Sind in einem deutschen Haushalt 10.000 Dinge und in einem amerikanischen 300.000 angehäuft?

Die Dinge können den Raum überwuchern. Bild: The DoctorMo/CC BY-SA-3.0

Auch wenn wir keine Messies sind, haben wir längst den Überblick über das sich  in unseren Wohnungen anhäufende Zeug verloren.

Seit vielen Jahren kursiert die angebliche Nachricht, dass sich nach dem Statistischen Bundesamt in einem durchschnittlichen deutschen Haushalt über 10.000 materielle Gegenstände befinden, wahlweise sollen auch europäische Durchschnittshaushalte so viel angesammelt haben. Eine solche allgemeine Statistik über die Besitztümer von Haushalten, die man auch Zeug nennen könnte, hat die Behörde nie gemacht, sondern nur Umfragen über bestimmte Gebrauchsgüter ausgewertet, also beispielsweise dass – Stand 2021 – praktisch alle Haushalte über einen Kühlschrank, eine Wasch- und eine Geschirrspülmaschine, 96,5% über einen Fernseher, 92% über einen Computer, 78,8% über ein Fahrrad, 77,4% über einen PKW oder 33% über einen Heimtrainer verfügen.

Dem österreichischen Standard erklärte das Statistische Bundesamt, man habe dazu keine Daten und eine Erfassung sei auch kaum valide auszuführen, da sich die Zahl der Gegenstände täglich verändere. Woher die Zahl 10.000 kommt bzw. wer sie aufgebracht hat, ist nicht bekannt. Aber sie hält sich, was auch zeigt, dass auch unsere kollektive Gedankenwelt zahlreichen Müll enthält und Vergessen eine entscheidende Fähigkeit der Kognition ist.

Mit dem Wohnraum wächst die Menge der Dinge

Zeug oder die Dinge, die wir in unsere Wohnung oder Zimmer lassen, fungieren als Spiegelbild von uns, bezeugen unsere Identität, inklusive dem, wie wir erscheinen wollen, für uns und für andere Gäste, vertreiben das Un-Heim-liche, personalisieren den Raum, den man sich aneignet und mit dem aufgehäuften Eigenen verdrängt – und bändigt die Leere, auch wenn es sich nur um die Angst eines möglichen Mangels handelt. Unterstützt wird das Anhäufen, weil die Größe des Wohnraums in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist. 1991 betrug die Wohnraumfläche pro Person in Deutschland noch 34,9 Quadratmeter, 2021 schon 47,4. Da kann und muss mehr hineingepackt werden. In den 1950er Jahren sollen es erst 15 Quadratmeter gewesen sein. In Mehrpersonenhaushalten  hat der einzelne weniger Platz, durchschnittlich 33 Quadratmeter pro Kopf, in Single-Haushalten steigt der verfügbare Raum auf 68 Prozent. Wobei 10 Prozent der Bevölkerung überbelegten Wohnungen leben.

Weil ich selbst gerade nach dreißig Jahren in derselben Wohnung diese auszumisten begonnen habe, weil man in dem materiellen Überfluss an verstaubenden Dingen, die seit Jahren herumliegen, weil man sie vielleicht ja irgendwann gebrauchen könnte, zu ersticken droht, gehe ich davon aus, dass 10.000 Dinge, wenn man Kleidung, Schuhe, Besteck, Geschirr, Elektronik, Lampen, Bücher, Stifte, Taschen, Schrauben, Werkzeug, Bilder, Schallplatten, DVDs, Möbel, Haushaltsgeräte, Medikamente und anderes Zeug bei weitem nicht ausreichen könnten, auch ohne ein Messie zu sein, die im Besitz untergehen. Von einem Messie-Syndrom spricht man, wenn Menschen „dauerhaft Schwierigkeiten haben, auszumisten oder an Gegenständen festhalten, unabhängig von deren tatsächlichen Wert“, mit der Folge, dass die „angesammelten Gegenstände die Wohnräume (nicht die Keller oder Speicher), versperren und verstopfen, sodass diese nicht mehr richtig für ihren eigentlichen Zweck genutzt werden können“.

