„Man muss hinter die Oberfläche der Medienberichterstattung schauen“

Bild: Ukrainisches Verteidigungsministerium

Der russische Filmemacher und Philosoph Andrei Nekrasow über den Schrecken des Kriegs in der Ukraine und die Hintergründe. Er sagt: „In der Russland-Frage herrscht eine vollkommene Gleichschaltung“.

Russland und die Russen werden gerade vom Westen zu Ausgestoßenen erklärt und wirtschaftlich klein gemacht. Wie verhält man sich als russischer Intellektueller dazu? Siehst du dich oder bist du aufgefordert, Stellung zu beziehen, im Westen natürlich gegen Putins Russlands, um noch anerkannt/akzeptiert zu werden?

 

Andrei Nekrasow: Es ist heute nicht einfach, ein Intellektueller zu sein, geschweige denn ein russischer Intellektueller. Emotionen und Empörung, nicht das Verstehen und Erkennen sind gefragt. Verstehen kann für Verrat erklärt werden – Verstehen wie in „Putin-Verstehen“.

Nach heutigen Maßstäben hätten Sartre, Merleau-Ponty, Brecht und viele andere als stalinistische Propagandisten verbannt – „ge-cancellt“ – und nicht nur in Debatten kritisiert werden müssen. Bei allen bitteren ideologischen Denunziationen des 20. Jahrhunderts, dem McCarthyismus usw., war das Niveau der intellektuellen Debatte auf spektakulären Höhen, während in den heutigen Demokratien die Kultur- und Medienlandschaft schwerlich anders als „Gleichschaltung“ zu beschreiben ist. Und das begann schon vor diesem Krieg.

Andererseits kann argumentiert werden, dass Putin mit Hitler, nicht mit Stalin zu vergleichen ist, und es ist verständlich, dass er einhellig verurteilt wird. Ich selbst habe vor Beginn dieses Krieges erklärt, warum mich Russland an die Weimarer Republik erinnert (Der lange Schatten der antikommunistischen russischen Revolution). Aber um die Putin-Hitler-Analogie zu bestätigen oder abzulehnen, wäre eine detaillierte, unvoreingenommene Diskussion erforderlich, einschließlich eines kritischen Blicks auf die westliche Medienberichterstattung über den Krieg, der 2014 begann, und nicht nur die Invasion Russlands in diesem Jahr. Und so haben wir einen Teufelskreis. Wir können wegen der für Kriegszeiten typischen einseitigen Medienberichterstattung keine unvoreingenommene Diskussion führen und keine unterschiedliche Berichterstattung leisten, weil die Menschen (die Öffentlichkeit, aber auch die meisten Reporter) emotional und politisch darauf programmiert sind, logische und sachliche Fehler in der Berichterstattung zu übersehen. Um nur zu erkennen, dass diese Fehler möglich sind, muss man sich durch eine einigermaßen unvoreingenommene Diskussion vorbereiten.

Man kann einfach sagen, ich kann nicht ruhig und „intellektuell“ bleiben, wenn ich die Folgen von Massakern beobachte. Wenn du’s kannst, ist das bestenfalls ein Zeichen krankhafter Gleichgültigkeit oder doch pures Böses. Das ist sicherlich, was Putin ist – das pure Böse. Was geht mir durch den Kopf, wenn ich das höre? Man kann seine besten Gefühle ausdrücken, indem man Putin das Böse nennt – ich habe ihn selbst so genannt, als die meisten westlichen Politiker ihn lobten –, aber sie können anderen nicht die Freiheit verweigern, Konflikte und Widersprüche, sowohl menschlicher „Conditio“ als auch menschlicher Natur, geistig zu verfolgen.

