Putin: Russland erobert nicht, sondern holt nur Gebiete heim ins Reich

Bild: NSDC

Der russische Präsident sieht den Nordischen Krieg Peters des Großen als Vorbild des Ukraine-Kriegs. Nach Umfragen stehen die meisten Russen hinter Putin und dem Krieg. In der Ukraine ist wegen des Kriegs auch die nationalistische Stimmung hochgekocht.

 

Mit Umfragen ist es in kriegsführenden Ländern, wo das Kriegsrecht gilt wie in der Ukraine oder wo es wie in Russland auch ohne Kriegsrecht Zensur gibt und Verfolgung von Kriegsgegnern, eine schwierige Sache. Die Menschen dürften zögern, sofern sie mit der Position der Regierung nicht übereinstimmen, eine ehrliche Antwort zu geben. Dazu kann das Misstrauen kommen, ob die Umfrageinstitute korrekt und unvoreingenommen vorgehen.

In Russland soll nach einer Umfrage des Allrussischen Zentrums für das Studium der öffentlichen Meinung (VTsIOM) vom 30. Mai bis 6. Juni das Vertrauen in Wladimir Putin auf über 80 Prozent geklettert sein, zu Beginn des Krieges hatten ihm 73 Prozent vertraut, Ende März 81,6 Prozent. In etwa gleichbleibend sagen um die 15 Prozent, sie würden Putin nicht trauen. Und 78,3 Prozent stimmten den Handlungen des Präsidenten zu, der Wert ist seit Anfang März mit kleinen Schwankungen stabil geblieben. Direkt nach der Unterstützung des Kriegs wurde nicht gefragt, aber die Zustimmung zu Putins Aktivitäten dürfte die zum Krieg und dessen Ziele einschließen.

Putin hatte anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Peter der Große: Geburt eines Reiches“ zum 350. Geburtstag von Peter dem Großen den russischen Kriegszug gegen die Ukraine mit dem Großen Nordischen Krieg des Zaren von 1700 bis 1721 gegen Schweden verglichen. Peter der Große hatte nach langen Kriegsjahren mit hohen finanziellen Kosten  und schweren Verlusten – mehr als 40.000 getötete Soldaten, mehr als 50.000 durch Krankheiten gestorbene – Schweden aus dem Baltikum und aus Teilen Kareliens verdrängt und diese ins russische Reich aufgenommen.

Putin der Große? Krank sieht der russische Präsident jedenfalls nicht aus, als er sich mit jungen Ingenieuren, Wissenschaftlern und Unternehmern in St. Petersburg traf. Bild: Kreml

Putin erklärte jetzt, der Zar habe die Gebiete eigentlich nicht erobert, sondern nur wieder ins Reich zurückgeholt. Als er St. Petersburg als neue Hauptstadt gründete, habe kein europäisches Land dieses Gebiet als zu Russland gehörend anerkannt, sondern es habe als schwedisches Gebiet gegolten, obgleich hier „seit unvordenklichen Zeiten Slawen zusammen mit finnougrischen Menschen gelebt“ hätten.

Natürlich wird das allgemein nicht nur als Rechtfertigung des Kriegs interpretiert, sondern auch als Bestätigung für die imperialen Gelüste von Putin und seiner Entourage, die einen Teil der Ukraine wieder heim ins Reich holen werden. Dazu werden schon entsprechende Vorbereitungen getroffen, nämlich Referenden in den eroberten Gebieten Cherson und Saporoschje durchzuführen, in denen russische Pässe ausgegeben werden, die Verwaltung aufgebaut und der Rubel zur Währung wird, russische Bankfilialen eingerichtet, russische Schulbücher ausgegeben, russische Curricula in Schulen verordnet und russische Mobilfunkbetreiber durchgesetzt werden, während schnell die Infrastruktur wiederhergestellt und zerstörte Gebäude hergerichtet werden. Die eroberten Gebiete von Luhansk und Donezk werden den  „Volksrepubliken“ zugeschlagen, die vermutlich auch beschließen werden, in die Russische Föderation einzutreten bzw. von Russland annektiert werden.

