Mercedes-Benz endlich unter Mord-Anklage

Screenshot aus dem Video von Gaby Weber

Am Montag hat das Berufungsgericht in San Martín, einem Vorort von Buenos Aires, den früheren Produktionsmanager Juan Ronaldo Tasselkraut unter Anklage gestellt – 45 Jahre nach der Tat und jahrzehntelangen Bemühungen der internationalen Menschenrechtsbewegung.

Kaum ein anderer Fall hat soviel Aufmerksamkeit und Solidarität erfahren wie der Fall der 14 verschwundenen Betriebsräte des schwäbischen Lastwagenbauers. Nach der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 ließ Präsident Raúl Alfonsín die Junta-Mitglieder vor Gericht stellten. Unter den Zeugen war auch der Arbeiter Héctor Ratto, der über die enge Zusammenarbeit der Werksleitung mit den Militärs berichtete. 14 seiner Kollegen fielen der Repression zum Opfer, nur drei überlebten die Folterhaft. Doch Mercedes-Benz Argentina war nur ein Fall unter vielen, und er geriet in Vergessenheit.

Ich grub ihn 1999 aus, als ich für den WDR über die unheilige Allianz von Wirtschaft und Diktatur recherchierte. Ich sammelte Zeugenaussagen, holte Dokumente aus den Archiven und präsentierte sie dem „Wahrheitstribunal“ in La Plata. Denn inzwischen hatten die Militärs eine Amnestie erzwingen können. In Deutschland wurde Anzeige wegen Mordes gegen Produktionschef Juan Ronaldo Tasselkraut erstattet, 2004 in Argentinien. Ich recherchierte auch den Fall des Mercedes-Sicherheitschefs Lavallén, ein Folterer, der sich das Kind seines Opfers angeeignet hatte. Auch in Tasselkrauts Familie leben Kinder, heute Erwachsene, die vermutlich in Folterzentren zur Welt gekommen sind.

Doch die Justiz traute sich nicht, gegen den mächtigen Autobauer vorzugehen. In Deutschland wurde der Fall eingestellt, und in Buenos Aires das Verfahren an das Provinz-Gericht San Martín abgegeben. Auch der Oberste Gerichtshof der USA, wo das Zivilverfahren der Kläger landete, kniff. Die Obersten Richter urteilten, dass das Gericht in San Francisco/ Kalifornien die Auswirkungen auf mögliche internationale Investoren falsch eingeschätzt hatte und stellte das Verfahren ein.

Erst im April dieses Jahres, also 45 Jahre nach den Morden, hatte die Provinzrichterin Alicia Vence, nachdem sie über 10 Jahren die umfangreichen Akten in San Martín versenkt hatte, Tasselkraut freigesprochen und sich damit über sämtliche Zeugenaussagen hinweggesetzt. Der frühere Produktionschef hatte sich von einem der früheren Richter, der seinerzeit die Junta-Mitglieder verurteilt hatte und seitdem als Rechtsanwalt tätig ist, vertreten lassen. Nicht nur die Opfer, sondern auch die Staatsanwaltschaft und das Menschenrechtsbüro legten Einspruch ein. Mit Erfolg, da das Urteil am Montag von drei Berufungsrichtern aufgehoben und Tasselkraut unter Anklage gestellt wurde. Er habe, so das Urteil, aktiv an der Freiheitsberaubung von Héctor Ratto und dem Verschwindenlassen des Arbeiters Diego Núñez mitgewirkt.

Héctor Ratto

Tasselkraut kann noch Revision einlegen, aber dabei wird es nur um Rechtsfragen gehen. Er wird dadurch Zeit gewinnen. Da er bereits über 70 Jahre alt ist, wird er vermutlich seine Haftstrafe im Hausarrest verbringen können.

Die Daimler AG hat sich bis heute nicht bei den Opfern und der argentinischen Gesellschaft für ihre Mordaktion entschuldigt. Als die Vorwürfe auf den Aktionsversammlungen publik wurden und die New York Times über meine Recherchen berichtete, beauftragte der Konzern Christian Tomuschat von der Humboldt-Universität, der bis dahin einen guten Ruf hatte. Er wusch in einem Gutachten die Firma weiß, versuchte es zumindest, da die Zusammenarbeit des Unternehmens mit den Militärs selbst von ihm nicht zu leugnen war.

Der Hörfunk des WDR übrigens hatte Anfangs wiederholt über meine Recherchen berichtet. Das Fernsehen allerdings wollte meinen Dokumentarfilm „Wunder gibt es nicht“ nicht zeigen, obwohl er in Argentinien und den USA Beweismittel war und vom argentinischen Fernsehen zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde. Als der Fall dann vor dem US Supreme Court landete, beschloss der WDR (Fernsehen), mein Material von der Firma TVSchoenfilm nachdrehen zu lassen und die Vorwürfe zu entkräften. Intendant Tom Buhrow hatte dies ausdrücklich abgesegnet.  Auch der WDR hat sich für das Plagiat und sein Whitewashing nicht entschuldigt.

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10 Kommentare

  1. Tom Buhrow – der Mann arbeitet eben hart für seine schlappen 413.000 Euro Jahresgehalt, um Frau Webers mit Spenden finanzierten echten Journalismus nach Kräften zu neutralisieren. Dafür zahlen wir doch gerne Zwangsgebühren für WDR und co..
    Gaby Webers Bücher, z. B. „Daimler-Benz und die Argentinien-Connection“ oder auch „Chatting with Sokrates“ kann ich übrigens nur empfehlen.

