Sachbücher des Monats: April 2021

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung. Jeden Monat neu präsentiert von der Neuen Zürcher Zeitung, der Literarischen Welt und dem ORF-Radio Österreich

 

1. Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist.

Übersetzt von Jürgen Neubauer, Siedler Verlag, 208 Seiten, € 22,00

 

Die Erschütterung der liberalen Demokratie überall auf der Welt wird gern mit der Schwäche der westlichen Werteordnung erklärt. Anne Applebaum geht dem Phänomen auf andere Weise auf den Grund. Sie fragt: Was macht für viele Menschen die Rückkehr zu autoritären, anti-demokratischen Herrschaftsformen so erstrebenswert? Was genau treibt all die Wähler, Unterstützer und Steigbügelhalter der Anti-Demokraten an? An vielen Beispielen – von Boris Johnson über die spanischen Nationalisten bis zur Corona-Diktatur in Ungarn – und aus persönlicher Erfahrung zeigt sie, welche Bedeutung dabei soziale Medien, Verschwörungstheorien und Nostalgie haben, welche materiellen Interessen ins Spiel kommen und wie nicht zuletzt Elitenbashing und Aufstiegsverheißungen die Energien der vermeintlich Unterprivilegierten befeuern. Ein brillanter Streifzug durch ein Europa, das sich auf erschreckende Weise nach harter Hand und starkem Staat (zurück)sehnt.

 

2. Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942.

Deutsche Verlags-Anstalt, 346 Seiten, € 34,00

Dieses Buch erzählt die Anatomie des Zweiten Weltkrieges aus einer ungewohnten Perspektive: Im Zentrum des Geschehens steht das jüdische Palästina, gelegen am Schnittpunkt der europäisch-kontinentalen und außereuropäisch-kolonialen Wahrnehmung. Die Kernzeit dieser raumgeschichtlich angelegten Erzählung liegt zwischen dem Abessinien-Krieg 1935 und den Schlachten von El Alamein und Stalingrad 1942. Die Verschränkung zweier, für sich jeweils anderer Kriege – dem Zweiten Weltkrieg und dem Kampf um Palästina – konstruiert das eigentliche Drama der Erzählung und durchzieht als roter Faden das Buch.

 

3. Peter MerseburgerAufbruch ins Ungewisse. Erinnerungen eines politischen Zeitgenossen.

Deutsche Verlags-Anstalt, 464 Seiten, € 26,00

Peter Merseburger blickt zurück auf sein Leben und lässt dabei die Geschichte der Bundesrepublik von den Anfängen in Trümmern bis zur Wiedervereinigung lebendig werden. Merseburgers Jahre als Leiter des Fernsehmagazins „Panorama“ fielen in eine aufwühlende Zeit: Ostpolitik, RAF, Abtreibungsdiskussion. Seine Kommentare waren gefürchtet, er übte Kritik an den Regierenden in einer immer noch autoritätsfixierten Zeit.

4. Alexander BognerDie Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet.

Reclam Verlag, 132 Seiten, € 6,00

Ob Impfdebatte, Corona- oder Klimakrise – viele politische Streitfragen werden heute als Wissenskonflikte verhandelt. Man beschäftigt sich immer weniger mit normativen Aspekten und individuellen Handlungsoptionen, sondern streitet um die überlegenen Erkenntnisse: Wer am genauesten mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt, so die implizite Annahme, der verfügt damit auch über Lösungen, die dann alternativlos sind. Alexander Bogner untersucht diese Fixierung auf Wissensfragen und ihre Folgen. Dabei wird deutlich, dass diese „Epistemisierung des Politischen“ gefährlicher für unsere Demokratie ist als das leicht durchschaubare Spiel mit Fake News und Twitter-Lügen.

5.-7. Dimitrij KapitelmanEine Formalie in Kiew.

Verlag Hanser Berlin, 176 Seiten, € 20,00

„Eine Formalie in Kiew“ ist die Geschichte einer Familie, die einst voller Hoffnung in die Fremde zog, um ein neues Leben zu beginnen, und am Ende ohne jede Heimat dasteht. Nach 25 Jahren als Landsmann kann Dmitrij Kapitelman besser sächseln als die Beamtin, bei der er den deutschen Pass beantragt.  Aber der Bürokratie ist keine Formalie zu klein, wenn es um Einwanderer geht. Frau Kunze verlangt eine Apostille aus Kiew. Also reist er in seine Geburtsstadt, mit der ihn nichts mehr verbindet, außer Kindheitserinnerungen. Schön sind diese Erinnerungen, warten doch darin liebende, unfehlbare Eltern. Und schwer, denn gegenwärtig ist die Familie zerstritten.

Leo Löwenthal: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation.

