Korn-Krieg: Welthunger als Waffe

Bild: open4business

Russland wird vom Westen und von der Ukraine beschuldigt, für die aktuelle Hungerkrise in der 3. Welt verantwortlich zu sein. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock behauptet, Russland nehme „die ganze Welt als Geisel“.

99:1: In deinem ersten Artikel in der Jungen Welt mit dem Titel “Welthunger als Waffe” beschäftigst du dich mit den Vorwürfen des Westens, Russland würde mit der Verhinderung von Nahrungsexporten Krieg führen. Kannst du uns die Ausgangslage hier zusammenfassen. Was wird hier eigentlich vorgeworfen und von wem?

Renate Dillmann: Es geht hier um einen seit einiger Zeit kursierenden Vorwurf gegen Russland, der unter dem Stichwort „Kornkrieg“ läuft. Mit ihm wird der russische Staat beschuldigt, für die aktuelle Hungerkrise in der 3. Welt verantwortlich zu sein. Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Vorwürfe:

  1. Wird Russland beschuldigt, seine eigenen Weizenlieferungen zurückzuhalten.
  2. Wird Russland beschuldigt, die Ukraine am Export ihrer Weizenlieferungen zu hindern.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat Russland in diesem Zusammenhang vorgeworfen, den Hunger in der Welt „ganz bewusst als Kriegswaffe“ einzusetzen. Wörtlich hat sie gesagt, dass Russland „die ganze Welt als Geisel nimmt „.

Weiter: „Russland versuche die Schuld an den explodierenden Nahrungsmittelpreisen, ‚anderen in die Schuhe zu schieben‘, doch das seien ‚Fake News‘. Die Regierung in Moskau trage allein die Verantwortung dafür. Russland blockiere Häfen und beschieße Getreidespeicher; es gebe auch keine Sanktionen gegen russische Getreideexporte.

Ähnlich hat sich US-Außenminister Antony Blinken geäußert. Russland lasse ‚zielgerichtet Lebensmittelpreise explodieren (…), um ganze Länder zu destabilisieren‘. Es gebe keinen anderen Grund für die steigenden Lebensmittelpreise weltweit als Russlands Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen sowie Beschränkungen eigener Ausfuhren durch Moskau, so Blinken weiter. Russland handle aus ‚politischen Gründen‘.“ (Quelle: Tagesschau.de).

 

99:1: Nun ist es doch aber so, dass wir tatsächlich gerade eine weltweite Hungerkrise erleben. Ist da die Sorge des Westens nicht berechtigt?

Renate Dillmann: Mit dem Thema „Hungerkrise“ wird auf jeden Fall etwas ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerufen, was für Aufmerksamkeit sorgt: Hunger ist schrecklich, keiner will, dass es so etwas gibt. Trotzdem ist es an so einer Stelle erstmal wichtig, sich klarzumachen, wer da gerade redet. Das sind ja nicht die ,üblichen Verdächtigen‘ bei diesem Thema, die Organisationen der Vereinten Nationen oder die der Kirchen. Nein, im Augenblick sorgen sich Leute wie Antony Blinken und Annalena Baerbock – also die Außenminister von Staaten, die auf der Welt das Sagen haben – öffentlich um die Hungernden. Das ist zunächst mal abstrus. Man könnte ja denken, dass sie als wichtige Regierungsmitglieder der mächtigsten Wirtschaftsnationen auf der Welt reichlich Gelegenheit gehabt hätten, auf dieses Thema zu kommen und gegebenenfalls etwas zu unternehmen. Denn Menschen, die verhungern und unter den Folgen von Unterernährung leiden, gibt es natürlich nicht erst seit Beginn des Ukraine-Kriegs, sondern seit langem und in letzter Zeit wieder ständig ansteigend.

Ein paar Klicks hätten genügt:

Für 2020 gibt die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die Zahl der Hungernden mit 768 Millionen an.

Wikipedia stellt fest: „Unterernährung trägt jährlich und weltweit zum Tod von 3,1 Millionen Kindern unter fünf Jahren bei, was mehr als 45 % aller Sterbefälle von Kindern unter fünf Jahren entspricht (Stand 2013). (…)

98 % der Hungernden leben in Entwicklungsländern (779,9 Millionen).“

Hunger und Unterernährung sind also ein Dauerphänomen in der schönen „regelbasierten Weltordnung“, die Blinken und Baerbock so vehement gegen die Bedrohungen aus Russland und China verteidigen. Die Geschichte der Hungerkatastrophen in Südasien und Afrika will bekanntlich, allen „Milleniumszielen“ zum Trotz, irgendwie einfach nicht abreißen – ebensowenig wie die der Hilfe von „Brot für die Welt“, „Misereor“ und allen anderen, für die der Bundespräsident am jährlichen „Welthungertag“ (16. Oktober) zu Spenden aufruft.

Oxfam, eine der großen Not- und Entwicklungshilfeorganisationen, hat anlässlich des G7-Gipfels darauf hingewiesen: „Geschichte droht sich zu wiederholen: Beim letzten G7-Gipfel in Elmau (also 2015, d. Verf.) hatten sich die Staats- und Regierungschefs verpflichtet, die Zahl der Hungernden um 500 Millionen Menschen zu verringern. Doch passiert ist nichts. Stattdessen gibt es sieben Jahre später 335 Millionen mehr Hungernde auf der Welt, verbunden mit unermesslichem Leid. Wir brauchen jetzt dringend neue Ansätze, um die zugrunde liegenden Ursachen von Hunger wie wirtschaftliche Ungleichheit und die Klimakrise zu bekämpfen.“

David Beasley, der Direktor des Welternährungsprogramms, wird mit den Worten zitiert: „Die aktuelle Hungerkrise ist ein ,giftiger Cocktail‘ aus Konflikten, Klimawandel, Katastrophen, struktureller Armut und Ungleichheit sagt der WFP-Chef (der Chef des Welternährungsprogramms, d. Verf.) weiter. COVID-19 hat alles noch schlimmer gemacht. Laut Welternährungsprogramm wird eine globale Hungersnot dann ausgerufen, wenn Unterernährung weit verbreitet ist und Menschen an Hunger sterben, weil sie keinen Zugang zu ausreichender Nahrung haben. Menschen in 43 Ländern seien derzeit ,am Rande einer Hungersnot und des Hungertods‘, darunter Afghanistan, die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Haiti, Honduras, Südsudan, Sudan, Uganda, Venezuela, Jemen und Simbabwe, sagte Beasley weiter. Um möglichst viele Leben zu retten, habe die Organisation einen Nahrungsmittelnothilfeplan aufgelegt.“

Das hat der Chef des Welternährungsprogramms im Jahr 2021 (!) gesagt, als er Elon Musk und Jeff Bezos aufforderte, je 2% ihres Vermögens für die Hungerhilfe zu spenden.

Offensichtlich geht es also um etwas anderes, wenn sich der US-Außenminister und die deutsche Außenministerin plötzlich dieses Themas annehmen – das ist der erste und nicht sonderlich schwierige Rückschluss, der hier fällig ist.


99:1: OK, also zumindest ist der Welthunger kein neu auftauchendes Phänomen und ich werde später auch nochmal fragen, warum es ihn eigentlich gibt. Aber vorher: Ist es dann vor diesem Hintergrund einer andauernden Krise nicht umso verantwortloser von Putin, die Krise noch zu eskalieren, in dem Nahrungsmittelexporte für die Welt gekappt werden?

Renate Dillmann: Mit dem Begriff „verantwortungslos“ wird eine seltsame Kategorie benannt, denn damit wird jetzt eigentlich so ein Kriterium wie „Versorgung der Welt“ eingeführt – was es praktisch ganz klar nicht gibt, siehe oben: die Liste der schon seit Jahren Hungernden. An diesem fiktiven Maßstab wird jetzt ein Weltmarktteilnehmer gemessen und blamiert – so als seien seine Weizenexporte wie in einer Art planmäßigen Versorgung der Welt dafür vorgesehen gewesen. „Versorgung“ als Zweck gibt es aber nicht, weder hier bei uns (man denke an die Leute im Hartz-IV-Bezug!) noch in der 3. Welt. Die Geschäftsordnung auf der Welt heißt globaler Kapitalismus und jeder Staat lässt seine Unternehmer am Weltmarkt kaufen und verkaufen, damit sie daran verdienen und er ebenfalls profitiert, mit Steuern und politischem Einfluss. Das sollte man zunächst mal unbedingt festhalten.

