„In der Aufklärung konnte man noch sagen, dass das Ziel der Geschichte der ewige Frieden ist“

Sitzungssaal des Sicherheitsrates im UN-Hauptquartier in New York City. Bild: state.gov

Der Philosoph Moshe Zuckermann über Philosophie und Krieg: Wann ist ein Krieg verbrecherisch? Kann die Philosophie noch etwas sagen? Hätte man den Ukraine-Krieg verhindern können? Welche Rolle spielen die Medien?

 

In Europa ist ein neuer Krieg ausgebrochen und die Gefahr ist groß, dass er sich ausweiten könnte, möglicherweise sogar zu einem Atomkrieg. Hat die Philosophie da überhaupt irgendetwas zu sagen?

Moshe Zuckermann: Die Philosophie gibt es ja nicht, es gibt Philosophen mit bestimmten Gesinnungen bzw. philosophischen Ausrichtungen. Die Frage ist auch, zu welcher Zeit ein Philosoph eine Position bezogen hat. Wenn ich an Philosophen des 19. Jahrhunderts denke, so hat Hegel beispielsweise dem Krieg Positives  abgewonnen, hat ihn als etwas angesehen, das das bereinigt, was sich kollektiv im negativen Sinne angehäuft hat. Zudem ist da auch seine Vorstellung vom Krieg als einem Ereignis zwischen Staaten. Im Hegelschen Verständnis von Staaten gab es noch keine übergeordnete Ordnung. Das Verhältnis zwischen Staaten war für ihn gleichsam noch im Naturzustand, es gibt also keine Instanz, die entscheiden kann, wie der Konflikt geregelt ablaufen soll bzw. der Krieg verhindert werden kann.

Man hat im 20. Jahrhundert durch den Völkerbund und später durch die UN versucht, eine solche Instanz zu schaffen. Aber wir sind ja schon gebrannte Kinder und  wissen ja genau, wie das gelaufen ist. Die UN konnte nur bis zu dem Zeitpunkt entscheidend eingreifen, an dem eine der Großmächte  beschlossen hat, unabhängig davon, was die UN sagt, einen Krieg zu beginnen. Die Amerikaner beispielsweise haben bewiesen, dass in dem Moment, in dem sie den Krieg im Irak wollten, sie ihn mit dieser oder jener Begründung losgetreten haben.

Philosophen haben freilich auch eine andere Ausrichtung auf den Krieg gehabt. Beispielsweise Bertrand Russel, der nach dem Zweiten Weltkrieg wie andere auch große Angst hatte und beredt zum Ausdruck brachte, nachdem er gesehen hat, was in Hiroshima und Nagasaki passiert war, also dass ein Atomkrieg den Untergang der Menschheit bedeuten könnte. Er hat sich ganz vehement gegen den Krieg gestellt und das auch philosophisch begründet. Aber man braucht kein großer Philosoph zu sein, um entweder kriegsgeil oder eben ein Pazifist zu sein, für den Kriege Verbrechen sind. Deswegen meine ich, dass es auch unter den Philosophen letztendlich nicht entscheidend ist, ob sie etwas Wesentliches zum Krieg sagen können, sondern mit welchem Apparat an Werten, Normen, Ausrichtungen und Gesinnungen sie den Krieg rationalisieren oder verurteilen.

Wenn man an Kant denkt, war die große Hoffnung, dass es zu einem Weltfrieden kommt. In seinem Text „Zum ewigen Frieden“ ging er vielen Gedanken wie dem Völkerrecht nach, die in die Gründung der Vereinten Nationen eingeflossen sind.

Moshe Zuckermann: Kant setzte Internationalismus und Kosmopolitismus voraus, die wir so nie erreicht haben. In dem Jahrhundert nach Kant haben sich die Nationalitäten, mithin der Nationalismus und der Chauvinismus ausgeprägt, die im 20. Jahrhundert, in dem wir beide geboren worden sind, in zwei Weltkriege mündeten. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hat man gesagt, jetzt ist aber wirklich Schluss; aber man muss nur verfolgen, was in fast jedem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg dann an Kriegen gekommen ist. Ich glaube wirklich, die Aufklärer hatten noch die Vorstellung, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen fähig ist, sozusagen aus Vernunftgründen den Frieden herzustellen. Das war ein zentrales Postulat der Aufklärung.

Kant sagte, das Ziel der Geschichte sei der ewige Frieden.

Moshe Zuckermann: Das durfte man philosophisch in der der Aufklärung auch sagen. Aber auch bis zum heutigen Tag, wenn ich die Neunte von Beethoven höre und dann den Schlusschoral, in dem es mit Schiller heißt, alle Menschen werden Brüder – wir würden sagen: Alle Menschen werden Geschwister, Brüder und Schwestern – dann habe ich manchmal auch feuchte Augen. Damals konnte man das noch sagen und naiv daran glauben. In dem Jahrhundert nach Kant und nach Schiller haben wir dann aber gesehen, wie sich die Dinge entwickeln. Schon bei Goethe und bei Hegel, der sich an Kant orientiert und weiterentwickelt hat, wurde der Krieg auch rationalisiert und sogar verteidigt.

Wie man aktuell am Ukraine-Krieg sieht, scheint ein pazifistischer Standpunkt weitgehend verschwunden zu sein scheint, während besonders Russland und Ukraine zeigen, wie blutig der Nationalismus werden kann. Es gibt derzeit keine wirklichen Bemühungen für einen Friedensschluss. Das ist gegenwärtig so auffällig wie besorgniserregend.

Moshe Zuckermann: Du hast vollkommen recht. Wenn man von Pazifismus als einem Grundsatz spricht, blendet man aus,  was dahinterliegen kann oder ihm widerstreitet, beispielsweise Privatinteressen oder partikulare nationale Interessen. Ein Pazifist zu sein, ist etwas anderes als ein Peacenik zu sein; der Pazifist sagt, man darf sich auf keinen Fall an einem Krieg beteiligen. Aber wir wissen ja auch, dass es Kriege gibt, die einem aufgezwungen werden, beispielsweise den von Hitler begonnenen Zweiten Weltkrieg.

Das ist nicht selbstverständlich, denn wir haben über Jahrzehnte geglaubt, dass schon der Erste Weltkrieg von Deutschland ausgegangen sei. Ich erinnere an die Fritz Fischer-Debatte in den 60er Jahren.

