Krieg in der Ukraine und der Krieg der Zahlen

Von beiden Seiten kommen ähnliche Bilder. Hier sollen Milizen der DNR eine ukrainische Einheit bei  Kalchinovka zerstört haben.

 

Black Box: Was wir über Verluste auf beiden Seiten und „Erfolge“ der Kriegsführung erfahren. Ein kurzer Blick auf beide Seiten, der zu wenig in der moralischen Empörung geschieht.

 

Geht man nach den Angaben des ukrainischen Militärs dann würden jeden Tag fast 1000 russische Soldaten getötet. Am 13. Tag sollen seit Beginn des Krieges mehr als 12.000 russische Soldaten getötet und 1070 gepanzerte Fahrzeuge, 317 Panzer worden sein. Wie diese Zahlen zustande kommen, bleibt im Dunkeln, ebenso, wie viele verletzte Soldaten es gibt, wie viele flüchtende, wie viele sich ergeben haben und wie viele Gefangene gemacht wurden.  Nach Schätzungen der US-Geheimdienste sollen es „nur“ zwischen 2000 und 4000 getötete russische Soldaten sein.

Gleich vorneweg: Aus der Ferne und ohne unabhängige Beobachter sind die Zahlen, die von ukrainischer und russischer Seite kommen, nicht als Fakten zu werten, sondern zu einem guten Teil als strategische Kommunikation.

Angeblich soll es mehr als 200 Kriegsgefangene geben, auf einer Website werden einige mit Fotografien vorgeführt, Verwandte können nach Namen suchen, ob Soldaten getötet worden sind. Die öffentliche Vorführung der Gefangenen verstößt gegen die Genfer Konventionen. Das ist besonders bei einem Video der Fall, auf dem 10 gefangene Russen sich entschuldigen, die russische Regierung beschuldigen, sie getäuscht zu haben, und sagen, hier gebe es keine Faschisten, man habe gegen eine friedliche Nation gekämpft. Man darf bezweifeln, dass die Gefangenen sich freiwillig zu der „Pressekonferenz“ gemeldet haben.  Gestern wurde ein neues Video veröffentlicht, von denen manche sagten, sie würden in der Ukraine bleiben wollen. Sie seien entsetzt, was die russischen Soldaten machen, sie würden in Russland erschossen werden, wenn sie ausgetauscht würden, und dass bislang 12000 russische Soldaten getötet worden seien. Überdies werden Bilder von getöteten und zerfetzten Soldaten gezeigt. Das geschieht allerdings auch von russischer Seite.

Das Internationale Rote Kreuz machte darauf aufmerksam, dass nicht nur bestimmte Waffen, Angriffe auf Zivilisten, aber auch das Aufstellen von schweren Waffen in Wohngebieten nach den Genfer Konventionen verpönt ist, sondern dass auch Kriegsgefangene Rechte haben: „Kriegsgefangene und inhaftierte Zivilisten müssen mit Würde behandelt werden und sind absolut vor Misshandlungen und öffentlicher Neugierde, einschließlich Bildern, die in den sozialen Medien kursieren, geschützt. Die Genfer Konventionen von 1949 garantieren dem IKRK Zugang zu Gefangenen – sowohl zu Kriegsgefangenen als auch zu Zivilisten.“

Bei Auflistung der Toten und der zerstörten oder erbeuteten Waffensysteme wird von ukrainischer Seite auch verschwiegen, welche Verluste auf der ukrainischen Seite entstanden sind – und auch, wie viele Zivilisten durch ukrainischen Beschuss getötet oder verletzt wurden. Es handelt sich mithin um strategische Kommunikation, die den Feind demoralisieren und die eigenen Leute und das die Ukraine unterstützende Ausland von den Erfolgen überzeugen soll.

Und natürlich ist das Bild geschönt. Verdächtige werden auch von den „Guten“ misshandelt. Auch Ukrainer, die Missetaten verdächtigt werden, werden von Mitgliedern der der Territorialen Verteidigung brutal und demütigend traktiert, was auch noch gefilmt wird. Im Krieg fallen die Schranken, aber im Westen wird der Kampf der Ukrainer mehr oder weniger als Lichtgestalten verherrlicht. Das trübt den Blick.