Ohne hier zu „intellektuell“ zu werden und ohne mich voll und ganz dem Marxismus anzuschließen, möchte ich hier doch die Namen von Marx, Foucault und Rancière „fallen lassen“, nur als groben Hinweis darauf, was der heutigen politischen Kultur völlig fehlt – die Kunst der kritischen Analyse von Macht- und Wirtschaftsverhältnissen. Eine Analyse, die ganzheitlich auf die Welt, in der wir leben, angewendet werden muss, und nicht als Thema von besonderem Interesse für eine unbedeutende Minderheit.

Dies ist ein sehr tiefgreifendes Problem, denn wenn kritisches Denken in einer streng unterteilten Gesellschaft ausgeübt und nur in winzigen Blasen und Echokammern geduldet wird, trägt es nicht dazu bei, die intellektuelle Abwehr der Menschen gegen gnadenlose Propaganda des Staates und der Mainstream-Medien zu stärken.

Aus diesem Grund scheinen die heutigen Erben der „klassischen“ linken Kultur, der zufolge „das Böse“ ein im Wesentlichen religiöser, konservativer Begriff ist, in ihren außenpolitischen Ansichten, insbesondere zu Russland, nicht von ihren rechten Pendants zu unterscheiden zu sein.

Andrei Nekrasow

Du hast von Gleichschaltung der intellektuellen Debatte gesprochen. Woran machst du das fest? Und wie entsteht so eine Gleichschaltung?

Andrei Nekrasow: Von welcher Gleichschaltung spreche ich? Wir haben „Kulturkriege“ – hauptsächlich in den USA, aber international einflussreich -, wir haben Tucker Carlson (Fox News), wir haben Kämpfe für und gegen den Brexit (gehabt), wir haben erbitterte ideologische Schlachten in Frankreich und anderswo in Europa … Wenn man mit der Liste dieser Debatten die „Russland-Frage“ vergleicht, in der es meines Erachtens keine Debatte gibt, würde dieser Mangel an Debatte vielleicht nicht allzu bedeutsam erscheinen. Aber ich denke, das wäre falsch, und zwar nicht nur, weil ich in St. Petersburg geboren bin, sondern weil ich glaube, dass die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland eine Vorgeschichte haben, die das Leben und die Politik auf beiden Seiten der Trennlinie bestimmt, ohne dies zugeben zu wollen oder zu wagen.

In der „Russland-Frage“ herrscht, meines Erachtens, eine vollkommene Gleichschaltung, aber sie bezieht sich auf vieles mehr als das Verhältnis zur Russlands Politik.

Das Misstrauen des Westens gegenüber Russland ist sehr tief und komplex, sogar noch mehr als das gegenüber China, gerade weil Russland ihm in mehrfacher Hinsicht näher steht. China ist mächtiger, aber Russland ist gefährlicher und beängstigender – in einer ganzen Reihe von Punkten, von der primitiven Fähigkeit, Westler physisch zu imitieren (und daher zu infiltrieren, auszuspionieren, zu verführen und zu täuschen, wie die falsche deutsche Erbin, die die Amerikaner betrogen hat in dem berüchtigten Fall, der in der Netflix-Serie vorkam), bis hin zum Klonieren von so kostbaren westlichen Ideen wie Sozialismus, wenn auch mit katastrophalen Ergebnissen.

Natürlich wird (oder wurde) über die Faszination für Russland gesprochen, der Schwanensee-Wodka-Kaviar-Schnickschnack, aber das führt sicherlich nicht zu einem ehrlichen Dialog, und jeder Russe, der etwas zu sagen hat, kann sofort aus der verallgemeinerten „Liebe“ für das „russische Volk“ (die professionelle Heuchler wie Boris Johnson gern äußern) exkommuniziert werden.

Die eigentliche Ursache liegt in der mauvaise foi oder, wenn man so will, in dem „falschen Bewusstsein“, mit dem „Freiheit und Demokratie“ vom Westen und Russlands eigener pro-westlicher Klasse an die Russen (und andere Sowjetvölker, einschließlich der Ukrainer) verkauft wurden.