Die Russifizierung, die Moskau hier im Eiltempo umsetzt, entspricht der Ukrainisierung, die in dem von Kiew kontrollierten Gebiet stattfindet. Für Friedensverhandlungen spricht all dies nicht. Russland wird, wenn es nicht militärisch bezwungen wird, die besetzten Gebiete nicht wieder an die Ukraine zurückgeben, die Ukraine wird dies nicht akzeptieren, wenn sie nicht militärisch kapitulieren muss. In dem in Russland und der Ukraine herrschenden Nationalismus kann es kaum einen Kompromiss geben.

Dass die Russen mehrheitlich hinter dem Krieg in der Ukraine stehen, ist auch das Ergebnis der letzten Umfrage des staatlich unabhängigen Levada-Zentrums, das in Russland als ausländischer Agent gilt. Nach der Ende Mai durchgeführten Umfrage sagten 68 Prozent, die Dinge im Land bewegten sich in die richtige Richtung – mehr als dies seit 1996 der Fall war, wo nur 30 Prozent dieser Meinung waren. Die geringste Zustimmung gab es bei den jungen Menschen. Den Handlungen des Präsidenten Putin stimmten 83 Prozent zu. Im Januar waren es noch 69 Prozent, mit dem Krieg stieg die Zustimmung auf über 80 Prozent.

Zum Rückhalt zu Putin und dem Krieg trägt sicher die relative Gelassenheit gegenüber den Sanktionen bei. 29 Prozent (März: 23%) machen sich keine Sorgen und nicht zu viel 32 Prozent (März: 30%). Sehr besorgt sind nur 17 Prozent (März: 19%). Geklagt wird vor allem über steigende Preise. Das ist aber im Westen auch nicht anders. 75 Prozent sagen, dass Russland trotz der Sanktionen seine Politik fortsetzen sollte. Für 74 Prozent will der Westen mit den Sanktionen Russland schwächen, nur 8 Prozent meinen, dass damit die Zerstörung und der Tod von Menschen beendet werden soll.

Die Nato wird von 82 Prozent negativ beurteilt, 60 Prozent sagen, es gebe Anlass, dass Russland sich vor der Nato fürchten müsse, genau so viel sind der Meinung, dass die Nato-Staaten Grund zur Angst vor Russland haben. Das ist ein Rekordwert, 2021 sagten dies erst 36 Prozent. Es gibt also großes Vertrauen in die militärische Macht Russlands.

In der Ukraine versammeln sich die Menschen ähnlich hinter der Führung und dem Land, Ende März stiegt die Zustimmung von Selenskij auf 94 Prozent! In der letzten Umfrage der Ratinggroup, die Mitte Mai durchgeführt wurde, sagten 79 Prozent, das Land gehe in die richtige Richtung. Die Bewertung der Regierung stieg im Krieg erheblich an, erstaunlicherweise trotz der Kämpfe, Zerstörungen, Toten und Verletzten sowie Millionen von Flüchtlingen auch die Einschätzung der Lebensbedingungen. Die sind für 59 Prozent zufriedenstellend, Ende 2021 sagten dies nur 34 Prozent. Der Optimismus, was die Zukunft des Landes angeht, ist im Krieg von 13 Prozent auf 76 Prozent geradezu explodiert. Ende 2021 hatten nur 5 Prozent ein gutes Bild vom ukrainischen Staat – die Zustimmungswerte von Selenskij waren auch auf einen Tiefpunkt gesunken -, jetzt haben 53 Prozent ein gutes Bild vom Staat.

Da könnte man fast vom Zauberstab des Krieges sprechen, der alles auf der eigenen Seite verschönt oder der blind macht. Das betrifft nicht nur die russische und die ukrainische Bevölkerung, sondern auch die der jeweiligen Unterstützerstaaten, die auf eine militärische Lösung setzen.

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5 Kommentare

  1. Es ist doch schöner ein Volk heim zu holen, als irgendwo Lebensraum für das eigene Volk zu schaffen …
    Noch fieser ist es, Volksgruppen zu entzweien, damit sie sich im Bürgerkrieg zerfleischen.

    Zu den politischen Methoden gehört es, sich einen Feind zu schaffen, dem gegenüber man geeint ist. Die EU steht voll gegen Russland.
    Umfragen sind immer so eine Sache. Bezahlte Propaganda, persönliche Nachteile oder Zensur gibt es leider überall.