Aber dann hat Christoph Clarke die These aufgestellt, dass es für diesen Krieg vor 100 Jahren keinen einzigen Schuldigen oder Verantwortlichen gegeben hat. Die Konstellation war so, dass mit einmal ganz Europa in diesen Krieg hineingeschlittert ist. Man muss bedenken, dass es immer eine Konstellation gibt, die so etwas hervorbringen kann. Das ist die eine Sache. Die zweite Sache ist, dass man, wenn man angegriffen bist, kein Pazifist sein kann, man muss sich natürlich verteidigen.

Ich möchte mich um Gottes Willen gar nicht in die deutschen Debatten allzu sehr einmischen, weil ich glaube, dass diese teilweise an allem vorbeigehen, was es zu sagen gibt. Aber für mich ist eine Sache klar: Wenn der Krieg nicht notwendig ist – notwendig würde er sein, wenn man in seiner Existenz bedroht ist -, dann ist jede Initiative, die man ergreift, um den Krieg zu beginnen, ein Verbrechen. So besehen war dieser nicht notwendige Krieg, der jetzt ausgebrochen ist, ein Verbrechen.

Dabei gehe ich jetzt nicht auf die größere Frage ein, inwieweit der Ausgang des Kalten Krieges dazu geführt hat, dass neue Konstellationen entstanden sind und Russland auf einmal sagen konnte: Wir fühlen uns von der NATO bedroht. Ich möchte auf diese ganze Debatte nicht eingehen. Wenn es nicht akut notwendig war, dass dieser Krieg ausbricht und trotzdem die Initiative dazu unternommen wurde, ist es für mich ein verbrecherischer Krieg. Kriege sind immer verbrecherisch, aber sie sind legitimierbar, wenn man bedroht ist.

Im aktuellen Fall sagst du, der russische Angriffskrieg ist verbrecherisch und die Ukraine kann sich  legitim verteidigen. Aber wie ist es denn mit den Unterstützern? Es wird ja immer gesagt, sie seien auch direkt bedroht, weil Putin Europa oder die ganze Welt unterjochen will.

Moshe Zuckermann: Du musst mich nicht davon überzeugen, dass man bei der Auseinandersetzung der zwei Protagonisten sieht, welche Interessen Europa und auch die USA haben, Selenskij zu unterstützen, um die Weltkonstellation wieder in die alte Bahn zu führen. Das wäre allerdings ein anderes Thema, nämlich welche Konstellation zu einer solchen Unterstützung führt. Ich bin der Meinung, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Kalte Krieg entschieden war. Nicht im nationalen Sinne, sondern im Paradigma Sozialismus gegenüber Kapitalismus. Der Kapitalismus hat gesiegt, weil der Sozialismus, jedenfalls der sowjetische, zusammengebrochen war. Und die Schnelligkeit, mit der er zusammengebrochen war, war für mich als Sozialist erschütternd. 70 Jahre Sowjetunion waren mit einmal verpulvert, als sei gar nichts gewesen.

Aber da hätte man die Lehre umsetzen sollen, die man nach dem Ersten Weltkrieg hätten ziehen können. Deutschland war besiegt. Wenn die Siegernationen damals den Versailler Vertrag nicht so schlimm für Deutschland hätten ausfallen lassen, hätte es sehr gut möglich sein können, dass die Weimarer Republik eine andere Entwicklung genommen hätte. Das hatte man sich damals nicht überlegt und Deutschland zu den höchst belastenden Reparationen verdonnert. Aber 1990 hätte man sich das überlegen können. Die Russen waren sozusagen besiegt, und man hätte sich fragen müssen: Was wollen wir denn jetzt weiter? Wollen wir die entscheidende Schlacht diplomatisch oder militärisch so führen, dass Russland in Schach gehalten wird und sich NATO immer weiter nach Osten bewegt?

Ich bin nicht naiv genug zu glauben, dass es auf Seiten der Westmächte bzw. der NATO-Mächte nicht nur sicherheitsmäßige, sondern auch wirtschaftliche Erwägungen gewesen sind, die dazu geführt haben, dass man das Aushandeln, wie es weitergehen soll, nachdem Russland im Grunde genommen vollkommen besiegt und erniedrigt worden ist, unterlassen hat. An dieser Stelle muss sich der Westen auch fragen, ob er überhaupt eine Entspannung wollte oder nur seinen eigenen, aus dem Kapitalismus sich ableitenden Imperialismus weiter betreiben wollte. Als im Jahre 2003 Bush den Irak angriff, hatte man die ganze Vorgeschichte vergessen. Im Grunde genommen hatten die Amerikaner erst Saddam Hussein aufgerüstet.  Das sind die Konstellationen, die man bedenken muss. Du merkst übrigens, wir haben mit einem Philosophie-Gespräch begonnen ….

Ja, ich wollte auch gleich wieder zurückgehen und dich fragen, warum du glaubst, dass die Philosophen weitgehend zu diesen Themen schweigen. Das war schon beim Irakkrieg und bei den darauf folgenden Kriegen so. Man hört nichts, während es zurzeit des Kalten Krieges und der Bedrohung durch die Atomwaffen noch vielfältige Ansätze gab, wie man etwa einen nuklearen Frieden erreichen könnte. Aber das ist aus der Philosophie weitgehend verschwunden. Hast du eine Erklärung dafür?

Moshe Zuckermann: Ja. Erstens glaube ich, dass die Philosophen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wissen, dass sie eigentlich nichts zu bestellen haben. Alles, was sie können, ist im Grunde genommen im Nachhinein zu überlegen,  was passiert ist, um daraus eventuell wesentliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Hegel hat dazu den klugen Spruch gesagt, dass die Eule der Minerva ihren Flug erst beginnt, wenn die Abenddämmerung begonnen hat. Aber wenn es eine akute Situation wie jetzt gibt, wo getötet und vernichtet wird und die ganze Weltwirtschaft aus den Fugen geraten ist, dann merken die Philosophen, dass sie im Grunde genommen gar nichts zu sagen haben, das heißt, sie können dann nur noch im Nachhinein reflektieren, was geschehen ist und was hätte alles gemacht werden können. Das habe ich ja eben auch versucht. Aber das ändert natürlich an der Situation selbst nichts.

Marx hatte schon schön in den Thesen über Feuerbach hervorgehoben, dass die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert haben, während es darauf ankomme, sie zu verändern. Hier haben die Philosophen ausgespielt. Die Veränderung in der Welt muss dann durch die Handlung des Kollektivsubjekts geschehen, nur haben da die Philosophen nicht sehr viel zu bestellen.

