Spanien liefert trotz der Versorgungsprobleme in der EU Gas an Marokko

 

AKW Cattenom. Bild: Richard LACOUR/CC BY-SA-4.0

Ralf Streck über die Probleme mit der angeblichen sauberen Atomenergie in Frankreich, die bei Hitze ins Stottern kommt, und über den Konflikt zwischen Spanien, Marokko und Algerien, weil Spanien wahrscheinlich algerisches Gas nach Marokko leitet und Algerien die Westsahara unterstützt, die Marokko mit Rückendeckung von Spanien annektieren will. Da Algerien sich BRICS und Russland annähert, scheint Washington von Marokko abzurücken.

 

Es rollt bei dir die nächste Hitzewelle an, es ist die vierte. Der Juli war insgesamt in ganz Europa der wärmste seit Beginn der Messung und geht einher mit einer großen Dürre. Es regnet einfach zu wenig, die Wasserspiegel sinken überall. Frankreich hat wegen der Hitze und dem fehlenden Regen schon länger Probleme. Wird schon Strom und Wasser rationiert?

Ralf Streck: Wasser ist jetzt schon in vielen Gemeinden rationiert. Die Wasserversorgung ist in 100 Gemeinden praktisch zusammengebrochen. Die Lage ist schon ziemlich krass. Die Leute werden aufgefordert, Wasser und natürlich auch Strom zu sparen. Stromsparen sollten wir die ganze Zeit schon, Wassersparen kommt jetzt noch dazu.

Aber es gibt noch keine Verordnungen?

Ralf Streck: Es gibt schon Verordnungen, dass man sein Auto nicht mehr waschen, den Garten nicht mehr sprengen oder Schwimmbäder nicht mehr darf usw. Also die typischen Sparmaßnahmen und ansonsten halt die  Aufrufe, Wasser zu sparen. Das ist ein großes Problem, weil die Flüsse leer sind. Die Franzosen haben dazu das Problem, dass hektoliterweise das Wasser verdampft wird, das in den Flüssen noch vorhanden ist. Das war mir auch bisher nicht so klar. Ich dachte immer, der größte Teil des Wassers, das zur Kühlung von Atomkraftwerken gebraucht wird, würde wieder zurückgeleitet, aber der größte Teil wird verdampft. Es ist also nicht nur so, dass das entnommene Wasser wieder viel zu warm in die Flüsse gelangt. Deswegen wurde für fünf Atomkraftwerke die Ausnahmeregelung nochmal weiter aufgeweicht und bis zum elf September verlängert, in der Hoffnung, dass es vielleicht dann irgendwann mal regnet. Sie dürfen jetzt Wasser in Flüsse leiten, die schon eine Temperatur von über 28 Grad haben. Das sind große Flüsse wie die Loire oder die Gironde, die nicht mehr genug Wasser haben, sodass die Wassertemperatur über 28 Grad liegt. Daraus wird auch Trinkwasser abgeleitet. Und die Großverbraucher kann man nicht reglementieren, weil man sonst in Frankreich nicht mehr weiß, wie man den Strom erzeugen soll. Jetzt sind viele Franzosen im Urlaub, der Import von Strom ist daher relativ gering und immerhin zehn Gigawatt wurden mit Fotovoltaik erzeugt. Zwischenzeitlich mussten im Juli noch bis zu zwölf Gigawatt importiert werden. Allein zwölf Atomkraftwerke sind wegen Rissen in den Primärkühlleitungen abgeschaltet. Wenn die auch noch laufen würden, gäbe es zwar weniger Probleme mit der Stromversorgung, aber noch viel mehr Probleme mit dem Kühlwasser und mit der Wasserversorgung.

Atomenergie soll ja „gut“ sein, weil sie kein CO2 ausstößt, aber es ist schon absurd, dass sie dann, wenn es heiß wird – und es wird in den nächsten Jahren noch heißer werden -,  eigentlich nicht mehr zu betreiben sind, weil das Wasser fehlt.

Ralf Streck: Ja, das ist absurd, dass Atomkraftwerke angeblich für die Klimawende gut sind. Man weiß mittlerweile, dass sich der Wasserdampf in der Luft zwar schnell abbaut, aber auch zu Klimaerwärmung beiträgt, was natürlich durch die Kondensstreifen der Flugzeuge noch viel stärker der Fall ist. Man kriegt an allen Ecken und Enden immer Probleme mit den Atomkraftwerken.

Aber schlucken Kohle- oder die Gaskraftwerke nicht auch viel Wasser?

