Neue Lyrismen, nicht Narrative braucht das Land

Die „Zukunftskoalition“ ohne Scholz und die SPD auf der Suche nach dem Narrativ. Bild: Instagram-Account von Habeck

Alles so schön bunt hier! Die Ampel startet mit ihren Koalitionsverhandlungen und beschwört die Kunst der Narration.

Man glaubt, man wäre im Kindergarten. Kaum ist die Bundestagswahl am 26. September gelaufen, da wissen die Polit-Profis schon, was Not tut:

Man muss den Leuten was erzählen!

Lars Klingbeil (SPD) zum neuen Politikansatz der Ampel von SPD, FDP und Grünen: „Ehrlicherweise hat das der vorherigen Regierung gefehlt… Wann gab es das letzte Mal eine Regierung, die wirklich ein Narrativ, eine Erzählung hatte?“ Für Klingbeil gibt es drei Hauptaufgaben für die nächste Legislatur: Klima, Digitalisierung, Staatsmodernisierung. Dafür müsse man klären: „Was ist die Erzählung der nächsten Regierung? Eine Erzählung, hinter der sich alle drei Koalitionspartner wiederfinden?“ (Talkshow Anne Will am Wahlabend, 26.9.2021)

Man muss sich „ehrlich machen“ – wie es im Politikerjargon heißt – und anfangen, Geschichten zu erzählen. Das fehlte bislang, und dass man sich hier etwas ausdenken will, ist das Allererste, was  versprochen wird.

„Grüne und FDP auf der Suche nach der großen Erzählung“, meldet der MDR (1.10.2021) und zitiert einen Kommunikationswissenschaftler, der der Meinung ist, „die inhaltlichen Unterschiede der Parteien seien so groß, dass es jetzt darum gehen müsse, ein ‚gemeinsames Narrativ‘ zu finden, um inhaltliche Differenzen und Kompromisse sowohl innerhalb der eigenen Parteien als auch der Öffentlichkeit zu vermitteln.“ Man muss also dem Wahl- wie dem eigenen Parteivolk irgendeine Story bieten, die die im Wahlkampf behaupteten Differenzen im Rahmen einer neuen Inszenierung verblassen lässt. So sieht das auch die dienstbeflissene Wissenschaft, die der Politik den von ihr angemeldeten Bedarf zurückspiegelt.

Die FAZ meldet (15.10.2021): „So stellen sich SPD, Grüne und FDP den Aufbruch vor“ und veröffentlicht dazu das „Sondierungspapier“ der drei Parteien vom Oktober. „Das Narrativ für die künftige Zusammenarbeit soll sein: Man trifft sich nicht bei allen Punkten in der Mitte oder nimmt noch mehr Geld in die Hand und erfüllt die Wünsche aller Beteiligten. Vielmehr soll jede Partei in dem Bündnis erkennbar sein.“ Das hält das deutsche Qualitäts-Blatt, optimistisch gestimmt, als Quintessenz fest – dass in dem gemeinsamen Papier erkennbar ist, dass es gemeinsam von drei Beteiligten verfasst wurde. Irre!

Das besagte Papier beginnt im Vorspann damit, dass es „eine umfassende Erneuerung unseres Landes“ ankündigt, „einen neuen gesellschaftlichen Aufbruch auf Höhe der Zeit“, eine „Fortschrittskoalition“, die „die Weichen für ein Jahrzehnt der sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen, digitalen und gesellschaftlichen Erneuerung stellen“ will. Demnächst wird den zahllosen „Herausforderungen“ begegnet, dass es nur so kracht. Deutschland wird sich in Zukunft seiner „globalen Verantwortung“ stellen. Und alles soll „solide“ und „nachhaltig“ über die Bühne gehen, Ehrenwort!

Also: Worthülsen, die man vom präsidialen Gesülze eines Gauck oder Steinmeier bis zum Überdruss kennt, werden als taufrischer Programmeinfall einer neuen Mannschaft vorgestellt. Eine Lyrik des Neumachens und Aufbrechens greift Platz, die die traditionelle Erzählkunst meilenweit hinter sich lässt.