Nun waren die Philosophen ja auch immer teilweise Intellektuelle, und als Intellektuelle waren sie zum Teil auch politisch engagiert und wollten wie Jean-Paul Sartre etwas gestalten. Das fehlt heute doch auch dass die Philosophen-Intellektuellen auf die Bühne kommen. Einige machen das ja auch, aber im Grunde genommen ist diese Art der Theoriebildung und auch der Theoriepraxis eigentlich auch weitgehend verschwunden. Hängt das beispielsweise von den neuen Medien ab?

Moshe Zuckermann: Die Philosophie ist seit Kant  in eine permanente Krise geraten. Solche zentrale Figuren wie Schopenhauer, Marx, Nietzsche, Freud sind im Grunde genommen immer darauf rekurriert, dass es um Machtverhältnisse geht und dass Moral entsprechend im Grunde genommen eine Frage der Machtkonstellation und Herrschaft ist. Die Philosophen haben sozusagen die Moral, den moralischen Zeigefinger, wie er noch von der Religion in Anspruch genommen werden konnte, desavouiert. Die Philosophen sind daher spätestens seit Nietzsche, aber noch mehr dann im 20. Jahrhundert in eine Krise geraten, aus der sie bis heute nicht herausgekommen sind. Eines der Ergebnisse war der Postmodernismus, der im Grunde genommen schon die Waffen gestreckt hat und schon gar nicht mehr etwas mit dem politisch involvierten Intellektuellen am Hut hatte. Im Gegenteil, die Vertreter der Postmoderne sagten: Du bist der eine Intellektuelle, ich bin ein anderer Intellektueller, du hast dein Narrativ, ich habe meines. Wer soll denn entscheiden, welches das gültige ist?

Die Philosophie steckt also in einer Krise,  die sich aus der Philosophie selber seit Kant ergeben hat, vor allem in den Verzweigungen von Kant, Hegel, Marx, Lukacs, von mir aus bis zur Frankfurter Schule oder in der anderen Verzweigung von Kant, Schopenhauer, der ein großer Kant-Verehrer war, Nietzsche  bis hin zum Existenzialismus. In beiden Richtungen hat im Grunde genommen die Philosophie bewiesen, dass sie keine Rechenschaft darüber ablegen kann, was sie allgemeingültig eigentlich will, d. h. sie hat immer mehr abgebaut und sich zerstört.

Was du gerade angesprochen hast, da bin ich ja wirklich Schüler der Frankfurter Schule, vor allem der Dialektik der Aufklärung und hier des Kapitels über die Kulturindustrie. Die Medien haben auf der einen Seite die Funktion übernommen, Informationen zu liefern, aber sie sind auf der anderen Seite selber Teil eines kapitalistischen Spiels, bei dem die Medien mehr und mehr zum Faktor der Wirtschaft geworden sind. In dem Moment, in dem sich das auch politisch ausgewirkt hat, dass die Medien sich auf die Seite von bestimmten Politikern gestellt oder diese unterstützt haben, ist die objektive Funktion von Medien, der Wachhund der Demokratie, schon längst den Bach runter.

Ihr habt mit 3Sat, ARD und ZDF noch Sendungen, die zumindest versuchen, zu informieren und reflektiertes Denken zu fördern. Aber wie läuft denn normalerweise eine Tagesschau? Das ist letztlich nichts anderes als die Vermarktung von Positionen in Kurzform. Du kannst innerhalb von einer Viertelstunde von einer Hungersnot in Afrika zur letzten Modeschau gelangt sein. Und das Ganze läuft in einem Takt, dass innerhalb von zwei Minuten dauernd umgeschaltet wird.  Die Tagesschau-Leute haben ja auch nur eine halbe Stunde, in die sie alles reingepackt haben müssen, und es gibt zudem Konkurrenz zumindest bei den kommerziellen Sendern; also wenn du das nicht lieferst, liefern das die andern. Von daher meine ich in der Tat, dass die Medien heute kulturindustriell eine ganze Menge Schaden anrichten.

Es gibt ja weiterhin Intellektuelle, die auch noch den öffentlichen Raum und den Medienraum besetzen. Aber es fällt auf, dass die Diskussionskultur eine andere geworden zu sein scheint. Ich glaube, dass in den 1960er, 1970er Jahren viel schärfer diskutiert worden ist, weil es eben die kapitalistische Seite und die kommunistische Seite, die Linken und Rechten gegeben hat, aber jetzt scheint die Diskussionsbreite geschrumpft zu sein. Es gibt noch die große Mitte, alles andere wird auch diskursiv an den Rand gedrängt und bis hinein ins Persönliche hinein. Ist das auch eine Folge der Medien?

Moshe Zuckermann: Das ist nicht zuletzt durch die Medien ziemlich verrottet. Man muss die Apparatur verstehen. Ich kann mich daran erinnern, dass es in den 1960er Jahren Interviewsendungen mit Adorno und anderen Intellektuellen gegeben hat, die ganz reflexiv waren. Es gab auch offenbar Interesse daran, denn Tatsache ist, dass zumindest die Öffentlich-Rechtlichen das damals gebracht haben. Das ist längst vorbei.

Ab dem Moment, in dem man Rating macht und versucht, Aufmerksamkeit zu finden, musst du skandalisieren. Wenn man skandalisiert, dann geschieht das nicht zuletzt durch die Art, wie man Sachen vermittelt, vor allem, indem man laut wird. Ich muss allerdings sagen, dass es in Deutschland noch viel besser ist als in Israel, wo nur noch gebrüllt wird. Ich war jetzt einen Monat lang in England. Obgleich es in England eine schreckliche Politik mit Johnson und jetzt mit Truss gibt, bewundere ich immer noch die der Art und Weise, wie im englischen Parlament geredet wird. Es wird noch wirklich zivil geredet, wenn auch eine ganze Menge, vor dem es mir graut.

Da wird ja auch gerne geschrien und die Abgeordneten sitzen so konfrontativ gegenüber.

Moshe Zuckermann: Aber man wird nie unflätig. In Israel darf man auch jemanden ad hominem unflätig angehen und ihn beschmutzen und verleumden. Es ist auch schon zu physischer Gewalt gekommen. Das passiert im englischen Parlament nicht, ich glaube auch nicht im deutschen Parlament. Was Politiker in Israel herausgeschrien haben, da würden die Politiker in Deutschland, Frankreich oder in England längst ihr Amt verloren haben. Warum ist das so? Weil die Medien das vermitteln.