Betrachten wir jetzt die Vorwürfe gegen Russland genauer: Russland ist inzwischen mit einem Anteil von 19% der größte Weizenexporteur auf dem Weltmarkt und hat Ende März seine Exporte eingestellt mit Hinweis auf die westlichen Sanktionen. Annalena Baerbock hat das als „Fake News“ bezeichnet. Und tatsächlich sind die Getreidelieferungen selbst von den Sanktionen der EU nicht betroffen – insofern hat Baerbock formell betrachtet Recht. Allerdings sind die Versicherungen für solche Transporte, das Einlaufen und Warten russischer Schiffe in ausländischen Häfen sowie die finanzielle Abwicklung betroffen, also wesentliche Momente der ganzen Transaktion. Im Klartext heißt das: Russland dürfte liefern, kann aber nicht mit Sicherheit Geld dafür erwarten und müsste zudem befürchten, dass seine Schiffe unter Umständen beschlagnahmt werden.

Wenn Russland darauf reagiert und seine Exporte zunächst einmal eingestellt hat, wird ihm das Ausbleiben seiner Lieferungen – eine Folge der westlichen Sanktionen – als „gezielte Destabilisierung“ vorgeworfen.

Interessant daran ist, wie man sich in den maßgeblichen westlichen Staaten Russlands Teilnahme am Weltmarkt vorstellt: Geld „für seinen Krieg“ soll es nicht verdienen; andererseits soll es seinen Weizen zuverlässig liefern, damit das Maß an Stabilität, das der Westen für die Länder der 3. Welt vorsieht, gewährleistet bleibt und nicht durch Aufstände oder neue Fluchtwellen gestört wird. Wenn Russland aus ökonomisch durchaus nachvollziehbaren Gründen heraus nicht liefert, drehen westliche Politiker die Sache gleich um und behaupten, es setze bewusst den „Welthunger als Waffe“ ein.

Russland hat in dieser Frage übrigens mehrfach Angebote gemacht, aber dafür auch die Aufhebung dieser Handelsbeschränkungen gefordert. Das ist auf EU-Seite bisher allerdings ins Leere gelaufen. Gerade scheint sich dieser Punkt zu ändern; die EU hat im Zuge neuer Sanktionen erstmals überhaupt eingestanden, wie sie die bisherigen Lieferungen behindert hat und Nachbesserung zugestanden.

Jetzt zur Seite der Ukraine: Sie ist der siebtgrößte Exporteur von Weizen, also nicht ganz unwichtig. Sie hat 2021 16 Millionen Tonnen Weizen ausgeführt und dabei insbesondere Ägypten, Indonesien und Bangladesh beliefert. Allerdings gehen die Angaben über die Mengen an Weizen, um die es zurzeit noch geht (mehr als die Hälfte ihres Export-Weizens hat die Ukraine bereits vor Kriegsbeginn ausgeführt), stark auseinander. Während zum Beispiel das deutsche „Handelsblatt“ von rund 40 Millionen Tonnen Getreide  spricht, die ausgeführt werden könnten, spricht selbst der ukrainische Landwirtschaftsminister von höchstens 20 Millionen. „Getreide“ umfasst dabei – auch das sollte noch berücksichtigt werden – wesentlich mehr als den „Brotweizen“, der für die Lebensmittelversorgung besonders wichtig ist, nämlich Mais und andere Getreide, manchmal werden sogar noch Sonnenblumenkerne (wichtig für die Speise-Ölerzeugung) reingerechnet.

Insofern kann man sagen, dass die ukrainischen Weizenlieferungen in ihrer Bedeutung für die Welternährung momentan enorm übertrieben werden.

 

99:1: Was sind eigentlich die Gründe für den Exportausfall der Ukraine? Stimmt es denn, dass Putin einfach auf Gutdünken und quasi grundlos den Kornhahn abgedreht hat?

Renate Dillmann: Die Gründe für den Export-Ausfall sind ungefähr genauso umstritten wie die Angaben über die Mengen, um die es hier geht. Die Ukraine macht die Blockade russischer Schiffe verantwortlich, Russland nennt als Ursache umgekehrt die Verminung des Hafens von Odessa (es sollen auch eine ganze Menge ukrainischer Minen einfach im Schwarzen Meer umher schwimmen, die den Schiffsverkehr gefährden). Beides stimmt, denn beide Parteien operieren im Schwarzen Meer mit ihren strategischen Interessen: Russland blockiert mit seiner Flotte Häfen, um den  militärischen Nachschub Richtung Ukraine zu verhindern; umgekehrt hat die Ukraine den Hafen von Odessa vermint, damit Russland hier nicht vom Schwarzen Meer aus angreifen kann.

Neben diesen militärstrategischen sind auch finanzielle Interessen im Spiel. Russland will verhindern, dass sich die Ukraine durch den Verkauf des Getreides Geld beschafft, um damit Waffen zu kaufen. Umgekehrt haben die Ukraine und der Westen, der den ukrainischen Haushalt und die Waffenkäufe momentan finanziert, durchaus ein Interesse daran, dass diese Einnahmen erzielt werden – die Ukraine, weil sie dringend auf Devisen angewiesen ist, die westlichen Regierungen, um die Kosten ihrer Unterstützung für das Land zu senken.

Die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer wollen erstens, dass die Ukraine mit ihren Getreidelieferungen Geld verdient, zweitens wollen sie die militärische Blockade im Schwarzen Meer beenden, um auf diesem Weg mehr Nachschub für die Lieferung „schwerer Waffen“ zu bekommen. Dass sie Putin in diesem Fall als Verantwortlichen einer drohenden Hungerkatastrophe anklagen, soll der propagandistische Hebel dafür sein, Russland zur Aufhebung er Blockade im Schwarzen Meer zu bewegen.

Auch in der Blockade-Frage gab es diplomatische Angebote der Russen zur sicheren Schwarzmeer-Durchfahrt für ukrainische Getreide-Frachter, die übrigens vom Nato-Mitglied Türkei mitverhandelt wurden. Zuletzt wiederholte der russische Außenminister Lawrow diesbezügliche Angebote auf dem G20-Gipfel in Bali. Auch daran, dass daraus bisher nichts geworden ist, wird deutlich, dass es um den Weizen und seine Weiterleitung an die angeblich in „Geiselhaft“ genommene Welt offenbar eher weniger geht.

Im Augenblick scheint sich auch in diesem Punkt etwas zu tun – Russland will die Durchfahrt der Schiffe garantieren, die Türkei die Schiffe auf Waffen kontrollieren. Eventuell kann die Ukraine also demnächst Getreide exportieren.

 

99:1: Exportausfall bedeutet ja nicht gleich Knappheit. Es gibt allerdings schon jetzt die Nachricht, dass die internationalen Hilfsorganisationen in Afrika die Rationen halbiert haben. Wieso das?

Renate Dillmann: Die Probleme der afrikanischen Staaten und der internationalen Hungerhilfe bestanden in den letzten Wochen und Monaten weniger darin, dass wirklich Weizen gefehlt hätte. Sie bestanden vielmehr vor allem darin, dass „sich“ der Weizen-Preis in nicht gekannte Höhen geschraubt hat.

Und das ist ein Punkt, von dem die westlichen Politiker und auch die Presse eigentlich gar nicht reden – das kommt in ihren besorgten Meldungen zum Welthunger schlicht nicht vor.