Ralf Streck: Das ist ja genau das Verrückte, weshalb eigentlich alles für erneuerbare Energien spricht. Ich habe noch keine Photovoltaikanlage gesehen, die Wasser verdampft oder Wasserkühlung braucht. Man kann zwar mit Wasserkühlung die Effizienz steigern, aber das ist nicht notwendig. Die Windanlagen brauchen auch kein Trinkwasser. Sie erhitzen das Wasser nicht und auch nicht Flora und Fauna. All das machen die fossilen Energieträger. Sie verdampfen Wasser und brauchen Kühlung. Man kann natürlich Trockenkühlung verwenden, aber darauf hat man ja nicht gesetzt. Man hat immer gedacht, man habe in Nordeuropa genug Wasser. Manchmal wird gesagt, man könne doch Trockenkühltürme aufbauen. Aber wer soll denn das bezahlen? Also alle französischen Atomkraftwerke, die eh schon uralt sind, jetzt noch mit Trockenkühlturm auszustatten? Also daraus wird nichts.

In der Ukraine kann man jetzt sehen, was in einer Kriegssituation mit AKWs passiert und wie gefährlich diese Situation wird, zumal die nur schwach abgesichert sind. Das Problem hat man mit erneuerbaren Energien einfach nicht. Da kann man noch, eine Dunkelflaute abzufangen, Gaskraftwerke anschalten. Die letzten Monate über hat Deutschland mehr Strom tagsüber mit Photovoltaik produziert als Frankreich mit all seinen Atomkraftwerken. Wenn die das ganze Geld, das sie mit den Atomkraftwerken und dem neuen Reaktor in Flamanville verbrennen, in erneuerbare Energien gesteckt hätten, dann hätten sie die Energielücke geschlossen und die ganzen Probleme nicht. Im Sommer haben wir jetzt die Probleme, im Winter die nächsten Probleme. Die AKWs machen eigentlich nur Probleme.

Im Winter ist aber die erhöhte Nachfrage die Ursache?

Ralf Streck: Genau, im Winter kommen sie nicht hinterher. Bei diesem Märchen in Frankreich, dass Atomstrom billiger sei, wird natürlich nicht gesagt, dass der Staat über alle möglichen Wege diesen subventioniert. Jetzt ist der Energiekonzern EDF pleite und muss mit allen Schulden verstaatlicht werden. Wenn man das umrechnet oder schaut, was dann an Sozialleistungen usw. gestrichen werden muss, weil die EDF verstaatlicht wird, dann ist das gar nicht mehr billig, dann wird es sehr teuer. Und wenn man schaut, dass mindestens 100 Milliarden für die Nachrüstung der Atomkraftwerke ausgegeben werden muss, damit sie angeblich bis zu 60 Jahre laufen können, dann sind wir schnell bei riesigen Beträgen. Und wenn man die Endlagerung, für die es noch keine Lösung gibt, hinzunimmt, dann sind wir schnell in dem Bereich von einer Billion Euro. Die EDF verlangt 8,34 Milliarden Euro Entschädigung vom Staat vfür die gedeckelten Strompreise und braucht 24 Milliarden für den Rückkauf von Aktien für die Verstaatlichung. Dabei wären die Aktien nichts wert, würde der Staat die EDF nicht retten.

Streit um Souveränität und Energie

Jetzt zu einem anderen Thema. Spanien hat begonnen, Gas an Marokko zu verkaufen. Es ist Frackinggas, das offenbar aus USA kommt.

Ralf Streck: Das behaupten die natürlich. Aber die Frage ist natürlich, wer das nachprüfen kann? Chemisch kann man das wahrscheinlich nachprüfen, ob das wirklich Frackinggas aus den USA ist oder ob es doch „normales Gas“ aus Algerien ist. Es gibt ja immer noch die Pipeline, die nicht über Marokko läuft und über die nach Spanien weiterhin Gas geliefert wird. Das wäre auch viel sinnvoller, anstatt Gas aufwendig zu regasifizierenre, vor allen Dingen wäre es viel billiger. Kann sich Marokko bei den Gaspreisen auf dem Weltmarkt das extrem teure Frackinggas aus den USA leisten? Also ich kann mir das nicht vorstellen.

Aber es wird doch Frackinggas aus den USA an Spanien geliefert? Geht das nach Spanien oder Frankreich?