Ich glaube aber auch darüber hinaus, und das muss ich jetzt doch sagen als einer, der marxistisch eingestellt ist, dass in der jetzigen historischen Phase der Kapitalismus einen großen Sieg errungen hat. Er drückt sich in verschiedenen Formen aus und hat auch verschiedene Entwicklungen durchgemacht, aber er ist stets fähig, Vieles hinzunehmen, wenn es nur irgendwie in sein System integriert werden kann. Also zum Beispiel Proteste und Demonstrationen, die auch gewalttätig werden können, zu integrieren oder die Leute sich austoben lässt, bis wieder Ruhe hergestellt ist. Ich muss ganz ehrlich sagen, es gab noch nie eine Produktionsweise auf der Welt, die so raffiniert mit diesen Elementen umgegangen ist wie der Kapitalismus.

 Du meinst jetzt nicht nur den liberalen Kapitalismus in Verbindung mit einer Demokratie, sondern alle kapitalistischen Systeme?

Moshe Zuckermann: Im Kapitalismus wird gesellschaftliche Arbeit privat angeeignet und Profitmaximierung ist eines seiner Grundelemente. Und wenn er liberal und demokratisch ist, dann soll es eben so sein. Das kann auch alles bleiben, solange das System gewahrt wird und unangetastet bleibt. Das Problem, das dabei entstanden ist, besteht darin, dass eine Debattenkultur, die auch will, dass ein System hinterfragt wird, nicht mehr vorhanden ist. Ihre Grenzen sind klar markiert Wann hast du zum letzten Mal in Deutschland eine Debatte in den öffentlichen Medien gehört, die das System hinterfragt.

Ich war acht Jahre lang Organisationssoziologe bei der israelischen Luftwaffe. Das war mein Militärdienst. Ich durfte damals alles fragen, was Motivation, Förderung oder Effizienz der Arbeit betraf. Nur eine Frage durfte ich nicht stellen, nämlich die Frage, wozu es die Luftwaffe oder das Militär gibt. Dabei rumorte es bei mir dauernd im Kopf in genau diese Richtung. Das durfte ich nicht fragen, also genau das, was wir gerade bereden, dass man nämlich im System alles darf und es damit zu einem Equilibrium kommt, weil gar nichts mehr an- und ausgefochten wird. Nur das System selbst zu hinterfragen, ist nicht erlaubt.

Selbst im Jahre 2008, als die Weltwirtschaft fast zusammengebrochen war, war das so. Ich war damals in England und kann mich erinnern, wie das gelaufen ist. Die Krise wurde gleich integriert.

 Im Augenblick herrscht das Narrativ vor, dass nicht mehr der Kommunismus den Kapitalismus bekämpft oder umgekehrt, sondern das autoritäre System das liberale System. Wir hier im Westen rechnen uns eher zum liberalen System, Russland, China und andere Staaten werden zum autoritären Lager gerechnet. Ich habe dich jetzt so verstanden, dass ein solches Narrativ das grundlegende Problem verdeckt.

Moshe Zuckermann: Ja, ich glaube, es ist verdeckt. Und zwar sage ich das aus zweierlei Gründen. Ich habe auch bei den Debatten in Deutschland gehört, dass teilweise Leute Russland verteidigen, weil sie meinen, dass das noch immer ein Vertreter des Sozialismus ist. Aber Putins Russland ist kein Vertreter von irgendeinem Sozialismus, den ich noch heute unterstützen könnte.

Zum Autoritären muss man wirklich die alte Frankfurter Schule noch einmal heranziehen. Herbert Marcuse ist Ende der 1950er oder Anfang der 1960er in die Sowjetunion gefahren  und hat dann ein Buch mit dem Titel Sowjetmarxismus geschrieben. Seine Schlussfolgerung war, dass das sowjetische System dermaßen autoritär war, dass es keine Chance hatte, die Leute von seiner Ideologie zu überzeugen, dass sie also auch das verinnerlichen, was das System ist und sein will. In diesem Buch und auch an anderer Stelle sagte er zudem,  dass der Kapitalismus da ganz anders vorgeht. Er kommt nicht autoritär, sondern eher verführerisch. Er versucht nicht, dir irgendetwas aufzudrücken, sondern versucht dir zu sagen: Guck mal, ich biete dir Konsum an, ich biete dir doch die ganzen guten Sachen an, die unser System zu produzieren vermag. Und so weiter. Wenn er so die Menschen zu integrieren vermag, wenn er sie so verdummen kann, ist er viel effizienter als der autoritäre Staat.

Der Autoritarismus ist nicht nur eine Frage der Brachialgewalt, wie sie beispielsweise in China oder bei Putin stattfindet, er kann durchaus auch eintreten, wenn die Leute ihren zivilgesellschaftlichen Auftrag aufgeben und nicht mehr bereit sind, für eine befreite Gesellschaft zu kämpfen. Denn wenn alles, was die befreite Gesellschaft zu bieten hat, ein liberaler Kapitalismus ist, beginnt für mich erst einmal die große Fragestellung: Wenn das alles wäre, was zu erreichen ist, dann ist sind wir noch Jahrhunderte weg von dem, was eigentlich Freiheit zu bedeuten hätte.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

26 Kommentare

  1. Da könnte man nun Stunden diskutieren. Vielem kann man zustimmen, an manchen Stellen hat sich meine Stirn gerunzelt. Da es völlig unmöglich ist detailliert auf Zuckermanns Aussagen einzugehen, möchte ich stattdessen kurz auf das abheben, was er nicht anspricht. Es ist – und das ist für jemanden, der sich explizit als Sozialisten bezeichnet erstaunlich und auch wieder nicht – an keiner Stelle von den physischen Grundlagen menschlichen Gesellschaftens die Rede. Das gesamte Interview wirkt buchstäblich ungeerdet. Marx hat überzeugend nachgewiesen, dass der Kapitalismus an einer grundlegenden Aporie leidet, die, nicht im marxistischen Jargon gesprochen, in letzter Konsequenz die Grundlagen menschlicher Existenz massiv schädigt, zum Teil ganz zerstört. Es ist schon daher völlig undenkbar, dass eine kapitalistisch verfasste Menschheit jemals zur Ruhe kommt. Vielmehr verwandelt sich das Menschengeschaffene in eine zweite Natur, in gewissen zeitlichen Abständen, in zyklischer Art, kommt es zu systemimmanenten Grosskrisen, die als einzigen Ausweg den grossen Krieg übrig zu lassen scheinen. Darauf läuft es seit Jahrzehnten zu und nun sind wir sehr nahe dran.