Der Weizenpreis wird an internationalen Warentermin-Börsen gebildet, die zwei wichtigsten davon in Chicago und in Paris. Anfang Februar lag der Weizenpreis in Paris bei etwa 265 Euro pro Tonne; am 24. Februar – also mit Kriegsbeginn – stieg er auf 422 Euro.

Das ist eine Wirkung davon, dass Lebensmittel in unserer schönen „regelbasierten Weltordnung“ Geschäftsmittel sind – und damit auch Anlagesphäre von Finanzkapital. Die Konsequenzen in diesem Fall: Ohne dass noch eine Tonne Weizen weniger exportiert worden war, ganz ohne Sanktionen gegen Russland (die kamen später) und ganz ohne den Beschluss Russlands, darauf seinerseits mit einem zumindest zeitweiligen Exportstopp zu antworten; auch noch ganz ohne Blockade des Schwarzen Meers von welcher Seite auch immer – der Preis für Weizen ist als Ergebnis einer Spekulation auf steigende Preise innerhalb von Tagen enorm angestiegen.

Die Fachleute für die Vermehrung von Geld an den Warenterminbörsen haben das Fakt des Kriegsbeginns ebenso wie einige ganz andere Parameter zum Anlass genommen, den Preis des Weizens spekulativ in die Höhe zu treiben und so innerhalb kürzester Zeit annähernd zu verdoppeln. So machen sie eben ihr Geschäft: als gewiefte Kenner dessen, wie „es“ eben so läuft in dieser Welt, nehmen sie schon im Februar vorweg, was erst der Kriegsverlauf, die politischen Maßnahmen der am Krieg direkt oder mittelbar Beteiligten und die verschiedenen Kapitalfraktionen zustande bringen; sie versuchen, mit ihren Finanz-Wetten auf die Preisentwicklung ein kleines Extra-Geschäft zu machen – und kriegen es damit hin, dass der Preis tatsächlich in die Höhe schießt.

Das also hat den Ankauf von Weizen für viele Länder, die darauf angewiesen sind, unerschwinglich gemacht; und das hat zur Konsequenz, dass die Hilfsorganisationen der UN inzwischen in einigen afrikanischen Ländern die Rationen halbiert haben. Von diesen Gründen findet sich, wie gesagt, kein Wort bei Blinken und Baerbock, Politikern also, die diese Geschäftsordnung und ihre Werte entschieden gegen alle bösen Angriffe verteidigen.

Und auch keines in der deutschen Qualitäts-Presse, die lieber mit neuen herzzerreißenden Berichten über hungernde Kinder und ihre verzweifelten Mütter aufwartet – und dabei stets mit dem moralisch ausgestreckten Zeigefinger auf Russland deutet. Dabei kann sie sich darauf verlassen, dass sie ihre Behauptungen gar nicht weiter beweisen muss, damit sie auch in dieser Frage geglaubt werden – es ist ja allseits bekannt, wer für alle Übel gegenwärtig verantwortlich ist.

Halten wir fest bis hierhin mal fest. Ich habe wirklich nichts für das heutige Russland übrig – aber die schlichte Wahrheit ist: Die Vorwürfe westlicher Politiker an Russland sind sachlich in weiten Teilen falsch. Bezüglich der russischen Exporte unterschlagen sie die Wirkung der westlichen Sanktionen, während sie in Bezug auf die ukrainischen die in Frage stehenden Weizen-Mengen und ihre Bedeutung nach oben aufblasen. Für die Blockade im Schwarzen Meer weisen sie die Verantwortung einseitig einer Kriegspartei zu. Die Bedeutung der Finanzspekulation an ihren (!) Börsen lassen sie schlicht ganz weg. Und – das leitet zu unserem zweiten Thema über –: Die Frage, warum eigentlich in dieser Welt so viele Menschen an Hunger leiden, kommt sowieso nicht vor.

Warum müssen so viele Menschen an Hunger leiden?

 

99:1: Im zweiten Teil deines Textes, Titel „Regelbasiert hungern“, beschäftigst du dich mit dieser Frage. Der Frage also, warum in unserer globalen kapitalistischen Weltordnung eigentlich überhaupt so viel gehungert wird. Kannst du das mal ausführen?

Renate Dillmann: Denkt man an die Ideologien, mit denen die Marktwirtschaft stets legitimiert wird, müsste man angesichts der anhaltenden Hunger-Statistiken zumindest irritiert sein: Marktwirtschaft soll ja nach Aussage ihrer Befürworter die „effektivste und innovativste Versorgung“ zustande bringen, die die Menschheitsgeschichte je gekannt hat – während die sozialistische Planwirtschaft demgegenüber stets als „Mangelwirtschaft“ verächtlich gemacht wurde und wird.

Die Länder der Dritten Welt, die sich notorisch in diesen Statistiken wiederfinden, sind inzwischen souveräne Staaten, die am Weltmarktgeschehen teilnehmen. Die also nicht mehr – wie in Kolonialzeiten zugunsten der kolonialen Mutterländer – ausgeplündert werden, sondern zum eigenen Vorteil produzieren und verkaufen.

Als ich noch Schülerin war, gab es sog. 3.-Welt-Gruppen; ich war auch in einer. Wir haben uns damals Gedanken darüber gemacht, warum die Leute in den Entwicklungsländern so arm waren; wir haben Aktionen gemacht, um unsere Mitbürger darauf aufmerksam zu machen. Damals waren wir der (ziemlich naiven) Meinung, das sei nur ein Informationsproblem (deshalb hießen wir damals auch „Informationszentrum 3. Welt“!); wenn erstmal alle wüssten, was da grundlegend „schief läuft“, würde sich das doch notwendigerweise ändern…

Das ist jetzt 50 Jahre her! Geändert hat sich schon einiges – aber nicht zum Guten. Dass die Menschen in der 3. Welt eigentlich immer weniger in ihrer Heimat leben können, zeigt die große und stetig zunehmende Zahl der Flüchtenden.

Frage also, warum läuft das eigentlich so mies ab?

Die erste Antwort ist ganz grundsätzlich und heißt: Die Menschen in den Ländern der Dritten Welt haben nichts zu essen, weil sie es sich in einer Welt des Eigentums schlicht nicht kaufen können – und sei es auch nur das tägliche Brot. Das ist nämlich die erste und elementarste Regel unserer „regelbasierten Weltordnung“: Für alles muss gezahlt werden – ob für Brot, einen Arzt oder Medikamente, für Boden und für Wasser. Es muss gezahlt werden, weil alle diese Dinge Eigentum sind, also jemandem gehören und deshalb nur überlassen werden, wenn man den verlangten Gegenwert für sie rausrücken kann. Ob und in welchem Maß man das hinkriegt – dafür ist man selbst verantwortlich. Das ist die Freiheit, die jedem in dieser Weltordnung zusteht. Wer nicht zahlen kann, weil er nichts im Portemonnaie hat, weil er selbst nichts zu verkaufen hat und/oder niemand etwas mit seiner Arbeitskraft anfangen will, der scheitert daran eben auch sehr elementar – und (ver)hungert, zum Teil vor Supermärkten, die vollgestellt sind mit Lebensmitteln und Waren aller Art (es ist ja nicht so, dass es nichts gäbe in den Ländern der 3. Welt – die Hungernden können es nur nicht kaufen!).

Der Einbezug dieser Länder in den Weltmarkt und seine Prinzipien hat eben diese harte Konsequenz!

 

99:1: Es ist also eine Frage des Zugangs zu Geld, zu Reichtum, welche determiniert, inwiefern gehungert werden muss oder eben nicht. Die Frage die sich dann ergibt: Warum schaffen es denn diese sogenannten “Entwicklungsländer” nicht, sich zu entwickeln und diese Art der minimalen wirtschaftlichen Macht aufzubauen, die es ihnen erlauben würde, das Korn zu produzieren oder zu kaufen? Und warum hat das diese Konsequenzen für ihre Völker?

Renate Dillmann: Betrachten wir zur Beantwortung dieser Frage die sozusagen normale „Karriere eines Entwicklungslandes“ – hier natürlich idealtypisch und in aller Kürze zusammengefasst.