Und die Öffentlichkeit? Fühlt sie sich von diesem Erzählwesen angesprochen? Diejenigen, die sie machen, offenbar schon. So entdeckt das Manager-Magazin (12.10.2021) gleich eine weitere Narrativ-Innovation: „Die Sondierungsgespräche der Parteien laufen unter der Woche – und enden pünktlich zum Abendbrot. Damit zertrümmern die Beteiligten das Narrativ, dass Spitzenpolitikerinnen und Politiker stark, unverwüstlich und allzeit bereit sein müssen.“

Im Übrigen ist man ganz auf diesen neuen Bedarf eingestiegen, kennt aber auch Fehlentwicklungen. Die Börsenzeitung wartet auf ein neues „europapolitisches Narrativ“ aus Deutschland. Die AfD dagegen, so klagt die Presse, importiert das US-Narrativ von der gestohlenen Wahl, das in Deutschland nichts verloren hat. Und last but not least kann die Opposition nicht abseits stehen. Die CSU setzt auf eine Narrativ vom „freien Süden“ (FAZ, 30.10.2021), sie will mit einem „Bayern-Narrativ“ den Unterschied zwischen dem „preußischen“, angeblich zentralistischeren „Ampel-Norden“ und dem „freien Süden“ herausarbeiten.

 

Liebe Närrinnen und Narrhalesen: Worum geht es bei dem (nicht mehr ganz neuen) Modewort vom Narrativ?

Der Gegenstandpunkt (Nr. 1, 2021) hat es mit seinem Grundsatzbeitrag „Fabulieren – eine anerkannte Form der Meinungsbildung“ rechtzeitig, bevor der neue Aufschwung kam, auf den Punkt gebracht: Es geht, wie Experten versichern, um eine Art von Erzählung, die durch eine Leistung definiert ist.

„Diese besteht darin, dass die Erzählung einem Kollektiv einen Sinn stiftet. Sie erklärt den Mitgliedern, dass die jeweilige Gemeinschaft für die Vergemeinschafteten gut bis unentbehrlich ist, indem sie ihnen ein alle einbeziehendes Wozu und darin eine Gemeinsamkeit aller Mitglieder anbietet, und zwar eine wichtige: einen geistigen Inhalt, an den sich alle von sich aus halten können; eine in der Geschichte vorstellig gemachte Botschaft, mit der sich alle in eins setzen können.“

Sinnstiftung – fürs große Ganze oder auch für den persönlichen Lebenslauf – gilt natürlich bei vielen Zeitgenossen als eine selbstverständliche Sache. Es wäre aber besser, sich einmal den Widerspruch der Leistung vor Augen zu führen, die hier versprochen wird. Einerseits soll ja die gemeinschaftliche Eigenschaft, die die Mitglieder zum Kollektiv zusammenfasst, wirklich an ihnen vorhanden sein; was narrativ zum Vorschein gebracht wird, soll kein Phantasma sein, sondern die Eigenart des betreffenden Haufens. Andererseits geht es gar nicht um das, was den Zusammenhang ausmacht, also um die Gründe, derentwegen sich Menschen in der gesellschaftlichen Realität zusammenfinden oder zusammengebracht werden. Das ist einfach als Grundlage unterstellt, die von sich aus noch mangelhaft ist.

„Die angeführten Kollektive Familie, Religionsgemeinschaft, Partei und Nation haben von Haus aus eine jeweils bestimmte Ordnung und einen Zweck, der ihre inneren Beziehungen bestimmt und dort vorfindlich ist – von deren Inhalt ist in der freischwebenden Frage ‚Wer sind wir?‘, auf die das Narrativ die Antwort liefern soll, gerade abstrahiert. Durch diese Abstraktion ist der maßgebliche Inhalt des wirklichen Zusammenwirkens, sind dessen Gründe und Zwecke herabgesetzt zu äußerlichen Gegebenheiten, die nur den Schauplatz für das Stattfinden der ‚eigentlichen‘ Gemeinschaft und ‚höheren‘ Identität abgeben.“ (Gegenstandpunkt)

Dem von Politikern wie Fachleuten konstruktiv angemeldeten narrativen Bedarf ist es gleichgültig, was einen Personenkreis tatsächlich zusammenbringt. Vom Standpunkt des Narrativs gibt das nur eins her, nämlich die Lücke an Sinn, Orientierung und Identifikationsmöglichkeit, die gerade geschlossen werden soll.