Unter Mitarbeit von Norbert Gutermann. Übersetzt von Susanne Hoppmann-Löwenthal. Mit einem Nachwort von Carolin Emcke, Suhrkamp Verlag, 253 Seiten, € 15,00

Lautstark schwingen sich selbsternannte Tribunen des Volkes, esoterische „Querdenker“ und autoritäre Demagogen zu Verteidigern der demokratischen Ordnung auf, deren Werte sie eigentlich ablehnen. Um Gefolgschaft zu organisieren, schüren sie Ängste vor drohendem Chaos und spinnen Verschwörungstheorien über anonyme Mächte, die das Schicksal der Nation bestimmen. Vorschläge zur Lösung komplexer gesellschaftliche Probleme sind ihre Sache nicht. Vielmehr verlegen sie sich auf eine aggressive Rhetorik des Kampfes gegen „die Politiker“, „die Linken“, „die Flüchtlinge“ und immer wieder: „die Juden“. In „Falsche Propheten“, einem Buches, das vor mehr als siebzig Jahren geschrieben wurde, analysiert Leo Löwenthal Themen und Techniken politischer Demagogie. Er fragt, warum die immergleichen Phrasen und Phantasmen verfangen, legt dar, weshalb dem Agitator so schwer beizukommen ist, und warnt vor Unterschätzung.

 

Wolfgang WelschIm Fluss. Leben in Bewegung.

Verlag Matthes & Seitz, 176 Seiten, € 15,00

Wolfgang Welsch zeigt an verschiedenen Phänomenen, wie unser Leben einem ständigen Wechselspiel von Verharren und Veränderung unterliegt – wie mal dieses, mal jenes in Fluss gerät und wie letztlich nichts für immer so bleibt, wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt ist. Wer sich gegen den Fluss stellt, verbraucht viel Kraft; wer sich ihm öffnet, kommt weiter. Welsch plädiert für eine Verflüssigung, für einen Zuwachs an Beweglichkeit. Stabilisierung um jeden Preis hat sich stets als kontraproduktiv erwiesen. Wir tun besser daran, uns auf unsere bewegliche Natur einzulassen – und so unser Leben in Übereinstimmung mit einer Wirklichkeit zu führen, die ebenfalls allenthalben im Fluss ist.

8. Bénédicte SavoyAfrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage.

C. H. Beck Verlag, 256 Seiten, € 24,00

Schon vor 50 Jahren kämpfte Afrika um seine Kunst, die während der Kolonialzeit massenweise in europäische Museen gelangt war. Und es fand durchaus Unterstützung im Westen. Am Ende jedoch war der Kampf nicht nur vergebens, er wurde auch erfolgreich vergessen gemacht. Bénédicte Savoy erzählt die Geschichte einer verpassten Chance, einer Niederlage, die heute mit umso größerer Wucht auf uns zurückschlägt.

9. Thomas Wagner: Der Dichter und der Neonazi. Erich Fried und Michael Kühnen – Eine deutsche Freundschaft.

Verlag Klett-Cotta, 176 Seiten, € 20,00

Thomas Wagner erzählt von der ungleiche Beziehung zwischen dem verurteilten Neonazi Michael Kühnen und dem jüdischen Dichter Erich Fried, dessen Großmutter in Auschwitz ermordet worden war. Wagner nähert sich dabei einer der zentralen gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit an: Wie soll man umgehen mit dem Wiedererstarken des Faschismus in Deutschland, Europa und der Welt?

10. Neil ShubinDie Geschichte des Lebens. Vier Milliarden Jahre Evolution entschlüsselt.

Übersetzt von Sebastian Vogel, S. Fischer Verlag, 352 Seiten, € 24,00

Neil Shubin erzählt von den großen, unerklärlich scheinenden Umbrüchen in der Evolutionsgeschichte. Sein Buch bietet eine neue Perspektive auf die Evolution menschlichen und tierischen Lebens, die erklärt, wie die verblüffende Artenvielfalt auf unserem Planeten entstanden ist.

 

Besondere Empfehlung des April Prof. Dr.Barbara Stollberg-Rillinger (Rektorin des Wissenschaftskollegs, Berlin):

Petra Morsbach: Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand.

Penguin Verlag, 368 Seiten, € 22,00

Drei Fälle von Machtmissbrauch, teils schwerwiegend, teils geradezu lächerlich – aber stets das gleiche Muster. Petra Morsbach zeigt, wie Machtmissbrauch im Großen und im Kleinen funktioniert, wie die vermeintlich Machtlosen durch Opportunismus, Gleichgültigkeit und Komplizenschaft selbst daran mitwirken und ihn erst ermöglichen, aber auch, wie sie ihm mit ein bisschen Zivilcourage wirksam entgegentreten können. (Barbara Stollberg-Rillinger)

 

Die Jury: Tobias Becker, Der Spiegel; Manon Bischoff, Spektrum der Wissenschaft; Kirstin Breitenfellner, Falter, Wien; Natascha Freundel, RBB-Kultur; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Publizist und Autor, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, The New Institute, Hamburg; Marianna Lieder, Freie Kritikerin, Berlin; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, Telepolis; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Uni Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Michael Wiederstein, getAbstract, Luzern; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Schweiz

 


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