Während ihrer Kolonialzeit wurden diese Länder zugerichtet auf die Interessen der Kolonialmächte. Das, was mit den Menschen, den Bodenschätzen, den Naturbedingungen angefangen wurde, war natürlich nicht orientiert an der Entwicklung von Land und Leuten, sondern hatte den Charakter einer ökonomischen Ausplünderung. Soweit Infrastruktur entwickelt wurde, zielte sie meist schlicht auf den Abtransport der in Frage kommenden Güter bzw. auf die nötigen Herrschaftsfunktionen. Mit der Einrichtung von Plantagen für Erzeugnisse, mit denen in den kolonialen Mutterländern Geschäft gemacht werden konnte (Kaffee, Kakao, Baumwolle, Tee), begann die Zerstörung der bisherigen (Subsistenz)Produktion in diesen Ländern, vor allem die der Nahrungsmittel.

Die Herstellung der neuen souveränen Nationen vollzog sich dann auf Basis der territorialen Grenzen der ehemaligen Kolonien, ausgehandelt zwischen den Kolonialmächten und in den meisten Fällen rücksichtslos gegen natürliche und ethnische Bedingungen. Ökonomisch sollten sich die frisch in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten in den Weltmarkt integrieren.

Ausnahmen grundsätzlicher Natur – es gab eine Reihe von Staaten, die sich sozialistisch definierten – oder Fälle von nationalen Sonderwegen mit Verstaatlichung relevanter Produktionszweige wurden nicht zugelassen bzw. militärisch oder geheimdienstlich bekämpft: Iran, Guatemala, Vietnam, Chile, Kuba, Libyen, Venezuela, Bolivien – die Liste dieser Staaten ist nicht gerade kurz und wird auch heute fortgeschrieben.

Man kann festhalten, dass die Kolonialherrschaft den meisten Staaten der „Dritten Welt“ in der Tat einiges an nachteiligen Bedingungen hinterlassen hat – für jedes weitere Entwicklungsprogramm. Für die allermeisten von ihnen stand allerdings, ob ganz freiwillig oder nicht, nur eine Option zur Debatte: Integration in den Weltmarkt. Das bestimmte ihr zukünftiges Schicksal.

Weltmarkt-Teilnahme heißt: Verkaufen, was die eigene Wirtschaft zu bieten hat, und kaufen, was sie nicht produziert, was aber gebraucht wird. Letzteres war nicht wenig. Weder war die Produktion von Nahrungsmitteln gewährleistet (s.o.) noch die der Mittel, die die neuen Staaten allein schon für die elementare Ausstattung ihrer neuen Souveränität benötigten, etwa für Armee und Polizei. Die Antwort auf die Frage, was am Weltmarkt mit Aussicht auf Erfolg angeboten werden könnte, hieß für sie im Normalfall: das, was schon die alte Kolonial-Ökonomie geliefert hatte, also Kaffee, Kakao, Erdnüsse undsoweiter – im günstigsten Fall natürlich Öl (ein Sonderfall, der wir hier nicht betrachten).

 

99:1: Es war also der Einbezug in den Weltmarkt mit seiner Konkurrenz, der die Enwicklungsländer in die heutige Situation gezwungen hat?

Renate Dillmann: Ja, das ist der bestimmende Grund – das ist ein Punkt, den „Postkolonialismus-Theorien“ meist nicht richtig begreifen. Der Einbezug in den Weltmarkt mit seinen für alle gleichen Bedingungen (rentable Produktion, Preiskonkurrenz um monetäre Einnahmen) führte im Fall der Exportstruktur von Drittweltländern zum durchweg gleichen Resultat: Sie haben Erzeugnisse angeboten, die in den meisten Fällen nur in den kapitalistisch entwickelten Ländern Abnehmer fanden; was sie dabei anbieten, ist meist (dank ererbter Monokultur!) ihr einziges Erzeugnis, auf dessen unbedingten Verkauf sie insofern alternativlos angewiesen sind. Diese Sorte „Notverkauf“ resultiert in entsprechend niedrigen Preisen an den westlichen Warenbörsen – eine Tendenz, die noch dadurch verschärft wird, dass sich andere Länder als Konkurrenten um denselben Warenabsatz zurecht machen.

Diese „terms of trade“ bringen den „Entwicklungsländern“ meist relativ schnell vor allem zweierlei: eine negative Handelsbilanz und den Verfall ihrer Währung.

 

99:1: Gab es Versuche, von diesen ungünstigen Bedingungen wegzukommen?

Renate Dillmann: Ja, die gab es – ob als Reaktion auf die erste Runde schlechter Erfahrungen oder gleich als Versuch einer nachholenden Industrialisierung.

Das machte allerdings zunächst einmal Kredite für Infrastruktur und den Aufbau der entsprechenden staatlichen Unternehmen (Energie, Stahl etc.) nötig. Als Kreditgeber waren und sind westliche private Banken behilflich gewesen, allerdings mit Risikoaufschlag angesichts unsicherer Verwertungsperspektive. Zum Teil sprangen auch die westlichen Staaten mit ihren Entwicklungshilfeprogrammen ein, das allerdings eher in Fällen von Militärhilfe etc.

Das Resultat dieser Anstrengungen fiel auf Seiten der Entwicklungsländer in den meisten Fällen eher traurig aus. Auf Basis der bereits fix und fertigen Konkurrenz rentabler kapitalistischer Unternehmen auf dem Weltmarkt, die in Sachen Kapitalbildung und Produktivitätszuwachs 150 Jahre Vorsprung hatten, erwiesen sich ihre Projekte durch die Bank als untauglich – nicht, weil ihre Stahlwerke und Fabriken nicht funktionierten, sondern weil sie preismäßig nicht konkurrenzfähig waren und deshalb staatliche Zuschussbetriebe blieben.

Sobald sich die Regierungen das auf Basis ihrer Haushalts- und Devisensituation und angesichts eines rasch steigenden Schuldendienstes nicht mehr leisten konnten, blieb nur zweierlei übrig: Erstens die im Land zu besichtigenden „Entwicklungsruinen“, an denen jeder volkswirtschaftlich geschulte westliche Verstand heute nur noch kopfschüttelnd den „Größenwahn“ dieser Länder und ihrer Regierungen erkennt. Und zweitens die schnell ansteigenden Schulden, die Anfang der 1980er Jahre zur ersten großen Staatsschuldenkrise der Entwicklungsländer führten.

 

99:1: Hatte der Westen mit dem IWF da nicht auch noch die Finger im Spiel, dass sich diese Entwicklung zugunsten der westlichen Konkurrenten entwickelte? 

Renate Dillmann: Schon mit dem Ruin, der faktischen Zahlungsunfähigkeit vieler Entwicklungsländer, ist man im Westen – wie immer – ungemein produktiv umgegangen. Die im Grunde wertlosen Schuldpapiere wurden in Schuldverschreibungen umgewandelt, die vor allem eines geleistet haben: Die Banken im Westen mussten diese Posten nicht aus ihren Bilanzen streichen und die Entwicklungsländer wurden dauerhaft verpflichtet auf den fälligen Schuldendienst. Damit waren sie erneut auf den Weltmarkt verwiesen: Dort mussten sie jetzt vor allem mal die Zinsen für ihre Schulden verdienen.

Dabei kam der von dir erwähnte Internationale Währungsfonds (IWF) ins Spiel; er verlangte für die weitere Gewährung von Krediten (die inzwischen also vor allem zur Bedienung der Schulden gebraucht wurden) die Zurichtung der jeweiligen Wirtschaft auf die Produktion exportfähiger Güter als einzig zulässiges Ziel. Alle Vorstellungen einer nachholenden Entwicklung und eines eigenständigen industriellen Aufbaus wurden damit ad acta gelegt und zunichte gemacht.

Parallel dazu wurden die Regierungen aufgefordert, ihre Nahrungsmittelsubventionen zurückzufahren, so dass die Staaten in einen immer größeren Gegensatz zu ihrem Volk traten, dessen „Brotaufstände“ sie nun regelmäßig niederschlugen.