Worin der Lückenfüller inhaltlich besteht, ist dabei eine offene Frage. Die Antwort ist das Resultat einer Suchbewegung, wie jetzt die Äußerungen der Ampel-Koalitionäre über ihren Sondierungs- und Verhandlungsprozess recht offenherzig zu erkennen geben. Sie wird ausgewählt wegen ihrer Wirkung. Allein darauf kommt es an – theoretisch ein äußerst brutaler Standpunkt!

Nehmen wir das Beispiel der Bundestagswahl 2021. Im Wahlkampf wurden ja allerlei Gräben aufgerissen und Erwartungen geweckt, wobei natürlich die Sorge um Deutschland in diesen Differenzen der leitende Gesichtspunkt war. Trotz dieser Gemeinsamkeit im Einstehen für die nationale Sache (aus der nur die AfD und tendenziell auch „Rote Socken“ ausgeschlossen wurden) gaben alle Wahlkämpfer zu verstehen, dass die KollegInnen von den konkurrierenden Parteien Fehlbesetzungen mit Konzepten von gestern sind – so sie denn überhaupt welche haben – und endlich aus ihrer Untätigkeit abgewählt werden müssen bzw. wegen mangelnder Kompetenz keineswegs Zugang zu Staatsämtern finden dürfen.

Das angesprochene Wahlvolk hat sich zu großen Teilen die angebotenen Unterschiede einleuchten lassen und hier oder da sein Kreuz gemacht. In dem Fall hat man also ein spezielles Kollektiv, das demokratische Elektorat, vor sich; gemeinsam ist ihm nicht viel außer der Bereitschaft, sich für die Ermächtigung des Herrschaftspersonals in Dienst nehmen zu lassen. Erst wird es zur Differenzierung aufgerufen, dann soll es sich nicht mehr um diese kümmern. Eine neue Erzählung hat das zu leisten, d.h. irgendetwas, das das Vorhergegangene vergessen macht.

Das Verrückte daran ist: Differenzen zu „vermitteln“ – was laut Auskunft des Kommunikationsexperten die anstehende Aufgabe ist –, müsste doch gerade darüber bewerkstelligt werden, dass die Inhalte, die sich unterscheiden, auf den Tisch kommen, dass sie auf ihre Stichhaltigkeit und ihren Stellenwert hin geprüft, eventuell ausgeräumt oder mit einem Kompromiss geregelt werden, falls das möglich ist.

Der Einstieg in die Koalitionsverhandlungen geht aber gerade darüber hinweg. Er meldet richtig methodisch den Bedarf an, dass jetzt etwas her muss, damit das neue Vorhaben als sinnvoll erscheint – die Notwendigkeit des Narrativs wird gewissermaßen auf einer Metaebene thematisiert. Es wird etwas gebraucht, was man den Massen erzählen kann. Neben dem, was die Streithähne von gestern, die Duz-Brüder und -Schwestern von heute realpolitisch aushandeln, finden sie sich zusammen mit der Versicherung, dass sie ihren Zusammenschluss gut heißen und dass das Volk ihn gut finden soll.

Sie benötigen etwas, hinter dem sich nicht nur „alle drei Koalitionspartner wiederfinden“, wie Klingbeil feststellt, sondern auch das ganze Volk. Die Banalität, dass nach der Wahl die Gewählten für eine Regierung sorgen, die dann das ganze Land bis hin zum letzten Nichtwähler regiert, wird in eine neue Herausforderung verwandelt. „Wir wollen eine Regierung auch für diejenigen sein, die uns bei dieser Bundestagswahl ihre Stimme nicht gegeben haben. Es geht um unser Land, nicht um die Profilierung einzelner Akteure“, heißt es im Sondierungspapier.