    Auch ohne Kapitalismus gelingt es menschlichen Gesellschaften, ihre ökologischen Voraussetzungen zu zerstören, Beispiel Osterinseln oder auch die westliche Antike als Ganze, die für Schiffsbau etc. riesige Gebiete nachhaltig entwaldet hat, wobei man dort schon von mindestens protokapitalistsichen Strukturen reden kann. Im entwickelten Kapitalismus geschieht das aber weit effizienter, gewissermassen naturgesetzlich. Beides zusammen – die unauflösbaren inneren Widersprüche des ökonomischen Systems und das von ihm erzwungene Abstrahieren vom konkret Physischen, das Primat der Form vor dem Inhalt, die jede Form von Natur in ein Mittel zum Zweck verwandelt, eine Art Midas-Touch, hat dahin geführt, wo wir nun stehen, zwischen Skylla und Charybis in gleich mehrhafter Ausführung. Und niemand wird sich an den Schiffsmast binden lassen.

    1. In der Tat, mir fehlt in dem Interview auch der Bezug zur menschlichen Reproduktion. M.Z. ist Philosoph, denkt im Überbau. Da haben wir die ideologischen Kämpfe wie in diesem Krieg auch. Es geht aber um Leben, möglichst ein immer besseres. Staatliche Macht kann sich nur legitimieren, wenn sie dem nachkommt. Und auf dieser Ebene ist die Frage Freiheit oder Autokratie noch gar nicht relevant.

  2. Was Zuckerberg hier sagt, sind viele Aneinanderreihungen von Ereignissen und deren unterschiedliche Deutungen. Er betont dabei, dass er selbst aus der linken Ecke kommt, aber keine wirkliche linke Erklärung für die heutige verfahrene Situation abliefern kann oder will.

    Was mich auch an diesem Interview etwas stört, was am Ende keinen wirklichen Gewinn abliefert, dass er in diesem Gespräch an vielen Stellen mit Halbwahrheiten arbeitet. Wer Russland als alleinigen Aggressor in diesem Krieg hinstellt, aber den Bürgerkrieg und die Verschärfung der Situation im Februar 2022 nicht erwähnt, macht sich in meinem Verständnis unglaubwürdig. Wenigstens deutet Zuckerberg an, dass der Krieg in einem größeren Rahmen als nur zwischen Ukraine und Rf zu betrachten ist. Der zweite Punkt der mir hier massiv aufstößt und den ich nur mit Angepasstheit in das westliche Wertesystem und Angst vor dem Ausschluß daraus erklären kann, ist seine Aussage, dass der Autoritarismus miit dem Mittel der Brachialgewalt in China und Russland stattfindet, aber das Gewaltsystem mit den ganzen Verboten, Drangsalierungen, Inhaftierungen und Ermordungen in der Ukraine, die viel schlimmer im Moment ist als in China oder Russland, mit keiner Silbe erwähnt wird..
    Hinzu kommt, dass er von einer befreiten Gesellschaft im Kapitalismus spricht ohne zu erwähnen, dass diese Freiheiten gerade sukzessiv abgebaut werden.
    In diesem Gespräch redet er vieles durch weglassen schön. Lückenpresse. Oder Lückenphilosoph.

  3. Paul Craig Roberts stellt im Artikel „The Ever Widening War Grows Wider“ folgende Aussage zur Diskussion:
    https://www.paulcraigroberts.org/2022/10/24/the-ever-widening-war-becomes-wider/

    „Der Kreml hätte keinen dümmeren Fehler begehen können, als mit unzureichenden Truppen und halbherzig in den Krieg zu ziehen, was Washington jede Gelegenheit gab, den Krieg auszuweiten, den Kreml einer langen Periode schädlicher Propaganda auszusetzen und das russische Militär als ineffektiv darzustellen. Das Bild, das der Kreml von seinem Militär und seiner Führung gezeichnet hat, ist das Letzte, was Russland braucht. Russland hätte eine Machtdemonstration gebraucht, die den Konflikt schnell beendet, bevor der Westen reagieren kann, eine Machtdemonstration, die Europa von einer weiteren Beteiligung an Washingtons Aggression gegen Russland abschreckt.“

    Am Ende kommt Paul Craig Roberts zur folgenden Endeinschätzung:
    „Der Kreml schützt die ukrainische Marionettenregierung weiterhin vor Angriffen und die Hauptstadt Kiew und Städte in der Westukraine vor Angriffen und hat die ukrainische Infrastruktur intakt gelassen, was es den USA ermöglicht, den Stellvertreterkrieg mit ukrainischen Truppen fortzusetzen und auszuweiten. Die Dummheit des Kremls ist in den Jahrbüchern der Kriegsführung unübertroffen.“

    1. @ oskarwagenrecht sagt: 25. Oktober 2022 um 1:11 Uhr
      Lieber Oskar, Roberts geht von der AMERIKANISCHEN Militärdoktrin aus, von deren militärischen Zielen und Wegen und Methoden, diese Ziele zu erreichen. In diesem Rahmen ist natürlich das russische Vorgehen völlig falsch.
      Allerdings: Eine solche militärische Auseinandersetzung wie Russland gegen die Ukraine, mit diesen speziellen Zielen, haben die USA noch nie geführt, wäre auch für das amerikanische Militär völlig undenkbar und sie hätten gar kein Konzept dafür.
      Und die Entscheidung für eine Eskalation des Konflikts durch den Westen fiel ja offenbar erst, als die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine schon sehr weit gediehen waren und ein Friedensabkommen schon sichtbar wurde. Die westeuropäischen Regierungschefs, die damals der Reihe nach und auch zusammen nach Kiew fuhren, wollten das im eigenen (europäischen) Interesse wohl auch unterstützen – bis dann Johnson mit Selenskij sprach. Danach gab es plötzlich keine Verhandlungen mehr, es ging nur noch um maximale Waffenlieferungen des Westens, volle Unterstützung. Das wurde dann auch in der russischen Regierung und beim russischen Militär so gesehen und die Strategie angepasst. Trotzdem ist der Krieg von russischer Seite immer noch „schaumgebremst“, weit entfernt von der amerikanischen militärischen Doktrin der „full spectrum dominance“ mit vollständigem Zerbomben der zivilen Strukturen, und auch der Westen ist nicht mehr bereit, modernste Waffen unkontrolliert und in beliebiger Menge in die Ukraine zu liefern (offenbar hat man gesehen, wie schnell nach den ersten HIMARS-Lieferungen ein Exemplar in einer russischen Waffenfabrik im Ural zur Untersuchung auftauchte – hat wohl so 14 Tage gedauert – verkauft von korrupten ukrainischen Militärs).
      Es gibt schon heftige Unterschiede in der Kriegsführung, die nicht nur im militärtechnischen Bereich liegen.