 

99:1: Wie veränderte sich denn die Situation der Menschen aus den erst vor kurzem entkolonialisierten Ländern und wie reagierten sie auf die neuen Umstände?

Renate Dillmann: Angesichts dessen, dass mit der Integration der ehemaligen Kolonialländer in die Weltmarkt-Konkurrenz von einer „nachholenden Entwicklung“ immer weniger die Rede sein konnte, geriet das Verhältnis der neuen Staaten zu ihrem Volk immer negativer. Alle eventuell vorhandenen Vorstellungen, dass die Befreiung von der kolonialen Unterdrückung der Bevölkerung einen volksfreundlichen Staat bescheren würde, der ihre Interessen wahrt und ihr zu einem besseren Lebensstandard verhilft, blieben so meist pure Illusion.

Den Regierungen gelang es umgekehrt ebenso wenig, ihr Volk als nützliche Produktivkraft in Wert zu setzen – wie dies die kapitalistischen Vorbildnationen getan hatten. Für die wenigen kapitalistischen „Leuchttürme“ in ihren Ländern – Plantagenwirtschaft, Rohstoffabbau, eventuell Tourismus – waren nur wenige Einheimische als Arbeitskräfte gefragt (und das im Normalfall zu extrem niedrigen Löhnen und extrem schlechten, gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen).

Der Großteil der Bevölkerung war und bleibt für das bisschen gelingende Akkumulation überflüssig und gilt damit gemäß dem realen Zynismus der Marktwirtschaft als „Überbevölkerung“. Wo sie irgendwelchen Projekten ausländischer Kapitalanleger ins Gehege kamen, wurde das Wasser und das Land, das sie traditionell nutzten, in Beschlag genommen, sie selbst vertrieben. Dass unter solchen Bedingungen „demokratische Verhältnisse“ aufkommen sollten – wie die tonangebenden westlichen Staaten ungerührt verlangen –, ist natürlich ein Witz, der dort, wo der Form nach Parteien gebildet, Wahlkampf gemacht und dann gewählt wird, meist zur Farce gerät.

Seit den 2000er Jahren gab es dann sogar einen großzügigen Schuldenerlass für die ärmsten Staaten – der der Tatsache Rechnung trug, dass da nichts mehr zu holen war, und praktisch ihre Insolvenz besiegelt hat. Das führte – wenig verwunderlich – zu einem weiteren Verfall von Staatlichkeit in Afrika und damit zu einem dauerhaften Kampf um die wenigen verbliebenen finanziellen Ressourcen („Korruption“), zu failing states, Bürgerkriegen der regionalen clans, warlords, Stämme usw. Die Auseinandersetzungen wurden einerseits ethnisiert (Tutsi gegen Hutu) bzw. finden heute zunehmend als Austragung religiöser Feindschaft (Christen gegen Muslime) statt.

„Hunger und Unterernährung heute sind Resultat der Weltordnung, für die Blinken und Baerbock einstehen“

99:1: Dann gibt es ja noch die Freihandelsabkommen mit Afrika. Was hat es damit auf sich und was haben die bewirkt? 

Renate Dillmann: Mit Freihandelsabkommen nötigen die westlichen Staaten die Entwicklungsländer zum zusätzlichen Abbau von Schutzzöllen. Ein Beispiel: Das Abkommen EPA (Economic Partnership Agreement), das die EU gegenüber afrikanischen Ländern (79 AKP-Staaten) erzwungen hat und das 2020 in Kraft getreten ist.

Ich lese mal kurz vor, was eine Delegation des Europa-Ausschusses der Französischen Nationalversammlung dazu 2006 (also lange vor dem Abkommen) veröffentlicht hat: Der Bericht nennt vier Schocks, denen die AKP-Staaten ausgesetzt wären, wenn sie ihre Märkte öffneten:

  1. ein Haushaltsschock aufgrund der zu erwartenden Einnahmeverluste wegen der wegfallenden Importzölle;
  2. ein Außenhandelsschock durch sinkende Wechselkurse, wenn die AKP-Staaten nicht konkurrieren können;
  3. ein Schock für die schwachen, im Aufbau befindlichen Industriesektoren in den AKP-Staaten, die der Konkurrenz aus der EU nicht gewachsen sind;
  4. ein landwirtschaftlicher Schock, da lokale Märkte und Produzenten mit den Billigimporten aus der Europäischen Union (hoch subventioniert) nicht konkurrieren können.“

Man sieht daran gut, wie sehr allen Beteiligten die Konsequenzen bewusst sind! Gegen breiten Widerstand in Afrika (eine Report-Mainz-Sendung hat das dokumentiert, youtube!), gegen Proteste der gesamten Hunger- und Entwicklungs-NGOs, wurde das Abkommen durchgesetzt; sogar einige der regierenden Entwicklungsexperten sprachen sich dagegen aus.

Das Resultat (wie vorher prognostiziert): Es zerstört die heimische Subsistenzwirtschaft (Getreideanbau/Kleinvieh) weiter und öffnet die Märkte für die Lebensmittel-Exporte der überlegenen westlichen Konkurrenz (Deutschland exportiert übrigens etwa 10 Millionen Tonnen Weizen, der aus Haushaltsmitteln auf den Weltmarktpreis heruntersubventioniert wird, um konkurrenzfähig zu sein. Diese Exporte gehen in den Iran, nach Marokko, den Sudan, Nigeria, Senegal etc., was die dortigen meist kleinbäuerlichen Produzenten sukzessive aus dem Rennen wirft.)

So werden diese Länder immer weiter zugerichtet auf die wenigen Produkte, die für sie am Weltmarkt absetzbar sind, und immer weiter abhängig gemacht von den Importen der hochindustrialisierten Landwirtschaften kapitalkräftiger Länder. Im jetzigen Fall (der durch Spekulation hochgetriebenen Getreidepreise), aber eben auch bei den Folgen von Klimawandel mit zunehmenden Dürren, bei einer Covid-Pandemie oder ähnlichen kleinen Katastrophen ist das ihr Verderben. Nebenbei: Ihre Regierungen kaufen immer mehr Getreide für ihre Lebensmittelsubventionen im Ausland, weil das für ihre Haushalte eher tragbar ist (IWF-Gebot!) – und verstärken damit ein weiteres Mal den Niedergang des heimischen Anbaus.

Noch eine Nebenbemerkung: Wenn die Staaten der 3. Welt mit eigenen Programmen, wie etwa im Rahmen einer Initiative der Afrikanischen Union (2014), daran gehen, die Abhängigkeit von Nahrungsmittel-Importen auf ihrem Kontinent zu bekämpfen, heißen ihre Lösungsvorschläge: beschleunigtes Wachstum mittels monokultureller Plantagenwirtschaft von sogenannten „cash crops“ – also Pflanzen, die am Weltmarkt Geld bringen, mehr Einsatz von verbessertem Saatgut, Düngemitteln und Pestiziden. Damit reproduzieren sie das, was ihnen westliche Geldgeber vorschlagen und mit viel Geld fördern und was nach der kapitalistischen Logik für die landwirtschaftliche Produktion auch sinnvoll ist, was aber agrarökologisch völlig idiotisch ist.

 

99:1: Was würdest du zusammenfassend sagen über die Positionierung gegen den Welthunger von Leuten wie Blinken, Baerbock und Co.? Um Hilfe für die Hungernden geht es ja wohl nicht…

Renate Dillmann: Hunger und Unterernährung heute sind Resultat der Weltordnung, für die Blinken und Baerbock einstehen. Mit ihrem Einbezug in den Weltmarkt wurden die „Entwicklungsländer“ so zurechtgemacht, wie man sie von westlicher Seite haben wollte: Sie liefern das, was man von ihnen haben will, zu den Preisen, die man ihnen zahlt; sie stellen Land und Leute als Anbaugebiete, Arbeitskräfte oder Absatzmärkte zur Verfügung. Sie sind als Schuldnerstaaten auf Jahrzehnte verpfändet oder schon gar nicht mehr kreditwürdig.