Das russische Militär ist noch zurückhaltender. Es wurde vor einigen Tagen von fast 500 eigenen Toten und 1500 Verletzten gesprochen. Über 700 ukrainische Soldaten seien gefangen genommen worden. Wie viele Ukrainer getötet wurden, ist aber meines Wissens nicht erwähnt worden.

Anders die Miliz der „Volksrepublik Donezk“ (DNR). Der Milizenchef Eduard Basurin sagte gestern, dass es seit Beginn des Kriegs bei bewaffneten Einheiten 735 Tote und 797 Verletzte gegeben habe. Den DNR-Milizen hätten sich überdies 115 ukrainische Soldaten ergeben, 12 würden medizinisch behandelt. Am Montag hatte Basurin gesagt, es seien seit Beginn des Kriegs 47 „Verteidiger der DNR“ getötet und 179 schwer verletzt worden. Beschuldigt werden ukrainische Truppen, die Stellungen in Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen eingerichtet hätten. So sei mit Artillerie auf dem Gelände eines Krankenhauses in Dserschinsk Horliwka beschossen worden. Beim Rückzug aus Dörfern seien diese noch beschossen worden, Zivilisten hätten mitunter nicht aus der Kampfzone fliehen dürfen. Ukrainische Milizen hätten 4 Zivilisten, die aus Mariupol flüchten wollten, erschossen.

Von ukrainischer Seite wird berichtet, dass eine Entbindungsklinik von der russischen Luftwaffe bombardiert worden sein soll. 17 Menschen seien verletzt worden, insgesamt ist die Rede davon, dass bis zu 1300 Zivilisten bislang in Mariupol umgekommen seien. Auf russischer Seite herrscht Schweigen.

Zugegeben wurde von der Militärführung in einem Bericht, nach dem Putin es kategorisch ausgeschlossen hatte, Reservisten und Wehrpflichtige im Krieg gegen die Ukraine einzusetzen, dass eben dies doch geschehen war. Generalmajor Igor Konaschenkow erklärte, diese seien mittlerweile nach Russland zurückgeschickt worden, aber es seien „Einheiten, die logistische Unterstützungsaufgaben ausführten“, angegriffen worden, wobei einige Soldaten, darunter auch Wehrpflichtige, von „einer Sabotagegruppe des nationalen Bataillons“ gefangengenommen wurden. Es fällt auch, dass das russische Militär in aller Regel von den Milizen oder Freiwilligenverbänden spricht, die der Nationalgarde unterstellt sind, nicht aber von den regulären ukrainischen Truppen. Die Milizen gelten als rechtsnationalistisch, in russischer Terminologie sind es nazistische Verbände, die es eben nach Putins Vorgabe der Entnazifizierung auszumerzen gilt.

Man gibt hier vor, einen sauberen Krieg gegen militärische Infrastruktur und Waffensysteme zu führen. Wie das ukrainische Militär wird eine Liste von zerstörten militärischen Einrichtungen und Infrastrukturen sowie von Waffensystemen und Fahr- und Flugzeugen veröffentlicht, die man glauben kann oder nicht. Die ukrainische Luftverteidigung sei weitgehend ausgeschaltet.

Konaschenkow behauptete überdies, dass die Ukraine eine Provokation mit 80 Tonnen Ammoniak vorbereiten würden, um Russland des Einsatzes chemischer Waffen zu beschuldigen: „In der Nacht des 9. März wurden etwa 80 Tonnen Ammoniak von ukrainischen Nationalisten in das Dorf Solotschiw nordwestlich von Charkiw gebracht. Laut den Bewohnern, die Zolochiv verlassen haben, bringen die Nationalisten ihnen bei, wie man sich bei einem chemischen Angriff richtig verhält.“ Dagegen wird von britischer Seite unterstellt, dass man aus diesen Behauptungen schließen können, dass Russland einen Einsatz chemischer Waffen inszenieren könne.