Der Trick bestand darin, dabei die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen des Westens zu verschleiern – und es hat geklappt. Die Privatisierung des kollektiven Eigentums in der ehemaligen Sowjetunion war der größte Diebstahl in der Geschichte, aber für den Westen war es auch deswegen relevant, weil die Niederlage des sowjetischen Sozialismus mit der endgültigen Aufhebung der Keynesianischen quasi-sozialistischen Ordnung im Westen zusammenfiel und als Rechtfertigung für Neoliberalismus verwendet wurde. Und da sehe ich die Gleichschaltung: die Macht- und Wirtschaftsinteressenanalyse, die mindestens zwei Jahrhunderte lang die intellektuelle Debatte bestimmte, ist weitgehend abgeschaltet.

Wo würde denn eine Machtanalyse ansetzen müssen, um den Kontext des Ukraine-Kriegs verständlich zu machen?

Andrei Nekrasow: Ich schaue zu Hause nicht fern, aber nur beim Zappen in Hotelzimmern bin ich seit Ende Februar über ein halbes Dutzend Filme über Putin gestolpert, natürlich im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine. Die sogenannte Analyse der Kriegsgründe reduziert sich auf die halb gebackenen pseudopsychologischen Beschreibungen eines Mannes. Wobei wir glauben sollten, er habe mehr Macht über das Volk, als dies römische Kaiser hatten. „Qualitätszeitungen“ schneiden nicht besser ab. Wenn Sie eine Aussage „Putin ist böse“ beispielsweise aus Wittgensteinscher Sicht betrachten, müssen Sie so etwas sagen wie: „Es ist nicht falsch. Es ist unsinnig.“ Aber vielleicht ist es besser für unsere Zwecke zu sagen, dass diese Aussage für das Verständnis dessen, was in der Ukraine vor sich geht, nicht sehr relevant ist.

Meiner Ansicht nach erleben wir auf einigen Teilen des Territoriums der ehemaligen UdSSR eine Fortsetzung der Revolution von 1991. Obwohl „Revolution“ und „Bürgerkrieg“ oft als getrennte Ereignisse bezeichnet werden, sind sie Teile eines kontinuierlichen revolutionären Prozesses. Revolutionen sind fast nie gewaltfrei. Ausnahmsweise können sie das sein, wenn die unterlegene Macht außerordentlich schwach ist und ihre Restaurationsimpulse von etwas so Mächtigem wie der westlichen Verwaltung Osteuropas nach 1989 erstickt werden. Aber Revolutionen/Bürgerkriege können Jahrzehnte andauern, wie in England im 17. Jahrhundert, und wieder akute Stadien erreichen. Man könnte dieses sehr akute Stadium in Russland eher als Konterrevolution betrachten.

Einmal mehr muss man hinter die Oberfläche der Medienberichterstattung blicken. Warum ist das in der Ukraine möglich? Weil das russische Volk (sowie ein Teil der russischsprachigen Ukrainer im Osten) es unterstützt. Trotz der extrem harten wirtschaftlichen Vergeltungsmaßnahmen des Westens. Aber die Russen sind bereit, ihren Lebensstil zu ändern, vieles zu opfern, sogar ihre eigenen Vergeltungsmaßnahmen gegen westliche Interessen zu ergreifen und Schwierigkeiten in neue Chancen zu verwandeln. Viele sehen darin eine Chance für eine echte Unabhängigkeit, die mit der UdSSR verloren gegangen ist.

Die Reformen der 1990er Jahre waren für die meisten Russen eine brutale wirtschaftliche Vergewaltigung. Aber es war nicht einfach eine schlechte und unfaire Politik, wie sie viele Regierungen gegenüber ihrer Bevölkerung betreiben. Die russische (sowjetische, einschließlich der Ukraine) sogenannte demokratische Revolution hat die Bevölkerung um das betrogen, was sie kollektiv unter unglaublicher Not aufgebaut hat, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder und Enkelkinder. Und so war es mehr als nur ein finanzieller Mega-Diebstahl, es war ein demonstrativer, höchst zynischer Mega-Diebstahl und eine Beleidigung der besten, innersten, quasi-religiösen Gefühle. Totaler Verrat.