Aus dem früheren Entwicklungsideal ist inzwischen ein Betreuungsfall von failed und failing states, von Hunger, Armut und Seuchen geworden. Was an diesen Ländern interessiert, ist vor allem eines: Ob sie es schaffen, die Bevölkerung, die unter diesen Umständen nicht mehr leben kann, bei sich zurück- und „uns“ die nächsten Millionen Flüchtenden von den Sozialkassen fern zu halten. Das ist die 3. Welt, wie die maßgeblichen westlichen Staaten sie mit ihrem Weltmarkt, ihren Krediten und ihrer Entwicklungspolitik und natürlich im Ernstfall auch mit ihrer Gewalt hingekriegt haben.

Es ist also schon ein richtig guter Einfall, wenn sich die Protagonisten und Nutznießer dieser Weltordnung jetzt hinstellen und mit dem Finger auf Russland als „politischen Verantwortlichen“ an der laufenden neuen Hungerkatastrophe deuten. Freiheit und Eigentum – das sind ihre Menschenrechts-Höchstwerte; der heutige Weltmarkt mit den Resultaten, die wir besichtigt haben, ist die regelbasierte Geschäftsordnung des globalen Kapitalismus – also das, was Leute wie Baerbock und Blinken ständig beschwören als das, was um jeden Preis dieser Welt (bis zum Atomkrieg) verteidigt werden muss.

Der nächste gute Einfall ist, dass die westlichen Politiker China als „neo-koloniale Macht“ anklagen, weil es sich in „ihren“ angestammten Hinterländern breitmacht und auf Basis der schäbigen Resultate jahrzehntelanger westlicher „Entwicklungspolitik“ mit seinen Angeboten gut ankommt.

China ist übrigens das einzige „Entwicklungsland“, das mit seinem Eintritt in die Weltmarkt-Konkurrenz tatsächlich reich und mächtig geworden ist – und darin ein erklärenswerter Sonderfall – da verweise ich mal auf die Sendungen (Deng Xiaoping und die Wende zum Kapitalismus) , die wir dazu gemacht haben (und auf mein Buch „China – ein Lehrstück“)!

Auch an dem inzwischen offen ausgerufenen Kampf gegen dieses ehemalige Entwicklungsland, das als einziges den etablierten Nutznießern des Weltmarkts heute auf Augenhöhe gegenübertritt, sieht man noch einmal die ganze Verlogenheit der Entwicklungspolitik von gestern…

 

Das Interview ist nachzuhören bei

https://www.podcast.de/podcast/2553027/99-zu-eins

 

https://www.youtube.com/watch?v=0ZU51ty7VaM

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18 Kommentare

  1. Die genannten Wortführer erklären ihren indoktrinierten wie es angeblich bestellt ist, die anderen „6Mrd“ vertrauen auf ihre Selbsterkenntnis: traue keine kolonialen proffessionellen Lügnern…

  2. Eine gute Analyse, der Ich weitgehend zustimme. Sie zeigt aber auch, wie „brutal“ ökonomische Gesetze wirken. Ein Aspekt, der mich in diesem Zusammenhang immer beschäftigt, ist der nach einem funktionierenden Staat. Gerade afrikanische Länder haben da einen großen Nachholbedarf. Beispiel Simbabwe/Rhodesien. Mir scheint da auch Mentalität eine Rolle zu spielen. Es ist schwierig in solchen Ländern eine Wachstums Spirale in Gang zu setzen.

    1. Hallo Ulrich,
      ein funktionierender Staat hat mich zum lachen gebracht.
      Lesen Sie ihre Zeilen und vielleicht sind Sie in der Kondition diese selbst zu reflektieren…
      MfG PRO 1

      1. Hallo Pro 1,
        Investments erfordern stabile Rahmenbedingungen und die hat der Staat zu liefern. Warum ist aus der Ukraine nichts geworden, weil es ein korruptes Land ist, in dem keiner investieren wollte und will.
        Freut mich trotzdem, wenn meine Formulierungen einen Lacher auslösen.
        Gruß
        U.

        1. In der Ukraine wird und wurde nicht investiert?
          Nach kapitalistischen Maßstäben haben Automobilzulieferer sehr wohl investiert und die Agrarlobby in den letzten Jahren zunehmend auch. Auch das Sexgewerbe bezieht überproportional Ausbeutungskräfte aus diesem Staat. Und von Steueroasen rede ich erst gar nicht.
          Wer glaubt, dass alle Wasser haben, wenn sie nur tief genug graben, verkennt, dass man Erfahrungen nicht unbegrenzt verallgemeinern kann, sondern relativ zum Setup zu Werten sind.

  3. Die ganze Welt verhungert also weil 20 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine fehlen?

    Weltweit werden jedes Jahr etwa 3 Milliarden (!) Tonnen Getreide geerntet. Die 20 Millionen Tonnen aus der Ukraine ist weniger als 1% der Weltgetreideproduktion.

    1. Die Welt weiß, dass der Hunger in den armen Ländern, in den durch Kriege verwüsteten Gebiete hervorgerufen durch die Politik der USA, der EU und der anderen Verbündete wird. Das geht mit der Spekulation mit Lebensmittel los, wird mit Land grabbing in großen Stil weiter, mit der Flutung von sanktionierter Waren in Afrika und Asien um einheimische Landwirtschaft und lebensmittelproduktion zu unterdrücken, bis hin zu Patente auf Saatgut. Vieles dieser Stilmittel kommt noch unter dem Motto der „Hilfe“ daher.
      Hinzu kommt jetzt noch die völkerrechtswidrige Sanktionspolitik der USA, der EU und angeschlossener Staaten und der Ausschluss Russlands aus den SWIFT-Zahlungsystems. Die Sanktionen bewirken, dass Schiffslieferungen und Versicherungen nicht so einfach mehr machbar sind, was diese verteuert und der SWIFT_Ausschluss verkompliziert massiv die Abwicklung der Bezahlung der Getreidelieferungen. Und kein Geld kein Getreide, kein Getreide höhere Preise und so beißt sich die Katze in den Schwanz. Für die vielen Armen weltweit wird alles schlimmer und bei die ganz wenigen Reichen nimmt der Reichtum zu. Typische Umverteilung von „unten“ nach „oben“.
      Aber die Welt weiß das.
      In unserer kleinen Welt weiß das nicht jeder. Und die MSM hoffen, dass je öfters sie ihre Propaganda „Putin ist Schuld“ hinaus brüllen, das wenigstens „nicht jeder“ ihrer Probaganda „Glauben“ schenkt.

    2. Wieviel ukrainische Weizen kommt dann ach Afghanistan und nach Jemen?
      2 Länder, in denen des in den vergangenen 12 Monaten die meisten Hungertoten bzw. an den Folgen von Mangelernährung Gestorben gegeben haben dürfte.
      Was geschieht mit der aktuellen EU-Ernte?

  4. Danke für das Interview! Frau Dillmann, sie haben dieses komplexe Thema sehr umfassend, aber trotzdem gut verständlich erläutert und dabei auch sehr deutlich die wahren schuldigen genannt. Ebenfalls gut haben sie die billige Propaganda von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock als Lüge entlarvt und sie als billiges Sprachrohr der Kapitalinteressen der westlichen Welt geoutet.

  5. Das ist schon pervers, da waren landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel von den Sanktionen ausgenommen aber die Versicherungen fuer die Transporte, das Einlaufen der russischen Schiffe in auslaendische Haefen und die Wartung nicht.
    Wie sieht es mit der finanziellen Abwicklung aus, wie wird das Getreide denn bezahlt,
    gibts da eine Ausnahme bei Swift und werden die Dollars und Euros gleich eingefroren?
    Darueber habe ich noch gar nichts gelesen oder ich habe es ueberlesen….
    Dass Russland seine Rohstoffen selbstverstaendlich wie immer liefern soll aber ohne Bezahlung war der feuchte Traum von Harbeck und Baerbock, der Zahn wurde nun gruendlich gezogen.
    Tolle Analyse uebrigens!