    2. Mein Sohn hat bei einem Musiklehrer Gitarrenunterricht gehabt. Der Lehrer ist Ukrainer. Verheiratet mit einer Russin. Die eigentlich eine Russland-Deutsche ist. Diese Mischehen sind normal in Russland. Bis vor zwanzig Jahren hat sich niemand Gedanken über Ukrainer als Nation gemacht. Ganz viele Ukraine leben in Russland und ganz viele Russen leben in der Ukraine.

      Der Westen hat es fertiggebracht, den Ukrainern zu erklären sie seien eine eigene Nation, mit einer eigenen Sprache und Geschichte. Tatsächlich sprechen die Ukrainer einen russischen Dialekt und sind wesentlicher Teil der russischen Geschichte. Das ist so, als würden wir erklären, dass die Sachsen keine Deutschen seien und Sächsisch sei eine eigene Sprache. Unabhängig davon, dass die Sachsen eine der Keimzellen Deutschlands sind.

      Aus russischer Sicht sind Ukrainer ein Brudervolk, blutsverwandt und mit einer gemeinsamen (Geistes-)Geschichte. Deshalb sind die Russen vorsichtig.

      1. Hi Noname und Tuka Rum,

        was ich sehe, ist dass die russische Armee auch nach dem Krimbrückenangriff die Vergeltungsschläge gezielt gegen Infrastruktur (was auch der Zivilbevölkerung weh tut) aber zivile Ziele bewußt ausläßt.
        Dies versucht die russ. Armee schon den ganzen Krieg, deshalb auch die relativ geringen zivilen Toten auf ukrainischer Seite ( habe ca. 5000 im Hinterkopf). Wenn man das mit Mossoul (40ooo im ersten Monat) vergleicht, ist das kein richtiger Krieg.
        Dies werden auch Teile der Zivilbevölkerung der Ukraine sehen und als Rücksicht anerkennen.

        Diese Kriegsführung bringt Zustimmung in der ukrainischen Zivilbevölkerung oder nicht? Das wäre meine Frage? Wer kann die halbwegs objektiv und begründet beantworten?

        Im Süden hat diese Zurückhaltung, die schnelle Versorgung danach, die Vorteile in der russ. Gesellschaft zur ukrainischen und der ukrainische Beschuß der von den Russen gehaltenen Gebieten auch auf deren zivile Infrastruktur (alle Schulen zerschossen) dazu geführt, dass beim Referendum die dort wohnende Bevölkerung sich deutlich für die RF entschieden hat.

        Diese Zurückhaltung kommt auch gut im beobachtenden Ausland besonders im islamischen Asien mit ihrer Erfahrung der amerikanischen und israelischen Bombardierungen.

        Wie hoch ist der Nutzen oder ist der Schaden höher? Ich stehe noch auf der „nutzen“ Seite.

        Ein sehr guter Freund von mir ist mit einer Littauerin, die in der UdSSR noch studiert hat, verheiratet. Die bestätigt mir mehr oder weniger deine Geschichte. Auch in Littauen unter Littauern ist die Russophobie der Regierung nicht unumstritten. Wobei die Masse der littauischen „Opposition“ in der Zivilbevölkerung schon lange in Europa lebt, wie sie sagt.

  4. Aber für mich ist eine Sache klar: Wenn der Krieg nicht notwendig ist – notwendig würde er sein, wenn man in seiner Existenz bedroht ist -, dann ist jede Initiative, die man ergreift, um den Krieg zu beginnen, ein Verbrechen. So besehen war dieser nicht notwendige Krieg, der jetzt ausgebrochen ist, ein Verbrechen.

    Im Umkehrschluss, meint Herr Zuckermann also Russland sei nicht in seiner Existenz bedroht, daher sei die Aggression nicht rechtfertigt und folglich ein Verbrechen. Na zu mindestens räumt Herr Zuckermann aber ein, dass ein Krieg grundsätzlich legitim sein kann, wenn im Zweifelsfall die Existenz auf dem Spiel steht, oder wenn man meint, dass sie auf dem Spiel steht.

    Aber kann Herr Zuckermann es denn überhaupt einschätzen, ob Russland sich vom Westen in seiner Existenz bedroht fühlt? Warum wird Putin denn von einer überwältigenden Mehrheit der Russen dabei unterstützt? Sind mit Abstand die Meisten Russen also Verbrecher? Sind sie Alle einfach nur Kriegsgeil? Ausgerechnet die Russen, die jawohl mal am besten wissen sollten was Krieg bedeutet?

    Oder halten Russen diesen Krieg vielmehr für einen gerechten, notwendigen und unvermeidlichen Krieg, eben weil sie kollektiv von Existenzängsten geplagt werden? Herr Zuckermann kann gern Jeden in Russland fragen und wird überall hören: Wir wollen Frieden aber man habe uns keine andere Wahl gelassen.

    dazu:

    Moskau. 14. Oktober. INTERFAX.RU – Der russische Präsident Wladimir Putin hat erklärt, dass die Entscheidung, eine spezielle Militäroperation in der Ukraine einzuleiten, richtig und zeitgerecht war und er nichts bedauert.

    Auf einer Pressekonferenz im Anschluss an seinen Besuch in Kasachstan wurde das Staatsoberhaupt im Zusammenhang mit der Lage in der Ukraine gefragt, ob er etwas bedauere.

    „Nein“, antwortete Putin.

    „Ich möchte das klarstellen. Was heute geschieht, ist, gelinde gesagt, unangenehm, aber wir würden das Gleiche wenig später bekommen, nur unter schlechteren Bedingungen für uns. Wir handeln also richtig und rechtzeitig“, sagte er.