Jelzins Legitimität wurde fraglich, weil er zum Präsidenten Russlands als Sowjetrepublik gewählt wurde, dann 1993 das Parlament bombardierte, 1996 eine Popularitätsrate von nur 6 % hatte (einige Quellen sagen nur 2 %) und nur die Wahlen durch die Manipulation der Oligarchen gewann.

Das war allen klar, aber die Leute konnten nichts dagegen machen. Sie wurden zu Hause in Russland gedemütigt, sie wurden international gedemütigt. Die ohnmächtige Wut gipfelte darin, als die NATO 1999 Jugoslawien bombardierte. Die Russen wollten sich rächen, aber konnten es nicht. Viele sagten damals, wir müssten den Westen wieder bedrohen können, damit er es nie wieder wagt, unsere Verbündeten anzugreifen.

Jelzin hat das Land in Trümmern hinterlassen. Die Menschen konnten nur hoffen zu überleben, und es war keine Frage von Widerstand gegen den Kapitalismus mehr. Putin signalisierte einen Widerstand an der geopolitischen Front (beginnend mit der berühmten Münchner Rede), aber das artikulierte nur etwas, was die Russen wussten, aber gegen das sie wenig tun konnten, und es betraf keine sozialen und wirtschaftlichen Fragen.

Wenn westliche Beobachter behaupten, Putin wolle die UdSSR wiederherstellen, meinen sie nicht das, was ich oben beschrieben habe, oder? Sicherlich meinen sie nicht, dass wir Zeugen einer Konterrevolution und eines Bürgerkriegs werden. Putin ist, natürlich, kein Linker. Aber darüber hinaus begreift der Westen nicht, dass der Kapitalismus viel mächtiger ist als Putin, er könnte es nicht rückgängig machen und zur Herrschaft nach sowjetischem Vorbild zurückkehren, weder wirtschaftlich noch politisch, selbst wenn er es wollte.

Aber das russische Volk als Ganzes ist in gewisser Weise, in der historischen Perspektive, mächtiger, als eine Person namens Wladimir Putin. In gewisser Weise ist Putin das Werkzeug des Volkes. Der historische Prozess ist mit rein politischen Mitteln nicht zu verstehen oder zu bewältigen, und so entstehen Paradoxien, in denen auch der Westen zum Werkzeug der russischen Konterrevolution wird: Er bestraft die Reichen, was die Russen seit vielen Jahren tun wollen. Wollen die Menschen den Sozialismus? Die vollständige Rückkehr ist nicht möglich, aber es ist symbolisch, dass unter denen, die nach Ausbruch des Krieges aus Russland flohen, Jelzins wichtigster wirtschaftlicher Handlanger war, eine von vielen verhasste Figur, Anatoly Chubais.

Und so erkennen wir erst jetzt, durch den ultimativen Schock und die unsagbare Tragödie, dass mehrere Faktoren zusammenkommen, um möglicherweise historische Veränderungen herbeizuführen. Es kann eine Veränderung zum Schlechteren sein, es kann zu so etwas wie Faschismus führen, aber hier versuche ich nur, die Menschen daran zu erinnern, dass umfassende Veränderungen, sowohl zum Besseren als auch zum Schlechteren, nicht als Teil eines Regierungsprograms oder von NGO-Aktivitäten geschehen. Denkt wie Hegel oder Marx – als sehr grobe Richtlinie; denkt nicht wie Fukuyama oder Milton Friedman.

