Nachüberlegung zum Documenta-Eklat

Verhülltes Bild und Figuren von Taring Padi. Bild: Michael Paetzold/CC BY-SA-4.0

Wie ehrlich ist die Kritik an der Documenta in Deutschland? Wie konsequent der Geist der Kritik an der russischen Invasion in die Ukraine? Und was hat das mit Israel zu tun?

 

Es ist nicht ausgemacht, wann der Documenta-Skandal in Deutschland verblassen wird. Zu überlegen ist gleichwohl jetzt schon, was an ihm so deutsch ist. Der Skandal hat in Deutschland stattgefunden, weil die Documenta ein in Deutschland stattfindendes Kunstereignis ist. Aber gemessen daran, dass in ihr schon immer Exponate aus der ganzen Welt ausgestellt werden, ist auffällig, dass in keinem anderen Land eine der deutschen vergleichbare erregte Reaktion zu verzeichnen war. Nicht einmal in Israel, wo der Eklat kaum zur Kenntnis genommen wurde.

Bemerkenswert ist vor allem eins: Als man am Riesenbild zwei antisemitische Motive ausgemacht hatte, meinte man sofort, reagieren und das Gemälde abhängen zu sollen, um dann die gesamte Ausstellung politisch zu desavouieren. Der Staatspräsident, der Bundeskanzler, das Parlament, diverse Parlamentarier und die Medien meldeten sich zu Wort, allen voran der Zentralrat der Juden in Deutschland, in Deutschland lebende Juden und sogar einige in Deutschland weilende Israelis.

Und es stellt sich die Frage, warum man sich vom Zentralrat und “den Juden” zu solch einer heftiger Reaktion animieren lässt, mithin den “israelbezogenen Antisemitismus” (obligatorisch) mit einbezieht, ohne zugleich zu fragen, was sich gerade in Israel an übelstem Rassismus, an zur offiziellen Politik geformter Xenophobie und an Hasstiraden gegen israelische Palästinenser in alltäglicher Praxis abspielt, an der sich die hohe Politik, die Medien und als gängige Routine auch “die Straße” beteiligt. Es handelt sich dabei nicht um Ausnahmen, sondern um Erscheinungen und Vorkomnisse, die längst schon zur Matrix der politischen Kultur Israels geronnen sind.

Allein schon die israelische Parteienlandschaft spricht da Bände. Es sind in Israel Meinungen, Polemiken und rhetorische Aggressionen aus dem Munde von populären Politikern zu hören, die in anderen westlichen Ländern (mithin in Deutschland) den sie aussprechenden Politiker sehr bald zum Rücktritt zwingen würden. Wieso kommt das im deutschen Polit- und Kulturdiskurs nie zur Sprache, und wenn es kommt, darf man davon ausgehen, dass derjenige, der es zur Sprache bringt, automatisch als Antisemit verleumdet wird. Nichts ist effektiver, als die Thematisierung des israelischen Rassismus mit dem Antisemitismus-Vorwurf abzuschmettern. Darauf hat man sich im Deutschlands politischer Kultur nachgerade spezialisiert.

In den deutschen Medien herrscht zur Zeit eine fast konsensuelle Verurteilung der russischen Invasion in die Ukraine. Ungeachtet dessen, was es an der russischen Aggression tatsächlich zu kritisieren gilt, fällt doch auf, wie engagiert die diesbezüglichen Kritiker sich geben (man ahnt, dass es dabei auch um gewisse historische Kompensationen gegenüber den Russen gehen mag). Zu fragen ist gleichwohl, mit nicht minderer aktuellen Dringlichkeit, wieso ist in den deutschen Medien die Barbarei der israelischen Okkupation in den palästinensischen Gebieten, die schon Jahrzehnte währende Knechtung der Palästinenser, ihre Schikanierung, Diskriminierung und militärische Unterdrückung, die oft genug auch die Tötung von Zivilisten zeitigt, weitgehend ausgespart. Wieso hat der deutsche Diskurs offenbar beschlossen, dieses “Thema” unberührt zu lassen? Die Unsäglichkeit der Lebenspraxis in den besetzten Gebieten, die von israelischen Juden permanent begangenen Kriegsverbrechen und die staatsoffizielle brutale Übertretung des Völker- und Menschenrechts zu ignorieren?

