Renaissance der Atomkraftwerke 10 Jahre nach Fukushima?

EPR-Reaktor Flamanville. Bild: EDF

In Frankreich bricht die Pannenserie am EPR-Neubau nicht ab, dessen Inbetriebnahme sich weiter verzögert und dessen Kosten von 3,3 auf 19,1 Milliarden Euro explodiert sind.

Immer wieder wird die Renaissance der Atomkraft beschworen. Genau 10 Jahre nach den verheerenden Vorgängen im japanischen Fukushima wird diese Sau erneut durchs Dorf getrieben. Nun wird ausgerechnet die Klimakrise von der Atomlobby angeführt, um für neue Atomkraftwerke zu werben. So hatte gerade die konservative FAZ in einem Artikel darauf hingewiesen, dass Europas erstes Mini‑Atomkraftwerk in Estland entstehen soll. Geplant sei ein „Small Modular Reactor“ (SMR) mit „deutlich geringerer Leistung als gewöhnliche Reaktoren“, der in 10 bis 15 Jahren ans Netz gehen soll.

Auch die FAZ gibt zu, dass die Idee alles andere als neu ist. Auch sie wärmt in dem unkritischen Bericht die „Atomrenaissance“ auf und bemüht die Märchen der Atomlobby, wonach die Atomkraft „praktisch CO2‑frei“ und der Strom praktisch „frei und rund um die Uhr verfügbar“ sei und deshalb als „wichtige Ergänzung zum Ausbau der Erneuerbaren“ gesehen werde. Besonders verbreitet wird diese Vorstellung unter anderem vom US‑Milliardär und Microsoft‑Gründer Bill Gates. Sogar für die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ist es schlicht ein „Märchen“, wenn derzeit diese „kleinen Reaktoren propagiert, die Atommüll fressen und ungefährlich sein sollen“. Sie wurde von der Neuen Osnabrücker Zeitung kürzlich danach gefragt, ob es „eine Atomkraft‑Revival für den Klimaschutz“ brauche?

Auch beim Bau der Kraftwerke, beim Abbau von Uran, bei der Herstellung von Brennstoffen und bei der Entsorgung werden Klimagase freigesetzt werden. Selbst Gates gibt zu, dass es vom „Laufwellenreaktor“ (TWR), also der angeblich eierlegende Wollmilchsau bei der Stromversorgung, bisher nicht einmal einen Prototyp gibt. „Bis jetzt existiert die Terra‑Power‑Konstruktion nur in unseren Supercomputern.“ Schon vor elf Jahren hatte Gates mit solchen Reaktoren geworben. Dass sie, wenn in den nächsten 15-20 Jahren die CO2-Emissionen stark sinken müssen, damit der Klimawandel nicht außer Kontrolle gerät, eine Rolle spielen können, ist schlicht absurd.

Neuer „Rückschlag“ für den EPR-Reaktor, der die Renaissance der Atomkraft darstellen sollte

Und was die Renaissance der Atomkraft angeht, dazu reicht ein Blick über die Landesgrenze, um festzustellen, wie es damit real aussieht. Eine Erfolgsstory ist der neue „European Pressurized Reactor“ (EPR), der dieses Revival einst einleiten sollte, wahrlich nicht. In Flamanville sollte er eigentlich schon seit acht Jahren Strom liefern. 2007 wurde mit dem Bau des zweiten EPR begonnen, im finnischen Olkiluoto mit dem ersten sogar schon 2005. Schon seit 2012 sollte der EPR in Flamanville ans Netz gehen und Strom liefern, in Olkiluoto sogar schon 2009. Kosten sollte der Reaktor nur 3,3 Milliarden Euro, um angeblich billigen Atomstrom zu liefern. Inzwischen sind die Kosten in Frankreich auch nach Angaben des Kraftwerksbetreibers EDF schon auf 12,4 Milliarden Euro explodiert. Der französische Rechnungshof schätzt längst, dass sich die Gesamtkosten auf mehr als 19 Milliarden aufsummieren werden.

Darin sind die neuen Probleme noch gar nicht eingerechtet, die gerade dazu führen, dass die geplante Inbetriebnahme weiter verschoben und die Kosten weiter in die Höhe gehen werden. So schreibt die französische Zeitung Le Monde gerade vom „neuen Rückschlag auf der verfluchten Baustelle des EPR-Reaktors“.  Tatsächlich sind die Probleme am Kraftwerksneubau in der Normandie nicht neu. Und mit neuen Problemen an neuen Schweißnähten kommt auch der Zeitplan wieder durcheinander, mit dem die EDF den Reaktor noch eilig bis 2024 ans Netz bringen wollte.