Aber wie erklärt sich aus diesem Hintergrund der Einmarsch in die Ukraine? Zuerst ging es um den Schutz der Volksrepubliken Donezk und Lugansk, dann aber um die Entnazifizierung und Demilitarisierung des Landes. Zu vermuten ist, dass der russische Einflussbereich im Osten und Süden dauerhaft vergrößert und eine Landverbindung zur Krim hergestellt werden soll. Aber die russischen Truppen gehen mit großer Brutalität auch gegen die Zivilbevölkerung vor, der Hass der Ukrainer auf die Russen und umgekehrt wächst, jeder bezeichnet den anderen als Nazi. Der Hass wird lange bestehen bleiben.

Andrei Nekrasow: Noch einmal, wenn ich daran arbeite, Dinge zu verstehen, verstehe ich sie nicht im Modus „Putin verstehen“. Ich stelle jedoch fest, dass westliche Beobachter, auch Reporter, semantisch nicht verstehen, was die Russen sagen. Einige russische Aussagen mögen Lügen sein, das heißt falsche Darstellungen von Tatsachen, aber ich spreche jetzt von einem semantischen Missverständnis. Das ist ein weiterer Unterschied zu China. Da die russische Sprache direkte Entsprechungen westlicher Begriffe hat, gibt man vor, schnell zu verstehen, was Leute wie Putin meinen.

Nun ist die russische „Ukraine-Doktrin“ ungefähr so: Pro-westliche Kräfte haben 2014 einen Aufstand in Kiew angezettelt und den demokratisch gewählten Präsidenten gestürzt, ohne die nächsten Wahlen (2015) abzuwarten. Die zentralen Aktivisten und viele Slogans des Maidan waren ukrainisch-nationalistisch. Einige russischsprachige Gemeinden weigerten sich, die neue Macht anzuerkennen, weil sie nationalistisch voreingenommen war und weil sie diese nicht gewählt hatten. Die neue Macht schränkte den offiziellen Gebrauch der russischen Sprache, den Unterricht in Russisch usw. ein. Diese russischsprachige Gemeinschaften sowie die Russen, die mit dem Westen debattieren, weisen das Argument zurück, dass die rechtsextremen Parteien bei den Wahlen nach dem Maidan schlecht abgeschnitten hätten. Das haben sie, aber das ist nicht relevant. Der Westen, so die Russen, projiziert seine eigenen Vorlagen auf die postsowjetischen Realitäten, in denen Machtspiele von Narrativen, Einflüssen, Ökonomie und Geschichte, nicht Parteiprozentpunkte, darüber entscheiden, wie Menschen, Kulturen und Gemeinschaften koexistieren werden.

Auch der ständige Hinweis auf Selenskijs jüdische Herkunft ist für die Russen ein Ergebnis des Missverständnisses des russischen und ukrainischen gemeinsamen sowjetischen Erbes. „Jüdisch“ bedeutete in der UdSSR überhaupt nicht dasselbe wie „jüdisch“ im Westen. Juden waren zutiefst assimiliert und ihre Identität hatte keine Verbindung mit jüdischer religiöser Kultur und Tradition in der Welt und Geschichte außerhalb des Kommunismus. Viele russische (postsowjetische) Juden beispielsweise betrachten Hitler als ein kleineres Übel als Stalin, da ihr Fokus in der Debatte über den Kommunismus viel stärker ist als ihre Gefühle über den Holocaust und den Nationalsozialismus.

Der Krieg in der Ostukraine, der 2014 auf die Revolution in Kiew folgte, war für die Russen natürlich kein unbedeutendes Thema wie für die Außenwelt, und es sah eindeutig nach einem Bürgerkrieg aus. Genau in Mariupol, das jetzt für den Westen zu einem Symbol des außergewöhnlichen ukrainischen Widerstands geworden ist, kam es zu massiven pro-russischen Demonstrationen, die von ukrainischen nationalistischen Bataillonen unterdrückt wurden – die auch eine echte Macht darstellen, die sich nicht in den rechtsextremen Wahlergebnissen widerspiegelt.