Die Tendenz ist, dass dann das Zeug zum Parasiten wird und die Menschen allmählich verdrängt. Es ist schwierig, die Grenze zwischen Messies und Sammlern zu ziehen, man geht von 2-3 Prozent der Bevölkerung aus, die unter dem Syndrom leiden. Das dauert ja auch, bis die Räume so angefüllt sind, wobei auch zu fragen wäre, was der „eigentliche Zweck“ einer Wohnung ist. In die zieht man sich nicht nur selbst zurück, sondern bewahrt auch das geschützt auf, was einem wichtig ist.

Amerikanische Haushalte sollen 300.000 Dinge enthalten – eine Fantasiezahl

Aber es gibt nicht nur die Zahl 10.000, die anzeigt, dass man mit seinem Zeug schon den Überblick verlieren und überraschend wieder auf etwas stoßen kann, sondern in den USA spukt noch eine ganz andere Zahl herum: 300.000 Gegenstände soll ein durchschnittlicher amerikanischer Haushalt beherbergen – von Büroklammern bis Bügelbrettern. Die Amerikaner wären dann richtige Messies. Naja, es kommt immer darauf an, was man wie zählt, also jede Büroklammer einzeln oder nur jede Packung.

Der quantitative Unterschied zwischen einem europäischen und einem amerikanischen Haushalt erscheint aber einfach zu groß. Im Unterschied zu den 10.000 Dingen in deutschen oder europäischen Haushalten wissen wir aber, wer die 300.000-These in die Welt gebracht hat, nämlich eine Regina Clark, die sich mit Organisation beschäftigt, also auch mit der Organisation von Haushalten. Es stellt sich heraus, dass sie, wie sie selbst einräumt, keine Untersuchung durchgeführt, sondern nur die Zahl irgendwo gelesen und dann Kollegen und Kunden gefragt hat, Schätzungen vorzunehmen. Sie seien zur Schlussfolgerung gekommen, dass sich schon in einem Haushalt bis zu 300.000 Dinge befinden können, wenn man alles einzeln zählt. Dennoch zirkuliert die Zahl und wird auch gerne von Minimalisten benutzt, um die Menschen von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass abspecken wichtig und befreiend ist.

Ob wir einen Durchschnittshaushalt führen, weiß ich nicht. Allein wenn man das Gewicht der Gegenstände, die in der Wohnung sich ansammeln, berücksichtigt, wird klar, wie sehr diese Art von Eigentum bindet und schwer macht. Wir haben in zwei Tagen mehr als eine Viertel Tonne zur Müllumladestation gebracht, Metall, Elektrogeräte und Papier/Bücher wurden natürlich auf dem Wertstoffhof entsorgt.

Und was ist mit den digitalen Dingen, dem digital hoarding?

Eigentlich hätte man ja denken sollen, dass mit dem neuen Bauen, das ohne Ornamente, dunkle Winkel und schwere Möbel auf nackte Vierecke aus Glas, Stahl und Beton mit vielen Fenstern und freien Wänden setzte und sich von der Wohnung als Höhle verabschiedete, auch der Wunsch nach einem aufgeräumten Leben durchsetzen könnte. Gebäude wurden mit der Ästhetik von Fahrzeugen gebaut, das Leben in ihnen sollte dem von Passagieren entsprechen, die sich nicht dauernd niederlassen und mit wenig Gepäck unterwegs sind. Aber nichts dergleichen im Allgemeinen, zumal die Gegenstände immer billiger wurden und schon aus diesem Grund immer mehr in die Räume einziehen.

