukrainische Minen blockiert. Die NATO stellte in Aussicht, einen sicheren Korridor für die Getreidefrachter zu schaffen, was jedoch auf die Interessen der Türkei in der Region trifft. Diese will ihren Einfluss stärken und versucht daher, eigenhändig und ohne NATO-Beteiligung für einen “Schutzkorridor” zu sorgen.

Zuallererst gilt es zu erwähnen, dass das vorherrschende Narrativ in vielen westlichen Ländern von der globalen Lebensmittelkrise, die hauptsächlich dadurch verursacht worden sein soll, weil die Ukraine vor allem die 20 Million Tonnen Weizen aufgrund der russischen Invasion nicht auf den Weltmarkt bringen könne, zumindest diskussionswürdig ist.

Ungeachtet der Warnung der Vereinten Nationen, wonach 1,6 Milliarden Menschen von dem Ukraine-Krieg weltweit betroffen sind, sprechen die offiziellen Zahlen nicht unbedingt dafür, dass der in den ukrainischen Silos blockierte Weizen der Hauptgrund für die globale Lebensmittelknappheit ist. Denn das besagte Exportvolumen der Ukraine in Höhe von 20 Millionen Tonnen ist im Vergleich zu den etwa 780 Millionen Tonnen Weizen, die weltweit pro Jahr produziert werden, eher ein Bruchteil der globalen Weizenmenge. Um genau zu sein, sind das gerade mal 2,6 Prozent. Und wenn man davon ausgeht, dass der Weizen nur einen Teil des gesamten Nahrungsmittelverbrauchs der Weltbevölkerung ausmacht, dann hat der ukrainische Weizen einen sogar noch kleineren Anteil an der Nahrungsmittelkrise.

Nahrungsmittelkrise als Chance für mehr NATO-Präsenz im Schwarzen Meer?

Umso bemerkenswerter ist es, dass die NATO das besagte Narrativ rasch aufgegriffen und ihre Hilfe bei der Ausfuhr des ukrainischen Weizens in Aussicht gestellt hat, wofür es auch reichlich Unterstützung von den Medien gab. Dies erweckte bei vielen Beobachtern jedoch den Eindruck, dass die Allianz das besagte Problem auszunutzen wollte, um Kriegsschiffe in das Schwarze Meer zu entsenden und dadurch etwa die militärische Lage der Kiewer Truppen dort zu verbessern. Die ukrainische Flotte wurde längst zerschlagen und existiert im Grunde nicht mehr. Darüber hinaus waren wenige Woche zuvor mehrere ukrainische Versuche, den russischen Streitkräften im Raum der Schlangeninsel eine Niederlage zuzufügen und eine Verbindung in die Schwarzmeer-Hafenstadt Odessa zu erkämpfen, kläglich gescheitert.

Ungeachtet aller möglichen Pläne für Marine-Aktivitäten im Schwarzen Meer stieß die NATO im Endeffekt auf den Widerstand der Türkei, die sich dem Druck der Partner nicht beugen will und wegen des Ukraine-Krieges keine weiteren Kampfschiffe in das Schwarze Meer durchfahren lässt. Ankara garantiert die Einhaltung des Montreux-Abkommens und regelt somit die Schifffahrt durch die Meerenge der Dardanellen sowie des Bosporus. In Folge der russischen “Spezialoperation” hat die türkische Führung entsprechende Regelungen des Abkommens in Kraft gesetzt, die unter anderem die Fahrt von Kriegsschiffen durch die besagten Meerengen verbieten.

Der Widerstand der türkischen Führung, die sowohl offen propagiert, mit der wichtigste Akteur in der Schwarzmeerregion zu sein, als auch dafür wirbt, eine größere Rolle in der internationalen Politik zu spielen, ist verständlich, da ein aus Brüssel gesteuerter NATO-Einsatz zur Schaffung eines “Schutzkorridors” im Schwarzen Meer, der obendrein inmitten eines Konflikts mit Russland ablaufen würde, mit hoher Wahrscheinlichkeit das Gleichgewicht in der Region stören und dadurch die Macht der Türkei untergraben würde.