Ralf Streck: Eigentlich sollte eine Pipeline durch Katalonien von der größten Flüssiggasanlage in Europa nach Frankreich gebaut werden. Bis 80 km zur französischen Grenze ist sie auch gebaut, aber weil es Katalonien-Konflikt gibt und Spanien halt aus politischen Erwägungen eigene Entscheidungen trifft, wurde dieses Projekt, das eigentlich ein prioritäres Projekt der EU war, vor drei Jahren  einfach gestoppt, ansonsten wäre diese Leitung jetzt fertig und hätte das Gas aus Algerien bzw. Frackinggas aus den USA liefern können. Spanien ist der große Regasifizierer, also die iberische Halbinsel mit Portugal. Ich glaube, die Hälfte aller Anlagen in Europa steht in Spanien und Portugal. …  Jetzt fällt einem natürlich auf die Füße, dass die Pipeline nicht gebaut wurde.

Gibt es denn eigentlich Proteste aus der EU, dass jetzt Gas nach Marokko geleitet wird und nicht beispielsweise nach Deutschland?

Ralf Streck: Man hört davon nichts. Man hört nur, dass der deutsche Botschafter in Spanien sich stark gemacht hat, die MidCat-Pipeline fertigzubauen, um sie ans französische Gasnetz anzuschließen. Und dann hätte man auch die Chance, wenn man sich wieder mit Algerien anfreunden würde, anstatt denen ständig vors Schienbein zu treten, was die Westsahara-Frage angeht. Algerien schickt über die Marokko-Pipeline nichts mehr, weil sie Angst haben, dass Marokko Gas illegal abgreift …

Das kennt man  auch schon aus der Ukraine.

Ralf Streck: Deswegen fließt da kein Gas mehr. Und genau diese Pipeline, das erzürnt natürlich Algerien, wird jetzt in umgekehrter Richtung genutzt. Maghreb-Europa wurde jetzt umfunktioniert in  Europa-Maghreb. Und es ist die deutsche Firma RWE, die jetzt Gas, woher das Gas kommt, müsste man recherchieren, nach Marokko leitet, weil man dort eigentlich keine Gasreserven mehr hat.

Wie Marokko über den Winter kommen will, ist völlig unklar. So viel Gas kann Europa nicht liefern. In Spanien sind viele Leute verärgert, dass man in Spanien Energie-Sparpläne auflegt, also dass hier Klimaanlagen nur bis 27 Grad abkühlen dürfen, wobei der Arbeitsschutz eigentlich 25 Grad vorschreibt. Man schüttelt hier Gesetze gerne aus dem Ärmel und keiner schaut, mit welchen anderen Gesetzen es kollidiert. Es ist relativ sicher, dass Gerichte das wieder kippen werden. Aber das verstehen hier viele Leute nicht, dass das wenige Gas, das man überhaupt zur Verfügung hat, nach Marokko geliefert wird.

Sind denn die Gaspreise seit Beginn der Lieferungen an Marokko schon gestiegen?

Ralf Streck: Das ist schwer zu sagen, weil Marokko so viel nicht erhält. Aber es ist einfach ein Konsument mehr, der die ohnehin geringe Gasmenge verknappt. Und damit ist natürlich nach den Marktgesetzen zu erwarten, dass die Gaspreise auch steigen, aber die sind ja auch ohnehin viel zu hoch.

So weit ich weiß, gibt es das Projekt, eine große Gaspipeline von Nigeria nach Marokko zu bauen, die dann auch Europa mitversorgen soll und 1300 km durch Marokko läuft. Ist vielleicht das ein Grund, dass man sich Marokko gegenüber erkenntlich zeigen will, um das nicht zu gefährden?

Ralf Streck: Das sind geostrategische Überlegungen, die man anstellen kann, aber ob diese Pipeline, die quer durch Afrika geht bei den vielen Konfliktherden auf den Weg sich sein kann, halte ich zumindest mal für sehr zweifelhaft.

Die Pipeline dürfte wahrscheinlich auch durch die Westsahara gehen.

Ralf Streck: Man müsste sich den Verlauf angucken. Aber das Verrückte ist ja, dass Algerien der achtgrößte Gasproduzenten ist. Algerien hat sich nie geweigert oder irgendwelche Schwierigkeiten gemacht und liefert auch jetzt. Spanien war früher der bevorzugte Partner und hat Gas zum Sonderpreis erhalten, jetzt ist es Italien. Es ist nicht so, dass Algerien versuchen würde, Europa den Gashahn abzudrehen. Es ist nur so, dass Spanien, die alte Kolonialmacht, mehr oder weniger klar wie Donald Trump die Souveränität Marokkos über die Westsahara anerkennen. Das gefällt natürlich Algerien gar nicht. Deswegen wurde auch schon die eine Pipeline abgestellt. Und Algerien sagt jetzt, wenn ein Molekül algerischen Gases in Marokko ankommt, dann wird Spanien wegen der Vertragsverletzung das Gas komplett abgedreht. Dann wird es lustig.