  2. “ In dem in Russland und der Ukraine herrschenden Nationalismus kann es kaum einen Kompromiss geben.“

    Zwischen den beiden „Nationalismen“ scheint es doch einen wesentlichen Unterschied zu geben. In Russland gibt es über 160 Nationalitäten. Auch wenn die Russen mit 82% die überwiegende Mehrheit stellen, ist mir von Ungleichheiten vor dem Gesetz oder gar dem Schüren von Hass gegen andere nichts bekannt. Dasselbe gilt für die Religionsgemeinschaften. Die mehrheitlich Orthodoxen leben mit anderen Christen sowie Juden, Buddhisten und Moslems (inzwischen wieder) überwiegend friedlich zusammen. Ganz anders die Situation in der Ukraine; dort gibt es Bürger 1., 2. und 3.Klasse, Ungleichheit vor dem Gesetz und staatlich geförderten Hass gegen andere Nationalitäten, die z.T. als minderwertig angesehen werden.

    Und was das angeht:
    „Die Bewertung der Regierung stieg im Krieg erheblich an, erstaunlicherweise trotz der Kämpfe, Zerstörungen, Toten und Verletzten sowie Millionen von Flüchtlingen auch die Einschätzung der Lebensbedingungen. “

    Warum also sollte die ukrainische Regierung eine friedliche Lösung anstreben? Bei DER Zustimmung im Volk und den Milliarden, mit denen man sie überschüttet, ist doch mit Frieden nichts zu gewinnen. Im Gegenteil muß man sich durch westliche Politiker (Putin wurde inzwischen vom „Präsidenten“ über den „Machthaber“ zum „faschistischen Diktator“ befördert*) in den Medien wie am Wallfahrtsort täglich aufs Neue bestätigt fühlen. Wäre man zynisch, könnte man meinen, daß es Regierung und Volk in der Ukraine noch nie so gut ging.

    *Heute morgen im DLF

  3. „Natürlich wird das allgemein nicht nur als Rechtfertigung des Kriegs interpretiert, sondern auch als Bestätigung für die imperialen Gelüste von Putin und seiner Entourage“
    Und diese imperialen Gelüste lebt die russische Gesellschaft wo aus? Auf fernen Kontinenten, weit entfernt von heimatlichen Gefilden, eventuell sogar rund um die Welt? Hat dieses russische Imperium schon seine Machtpositionen gesichert? Vielleicht durch Eingriffe in die UNO oder Mithilfe von Militärstützpunkten weltweit?
    Nein, die russischen imperialen Gelüste toben sich im Nachbarland aus, direkt an der eigenen Grenze und betreffen die dortige russischstämmige Gesellschaft, die wieder in einer militärischen Konflikt mit den eigenen Landsleuten stehen, der wiederum durch eine Putsch-Regierung infolge des Eingreifens der USA entstanden ist, die wieder in Europa nichts zu suchen haben.

    Alles in allem ein lausiger Bonsai-Imperialismus, der diesen Namen nicht verdient.

  4. Aufgrund der Überschrift finde ich den Artikel ziemlich tendentiös.
    Wer Russe ist, steht wohl nicht in Frage. Und dass in dem Grenzland und bis von 30 Jahren Ukraine viele Russen zu Hause sind und bis vor nicht allzu langer Zeit noch viel mehr Russen zu Hause waren, kann wohl als gesichert gelten.

    Aber: Wer ist eigentlich Ukrainer, und seit wann ist er das? Dies ist doch höchst unklar.
    Jedenfalls hilft da das seit dem 8. Dezember 1991 mit dem Putsch in Viskuli entstandene und aufgrund weiterer Putsche existierende Kiewer Regime kräftig nach.
    Um zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden müssten da gestandene Historiker und Demoskopen eine Dokumentation verfassen.

  5. Was Putin mit was vergleicht ist Putin überlassen und sein gutes Recht diese Vergleiche zu ziehen. „In der Ukraine ist wegen des Kriegs auch die nationalistische Stimmung hochgekocht.“
    Diesen Satz kann ich nicht unkommentiert lassen, denn die Hakenkreuz Tattoos wurden nicht über Nacht gestochen. Wenn man berücksichtig, das diese Ideologie den Russen 27 Millionen Menschenleben gekostet hat, ist jede Maßnahme gerechtfertigt eine Wiederholung zu verhindern.
    Da die USA den Putsch mit 5 Milliarden finanziert und somit veranlasst haben, sind sie für alles verantwortlich, da es ohne diesen Einfluss diese Ereigniskette nicht gegeben hätte.

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