  2. Ein klein wenig mehr Gerechtigkeit wird hergestellt. Das ist gut.

    Danke an Garry Weber für die vielen Mühen zur Bekanntmachung dieses Verbrechens und an o-m diesen artikel hier zu veröffentlichen. O-m bekommt so schnell keine Anzeigenkampagne von Mercedes in Aussicht gestellt.

    Leider finden viel zu viele solcher Verbrechen Tag für Tag statt. Angefangen von den Staatsterrorismus der USA wie Drohnenmord, die Säuberungsaktionen gegen „nicht verwurzelte“ Ukrainer und Oppositionelle in der Ukraine, die Morde der Israelisan Palistinesern uvm…..
    Wir sollten diese Verbrechen alle nicht vergessen!

  3. btw dies war Frau Webers Kommentar im März zum Rückzug des DLF aus Moskau.
    Fand ihn sehr gut und hatte entsprechend darauf aufmerksam gemacht im Freundeskreis:
    https://overton-magazin.de/krass-konkret/der-deutschlandfunk-beendet-berichterstattung-aus-moskau/

    Die journalistischen Standards gehen Jahr für Jahr immer mehr verloren.
    Das wirkt dann wie die Fälschung von alten Nachrichten durch Winston Smith in „1984“, die nicht mehr der Parteilinie entsprechen.

    Irgendwann vergessen die Leute tatsächlich was mal gewesen ist.
    Genauso ist es mit den Standards, mit den Verpflichtungen und Rechten von Journalisten.

    Vieles was der nationale Sicherheitsapparat bzgl. Meinungsfreiheit und Berichterstattung verzapft, ist schlicht gelogen, aber die Medien selbst korrigieren es nicht und entsorgen sich selbst.

  4. Glückwunsch an Frau Weber für den hartnäckigen Kampf für Gerechtigkeit.
    Betont werden sollte aber, dass fast alle lateinamerikanischen Militärdiktaturen durch die USA oder mit deren Unterstützung zustandekamen. Es sind Dutzende! Und die Aufarbeitung hat bisher kaum begonnen. Allerdings ist in vielen Staaten diesen Halbkontinents zu beobachten, wie sich die Regierungen von den USA und ihren Methoden der Drohung, der Erpressung und des wirtschaftlichen Drucks emanzipieren. Selbst konservative Leute wie Bolsonaro haben heute keine Lust mehr, nach der Pfeife der USA zu tanzen. Nach meiner Meinung hat die „Herrschaft des Volkes“ in Lateinamerika mehr Zukunft als in den Gangsterstaaten des Nordens, auch wenn die dünne Oberschicht mit allen Mitteln um ihre Privilegien kämpft.
    Weiter so!👍

    1. https://www.nachdenkseiten.de/?p=89145

      Die Liste der Länder, die laut der CRS-Zusammenstellung Ziel von US-Militärinterventionen wurden, umfasst fast alle Nationen der Erde. So gibt es beispielsweise kein einziges Land Lateinamerikas und der Karibik ohne US-Militärintervention, Ähnliches gilt für den größten Teil des afrikanischen Kontinents. Allein von Anfang 1991 bis Anfang 2004 hat das US-Militär nach Angaben vom CRS 100 Interventionen durchgeführt. Diese Zahl stieg zwischen 1991 und 2018 auf 200 Militärinterventionen an.

      1. Danke für die Zahlen, die ich in etwa so geschätzt hatte. Mir sind durch mein langes Leben noch viele dieser Verbrechen im Gedächtnis, so auch der Sturz des fortschrittlichen Patrice Lumumba im Kongo, der dann einen schlimmen Tod (durch Folter) erlitt! Treibende Kräfte dabei waren neben Belgien die – USA.
        Willkommen im Reich der „westlichen Werte“.
        Nb: Gibt es eigentlich eine gute Buch-Dokumentation über die Verbrechen der USA in Lateinamerika (zwischen Mexico und Chile)?

  5. Glückwunsch und Dank an Gaby Weber. Gerechtigkeit ist kein Sprint, eher ein Marathonlauf. Jeder, der diesen Lauf schafft, verdient Hochachtung.

  6. was Gaby Webers Dokumentationen ausmacht, ist neben dem meistens gerichtsfesten Wahrheitsgehalt das konzentrierte Mitgefühl für die tatsächlichen Mordopfer profitmaximierten Gewinnstrebens. In der heutigen Zeit gestaltet sich dieses widerliche Mordbubengeschubse zum Zweck der Gewinnmaximierung auch nicht wesentlich anders, nur wurden die Merthoden verfeinert und insoweit subtil abgeschwächt, dass der gesellschaftliche Mord an Arbeitsverweigerern inzwischen so gut funktioniert, dass Fremdeinwirkung nicht mehr erforderlich ist. Die Sorte Mensch, die Frau Weber beschreibt, passt sich an oder scheidet in heutiger Zeit durch Suizid aus dem Leben.

    Trotzdem lieben Dank an Frau Weber für ihre mutmaßlich überaus verschleißintensive Berichterstattung. Da würde selbst der Friedensnobelpreis noch mal so richtig Sinn machen.

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