Zwar wurde vorher noch dem Sondierungsprozess bescheinigt, dabei solle „jede Partei in dem Bündnis erkennbar sein“, also wohl auch mit ihrem Profil auffallen. Und die Journalisten fingen ja auch gleich an, bei den ersten Ergebnissen nachzuzählen, wer wie viel wo nachgegeben hat. Aber was soll’s, beim Narrativ geht es um seine Wirkung, es wird brutal von der Funktion her gedacht, auf die Konsistenz des Erzählten kommt es nicht an.

Die Fabulierkunst muss halt beeindrucken, und da hört sich doch die Ankündigung von einer „umfassenden Erneuerung unseres Landes“ schon mal ganz gut an. Das muss dann natürlich noch von Redenschreibern und Spin-Doctors erzählerisch elaboriert werden.

Aber jetzt: Verhandlungen mit Knackpunkten

Seit dem 27. Oktober laufen die konkreten Koalitionsverhandlungen, wie die Tagesschau meldet. 22 „Facharbeitsgruppen“ gehen an die Arbeit, streng geregelt von 11 bis 17 Uhr in der Woche;  „Nachtsitzungen soll es nicht geben“. Bis zum 10. November – mit der Deadline: 18 Uhr! – sollen die Gespräche abgeschlossen sein und die AGs die Positionspapiere zu ihren Themenbereichen vorlegen. „Die Schlussredaktion und die Klärung der ungelösten Fragen soll die Hauptverhandlungsgruppe übernehmen.“

Das Ganze birgt einiges an Konfliktpotenzial, wie die Presse mitteilt; eine Reihe von Knackpunkten wird schon aufgelistet. Auf der Sonnenseite.com wurde von Franz Alt die Frage angeschnitten, ob die FDP überhaupt mit ihrem Freiheitsbegriff ein passender Partner in der neuen „Fortschrittskoalition“ sein könne: Wie soll das gehen, „eine Bundesregierung, die unter FDP-Beteiligung Freiheit als die Freiheit zum Rasen und zum Totfahren versteht?“

Vorgeschlagen wird dagegen, die FDP sollte sich wieder auf ihre berühmten, mittlerweile 50 Jahre alten „Freiburger Thesen“ besinnen, mit der sich die Partei seinerzeit ein sozialliberales Profil gab. Dort hieß es: „Auf die Frage, was denn den Liberalen Demokraten von allen anderen unterscheide, pflegen wir die Antwort zu geben: Sein unbedingtes Eintreten für die Wahrung und Mehrung menschlicher Freiheit! Damit ist alles und doch nichts gesagt. Ist das Wort Freiheit doch, zumindest als ein Lippenbekenntnis für Schönwetterzeiten, heute in aller Munde…“ (Flach/Maihofer/Scheel, Die Freiburger Thesen der Liberalen, 1972, S. 27)

Die Programmunschärfe wurde 1971 auf dem Freiburger Parteitag mit ein paar Thesen behoben. Es wurde so hingebogen, dass der Höchstwert mit sozialen, ja sogar ökologischen Gesichtspunkten zusammenpasste. Und das wird jetzt auch für den „neuen gesellschaftlichen Aufbruch auf Höhe der Zeit“ vorgeschlagen. Franz Alt gibt Formulierungshilfe: „Eine Freiheit, die immer auch Verantwortung meint: verantwortete Freiheit.“

Ja klar, geht doch! Verantwortung gehört natürlich zum neuen Narrativ. Um den lyrischen Glanz muss sich dann noch die „Hauptverhandlungsgruppe“ bei der Schlussredaktion kümmern. Die Klärung der ungelösten Fragen wiederum gehört in die Prosa des politischen Alltags. Damit hat der Bürger nichts zu tun – außer abzuwarten, welchen nationalen Herausforderungen wie zu begegnen ist, und sich dann an die Rechtslage zu halten.

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Ein Kommentar

  1. Lieber Johannes,
    alles sicher ganz gut ausgeführt und in sich passend.
    aber wer versteht das wirklich, was du sagen willst?
    Beste Grüße
    Der Ralf aus Köln

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