Russland hat natürlich den beiden „Volksrepubliken“ geholfen, aber die Mehrheit der Russen und der Menschen in Donbass sieht letztere als Opfer der Aggression der ukrainischen Regierung. Alle Russen haben Massengräber von Zivilisten gesehen, die vom ukrainischen Militär getötet wurden, die Bestattungen und Gräber von Kindern, die Zerstörung und die Flüchtlinge in Russland. (Ich muss bestätigen, ich habe solche ukrainischen Flüchtlinge in Russland für eine westliche Dokumentation 2015 interviewt; sie bestätigten den Beschuss von Zivilisten durch die ukrainische Armee.)

Ein prägendes Ereignis für viele Russischsprachige war die Brandstiftung in Odessa am 2. Mai 2014, bei der viele Antinationalisten getötet wurden, während die Nationalisten jubelten.  Die offizielle ukrainische Untersuchung schien zugunsten der Nationalisten voreingenommen zu sein, ebenso wie die Reaktion im Westen.

Ob man es glaubt oder nicht, die Russen sehen das langsame Fortschreiten der Invasion in diesem Jahr als Ergebnis der Versuche der Armee, Leben zu retten, anfänglich sogar das Leben ukrainischer Soldaten. Offenbar rechnete Putin mit der Wiederholung seines unblutigen Einsatzes auf der Krim, als ganze ukrainische Einheiten einfach die Waffen niederlegten. Russland sieht sich als eine zu Menschlichkeit und Aufopferung viel fähigere Macht als beispielsweise die Nato-Staaten, weil es die Ukraine einfach einem mehrwöchigen Bombenfeldzug hätte unterziehen können, ohne Bodentruppen einzusetzen, wie es die Nato in Jugoslawien tat, was normalerweise zu mehr zivilen Opfern führen würde. Und die Russen weisen die Behauptungen des Westens zurück, gezielt Zivilisten anzugreifen, aber werfen der ukrainischen Armee vor, genau das zu tun, um Zivilisten an Orten wie zum Beispiel Mariupol festzuhalten, was den russischen Vormarsch verlangsamt und erschwert.

Der Grund, warum Russland nicht einfach versuchte, das pro-russische Gebiet im Osten zu erweitern, lag in der militärischen Logik. Ein Frontalangriff aus dem Osten wäre äußerst blutig, wenn nicht sogar vergeblich. Die besten ukrainischen Einheiten standen den pro-russischen „Republiken“ gegenüber, und die Russen dachten, sie müssten den größten Teil der Infrastruktur der Ukraine zerstören und diese Einheiten einkreisen, um sie zu unterwerfen.

Wir haben hier nicht die Zeit, um alle russischen Gegenbehauptungen zu diskutieren. Die Russen sagen zum Beispiel, dass sie keine Tochka-U-Raketen haben, von denen eine am Bahnhof von Kramatorsk Menschen getötet hat – es sei eine ukrainische Rakete gewesen. Sie veröffentlichten das Interview der jungen Frau, deren Foto in der ganzen Welt gesehen wurde, die sagte, dass das Mariupoler Entbindungsheim von russischen Flugzeugen nicht bombardiert wurde. Diese und andere russische Leugnungen kann man in westlichen Medien nicht finden, und es steht jedem frei, sie als Lügen zu bezeichnen, auch ohne sie zu analysieren.

Hier versuche ich nur zu rekapitulieren, was die Russen meinen, ohne die Richtigkeit ihrer Behauptungen zu beurteilen. Ich mache das als „Dialektiker“, wenn man so will, der fühlt, dass Wissen, nicht Emotionen, stoppen kann, was noch zu stoppen ist. Man sagt, die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. Ich sage, die Wahrheit ist das letzte Opfer des Friedens. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, dass die Wahrheit in Analyse und Debatte ans Licht kommt, beginnt ein Krieg. Und dann gibt es natürlich mehr Opfer und immer weniger Wahrheit, gerade weil die Emotionen überfließen und überwältigen. Rechtschaffener Zorn und Genauigkeit der Analyse passen selten gut zusammen.

