Litauen, Taiwan, China und die Halbleiter

Bild: MOFA Taiwan

 

China gegen Litauen: vordergründig geht es um den Versuch eines kleinen europäischen Landes, dem asiatischen Riesen die Stirn zu bieten, bei näheren Hinschauen spielt jedoch auch die globale Auseinandersetzung um die Halbleiter-Produktion eine Rolle.

Im Konflikt mit China hofft der litauische Präsidenten Gitanas Nauseda auf internationale Unterstützung: Da China Litauen mit einem inoffiziellen Handelsboykott abstraft, sind derzeit Organisationen der EU um Kontakte zu China bemüht, die Welthandelsorganisation wurde von der EU Handelskommission beauftragt, den Fall zu untersuchen. Doch dies kann dauern.

Seit November letzten Jahres hat Litauen Taiwan erlaubt, eine de-facto diplomatische Vertretung in Vilnius zu eröffnen. Obwohl die litauische Premierministerin Ingrida Simonite erklärte, ihr Land würde damit nicht gegen die „Ein-China-Doktrin“ verstoße, war die Führung in Peking anderer Meinung und verhängte inoffizielle Wirtschaftssanktionen – litauischen Waren können derzeit nicht nach China und chinesische Produkte nicht nach Litauen ausgeführt werden.

Zwar macht die litauische Ausfuhr nach China gerade mal 1.1 Prozent des litauischen Exports aus, allerdings wurden auch internationale Unternehmen von Peking unter Druck gesetzt, keine Handelsbeziehungen mit Litauen mit seinen gerade drei Millionen Einwohnern zu führen, um die Geschäftsbeziehungen mit China nicht zu gefährden.

Diesem Boykottaufruf sollen bereits viele westliche Unternehmen gefolgt sein, womit 40 Prozent der litauischen Firmen betroffen seien, oft Zulieferbetriebe. Nach Angaben des öffentlich-rechtlichen TV-Senders LRT habe die Auseinandersetzung mit China der litauischen Volkswirtschaft bereits 300 Millionen Euro Verlust zugefügt. Vidmantas Janulevicius, Präsident des litauischen Industrieverbands, geht von möglichen Schaden von bis zu 5 Milliarden Euro jährlich aus, sollte China diese Drohkulisse aufrecht erhalten.

Derzeit gibt es in Vilnius Überlegungen, den Namen der Vertretung Taiwans zu ändern, etwa in „Vertretung der taiwanesischen Bevölkerung“ umzubenennen, doch es ist fraglich, ob dies China milde stimmen wird.

Denn verärgert wurde das Reich der Mitte bereits von Litauen im März – damals trat das baltische Land aus dem „17+1“ Format aus. Ein jährliches Treffen Chinas mit osteuropäischen Staaten, um die wirtschaftlichen Beziehungen zu verbessern. Offiziell wurde die Absage damit begründet, dass die Kooperation keinen Mehrwert brachte, so der Außenminister Gabrielus Landsbergis.

Das Format sei „Teil der chinesischen Strategie, die Welt zu dominieren“, sagte kürzlich weit deutlicher Laima Andrikiene, Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses und Mitglied der regierenden konservativen „Vaterlandsunion“.

Taiwan kontert mit Halbleitertechnologie

Aufgrund des chinesischen Drucks hat Taiwan versprochen, Millionen in das baltische Land zu investieren, demonstrativ wurden auch 20.000 Liter litauischen Rums aufgekauft, deren Lieferung China abgelehnt hatte, was mediale Aufmerksamkeit erregte.  Von größerer Tragweite dürfte allerdings die Ankündigung der taiwanesischen Regierung sein, Halbleiter-Experten nach Litauen zu schicken.

Nach Eric Huang, dem Leiter der taiwanesischen Vertretung in Vilnius, soll in der litauischen Hauptstadt eine „europäisch-taiwanesische Kooperation“ für Halbleiter gegründet werden. Zwanzig litauischen Studenten ist bereits ein Studium der Halbleitertechnologie in Taiwan angeboten worden.

Dies hat wirtschaftspolitischen Sprengstoff. Denn Taiwan und Südkorea sind weltweit führend bei der Entwicklung dieser Mikrochips in ihren kleinsten Ausführungen, deren aktueller Mangel derzeit zu Produktionsausfällen auf dem Weltmarkt führt.

Die taiwanesische Konzern TSMC ist der weltweit drittgrößte Halbleiterhersteller, nach Intel (USA) und Samsung (Südkorea) und konnte im Sommer den Durchbruch in der möglichen Herstellung eines Chips feiern, der nur einen Nanometer misst.

China hingegen hinkt hier technologisch hinterher und ist vom Import der Halbleiter  abhängig, wenn das Land auch technologisch aufholt.

Auf der anderen Seite versucht der taiwanesische Konzern in Europa Fuß zu fassen. Er verhandelt derzeit mit der deutschen Regierung über den Bau einer Chipfabrik.

Litauen ist nach Huang für Taiwan auch deshalb interessant, weil das baltische Land in der Lasertechnologie vorne stehe, welche für die Produktion der dritten Generation der Halbleiter entscheidend sei.  Das baltische Land wird in der Fachpresse bereits als „Hub“ (eine Art Netzwerk innovativer Unternehmen) für Halbleiter in Europa gesehen.

Taiwan sucht Unterstützung

Der Wissenstransfer der Technologie nach Europa kann auch als Versuch des Inselstaats gewertet werden, sich in der EU unverzichtbar zu machen und angesichts des Drucks von China einen Alliierten neben den USA zu schaffen.

Und auch die EU hat ambitionierte Pläne: Mittels eines zweistelligen Milliardenbetrags soll die Chipforschung und -produktion gefördert werden, ein entsprechendes Gesetz, der „EU Chips Act“ soll am 8. Februar vorgestellt werden.

Welche Rolle spielt hier die USA? Das konservativ regierte Litauen ist eines der proatlantischsten Länder in Europa, das sich auch sehr klar gegen Russland positioniert. Die USA sieht sich auf der anderen Seite als „Beschützer“ Taiwans gegen die Ansprüche Chinas.

Die US-Handelskammer hat Anfang Januar dem litauischen Außenminister Gabrielus Landsbergis Unterstützung in der Auseinandersetzung mit China zugesagt, ohne dabei Konkretes zu nennen.

Bis zum 1. Februar hat sich ein „Under Secretary“ des US-Ministeriums für Entwicklung in Vilnius aufgehalten, um eine weitere Kooperation mit den USA zu angesichts der Sanktionen zu besprechen.

Aufgrund der Zulieferer intensiven Produktion von Hableitern, bei der die USA den Chinesen noch technisch überlegen ist, kommt es immer wieder zu Friktionen zwischen beiden Staaten, wenn etwa die USA chinesische Technologie-Konzerne mit Sanktionen belegt oder Sanktionen ankündigt.

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