Wie abhängig ist Spanien eigentlich vom Gas?

Ralf Streck: Relativ stark, jetzt total von der USA. Im letzten Dezember war Algerien noch der größte Lieferant. 40 % des Gases in Spanien kam aus Algerien. Jetzt ist der größte Lieferant für Spanien die USA. Da reiben sich in den USA viele Leute die Hände, dass Spanien anstatt billiges Gas aus Algerien jetzt sehr teures Gas aus den USA einkaufen. Weil in den letzten Jahren die Konservativen die erneuerbaren Energien stark ausgebremst hatten, konnte die Abhängigkeit nicht verringert werden. Und weil man in Spanien die Kohlekraftwerke weitgehend abgeschaltet hat, ist die Abhängigkeit deutlich gestiegen ist.

Es scheint so zu sein, dass die amerikanische Politik nach Trump bezüglich Marokko und Westsahara eine Wende eingeschlagen. Ist da was dran?

Ralf Streck: Ja, da deutet sich etwas an. Algerien und die Polisario haben immer wieder gedrängt, dass Joe Biden doch endlich diesen Beschluss rückgängig machen soll, was er bis jetzt nicht gemacht hat.  Aber die USA haben, womit ich auf jeden Fall nicht gerechnet hatte, das größte Militärmanöver 2022 in Afrika abgesagt. Das aggressive Vorgehen Marokkos in der Westsahara wird als zentraler Punkt genannt, warum das gemacht wird.

Das hat nichts mit der Ukraine oder China zu tun?

Ralf Streck: Das hat natürlich mit der Ukraine was zu tun. Natürlich wird das nicht so gesagt, aber Algerien wird keine andere Möglichkeit gelassen. Spanien behauptet wie Marokko, Algerien wäre der große Konfliktpartner bezüglich der Westsahara, Spanien behauptet, dass Algerien den Konflikt anheizen will und dass es ein russischer Verbündeter sei. Dabei will Algerien gar nicht in diesen Topf, sondern sie werden immer stärker in diesen Topf reingedrückt. Algerien hat jetzt angefangen zu sagen, okay, wir können auch anders. Und es hat deutlich gemacht, dass man in der BRICS aufgenommen werden will.

Das ist der erste Schritt. Dann kommt der nächste. Im November wird es ein Militärmanöver zusammen mit Russland an der marokkanischen Grenze geben. Algerien und Russland haben immer mal wieder Militärmanöver gemacht, allerdings nicht in Algerien, sondern in Russland. Und findet eines direkt an der Grenze zu Marokko statt. Das ist natürlich eine Drohgebärde oder der Hinweis, dass, es irgendwann mal Schluss ist. Marokko hat in der Westsahara 30 Jahre lang das Friedensabkommen unterlaufen, nicht zugelassen, dass es zu einem Referendum kommt, das vereinbart worden ist. Jetzt drückt Marokko Algerien immer stärker in die Ecke, russlandfreundlich zu sein. Wenn uns nichts anderes bleibt, so die Algerier, dann wird Russland zur Schutzmacht auch vor einem möglichen Angriff aus Marokko. Marokko hat ja den Krieg in der Westsahara schon provoziert. Man weiß nicht, was da noch möglich wäre.

Welches Interesse hat denn eigentlich Algerien an der Westsahara? Ganz uneigennützig dürfte die Unterstützung der Westsahara auch nicht sein. Soll die Westsahara von Algerien eingemeindet werden? Oder will man zumindest die Kontrolle ausüben?

Ralf Streck: Die Westsahara braucht ein Land als Anschluss und da bietet sich historisch natürlich Algerien an, weil es immer die Schutzmacht war. In Algerien sind auch die großen Flüchtlingslager der Sahrauis. Natürlich hat die Westsahara reiche Vorkommen, zum Beispiel Phosphat, von dem die gesamte Landwirtschaft im Prinzip weltweit abhängt. Die Westsahara ist einer der größten Hersteller von Phosphat, das natürlich jetzt Marokko ausbeutet, sie hat reiche Fischgründe und vor der Küste werden Gas- und Ölfelder vermutet. An den Ressourcen hat Algerien natürlich Interesse, geostrategisch auch, denn mit der Westsahara gibt es einen Anschluss an den Atlantik. Niemand handelt aus reiner Freundschaft. Natürlich sind die Verbindungen zwischen der Westsahara und Algerien eng, auch was die Befreiungsbewegung angeht. Gegen die Franzosen und gegen die Spanier hat man sich gegenseitig unterstützt. Von daher gibt es natürlich enge Verbindung, aber wenn es da nichts zu holen gäbe, würde wahrscheinlich Algerien drüber hinwegschauen und lieber Geschäfte machen.

