Nuklearer EMP-Angriff: Atomkrieg light

Aurora des EMP-Atomwaffentests Starfish Prime (1962). Bild: DoD

Chinesische Militärwissenschaftler haben auf die Gefahr eines nuklearen EMP-Angriffs hingewiesen, der mit einer einzigen Bombe ein ganzes Land ausschalten könnte. Die Gefahr für China würde groß sein, wenn die USA ihre Infrastruktur schützen können.

Mit dem neuen nuklearen Wettrüsten wächst auch die Gefahr eines nuklearen EMP-Angriffs auf ein Land. Das wäre sozusagen ein Atomkrieg light. Eine hoch in der Atmosphäre gezündete Atombombe würde keine Menschen töten und Dinge zerstören, es gäbe keinen gefährlichen Fallout auf der Erde, aber einen starken elektromagnetischen Impuls. Damit würde blitzschnell ein Land buchstäblich ausgeschaltet und in einen Blackout verfallen, weil alle ungeschützten elektrischen und elektronischen Systeme zeitweise oder ganz ausfallen würden.

Besonders die reichen, technisch hochgerüsteten Länder wären extrem gefährdet, weil hier bis weit in das Alltagsleben hinein viel nicht mehr funktionieren würde, der gesellschaftliche Zusammenhang würde zusammenbrechen, was weitaus gefährlicher wäre als die Zerstörungen, die einige Atombomben am Boden ausrichten könnten. Ein konventioneller Krieg wäre gegen einen EMP-Angriff, der einem totalen Cyberwar entspräche, geradezu läppisch (mehr dazu in meinem Buch Smart Cities im Cyberwar).

Das Risiko ist lange bekannt, in den USA wurde vom Kongress 2001 eine EMP-Kommission eingerichtet, die immer wieder geradezu apokalyptische Gefahren beschwört, aber es wird wenig öffentlich diskutiert, weil ein solcher Angriff noch nicht geschehen ist und es auch kaum realistische Möglichkeiten gibt, die gesamte Infrastruktur so zu härten, dass sie einem EMP-Angriff standhalten könnte. Bekannt ist, dass die USA 1962 einen EMP-Atomwaffentest namens Starfish Prime ausgeführt haben, der die große Reichweite und Wirksamkeit belegt hat. Gezündet wurde die Bombe mit einer Sprengkraft von 1450 kT TNT-Äquivalent in 400 km Höhe, die Auswirkungen waren noch in einem Umkreis von 1400 km zu bemerken. Geschätzt wird, dass eine Atombombenexplosion in 500 km Höhe eine Reichweite von 2400 km hat (GAO-Bericht). Man spricht dann von einem High-altitude Electromagnetic Pulse (HEMP).

 

Chinesische Wissenschaftler vom Northwest Institute of Nuclear Technology  gehen nach Auswertung von Berichten und Dokumenten derzeit davon aus, worauf die SCMP hinweist, dass die USA in 10 Jahren die wichtige nationale Infrastruktur vor einem Angriff geschützt haben können, wie sie in A Brief Analysis of U.S. Critical Infrastructure Electromagnetic Pulse Defense Policies, erschienen im Magazin Modern Defense Technology. Jetzt seien die USA noch nicht geschützt, weil die Bedrohung nicht ernstgenommen worden sei, aber seit kurzem sei die Abwehr von EMP-Angriffen in die Nationale Sicherheitsstrategie aufgenommen worden. Trump hatte 2019 die Executive Order „Coordinating National Resilience to Electromagnetic Pulses“ erlassen.

Sollten die USA die militärische und vor allem auch die zivile Infrastruktur irgendwann schützen können, so unwahrscheinlich das ist, dann könnte dies das strategische Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Atommächten ins Kippen bringen. Nicht nur China oder Russland, sondern auch etwa Nordkorea müssten neue Strategien zur Selbstverteidigung entwickeln, wenn ein HEMP-Angriff ins Leere zielen würde. Der ist jetzt für alle Länder eine existentielle Drohung, die von einer einzigen Atombombe ausgehen kann. Als der Konflikt zwischen Donald Trump und Kim Jong-un 2017 hochkochte, stieg auch die Angst vor einem nordkoreanischen HEMP-Angriff auf die USA an. Sollten sich die USA vor den Auswirkungen eines HEMP-Angriffs tatsächlich weitgehend schützen können, wäre der Einsatz einer Atomwaffe durch die USA für diese weniger riskant, die Gegner müssten die Raketenabwehr entsprechend stärken oder nach anderen Möglichkeiten suchen, das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten.

Die Militärwissenschaftler schreiben, das Pentagon habe eine „revolutionäre neue Kampfmethode entwickelt. Sie bestehe aus der Verbindung von EMP-Angriffen mit Cyberkriegsführung und physischen Angriffen: „Sie wurde in die militärischen Theorien, Pläne und Übungen integriert.“ Argumentiert wird, dass eine EMP-Bombe auch gegen China eine besonders effektive Waffe sein könnte. China habe das weltgrößte Stromnetz, produziere fast so viel Strom wie die USA, Indien, Russland und Japan zusammen und besitze auch die größten 4G- und 5G-Netze. Die Regierung sei zunehmend abhängig von Informationstechnologie wie KI und Big Data.

Die Gefahr sei, dass die Explosion einer Atombombe in großer Höhe direkt keine größeren materiellen Schäden oder menschliche Opfer mit sich bringt, weswegen die Abschreckungslogik unterlaufen werden könnte: Die elektromagnetischen Impulse „töten keine Menschen. Sie verursachen nur einen geringen Kollateralschaden. Aber sie können die Sicherheit und Stabilität einer ganzen Region oder eines ganzes Landes bedrohen.“ Man müsse der Gefahr bewusst sein, sich darauf vorbereiten, über EMP-Angriffe forschen und den Schutz der kritischen Infrastruktur ernstnehmen.

Das könnte in China trotz hoher Kosten einfacher sein, weil die Stromnetze staatlich sind, während sie in den USA meist privaten Stromkonzernen gehören. Gegenüber SCMP sagte einer der Autoren, China wäre schneller in der Lage, die Netze wieder aufzubauen, als die USA: „Der Gewinner ist nicht derjenige, der zuerst angreift, sondern der sich zuerst erholt.“

Der Roman „Blackout“ von Marc Elsberg kann vermitteln, welche Folgen bei einem weitreichenden Stromausfall eintreten können. Er geht zwar von einem anderen Szenario aus, das sich allmählich aufschaukelt, ein EMP-Angriff würde hingegen in Sekundenschnelle alles lahmlegen, was nicht gehärtet ist.

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