Digital Hoarding
Digital Hoarding. Bild: Wikkised/CC BY-SA-4.0

Doch selbst dort, wo die neuen Minimalisten abkehren von der Menge des Zeugs oder des Zuhandenen, das in den Räumen aufgehäuft ist, wie man das in Anspielung auf Heidegger sagen könnte, schwindet zwar das Gewicht des Materiellen, aber seit einigen Jahrzehnten nimmt der virtuelle Besitz an Daten exponentiell zu, da der Raum zum Aufbewahren, also der Speicherplatz, zwar physisch und im Preis schrumpft, aber immer aufnahmen kann, weil auch immer mehr Daten erzeugt und gesammelt werden können. Zu den Daten gehören auch das Geld auf Konten, in Depots und Wertpapieren oder digitalen Währungen. Zum Messie der materiellen Gegenstände gesellt sich der Messie der digitalen Daten (digital hoarding), der unentwegt sammelt und speichert sowie erwartet, allerdings mit dem Vorteil, dass mitunter Festplatten mitsamt den Daten kaputtgehen, die Geräte mit ihren Speichern weggeworfen werden oder man die Daten nicht mehr besitzen muss, sondern auf sie jederzeit zugreifen kann.

Das sieht so aus, als würde die Bedeutung des Materiellen abnehmen, wir in Zukunft auch zufrieden sein werden, Autos oder andere Dinge nicht mehr zu besitzen, sondern nur die Möglichkeit haben, bei Bedarf Zugang zu ihren zu erhalten, sie wie eine Wohnung zu mieten. Aber auch die digitalen Daten befinden sich nicht in einer leichten, schwebenden Wolke, sondern in bunkerhaften  Rechenzentren, in möglichst feinstaubfreien und daher lebensfeindlichen Reinräumen, die überdies aufwändig gekühlt werden müssen und so viel Strom verbrauchen wie ganze Kleinstädte.

Ohne die Sammler, die die Leere der physischen und digitalen Räume füllen, sich als Konsument in diesen mit Gegenständen einrichten und mehr besitzen wollen, würde der Kapitalismus zusammenbrechen, der auf Wachstum, Umsatz, schnellere faktische und modische Veralterung und damit auch auf Vermüllung durch nicht wirklich notwendigen Besitz basiert. Selbst die Obdachlosen akkumulieren Gegenstände, die sie mit sich führen.

Digital und materiell minimalistisch zu leben, wäre eine neue Form der selbstgewählten Armut. Das erzielt, wenn man Avantgarde ist, vielleicht anfänglich einen Aufmerksamkeitswert, aber eigentlich würde auch wirkliche Armut dazu gehören. Vielleicht kommen ja die neuen Mönche und Klöster der Besitzenthaltsamkeit, die dem Konsum von digitalen Daten und Finanzen sowie von nicht notwendigen Gegenständen den Rücken kehren und in tiny houses oder Miniappartements leben. Ansonsten werden die anderen weiter Gegenstände aufhäufen und bestenfalls periodisch einen Großteil verschenken oder vermüllen, was dann ihren Haushalt reinigt, aber nicht den der Gesellschaft und der Natur, die den Müll in irgendeiner Form aufnehmen muss.

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5 Kommentare

  1. Nietzsche verbindet mit dem asketischen Ideal etwas anderes als sinnliche Askese, nämlich Selbstverleugnung Selbstaufopferung
    Sinnlosigkeit
    Denn der Mensch will lieber noch das Nichts wollen als nicht’s wollen.

    Euch kann geholfen werden, ihr werdet nichts mehr besitzen und Glücklich sein 😎

  2. Ein sehr interessantes, notwendiges Thema! An die 30-fache Menge von Gegenständen im US-Haushalt glaube ich keine Sekunde. Auch nicht bei Mitzahlen von Büroklammern, Schrauben und Nägeln. Auch wenn das Prinzip der Wegwerfgesellschaft aus den USA kommt, wie so viele tolle Ideen.

    Jahrelang hatte ich sehr bescheiden gehaust. Aber je besser das Einkommen, je größer die Wohnung und dann das Haus wurde, desto mehr wurde nur noch angesammelt. Zum Nachdenken kam ich, als ich lange Reisen mit dem Wohnmobil machte und feststellte, wie wenig es braucht, um alles dabeizuhaben und doch gut ausgestattet und glücklich zu sein. Seit ca. 10 Jahren versuche ich mit mäßigem Erfolg auszumisten.