Und das russische Militär behauptet, ukrainische Soldaten hätten das Umspannwerk und Stromleitungen angegriffen, die das AKW Tschernobyl versorgen. Ukrenergo sagt, dass die Station aufgrund einer Beschädigung der Stromleitungen ohne Stromversorgung war und dass die Dieselgeneratoren bestenfalls zwei Tage halten werden. Ukrenergo macht dafür die „Feindseligkeiten“ der „Besatzer“ verantwortlich. Wegen der Kämpfe sei es unmöglich, Reparaturen durchzuführen. Das Personal ist seit der Einnahme durch russischen Truppen praktisch permanent im Einsatz, was die Internationale Atombehörde IAEA kritisierte. Ukrenergo warnt:

„Durch die Abschaltung des Kernkraftwerks Tschernobyl droht in Europa eine Umweltkatastrophe, denn auf dem Territorium des Kraftwerks befindet sich neben dem Reaktor, der während des Unfalls 1986 explodierte, ein Lager für abgebrannte Kernbrennstoffe. Es gibt kein Kühlsystem ohne Strom. Derzeit wird das Lager von Dieselgeneratoren versorgt, aber es ist notwendig, die Stromversorgung dieser Anlagen so schnell wie möglich wiederherzustellen. Seit der Eroberung des KKW Tschernobyl hat NPC Ukrenergo sein Bestes getan, um den Strom auf einer Leitung statt auf drei zu leiten und mit den Besatzern über die Notwendigkeit zu verhandeln, beschädigte Leitungen zu reparieren. Einmal hatten wir die Zustimmung erhalten und unser Reparaturteam ging, um den Schaden zu inspizieren, aber alles endete mit Schüssen über die Köpfe unserer Mitarbeiter und der Drohung, auf sie zu schießen. Das Team durfte nicht reparieren. Ukrenergo fordert die IAEA, die EU, die gesamte zivilisierte Welt auf, nicht zu schweigen und  den nuklearen Terrorismus Russlands, den der Aggressorstaat jetzt gegen die Ukraine begeht, nicht zu ignorieren.“

Die DNR sagt, durch ukrainischen Beschuss seien in Donezk 26 Zivilisten getötet und 148 Zivilisten, darunter neun Kinder, unterschiedlich schwer verletzt worden.  Die „Volksrepublik Lugansk“ sagt, dass seit 17. 2. durch den Beschuss mit schweren Waffen seitens der ukrainischen Truppen sieben Zivilisten getötet (in den Siedlungen Pervomaisk, Donetsk, Pioneer, Berezovskoye) und acht verletzt (in den Siedlungen Pervomaisk, Donetsk, Prishib, Znamenka) worden seien.

Das OHCHR hat seit Beginn des Kriegs 1424 zivile Opfer registriert, 516 seien getötet und 908 verletzt worden. Die wirkliche dürfte sehr viel höher liegen. Aber festgehalten wird, dass es auch in den Gebieten der beiden „Volksrepubliken“ zivile Opfer gegeben hat, was ist westlichen Medien wie beispielsweise im Guardian  in der Regel nicht erwähnt wird. So wurden in den Gebieten von Donezk und Lugansk von OHCHR 573 zivile Opfer registriert, darunter 137 in den von den „Volksrepubliken“ kontrollierten Gebieten. Wenn die ukrainischen Behörden in Mariupol allein von 1300 getöteten Zivilisten sprechen, gibt es eine große Differenz zu den OHCHR-Zahlen.

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Ein Kommentar

  1. 1500 Tote sind in der Ukraine eine Sensation, dabei wird nicht erwähnt das in Äthiopien eine Völkermord stattfindet den die Ukraine unterstützt. Dabei gegen die Interessen der EU und Amerika handelt.
    Unterstützt wird die Regierung in Addis und der Diktator in Eritrea. Drohnen brachen die Wende sonst wäre der Krieg im Dezember vorbei gewesen.
    Die Ukraine hat mit Antonov Airlines AN-124 reg. UR-82029
    Drohnen von China nach HARA MEDA military airport ADB3876 gebracht. Bilder in Twitter.
    100 Sonderflüge soll es gegeben haben.
    Gleichzeitig haben sie Friedenstruppen in den Kongo gesendet und werden von der UN bezahlt.

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