  6. „Es ist also schon ein richtig guter Einfall, wenn sich die Protagonisten und Nutznießer dieser Weltordnung jetzt hinstellen und mit dem Finger auf Russland als „politischen Verantwortlichen“ an der laufenden neuen Hungerkatastrophe deuten. Freiheit und Eigentum – das sind ihre Menschenrechts-Höchstwerte; der heutige Weltmarkt mit den Resultaten, die wir besichtigt haben, ist die regelbasierte Geschäftsordnung des globalen Kapitalismus – also das, was Leute wie Baerbock und Blinken ständig beschwören als das, was um jeden Preis dieser Welt (bis zum Atomkrieg) verteidigt werden muss.“

    Schön erklärt, aber wahrscheinlich viel zu kompliziert für unsere Elite der populistischen Vereinfacher a la Baerbock.
    Die Zahl der Hungernden weltweit liegt übrigens schon seit Jahren bei der 800 Mio Grenze. Jetzt ärgern sie sich darüber, dass der Lawrow auf seiner Tour durch Afrika nicht die rote Karte gezeigt bekommt. Liegt wahrscheinlich daran, dass die Afrikaner die Propaganda mit der wir den ganzen Tag berieselt werden, nicht hören können.

    Der Westen kennt diese Staaten nur als Vasallen, die Rohstoffe liefern und Absatzmärkte bieten. Genau das haben sie natürlich auch mit Russland vor, dessen riesige und vielfältige Rohstoffen nach neuen Besitzern rufen. Es sind schon Landkarte vom balkanisierten Russland zu sehen, wo das „dekolonialisierte“ Land aufgeteilt ist.

    Tja liebe Russen ihr hättet so mit den asiatischen Ureinwohnern genauso umgehen müssen wie die Europäer in Nordamerika. Jetzt habt ihr ein Problem mit den woken, weißen Gutmenschen.

    Evo Morales hat übrigens erklärt, was passiert, wenn ein Rohstoffland wie Bolivien einen Rohstoff hat – hier Lithium – den es selber verarbeiten und als Batterien verkaufen möchte. Moment mal, dann wäre der Wertschöpfungsprozess in Bolivien. Solche Fabriken verkauft der regelbasierte Weltordnungspolitiker aber nicht. Die kaputten Landschaften für euch, den Reibach für uns. Also her mit dem Lithium – sonst Putsch.

    Und falls man wirklich glaubt Baerbock und Co scherten sich um die Hungernden, möge man nur gucken, wie mit Ländern wie Jemen, Syrien und Afghanistan umgegangen wird.

  7. Wir waren uns schon vor Jahren beim „Kapitalismus aufheben“ an der Uni Hamburg einig, dass er uns „nicht gefällt „, warum sollte uns der Rußlands auch gefallen. Ob er uns gefällt oder nicht ist unwichtig, auch der spezielle russische. Ich würde das nicht unbedingt betonen, da er objektiv abtreten muss, soll die Menschheit überleben. Aber im Konflikt ist anderes primär, der alte und neue Versuch einer Seite und zwar der westlichen, den Konkurrenten in die Knie zu zwingen. Insofern kommt der russischen Politik ungewollt die Aufgabe zu, nebenbei auch unsere Überlebensinteressen wahrzunehmen. Denn wenn es Rußland (und China) nicht schaffen würde, sich zu behaupten, wäre ein Weltkrieg unvermeidlich. Auch wenn durch einen Erfolg Rußlands die Weltkriegsgefahr nicht ausgeschlossen sein würde, wäre sie doch geringer. Deshalb wäre es ganz gut, sich dieses Zusammenhanges bewusst zu werden und nicht in den Verdammungschor einzustimmen.

  8. Das kommt dabei heraus, wenn scharfes logisches Denkvermögen auf ökonomischen und historischen Sachverstand trifft – ein prall mit Realitätsbeschreibung gefüllter Beitrag.

    Dillmann ist ein Qualitätssiegel.

  9. Ich dachte nicht, dass selbst Blinken seine Annalena drauf hat.
    Dass Baerbock unvorstellbar dumm ist, dürfte mittlerweile auch der vorletzten Klofrau aufgefallen sein.
    Dass aber selbst Blinken vom eigenen Geschäftsmodell keine Ahnung hat, wobei ich von Verständnis dabei noch nicht einmal rede, überrascht mich dann doch.
    Weiß er nicht, was Arbitrage ist?
    Weiß er nicht, dass dadurch Terminmärkte Spotmärkte bestimmen, und zwar völlig unabhängig von der physischen Angebotsmenge?
    Wie soll ein solcher Depp (und damit will ich die Restmenge an Deppen nicht beleidigen) überhaupt in der Lage sein, Terminmärkte so zu regulieren, dass sie einerseits Investitionssicherheit und damit das kaufmännische Kalkül befördern, die gesellschaftliche Resilenz damit steigern, und den Spekulanten, welche von erratischen Schwankungen profitieren, das Messer an die Gurgel halten, bis die Guillotine eintrifft?

    Wofür gibt es überhaupt Menschenrechte, wenn selbst das wichtigste, die Sicherung existentiellster Überlebensbedürfnisse, nicht einklagbar ist?
    Achso, es gibt Charity?
    „Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade!“ wusste doch schon Pestalozzi.

  10. Da so viele der Meinung sind, so eine Baerbock Äusserung sei eine Diskussion wert… darf ich mich mal wieder kurz einmischen?

    Das Problem ist mal wieder NICHT was so eine lächerliche, strohdumme Frau von sich gibt.
    Das Problem ist, dass die von allen Mainstrem Medien 1:1 publiziert wird, ohne auch nur einen Furz zu recherchiert zu haben. Das noch grössere Problem ist, dass man so etwas tagtäglich mit dem deutschen Volk völlig problemlos machen kann…

    Das grösste Problem aber ist, dass man absolut GAR NICHTS dagegen tun kann

  11. Ammoniak ist der Grundstoff um Stickstoffdünger zu produzieren. Fällt der Dünger weg oder wird von den Landwirten auf Grund der Kosten weniger auf das Feld aufgebracht, kann die Ernte bis zu 40% niedriger ausfallen. Was das für die Lebensmittelpreise in Dtl., EU und auf der Welt bedeutet, kann sich jeder selber ausmahlen.

    Einige Auszüge aus Reuters
    https://www.reuters.com/business/energy/basf-considers-more-ammonia-production-cuts-gas-supply-crunch-sources-2022-07-27/

    Ammoniak spielt eine Schlüsselrolle bei der Herstellung von Düngemitteln, technischen Kunststoffen und Dieselabgasflüssigkeit. Bei seiner Herstellung fällt auch hochreines Kohlendioxid (CO2) als Nebenprodukt an, das von der Fleisch- und Getränkeindustrie benötigt wird.
    „Wir reduzieren die Produktion in Anlagen, die große Mengen an Erdgas benötigen, wie zum Beispiel Ammoniakanlagen“, sagte der BASF-Chef in einer Telefonkonferenz nach der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse und bestätigte damit einen früheren Reuters-Bericht.
    Er fügte hinzu, dass BASF einen Teil des Ammoniaks von externen Lieferanten beziehen werde, um Lücken zu schließen, warnte aber, dass die Landwirte im nächsten Jahr mit steigenden Düngemittelkosten rechnen müssten.
    Produktionslinien für den Rohstoff Syngas, ein Gemisch aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff, und für das petrochemische Grundprodukt Acetylen seien ebenfalls Kandidaten für Kürzungen, um Gas zu sparen, sagte der Vorstandsvorsitzende.

    Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern verfügt Deutschland nicht über Terminals für Flüssigerdgas (LNG), die russisches Pipelinegas ersetzen könnten. Das bedeutet, dass die Unternehmen unter politischem und wirtschaftlichem Druck stehen, gasintensive Aktivitäten zu reduzieren, wenn die Gaslieferungen weiter gekürzt werden.