Doch auch dieser Temin ist nun mehr als fraglich, denn  die französische Atomaufsicht (Autorité de Sûreté Nucléaire/ASN) hat sich wieder einmal mit schlechten Nachrichten an die EDF gewandt, sie hat eine „bedeutende Konstruktionsabweichung“ festgestellt. Sie findet sich im besonders bedeutsamen primären Kühlkreislauf des Reaktors. An verschiedenen Hilfskreisläufen des Primärkreislaufs zeigen sich die Konstruktionsabweichungen an drei angeschweißten Verbindungen, die als „set in“ bezeichnet werden.

Um die Kontrolle der „Set-in“-Schweißnähte an der Hauptleitung zu erleichtern, wurde einst die Konstruktion an diesen drei Stutzen verändert. Doch mit der Vergrößerung des Schweißnaht-Durchmessers veränderte sich auch die Größe des Bruchs im Schadensfall. Das wurde in den Sicherheitsstudien nicht berücksichtigt. Die ASN hat deshalb den Kraftwerksbetreiber EDF aufgefordert, seine Strategie für den Umgang mit diesem Problem vorzulegen und die Ursachen für diese Abweichung und die Gründe für die späte Entdeckung zu identifizieren. Zudem wurde die EDF aufgefordert, die nötigen Korrekturmaßnahmen vorzunehmen. Sichergestellt werden soll auch, dass es keine weiteren Abweichungen im besonders sensiblen Primärkreislauf gibt, also ist eine Überprüfung weiterer Schweißnähte nötig.

Dieses Problem auf der „Baustelle voller Tücken“ stellt sich für die EDF zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht einmal ein vorangegangenes Problem an Schweißnähten am Sekundärkreislauf gelöst ist. Die Atomaufsicht hat die von der EDF gewählte Lösung, Roboter zur Nachbearbeitung der schwer zugänglichen Schweißnähte einzusetzen, bisher nicht genehmigt. Klar ist, dass mit weiteren Überprüfungen auch weitere Probleme einhergehen.

Und welche Kosten noch auf die EDF in Flamanville zukommen, ist zudem unbekannt. Bekannt ist, dass die Atomaufsicht die Sicherheit des schadhaften Reaktordeckels nach einigen Jahren im Betrieb überprüfen will.  Unbekannt ist aber, wie das überhaupt geschehen soll. Schadhaft ist eigentlich auch der Boden des Reaktorbehälters, aber da hier eine Prüfung völlig illusorisch ist, wird darüber bei der ASN hinweggesehen.

Dass Atomkraftwerke für Versorgungssicherheit stehen, ist ein Märchen

Immer wieder kommt es gerade im Atomstromland Frankreich zu Problemen, weil im Sommer das Kühlwasser fehlt oder das Land im Winter vor dem Blackout steht, wenn es normal winterlich kalt wird. Im Januar wurden die Bürger erneut per E-Mail oder SMS aufgefordert, den Stromverbrauch zu bestimmten Zeiten zu begrenzen. Es gehört auch seit 2008 zum Alltag, dass die Bürger dazu auch über Radio und Fernsehen aufgefordert werden, damit es nicht zu einem Blackout im ganzen Land kommt. Der wurde am 8. Januar nur knapp verhindert.

Weil so viele Milliarden in unsinnige Atomkraftwerke gesteckt werden, statt sie in Erneuerbare zu investieren, ist die Energiewende verschlafen worden. Deshalb hat die Atomaufsicht kürzlich auch angekündigt, die Laufzeit von den 32 Uraltmeilern trotz erheblicher Sicherheitsprobleme auf bis zu 50 Jahre zu verlängern, damit nicht definitiv die Lichter ausgehen. Man darf gespannt sein, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron entscheiden wird, ob in den nächsten 15 Jahren sechs neue EPR-Reaktoren gebaut werden. Die EDF muss Macron in den nächsten Monaten ein vollständiges Dossier übergeben, um diese Option zu begründen. Die neuen Probleme kommen für die Atomlobby also zur Unzeit.

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