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10 Kommentare

    1. “ NS1 hat D die Tanks zu 75% gefüllt“ das nutzt ja nichts. Selbst wenn die Tanks zu 100% gefüllt sind, werden wir mit der derzeitigen Liefermenge (20%) aus Russland in eine Gas-Mangellage laufen.

      1. Über NS1 kommen angeblich 20%,…
        Wenn aber die Tankvorräte jetzt bei 75% liegen, muss diese Gas wohl über eine andere Pipeline her stammen!
        Vielleicht über die Türkei?

      2. Hi Wacker,

        Deine Aussage zur Gas-Mangellage ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Realität. Das manager-magazin beruft sich in seinem Artikel (1) auf ein Papier der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungseinrichtung „ECONtribute“ und bringt es positiv zum Ausdruck, dass es schaffbar ist, wenn man 25% des Gasverbrauchs reduziert. Woher sollen so schnell die 25% kommen, denn die benötigen eine Umstellung in der Industrie, wo Gas zum Heizen/ Prozesswärme benötigt wird, bedarf ganz fix für ganz viele Umbauten (bei bereits vorher bestehenden Handwerkermangel und langen Wartezeiten auf speziellen Produkten), eine Reduzierung beim Heizen z.B. dämmen (wie weit sind wir beim Dämmen in den ganzen Jahren der Merkelregierung gekommen und plötzlich schaffen wir das bis zur neuen Heizperiode, hääää?) oder in anderen Bereichen (2), wo es aber immer auch zu Umsetzungsproblemen kommt und vom Zeitfaktor bis diesem Winter noch verschärft wird.
        Schaut man sich die Verbrauchzahlen in der BRD (2) an, sehe ich bei 25% schwarz.

        Leider bringt das manager.magazin auch keine Verlinkung zu diesem Papier der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungseinrichtung „ECONtribute“, damit man sich dieses selber anschauen/ auswerten/ begutachten kann. Auch auf der Seite dieser Forschungseinrichtung (4) bin ich nicht fündig geworden.

        Die Bundesnetzargentur (5, 6, 7, 8) erläutert dies in ihren Papieren viel realistischer. Jens Berger von den NachDenkSeiten (4) bringt es in einem Artikel (https://www.nachdenkseiten.de/?p=86817) auf den Punkt:

        „…Bleiben die russischen Lieferungen via Nord Stream 1 auf dem jetzigen Niveau von 20 Prozent, würde sich bei ansonsten gleichen Rahmenbedingungen die Lage kaum verbessern. Der Gasmangel würde dann auch noch 248 TWh betragen. Und selbst bei 40 Prozent Lieferleistung über Nord Stream 1 stünde am Ende noch ein Gasmangel von 144 TWh, dann wären die Speicher jedoch erst im Dezember leer. Die Mangelsituation würde übrigens in allen diesen drei Szenarien bis in den späten April andauern. Deutschland hätte also vier bis fünf Monate nicht genügend Gas, um alle Abnehmer zu versorgen.

        Das sind weniger erfreulichen Ergebnisse durch die aktuellen Berechnungen der Bundesnetzagentur für Deutschland. Die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstehende Behörde hat bei ihren Kalkulationen zahlreiche variable Parameter verwendet. Die Ergebnisse sind jedoch pessimistisch – egal an welchen Stellschrauben man dreht.“

        Und wenn man in die verlinkten Berichte mit vielen Graphiken sich das anschaut, kommt man auch zu so einer pessimistischen Einschätzung wie der Herr Berger.

        Ebenso wenn man weiß, in welchen Bereichen der Industrie (9) man Erdgas benötigt, dann bekommt man eine ungefähre Ahnung, in welche Risikenumfeld sich sehr große Bereiche unsere Industrie und damit die deutsche Volkswirtschaft bewegen.