Darum will Ankara, das nach Informationen des Spiegel vom 26. Mai bereits eigene Verhandlungen über einen Exportkorridor für Getreide aus der Ukraine geführt habe, unbedingt mehr NATO-Präsenz verhindern  und steigt so als Vermittler in die von den Vereinten Nationen geleiteten Verhandlungen zur Schaffung eines Schutzkorridors ein.

Türkei bringt sich als Vermittler ins Spiel

Wie das indische Portal republicworld.com berichtete, haben Vertreter der Ukraine, Russlands und der UNO unter Vermittlung der Türkei am 3. Juni über eine Öffnung eines Korridors für ukrainische Getreideexporte beraten und eine entsprechende “road map” beschlossen. Diesbezüglich erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu bei einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow am 8. Juni nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, dass die Priorität der Türkei darin liege, “Maßnahmen zur Vermeidung einer globalen Lebensmittelkrise zu ergreifen”, indem man die Zusammenarbeit mit der Ukraine und Russland intensiviere. Dafür sei der von der UN mitgetragene Plan zur Schaffung eines Korridors in die Ukraine “vernünftig”, heißt es.

Die Türkei, die sowohl offen propagiert, mit der wichtigste Akteur in der Schwarzmeerregion zu sein, als auch dafür wirbt, eine größere Rolle in der internationalen Politik zu spielen, nahm mit ihrem Vorstoß der NATO quasi den Wind aus den Segeln. Es sieht momentan nämlich so aus, als würde die NATO für einen Schutzkorridor gemäß dem UN-Plan vorerst keine Rolle mehr spielen.

Klar, die Verhandlungen sind noch in vollem Gange und eine Vereinbarung zwischen Russland und der Ukraine ist höchst ungewiss, da beide Seiten umfangreiche Sicherheitsgarantien verlangen. Nichtsdestotrotz handelt Ankara aus Sicht seiner Interessen sehr erfolgreich.

Die Türkei ist und bleibt ein Schlüsselakteur und stärkt obendrein ihren geopolitischen Einfluss in der Schwarzmeerregion. Die Türken halten zusätzliche Kriegsschiffe der Nordatlantikallianz auf Abstand, garantieren weiterhin die Einhaltung des Vertrages von Montreux und untermauern ein weiteres Mal ihren Standpunkt in dieser Frage.

Zugleich schafft man es, nicht nur Spannungen mit Moskau zu verhindern, sondern es sogar auf seine Seite zu ziehen, obwohl die Russen manchen Fragen der globalen Lebensmittelkrise, wie etwa den genannten Ursachen, eher skeptisch gegenüberstehen. Die Zusage der russischen Führung ermöglicht es dem türkischen Militär, den Schiffsweg durch das Schwarze Meer, in dem Hunderte von der ukrainischen Minen lauern, eben von diesen Minen freizuräumen und den Frachtschiffen sicheres Geleit zu bieten.

Darüber hinaus geht es für Ankara auch um Ansehen auf in der internationalen Bühne, wie der in Istanbul lebende Journalist Thomas Seibert richtig feststellt. Demnach ist die Türkei derzeit das einzige NATO-Land, das im Ukraine-Krieg vermitteln kann. Dies sei auch ein wichtiges Signal an die Allianz, mitten im Streit um die Aufnahme von Finnland und Schweden.

Der Text wurde von EuroBRICS.de übernommen. Wir danken für die Genehmigung.

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7 Kommentare

  1. Was ich nicht verstehe – soweit ich die Nachrichten verfolge, geben sich in Kiew diverse westliche Staatschefs und andere Politiker die Klinke in die Hand. Und wenn ich mir die Bilder so anschaue, sind die alle mit der Einsenbahn gekommen. Wenn Politiker das tun, kann es nicht allzu gefährlich sein.
    Die westliche Waffen’hilfe’ kommt ja wohl auch mit der Eisenbahn. So ganz kaputt können die bösen Russen die Infrastruktur offenbar noch nicht gemacht haben.
    Da läge es doch nahe, den fraglichen Weizen mit der Eisenbahn zu exportieren – von mir aus auch zu einem Hafen, wenn es denn unbedingt auf den Schiffstransport ankommt. Wieso hört man von einem solchen Vorschlag so rein gar nichts?