    Man sollte dabei berücksichtigen, der Deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war eine prägende Erfahrung für die Russen, welche sich tief in ihr kollektives Gedächtnis eingebrannt. Denn es war der grausamste Vernichtungskrieg den die Geschichte gesehen hatte. Hitler machte keinen Hehl daraus, dass er die Russen, welche er wie auch die Juden zu den „minderwärtigen Rassen“ zählte, teils versklaven und teils vernichten wollte.

    Stalin hatte damals gezögert. Er wusste natürlich, was Hitler vorhatte, schließlich schrieb Hitler Alles darüber bereits in seinem Werk „Mein Kampf“ bereits in den 1920ger Jahren auf. Das war kein Geheimnis. Er hat tatenlos dabei zugeschaut wie Hitler die Wehrmacht vor den Grenzen der Sowjetunion in Angriffsstellung brachte. Stalin hat ihn angreifen lassen. Das hat sich als eine Katastrophe für die Bürger der Sowjetunion erwiesen mit über 20 Millionen Toten. Das ist ein Trauma, dass den Russen für immer ganz tief in den Knochen sitzt. Und noch einmal sollte es den 22. Juni nicht geben! Diesmal wartete Russland nicht erst darauf angegriffen zu werden. Dass es in jedem Fall angegriffen werden würde, und dass das Ziel dabei das Gleiche ist wie auch bei Hitler: Russland von der Landkarte zu tilgen, daran bestand Anfang 2022 in Russland kaum noch bei Jemanden irgendwelche Zweifel.

    Spätestens seit dem s.g. Ultimatum vom Dezember letzten Jahres war die Sache glasklar.

    Wir erinnern uns, Russland hat USA und NATO in ultimativer Form aufgefordert sich von Grenzen Russlands zurückzuziehen, Ukraine nicht in die NATO aufzunehmen und bot gleichzeitig Verhandlungen über gegenseitige Sicherheitsgarantien an. Im Zweifel drohte Russland mit militärischen Konsequenzen!

    Das war im Grunde nichts geringeres als ein Angebot eines Nichtangriffspaktes!

    Und was hat USA und NATO gemacht? Die haben das nicht einfach in den Wind geschlagen, sie taten es in höchst arroganter Weise.

    Was soll man in Russland denn bitte sonst denken was die NATO und USA vorhaben, wenn sie vor ihrer Haustür genauso wie Hitler damals Militär massieren und die Ukraine gegen Russland aufhetzen und zur stärksten Armee in Europa aufrüsten, welche danach strebt Russland anzugreifen (Krim zurückerobern) und daraus gar kein Geheimnis macht? Welche unter westlichem Applaus Russen im Donbass seit vielen Jahren terrorisiert? Halten sie Russland für bescheuert? Soll sie dabei gefälligst einfach zusehen? Und warum sollte Russland meinen, dass die Braune Pest, welche da mit westlicher Beihilfe ihr hässliches Haupt erhoben hat, nicht bis zum Schluss geht und das Werk Hitlers zu ende zu bringen versucht?

    Was soll Russland denn dabei denken, wenn ein Angebot eines Nichtangriffspaktes zurückgewiesen wird?
    Mit der Zurückweisung des Nichtangriffspaktes hat USA und NATO Russland praktisch ins Gesicht gesagt: Jawohl! Wir wollen Krieg! Und wir wollen euch vernichten!

    Worüber wundert sich also der Herr Philosoph?

    1. Man darf in diesem Zusammenhang nicht verschweigen, dass der Auslöser für die Anerkennung der Donbass-Republiken und damit der militärischen Intervention der eigentliche Kriegsbeginn der 16.Februar war, als sich die Artillerie-Angriffe erheblich verstärkten und dabei ein mobilisiertes Heer in sechsstelliger Zahl auf den Angriff wartete.
      Russland bzw. Putin verstand und versteht sich als Schutzmacht für die russisch-sprachigen Donbass-Ukrainer und nach der Vorgeschichte treffen da eher Gründe für eine humanitäre Intervention zu als bei der NATO im Kosovokonflikt.
      Wenn Zuckermann derart schlecht vorbereitet ist und die Auseinandersetzung auf ein festgefahrenes Klischee reduziert, wird er dn Anforderungen einer gründlichen Analyse nicht gerecht und offenbart damit nur seine Überforderung bei einer Bewertung in einem solchen Kontext.

      1. Richtig. Aber heute geht es bereits um viel mehr als den Schutz des Donbasses.

        Aus der Ansprache Putins am 24. Februar

        I would now like to say something very important for those who may be tempted to interfere in these developments from the outside. No matter who tries to stand in our way or all the more so create threats for our country and our people, they must know that Russia will respond immediately, and the consequences will be such as you have never seen in your entire history. No matter how the events unfold, we are ready. All the necessary decisions in this regard have been taken. I hope that my words will be heard.

    2. „Russland von der Landkarte zu tilgen, daran bestand Anfang 2022 in Russland kaum noch bei Jemanden irgendwelche Zweifel.“
      Dieser Unsinn wird durch mehrfaches wiederholen auch nicht korrekter.
      Aber Hauptsache in deinem Kopf läuft alles nach Plan… zumindest bis das große Erwachen kommt und dann bist du der Erste der die Schuld bei anderen sucht.
      Dieser Krieg war mit Nichten notwendig, da sitzt eine Diktator zu lange an den Hebel der Macht. Das demokratische Regulativ fehlt in Russland völlig, deswegen reitet es sich immer weiter in die Sch…

      1. Na Ottono, hast du heute schon geduscht oder dich nur auf einen feuchten Lappen beschränkt, da heißes Wasser bei euch in eurem „blühenden Garten“ ja Luxus geworden ist?

        1. Du hat ein blühende Fantasie, egal ob es um heißes Wasser oder um euren Faschistischen Anführer Putin geht. Nur richtig liegst du bei Beidem nicht.
          Bei früherer Geburt hättest du auch in D Karriere gemacht.
          Kann wirklich nur kotzen, wenn ich sehe wie Kriegs- und Diktatorengeil du bist.

          1. Mensch Ottono, zu leugnen, dass bei euch bereits warmes Wasser zu einem Luxusgut geworden ist, ist gelinde gesagt lachhaft. Anstatt zu duschen sich lediglich mit einem feuchten Lappen zu begnügen empfiehlt euerer Wirtschaftsminister und will dabei ein Vorbild sein. Erzähle ihm, dass er nicht richtig liegt, nicht mir.