    BASF drosselte im September die Ammoniakproduktion an seinem Hauptsitz in Ludwigshafen und in seinem großen Chemiekomplex in Antwerpen, Belgien.
    Der Düngemittelriese Yara, der in der norddeutschen Stadt Brunsbüttel die drittgrößte Ammoniakproduktionsstätte Deutschlands betreibt, erklärte, dass seine Produktion in ganz Europa aufgrund der stark gestiegenen Gaspreise derzeit 27 % unter der Kapazität liege.

    Chemieunternehmen sind die größten industriellen Erdgasverbraucher in Deutschland, und Ammoniak ist das gasintensivste Produkt in dieser Branche.
    Unternehmen, die ihre Ammoniakproduktion reduzieren, könnten Marktanteile an Importe aus Übersee verlieren, die Zugang zu billigem Gas haben………

    Der größte Teil des Ammoniaks wird für Stickstoffdünger verwendet, aber auch Dieselabgasflüssigkeit AdBlue und technische Kunststoffe finden Verwendung.
    [Die australischen Landwirte haben sich letztes Jahr lautstark über AdBlue-Knappheit beschwert.
    Die Ammoniakproduktion wäre ein Hauptkandidat für Kürzungen, um etwaige Engpässe bei der Gasversorgung in den nächsten Monaten abzufedern, so Arne Rautenberg, Fondsmanager bei Union Investment.
    „In der nördlichen Hemisphäre wird Stickstoffdünger hauptsächlich im Frühjahr ausgebracht. Er kann auch in den Vereinigten Staaten hergestellt und nach Europa verschifft werden“, sagte er und fügte hinzu, dass die CO2-Versorgung der Lebensmittelindustrie ein heikles Thema sein könnte.
    Schon vor dem Krieg in der Ukraine führte eine verringerte Ammoniakproduktion aufgrund der in die Höhe geschossenen Erdgaspreise in Großbritannien im vergangenen Jahr zu CO2-Engpässen in der Fleisch- und Getränkeindustrie.
    Deshalb sah sich die britische Regierung im September gezwungen, den Ammoniakhersteller CF Industries finanziell zu unterstützen, um die Produktion wieder aufzunehmen.
    In normalen Zeiten macht die Ammoniakproduktion etwa 4,5 % des von der deutschen Industrie verbrauchten Erdgases aus.
    Sowohl SKW als auch BASF drosselten die Ammoniakproduktion im September 2021 aufgrund des starken Anstiegs der Gaspreise.
    SKW, das damals seine Produktion um 20 % drosselte, nahm die normale Produktion wieder auf, als die Kunden Preisaufschläge akzeptierten.
    SKW kann die Produktion in jeder seiner beiden Produktionslinien für Ammoniak und Harnstoff um höchstens 20 % drosseln, andernfalls müsste das Unternehmen die Produktion im Rahmen eines kostspieligen Rampdowns vollständig einstellen, so ein Sprecher.
    Das britische Unternehmen Ineos erklärte, es beobachte die Energiekosten sehr genau und werde die Produktion so anpassen, dass es die niedrigen Energiespitzen und den Einkauf von Rohstoffen optimal nutzen könne.
    In Deutschland wurde die Ammoniakproduktion aufgrund der hohen Gaspreise bereits erheblich gedrosselt, so der Verband der Chemischen Industrie (VCI).
    SKW gab an, CO2 an die Lebensmittelindustrie zu liefern, wobei Air Liquide als Zwischenhändler fungiert. Auch die BASF gab an, CO2 über Industriegasunternehmen zu liefern.
    Nach Angaben der Boston Consulting Group lagen die Bargeldkosten für die Ammoniakproduktion in Europa im ersten Quartal fünfmal so hoch wie im Durchschnitt des Jahres 2019 und weit über denen anderer Regionen der Welt.

  12. Eigentlich bin ich mit dem Kommentar „Pnyx“ einverstanden. Trotzdem möchte ich einige korrigierende Anmerkungen machen.

    „Regelbasierte Weltordnung“ heißt doch mit anderen Worten: „Was wir als Goldene Milliarde machen, ist gut, was die anderen machen, ist schlecht.“

    Die Goldene Milliarde hat gegen Russland Sanktionen verhängt. Mit dem Einfrieren der Hälfte der Devisenreserven hat sie gestohlen. Mit den weiteren Maßnahmen im Rahmen des Finanzsystems hat sie vielfältige Barrieren im Rahmen der Lieferketten errichtet.
    Russland wehrt sich gegen den Diebstahl und die Lieferketten-Barrieren. Die Autorin schreibt aber:
    „Halten wir fest bis hierhin mal fest. Ich habe wirklich nichts für das heutige Russland übrig – aber die schlichte Wahrheit ist: Die Vorwürfe westlicher Politiker an Russland sind sachlich in weiten Teilen falsch.“

    Zur Hungerkrise zitiert die Autorin:
    „David Beasley, der Direktor des Welternährungsprogramms, wird mit den Worten zitiert: „Die aktuelle Hungerkrise ist ein ,giftiger Cocktail‘ aus Konflikten, Klimawandel, Katastrophen, struktureller Armut und Ungleichheit sagt der WFP-Chef (der Chef des Welternährungsprogramms, d. Verf.) weiter.“
    Dazu fällt mir eigentlich nichts ein. Richtig ist jedenfalls, dass weder Russland noch China Kolonien waren.
    China zum Beispiel ist auch nicht ein kapitalistischer Staat schlechthin. Es hat von Singapur gelernt, kapitalistische Elemente eingeführt, die finanzielle und politische Lenkung staatlich beibehalten. Russland hat sein westlich-kapitalistisches Jahrzehnt bereits hinter sich.
    Richtig ist jedenfalls auch, dass unter den 43 aufgezählten Staaten am Rande einer Hungersnot jedenfalls die Staaten Afghanistan und Venezuela infolge der Außenpolitik der Golden Milliarde in dieser Situation sind. Bei den anderen ist dies nicht so einfach und eindeutig zu belegen.

    Weiter schreibt die Autorin:
    „Die Länder der Dritten Welt, die sich notorisch in diesen Statistiken wiederfinden, sind inzwischen souveräne Staaten, die am Weltmarktgeschehen teilnehmen.“

    Nehmen wir also die souveräne Ukraine als ein landwirtschaftlich äußerst attraktives, für die Welternährung wichtiger Fleck der Erde. Die jetzige Regierung mit ihrem Präsidenten Zelenskyi hat auf Druck des IWF und der Weltbank einen Landmarkt gesetzlich verankert. Ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche gehört bereits international operierenden Konzernen und dies begann schon viel früher als die russische Spezialoperation.

    Weit unten sagt die Autorin: „Ich lese mal kurz vor, was eine Delegation des Europa-Ausschusses der Französischen Nationalversammlung dazu 2006 (also lange vor dem Abkommen) veröffentlicht hat: Der Bericht nennt vier Schocks, denen die AKP-Staaten ausgesetzt wären, wenn sie ihre Märkte öffneten:
    1. ein Haushaltsschock aufgrund der zu erwartenden Einnahmeverluste wegen der wegfallenden Importzölle;
    2. ein Außenhandelsschock durch sinkende Wechselkurse, wenn die AKP-Staaten nicht konkurrieren können;
    3. ein Schock für die schwachen, im Aufbau befindlichen Industriesektoren in den AKP-Staaten, die der Konkurrenz aus der EU nicht gewachsen sind;
    4. ein landwirtschaftlicher Schock, da lokale Märkte und Produzenten mit den Billigimporten aus der Europäischen Union (hoch subventioniert) nicht konkurrieren können.“
    Sinnigerweise wird hier der Konjunktiv verwendet, denn mit der Marktöffnung wäre das Misslingen programmiert. Dies kann man schon aus den 150 Jahren Entwicklung von Staaten der Goldenen Milliarde lernen.

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