    1. Das Problem sind die unterschiedlichen Spurweiten des Schienennetzes. Außer man wollte den Weizen nach Russland oder Belarus bringen, dann passt es. Auf die Idee ist ja wohl auch schon der ein oder andere gekommen.

      1. Die Idee bestand darin, den Weizen über Weißrussland nach Litauen zu bringen und dort zu verschiffen, weil die Schienen alle aus der alten Sovjetzeit stammen.

        Aber Weißrussland ist ja auch so ein wenig wertewestliches Land, im Gegensatz zur Ukraine und Litauen und wird darum von der EU boykottiert. Und diese Werte sind eben in der EU wichtiger als die Bekämpfung des Hungers auf der Welt.

  2. Mit der Aufrechterhaltung der schlechten Botschaften, dass in der Ukraine reihenweise Säcke mit Weizen umfallen, konnten die Broker an den Waren Terminbörsen die Preise offenbar nicht mehr weiter in die Höhe treiben.
    Der peak point war wohl erreicht, und ganz wundersam springt ihnen in diesem Falle der Sultan allein mit der hilfreichen Nachricht zur Seite, dass der Weizenhandel nun durch ein zuvor angeblich stark vermintes Gewässer, plötzlich problemlos möglich ist. – Die Minenräumer müssen verdammt schnell gearbeitet haben.
    Jedenfalls sind die Regale bei den Discountern wie von Zauberhand über Nacht wieder mit Mehl und Keimöl gefüllt.

  3. Die Nahrungsmittelkrise an den Exporten der Ukraine festzumachen ist erbärmlich, die Ukraine ist auf der Liste der Exportländer von Weizen auf dem 10 Platz, was aber passiert ist, sobald das Thema in den Medien plaziert wurde, ist sofort an den Börsen massiv auf Weizen spekuliert worden und der Preis ging nach oben, mittlerweile liegt er wieder fast bei Kurs wie vor den Meldungen, sprich die vermeintliche Hungerkrise wird natürlich stattfinden, aber nicht wegen den poppeligen 20 Millionen Tonnen vs. 780 Millionen Tonnen Global, sondern einzig und alleine durch die vom Westen ausgerufenen Sanktionen. Und Hut ab vor den Türken, das machen Sie gut, vieles anderes allerdings nicht. Die Sanktionen bewirken doch das viele Dinge, die in den ärmsten Ländern mit Rohstoffen aus Russland produziert werden, hier nicht mehr reinkommen dürfen, sprich der Mensch der irgendeinen Krempel zusammenschustert hat kein Job mehr, ergo nix zu mampfen. Das unser Land dieses Drama anheizt, Aussenministerin heute ” Russland nimmt die ganze Welt als Geisel” Özdemir: ” Wir müssen auch mal zeigen, aus was für Holz wir geschnitzt sind”, Hernando Habeck gestern: “Die Drosselung der Gaslieferungen ist ein ökonomischer Angriff auf uns”,weil eben ein Ersatzteil aufgrundd von Sanktionen nicht ausgeliefert werden darf. Das ist alles eher verstörend, bitter, und wird für uns in einem Desaster enden.

  4. Habeck gestern: „Die Drosselung der Gaslieferungen ist ein ökonomischer Angriff auf uns“,

    Wer hat mit “Wirtschaftlichen Sanktionen” angefangen? Sowas wie raus aus dem SWIFT, 300 Mrd. klauen usw…

    Aber wenn der pöse Russe auch diese Spielchen spielt, dann verstehen wir die Welt nicht mehr.

    Poroschenko hat letzte Woche im Interview zugegeben, dass Minsk2 nur dazu da war, damit die Ukraine Zeit gewinnt, um sich auf die heutige Situation vorzubereiten. Aber irgendwie haben ssie diese Zeit nicht richtig genutzt, sonst würde die Kiewer Machtelite nicht solche Gebietsverluste erleiden.

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