        Laut Herausgeber „Zukunft Gas“ (9) hätte ein „Gas-Blackout“ erhebliche Konsequenzen:

        „Die Analyse „Impact of Russia-Ukraine war on European gas markets: can Europe cope
        without Russian gas?“ des unabhängigen Institutes Aurora Energy Research vom
        07.03.2022 geht von einem kurzfristigen Finanzierungsbedarf von 60 bis 100 Mrd. Euro
        zur Sicherung der europäischen Gasversorgung im kommenden Winter aus. Eine vollstän-
        dige Kompensation der russischen Gasimporte wäre laut der Analyse trotz erheblicher
        staatlicher Intervention und Investition nicht erreichbar. Zugleich würde der Gasmangel
        zu Preisen von 300 bis 500€/MWh für industrielle Kunden führen.
        Sollten Erdgas-Liefermengen ausbleiben und nicht durch andere Routen ersetzt werden,
        so werden Lastabschaltungen zuerst in der Industrie vorgenommen, um Haushalte und
        andere geschützte Kundengruppen mit Gas versorgen zu können.

        – Risiken eines kurzfristigen Importembargos für russisches Erdgas
        Erdgasverbrauch der Industrie in TWh Bezugsjahr 2020
        Quelle: Eigene Berechnung nach AGEB, VCI (Energiestatistik und Chemiewirtschaft in Zahlen)
        Viele der gasbasierten Prozessschritte sind elementare Bestandteile der deutschen Kern-
        industrien Fahrzeugbau und Chemie und damit ein wesentlicher Bestandteil internatio-
        naler Lieferketten. Dazu einige Beispiele:
        • Hochtemperaturprozesse mit bis zu 1.650 Grad Celsius in Glas- und Keramik-
        industrie benötigen konstant viel Gas. Erkaltet z. B. eine Glas-Schmelzwanne,
        besteht aufgrund irreversibler Anlagenschäden die Gefahr eines wirtschaftli-
        chen Totalschadens des Unternehmens. Darüber hinaus würden Kaskadenef-
        fekte dazu führen, dass in den Bereichen der Automobil-, Bau-, Lebensmittel-,
        Getränke-, Pharma- und Medizinindustrie die Lieferketten unmittelbar und auf
        längere Zeit unterbrochen werden.
        • Erdgas kommt in Industrieöfen für formgebende Stahlbleche oder zur Lack-
        trocknung in der Automobilindustrie zum Einsatz. Ohne gesicherte Versor-
        gung stehen die Produktionsbänder still.
        • Erdgas ist Grundstoff für die Ammoniakherstellung. Ammoniak wird wiede-
        rum für die Düngemittelproduktion benötigt. Ohne Gas käme es zu weiteren
        Preissteigerungen infolge von Produktionsengpässen in der Landwirtschaft.
        • In der Nahrungsmittelindustrie treibt Erdgas z. B. Getreide- und Ölmühlen an
        oder wird zum Kühlen in Molkereien verwendet. Ohne Gas wäre die deutsche
        Lebensmittelproduktion eingeschränkt. Dann benötigte Importe aus dem Aus-
        land hätten direkte Auswirkungen auf die Weltmarktpreise.
        • Erdgas wird auch genutzt, um Prozessdampf zu erzeugen, so z. B. in den deut-
        schen Raffinerien. Ohne Gas käme es zu einer Mangellage von Diesel und
        Benzin, und entsprechend höheren Preisen an den Tankstellen. Dies hätte
        auch direkte Auswirkungen auf die Logistikbranche und weitere Lieferket-
        ten.
        – Risiken eines kurzfristigen Importembargos für russisches Erdgas
        • Die Zellstoff- und Papierindustrie verwendet Erdgas u. a. für die Trocknung
        von Papierbahnen. Ohne Gas könnte es bei Toilettenpapier, Verpackungsma-
        terial (Kartons, Tüten) und Druckerzeugnissen (Zeitungen) schnell zu Engpäs-
        sen kommen.
        • Selbst dort wo Alternativen zum Gas zur Verfügung stehen – z. B. in der Kalk-
        industrie, wo Erdgas durch Braunkohle ersetzt werden könnte – bedarf es ent-
        sprechender behördlicher Genehmigungen, zusätzlich müssten technische
        Umrüstungen (z. B. Brenneranpassungen) und Logistikanpassungen erfolgen.
        Zudem erfolgt die Hälfte der Eigenstromerzeugung der Industrie mit Erdgas, vorrangig in
        produktionsnahen KWK-Anlagen zur effizienten Wärme- und Stromerzeugung. Das
        Volkswagen-Kraftwerk, dessen Umrüstung auf Gasbetrieb im Zuge des Kohleausstiegs im
        Dezember 2021 abgeschlossen wurde, ist hierfür ein gutes Beispiel: Einerseits versorgt
        es die Stadt Wolfsburg mit Wärme, andererseits die VW-Produktion mit Strom.“