    Wahrscheinlich hat diese Fehl-Entwicklung mit unserer schrägen Erziehung und Zivilisation zu tun, die mehr auf Haben als auf Sein setzt. Angeblich werfen wir ja auch pro Person und Jahr zentnerweise Lebensmittel weg, obwohl ich das für mich nicht in Anspruch nehmen kann. Aber man sieht wieder einmal: würde besser verteilt, wären wir in der Lage, auf das Überflüssige zu verzichten, dann gäbe es selbst für die 7-8 Mrd Bewohner der Erde genug zu essen, genug Wohnraum und genug Hausrat. Und es wären weniger Konflikte/Kriege nötig.

    Unappetitlich und absolut unglaubwürdig wird die Sache dann, wenn eine Minderheit der Mehrheit den Verzicht predigt, womöglich mit glatten philosophischen Sprüchen garniert, aber selbst in Saus und Braus lebt. Dann wird das Problem größer statt kleiner. Wir leben wieder mal in so einer Zeit größter Heuchelei. Eine Gesellschaft, die insgesamt auf materielle Bescheidenheit setzt, vom Präsidenten bis zum Arbeiter, könnte mit gefallen. Kein Wunder, dass Persönlichkeiten wie Jesus und Gandhi so viele Menschen faszinieren.

  3. „Das sieht so aus, als würde die Bedeutung des Materiellen abnehmen, wir in Zukunft auch zufrieden sein werden, Autos oder andere Dinge nicht mehr zu besitzen, sondern nur die Möglichkeit haben, bei Bedarf Zugang zu ihren zu erhalten, sie wie eine Wohnung zu mieten. Aber auch die digitalen Daten befinden sich nicht in einer leichten, schwebenden Wolke, sondern in bunkerhaften Rechenzentren, in möglichst feinstaubfreien und daher lebensfeindlichen Reinräumen, die überdies aufwändig gekühlt werden müssen und so viel Strom verbrauchen wie ganze Kleinstädte.“
    Richtig! Es sieht so aus! Da in „unserem“ Industrieland in den letzten Jahrzehnten kaum etwas so viel Federn hat lassen müssen, wie die naturwissenschaftliche Bildung kann man Menschen in allen Fragen von „Energie“ und „Stofflichem“ verarschen ohne Ende. Nach meiner Einschätzung sind es mittlerweile vor allem die Zöglinge anthroposophisch orientierter Kindergärten und Grundschulen, die im bildungsfähigen Alter bis etwa 14 +/- 2 noch Erfahrungen sammeln dürfen im direkten Umgang mit Dingen aus der Natur, ihrem Nutzen und ihren Tücken. Alle anderen werden auf ein „Wissen“ dressiert, das binnen kürzester Zeit veraltet, weil der notwendige Zeit- und Personalaufwand für den Prozess des Klärens zu viel kostet. Daher auch der Erfolg von Angst- und Hoffnungskampagnen jeglicher Art.
    Übrigens: Oman und Island stehen an der Spitze des Weltenergieverbrauchs. Das Temperaturhalten dürfte weltweit der energieintensivste Teil des modernen Lebens sein. Vor etwa 50 Jahren habe ich gemeinsam mit meinem damaligen Mann erwogen, wärmeres Land umzuziehen. „Meinst du allen Ernstes ich rubble rollenverteilt gemeinsam mit den anderen Frauen die Wäsche und hüte das Feuer, so lange bis ihr mit dem Windradbauen fertig seid?“ Das eine u n d das andere gibt´s halt immer nur im Paket. Dialektik nennen das Geisteswissenschaftler. Naturwissenschaftler kennen es als den Dualismus von Welle und Teilchen. Was machen wir bloß mit den ganzen Leuten, die immer „das Wahre“ suchen?
    Seit Gesellschaftswissenschaftler und Psychologen ständig auf der Suche sind, nach den kleinstmöglichen Elementen menschlicher Beziehungen, damit wir die tagtäglich, stündlich, minütlich optimieren können, läuft so gut wie alles schief.

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