Was ich aber sagen möchte, ist, dass ich persönlich das, was ich über diesen Krieg sehe, höre und weiß, als tiefste Tragödie erlebe. Das mag eine andere Sache sein, die der Westen nicht begreifen kann: Was es für uns bedeutet, Menschen zu sehen, die unsere Sprache sprechen, manchmal denselben Dialekt, die dieselbe Geschichte teilen und sich gegenseitig umbringen.

Manchmal denke ich, es wäre einfacher gewesen, bei einer Seite der Geschichte zu bleiben. Ich habe Zugang zu beiden und sehe, wie einige einfache Menschen die russischen Truppen und andere – die Ukrainer – beschuldigen. Ich weiß, dass beide Zivilisten töten. Ich spreche auch direkt mit Menschen da draußen in der Ukraine. Es ist absolut richtig, dass eine solche Invasion neue Feinde für Russland schafft, aber es ist auch wahr, dass einige Menschen im Osten die Russen als Befreier betrachten. Aus meiner Sicht trägt die russische Regierung einen großen Teil der Verantwortung für das, was vor sich geht. Aber ich beschuldige sie, nicht patriotisch genug zu sein, und das mag überraschend klingen.

Patriotisch zu sein, hat ja auch immer mit Nationalismus zu tun. Der gedeiht in Russland, in der Ukraine, natürlich auch im Westen. Jetzt werden ja beim vorgeblichen Kampf Russen gegen Ukrainer und Ukrainer gegen Russen Vorurteile und Hass von beiden Seiten geschürt, man könnte auch von Rassismus sprechen. Aber was meinst du, wenn du sagst, die russische Regierung müsse patriotischer sein?

Andrei Nekrasow: Ich verwende den Begriff „patriotisch“ etwas paradox, aber ich meine damit, dass Russlands Achillesferse in der Tatsache begründet ist, dass Putins Elite hauptsächlich aus Profiteuren der antikommunistischen Revolution besteht. Viele sind jetzt physisch aus Russland geflohen, aber sie hinterlassen kulturelle und wirtschaftliche Ruinen. Die „Oligarchen“ sind nicht ein frivoles Phänomen, nur ein Thema von Boulevardgeschichten über Superyachten und Schlösser. Die oligarchische Wirtschaft und Kultur ist menschenfeindlich. Auch die Ukraine wurde davon betroffen, aber ihr wurde das Zuckerbrot der EU-Mitgliedschaft angeboten, und viele hoffen, dass dies das „Problem“ lösen würde.

Aber es ist ein weiterer Fall von „falschem Bewusstsein“, der den Fokus auf geopolitische Rivalitäten und ja, Nationalismus verschiebt, weg von kritischer Analyse. Das betrifft auch die Russen, außer dass sie alleine ums Überleben kämpfen müssen. Und vorerst vor allem geistig.

Ich denke, es wäre im Interesse des Westens gewesen, Russland in den 1990er Jahren und später zu helfen, aber alles, was er anbot, waren Rechtfertigungen für eine Schocktherapie. Die „Hilfe“ bei der „Korruptionsbekämpfung“ (in Form von Nawalny) war eine politische Provokation, ein Ablenkungsmanöver, in der gleichen neoliberalen Logik, denn echte Korruption stammt direkt von dieser westlich inspirierten Schocktherapie. Aber letztlich ist der Westen Russland nichts schuldig, aber seine eigenen Eliten schon. Und sie haben ihr Volk kläglich im Stich gelassen.

Andrei Nekrasov, geboren in Leningrad/St. Petersburg, studierte Philosophie in New York (Columbia University) und Paris (Paris VII und Paris VIII) mit dem Schwerpunkt Sprachphilosophie. Er studierte auch Film in England und assistierte Andrei Tarkovsky bei seinem letzten Film in Schweden. Nekrasov verband eine erfolgreiche Filmkarriere mit einem ausgeprägten Interesse an Philosophie und Politik. Er war aktives Mitglied der Opposition in Russland und verfasste zwei Bücher und viele Essays und Artikel. Filme u.a.: Lubov und andere AlpträumeRebellion – the Litvinenko CaseThe Magnitsky Act – behind the Scenes.