Die Antwort in beiden Fällen – der Asymmetrie im Vergleich beim Documenta-Eklat und bei der russischen Invasion in der Ukraine – liegt auf der Hand. Die Wirksamkeit des von der israelischen Propaganda in Gang gesetzten und von der deutschen Befindlichkeit dankbar aufgenommenen und gestählten Antisemitismus-Vorwurfs leistet ganze Arbeit. Nicht nur sind die in Deutschland lebenden Juden (trotz ihres Gejammers) geschützter als irgendwo sonst in der westlichen Welt (sogar die AfD hat sich schon ihres Schutzes angenommen), sondern auch der Verbrechen begehende Staat Israel darf sich (trotz des perfiden Antisemitismus-Gejammers der israelischen Hasbara) bei den Deutschen gut aufgehoben wähnen. Seine Sicherheit ist schon längst zur deutschen Staatsraison avanciert, seine inhumane Innen- und Außenpolitik ist in Deutschland immunisiert.

Es gibt den unsäglichen deutschen Begriff der “Wiedergutmachung”. Was Deutsche im 20. Jahrhundert an Juden verbrochen haben, ist nie mehr “wiedergutzumachen”. Aber wenn man in Deutschland meint, mit dem perfiden Antisemitismus-Vorwurf “Juden” und den Staat Israel “schützen” zu sollen, dann sollte man sich klarmachen, dass diese “Wiedergutmachung” nichts anderes ist, als der verlängerte Arm Hitlers. Die Frage ist, wie lange sich diese Politik gewordene Befindlichkeit halten wird. Je länger sie fortwährt und sich in solchen Eklats wie dem Documenta-Skandal manifestiert, muss man sich ernsthaft fragen, was genau die “Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit” gezeitigt hat. Something went awfully wrong.

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6 Kommentare

  1. Und läuft immer noch schief.
    Gut, dass es den Artikel gibt, ist er doch eine Sichtweise, die heutige Deutschen die Möglichkeit gibt ihre Geschichte zum Judenmorden in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu überwinden.
    Bis jetzt verhält es sich noch so, dass jede kritische Betrachtung zu Israel als Antisemitismus gebrandmarkt wird und die Debatte eingestellt werden kann.
    Wen mag der Autor als in Deutschland lebende Juden meinen, kann es sein das es Deutsche jüdischen Glaubens sind?
    Ich habe es hingenommen als Antisemetist und Antiamerikaner „gegeißelt“ zu werden. Sich dagegen zu wehren heißt für mich nur denen auf den Leim zu gehen. Ich kann das „gut“ sagen, wie viele deutsche bin ich nicht als Deutscher geboren, obwohl in Deutschland.
    Es wandelt sich so viel in der Gesellschaft, nur das angeführte „Problem“ ist wie einbetoniert.
    https://www.youtube.com/watch?v=bEJ4fYsb9aM

  2. Russland hat wohl auch gerade nicht ein stimmiges Verhältnis zu Israel, denn die russischen jüdischen Siedler dürfen gerade nicht weiter Land „annektieren“. Denn um die Levante wird heftig gestritten und Deutschland bietet sich dann immer gerne an um von anderen wichtigen Dinge zu verblenden. Oder ist vielleicht das Gegenteil der Fall?

  3. Deutschland hat gegenüber den Völkern der Sowjetunion, besonders denen, deren Städte und Dörfer einem rassistischen Vernichtungsfeldzug ausgeliefert waren, dem übrigens der ältere Bruder Putins als Kleinkind in Leningrad zum Opfer fiel, eine ähnlich große geschichtliche Verantwortung wie gegenüber den Juden und Israel.
    Tatsächlich gewinnt man bei der gegenwärtigen Kriegshetze vor allem der geradezu vom Russenhass (Die Sowjets waren immer „der Russe“) besessenen Braungrünen, dass nun doch noch der damals verlorene Krieg gewonnen werden soll und diese Herrschaften sich damit auch noch auf der Seite der Guten fühlen.
    Das will man dann offensichtlich auch noch mit dieser ständig inszenierten Antisemitenjägerei belegen, wobei dann die neuen Feinde (neben den ganz alten-die Russen) die Palästinenser oder insgesamt die Muslime sind. Und immer sind „wir“ die Guten, die zwar monströse Verbrechen begangen haben, eben nicht nur gegen Juden, nun sind wir auch noch Weltmeister des nachgeholten „Widerstands“ und wieder soll die Welt am deutschen Wesen genesen.
    Übrigens, in einem Sammelband ‚Frenemies – Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen‘ durfte die palästinensische Stimme wieder nicht zu Wort kommen. Ein paar sehr sensible Herrschaften hätten sonst ihre Beiträge zurück gezogen, also blieb der Pali draußen. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bds-die-anwesenden-abwesenden-der-deutschen-israel-debatte

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