        Eine Gasabschaltung, selbst kurzzeitige, kann zur vollständigen Zerstörung der Anlagen (Glasherstellung) führen. Und wer glaubt, dass der nächste Glasschmelzofen an gleicher Stelle wieder aufgebaut wird, ist in meinem Verständnis ein sehr großer Optimist. Aber auch zu Produktionsausfällen und damit zu gravierenden Wettbewerbsnachteilen in vielen anderen Industriebereichen sind negative Risiken, was zur Stilllegung oder Umsiedlung des Standortes führen kann. Dieses Risiko besteht auch, wenn der Gaspreis um ein vielfaches Höher ist als bei der Konkurenz in außereuropäischen Ländern.

        Das dies auch eine massive Ausweitung der Arbeitslosigkeit führt, welches als Dominoeffekt zur Verschlechterung des Konsumverhaltens und damit weiterer Arbeitslosigkeit zur Folge hat, versteht jeder denkende Mensch.

        Preiswerte Energieträger in gleichbleibender Qualität durch sichere Logistigrouten aus Russland waren eine von drei Säulen (17) des Wirtschaftsstanort Deutschland. Dies hat die Bundesregierung mit ihrer Sanktionspolitik ernsthaft in Gefahr gebracht hat. Darauf macht in seinen Interviews (11) des ehemaligen Chefanalyst/Chefvolkswirt bei der Bremer Landesbank Folker Hellmeyer (12) immer wieder aufmerkasam.
        Warum hat sich Westeuropa nicht wie Afrika, Südamerika oder Asien (16) verhalten?
        Ist unserer wichtigsten Regierungsparteien ( CDU/CSU, SPD, FDP, OlivGrünen) die vollständige Unterstützung einer Aggressionspolitik gegen Russland durch die USA (siehe Papier der Randcoporation 2019 (10)) wichtiger als die eigene Volkswirtschaft?
        Wenn ja, betreiben diese Parteien dann Sabotage bzw. Volksverrat?

        Die BRD und die europäischen Staaten müssen sich von der destruktiven Linie der US-Außenpolitik lösen und ihre eigenen Interessen vertreten. Diese Meinung vertrete ich in Europa bzw. Deutschland nicht alleine. Als Beispiel dafür verweise auf den ehemaligen Staatssekretär und MdBT Albrecht Müller (13), den ehemaligen Staatssekretär und MdBT Willy Wimmer und den französichen General a.D. Antoine Martinez (15).

        Links im nächsten Kommentar:

        1. Links zu obrigen Kommentar:

          (1) https://www.manager-magazin.de/unternehmen/lieferstopp-nordstream-1-deutschland-kommt-ohne-russisches-gas-durch-den-winter-a-3fcb2ceb-e9e0-47e7-b6b0-6295fc0951d5
          (2) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37985/umfrage/verbrauch-von-erdgas-in-deutschland-nach-abnehmergruppen-2009/
          (3) https://www.nachdenkseiten.de/?p=86817
          (4) https://econtribute.de/de/forschungsbereiche/
          (5) https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/aktuelle_gasversorgung/HintergrundFAQ/Gas_Szenarien.pdf;jsessionid=9F69AE0EFA01F2B730B1B622B3555845?__blob=publicationFile&v=4
          (6) https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/aktuelle_gasversorgung/start.html
          (7) https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/aktuelle_gasversorgung/HintergrundFAQ/Gas_Szenarien.pdf;jsessionid=9F69AE0EFA01F2B730B1B622B3555845?__blob=publicationFile&v=4
          (8) https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/aktuelle_gasversorgung/HintergrundFAQ/FAQ_Szenarien.pdf;jsessionid=9F69AE0EFA01F2B730B1B622B3555845?__blob=publicationFile&v=4
          (9) https://gas.info/fileadmin/Public/PDF-Download/Faktenblatt-Konsequenzen-Erdgasimportembargo.pdf
          (10) https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/research_reports/RR3000/RR3063/RAND_RR3063.pdf
          (11) https://www.youtube.com/watch?v=XkE2HW1vXQ8
          oder: https://www.youtube.com/watch?v=NEaXLFtMDIE
          oder: https://www.youtube.com/watch?v=IcO4Z8QuODo
          (12) https://www.goldseiten.de/profil/152–Folker-Hellmeyer/Artikel?page=1
          (13) https://videogold.de/die-usa-sind-das-imperium-und-behandeln-uns-wie-eine-kolonie-albrecht-mueller/
          (14) https://www.donaukurier.de/archiv/sanktionen-halte-ich-fuer-falsch-4341610
          (15) https://deslivresetnous769849013.wordpress.com/2022/07/24/64683/
          (16) https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/neue-blockfreiheit-viele-staaten-beteiligen-sich-nicht-an-den-sanktionen
          (17) https://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=86434