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3 Kommentare

  1. Ich würde gern mit Nekrassow diskutieren, es bleiben viele Fragen offen. Was mir in seiner differenzierten Sicht zu kurz kommt, ist die genuin geostrategische Seite der Ereignisse, die sich bisher auf die Ukraine konzentrieren. In einem Vortrag von 2018, gehalten in Westpoint, berichtet Philip Karber, Präsident der Potomac Foundation, von seinen militärischen Erfahrungen in der Ukraine. Darin kommt neben vielem anderem implizit nur zu deutlich zum Ausdruck, wie involviert in die ukrainischen Geschehnisse die usa schon damals war. Der Grund dafür wird in Karbers Vortrag nicht problematisiert, sondern als buchstäblich selbstverständlich vorausgesetzt.

    Es ist wohl unmöglich, das Verhalten des Westens zu verstehen, wenn nicht geostrategisch und im Fall der Europäer historisch-kulturell eingebettet. Die auch von Nekrassow kritisierten essentialistischen, moralisierenden und emotionalisierenden Einordnungen kommen von involvierter Seite. Sine ira et studio ist keine. Dem Tagesgeschehen verpflichtet lassen sie die für echte Einsicht notwendige Nüchternheit vermissen.

  2. Was deutlich zu sehen ist, lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Das uralte Feindbild der US-geführten Nato-Staaten ist nie außer Vollzug gesetzt worden: Die Macht der westlichen Staatengemeinschaft ist unteilbar, gilt weltweit und rechtfertigt sich durch die Erfolgsbilanz des privatwirtschaftlich organisierten Kapitalismus. Eine wie auch immer geartete Alternative steht auf der Abschussliste und die wird seit Jahr und Tag abgearbeitet, als Regime Change oder Nation Building, Terrorbekämpfung im Fall des Islam, EU-Assoziierung oder Nato-Beitritt bislang neutraler Staaten. Selbst der Zerfall der Sowjetunion seinerzeit und die daraus hervorgehende Russische Föderation ist zwar ein schöner Beleg für ein durch und durch marodes, historisch hiermit überholtes Gesellschaftssystem, aber Zweifel, ob tatsächlich mit der Einäscherung nichts mehr übrig geblieben ist, gibt es bis heute. Überlebt hat immerhin ein Staatswesen, das ihre Eigenständigkeit betont und an ganz eigenen Erfolgsmaßstäben festhält und das auch militärisch absichern will (und bei der atomaren Waffengattung auch kann). Dieses Feindbild war nie eine friedliche Konkurrenz sondern schon immer der politische Wille, die eigene Überlegenheit zu demonstrieren, daher auch lückenlos waffentechnisch unterlegt. Die Nato-Osterweiterung hat zweifellos das Ziel, Nato-Standards, koordinierte Befehlsketten, kompatible Militärausrüstung und einheitliche Ausbildung mit klarerer Aufgabenverteilung im Kriegsfall in den Mitgliedsstaaten herzustellen. Mit dem Einmarsch in die Ukraine beweist die russische Seite genau dieses: Nicht West-kompatibel. Vorgebliche Massaker in den Städten, an der Kontaktlinie oder an sonstigen Kriegsschauplätzen sind da noch die Dreingabe zum längst fertigen Urteil mit dem schönen Nebeneffekt, dass nationale Emotionen, ukrainisches Heldentum und reichlich Gewaltbereitschaft die Köpfe noch mehr einnebeln. Darüber könnte man auch mal fassungslos sein und wieder zur Tugend einer kritischen Analyse, wie sie der Autor fordert, zurückkehren.

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