  1. Alleine, wenn Ralf Streck zugehört wird, was alles im Süden der EU ist, kann einem schlecht werden. Es greifen soviel sogenannte Krisen ineinander, dass es kaum noch ein Durchblick gibt.
    Am erstaunlichsten ist, dass die EU kein einheitliches Prozedere entwickelt, das den Krisen entgegenwirkt. Dass die Nationalstaaten das nicht hinbekommen, ist aufgrund ihrer kolonialen Verbrechen schon verständlich. Ihre Verhalten scheint sich zu damals nicht geändert zu haben.
    Da kann es keinen verwundern, wenn die Chinesen gern gesehen sind, ankommen und einfach machen.
    Wie viel Kosten mehr kommen auf die Staaten zu, durch die USA Gaslieferungen. Welche Qualität hat das Fracking Gas eigentlich.
    Inwieweit sind die Verträge mit den USA bindend? Was, wenn die nicht mehr wollen?
    Das sind alles Probleme oder Krisen die Deutschland auch erwareten.

  2. Alleine, wenn Ralf Streck zugehört wird, was alles im Süden der EU ist, kann einem schlecht werden. Es greifen soviel sogenannte Krisen ineinander, dass es kaum noch ein Durchblick gibt.
    Am erstaunlichsten ist, dass die EU kein einheitliches Prozedere entwickelt, das den Krisen entgegenwirkt. Dass die Nationalstaaten das nicht hinbekommen, ist aufgrund ihrer kolonialen Verbrechen schon verständlich. Ihre Verhalten scheint sich zu damals nicht geändert zu haben.
    Da kann es keinen verwundern, wenn die Chinesen gern gesehen sind, ankommen und einfach machen.
    Wie viel Kosten mehr kommen auf die Staaten zu, durch die USA Gaslieferungen. Welche Qualität hat das Fracking Gas eigentlich.
    Inwieweit sind die Verträge mit den USA bindend? Was, wenn die nicht mehr wollen?
    Das sind alles Probleme oder Krisen, die Deutschland auch erwarten.

  3. Wenn man noch Zweifel hatte, ob das Marokko-Massaker mit dem Plazet der EU geschehen ist
    https://overton-magazin.de/krass-konkret/37-migranten-haben-an-der-grenze-zur-spanische-exklave-melilla-das-leben-verloren/
    der kann die nun zerstreuen. Marokko wird nicht nur mit Gas belohnt, sondern nun auch mit einer halben Milliarde Euro für den Grenzschutz aus dem EU-Haushalt.
    „Marokko wird mehr Geld als je zuvor von der Europäischen Union erhalten, um seine Grenzen zu kontrollieren. Die EU ist dabei, ein Paket von mindestens 500 Millionen Euro zu schnüren, um die Bemühungen Rabats zur Bekämpfung der irregulären Einwanderung zu finanzieren. Diese Mittel für den Zeitraum 2021-2027 übersteigt bei weitem (um fast 50 Prozent) die 343 Millionen Euro des vorherigen Rahmens.“
    https://elpais.com/espana/2022-08-15/marruecos-recibira-500-millones-de-la-ue-para-que-controle-sus-fronteras.html

  4. ….eventuell ein interessanter Hintergrund:
    Der 20 Jahres Vertrag zw. Algerien und Marokko ist ende 2021 ausgelaufen und wurde aus den bekannten politischen Gründen weg Westsahara durch Algerien nicht verlängert.
    Für die Durchleitung des Gases erhielt Marokko 7% (oder waren es 12%) des durchgeleiteten Gases, hauptsächlich zum Betrieb zweier Gastkraftwerke zur Stromversorgung (etwa 10% des Inlandsbedarfes an Strom)
    ….nun ratet mal, wem diese zwei Kraftwerke gehören..?? Einer spanischen Unternehmensgruppe….– na logo schickt / verkauft Spanien jetzt Gas im reverse flow nach Marokko um die eigene Industrie zu unterstützen.
    old man

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