            Faschisten sind Diejenigen, die sich von Natur aus für eine besonders wertvolle Nation halten (Herrenrasse), und daraus einen Anspruch ableiten dem Rest der Welt und den aus ihrer Sicht minderwertigen Völkern (Untermenschen) die Regeln zu diktieren. Mach dich mit dem Begriff „Amerikanischer Exzeptionalismus“ vertraut und vergleiche das mit dem Deutschen Exzeptionalismus der 1930ger und 1940ger Jahre unter Hitler. Genau das Gleiche.

            Ihr habt die Bewährungsprobe nach dem zweiten Weltkrieg leider nicht bestanden und habt euch in eurem Gräuel dass die Russen damals 1945 eurem „Blühenden Garten“ und eurem „Platz an der Sonne“ ein Ende gesetzt haben, sich nun auf die Falsche Seite der Geschichte gestellt und das wird euch zum Verhängnis. Ihr habt nichts daraus gelernt, doch noch einmal werden wir euch nicht verzeihen.

            1. Erzählst du jetzt das Märchen, dass Tataren, Ukrainer, Baschkiren, Tschuwaschen, Tschetschenen, Armenier, Awaren usw. den gleichen Stellwert wie Russen haben in der RF. Kannst du dir sparen. Die „anderen“ Volksgruppen werden doch bevorzugt verheizt in deinem „gerechten“ Krieg.
              Kehr du mal in Russland, da liegt genügend Dreck für dich.
              Was macht das Knie? Geht’s so langsam für den Einsatz?
              Im übrigen bin ich Jahrzehnte nach 45 geboren. Historisch interessiert mich das, Verantwortung übernehme ich gegen das Vergessen nicht für die Tat.
              Du hast jetzt die Chance gegen dein verbrecherisches Vaterland auf zu stehen. Carpe diem.

              1. Verantwortung übernehme ich gegen das Vergessen nicht für die Tat.

                Ha von Wegen! Es macht dir doch gar nichts aus, dass ukrainische Soldaten Hakenkreuze auf ihre Panzer aufmalen. Es macht dir nichts aus, dass Deutsche Panzer erneut in der Ukraine auf russische Soldaten schießen. Da geht dein deutsches Herz doch so richtig auf. Endlich darf man das wieder. Verantwortung – was ich nicht lache. Das wird euch diesmal nicht verzeiht werden.

                Verantwortung gegen das Vergessen? Erzähl mir was von Verantwortung wenn Deutschland den Genozid den ihr in der Sowjetunion veranstaltet habt auch als solchen offiziell anerkannt habt. Deutschland enthält sich bei der UN Abstimmung über eine Resolution gegen die Verherrlichung des Nazismus. Die Verherrlichung von Nazismus ist im Braunen Sumpf Deutschland ganz offiziell egal und du erzählst mir was von Verantwortung gegen das Vergessen. Lippenbekenntnisse nichts weiter.

                1. @Ottono und Russischer Hacker,
                  eure kleinen Scharmützel sind ja durchaus unterhaltsam und ich möchte eure beiden Stimmen in diesem Forum nicht missen. Aber was ihr hier gerade abzieht senkt das Nveau doch deutlich und ist zeitweise einfach nur blöde.

                  Sowohl Ottono mit: „Kriegs- und Diktatorengeil“, „verbrecherisches Vaterland“ usw.
                  Als auch Russicher Hacker mit mit seiner unsäglichen Wir-Ihr-Rhetorik.
                  Selbst Ottono ist nicht „Ihr“ und wir anderen im Forum sind es auch nicht. Und ich hoffe werter Hacker, dass du auch nicht nur „Wir“ bist.
                  Denn dieses blöde „Wir-Ihr“ ist doch das was Kriege erst möglich macht!

                  Und dann dieser dumme Wettbewerb wer nun faschistischer ist, die russische Führung oder die Ukrainische oder gar Teile der deutschen Öffentlichkeit, der hilft auch nicht weiter.
                  Selbst wenn es jeweils gute Gründe für diese Bezeichnungen geben mag, offenbart das Herumreiten darauf aus meiner Sicht nur den Mangel an intelligenter Argumentation, die zielführend für eine gute Analyse oder auch Lösung des Konfliktes wäre.
                  Denn „Faschismus“ ist das allseits beliebteste Totschlagargument und damit das billigste dazu.

                2. Erstmal gibt es keine deutschen Panzer in der Ukraine. Zweitens haben auch die Ukrainer gegen die Deutschen in WK2 gekämpft.
                  Sollte dir doch gefallen, wenn ehemalige Feinde nun zusammenarbeiten gegen einen imperialistischen Überfall.
                  Finde das nicht ok, dass die Russen die anderen Volksgruppen der RF in diesem Krieg verheizen. Dazu sagst du nichts.

                  1. Die Ukrainer, die vom derzeitigen Regime in Kiew als „Helden der Ukraine“ gefeiert werden, haben mit den Deutschen gegen Polen, Russen und Juden „gekämpft“. Unter den Henkern von Baby Jar waren 1500 OUN-Leute als „Hilfswillige“.
                    „Held der Ukraine“ Schuchtjewitsch hat mit deutschen Polizeibataillonen in Weissrussland Dörfer niedergebrannt und tausende Menschen massakriert.

                    1. Na dann darf man die heutigen Ukrainer umbringen und das Land annektieren. Danke für deine logische Beweisführung.

                  2. Es gibt deutsche Flakpanzer in der Ukraine. Und es gibt Panzer sowjetischer Bauart in der Ukraine, die durch Ringtausch Deutschlands mit anderen Nationen dahin gekommen sind.
                    So gesehen ist es nicht ganz falsch von „deutschen“ Panzern in der Ukraine zu sprechen.

    3. so habe ich das auch empfunden. Der Westen hat das Ansinnen eines Nichtangriffspakts brüsk zurückgewiesen. Der Krieg hätte verhindert werden können. Aber er war gewollt.

      1. Ich sehe es auch so, dass die USA nach Breszynski, Friedman, Papiere der Rand Cooperation 2019 diesen Krieg wollte. Als weiterer Beweis dafür werte ich, dass die Ukraine dreimal vom Friedensschluss mit der RF abgehalten wurde und jetzt diesen bescheuerten „Nichtverhandeln mit Putin“ gefasst hat.

        Biden und sein Clan wollen einen Krieg mit Russlan bis zum bitteren Ende.
        Hier können nur die Wahlen oder die Demokraten aus Angst davor was ändern.

  5. @XYZ
    Du schriebst
    „sofern es keine eindeutigen justiziablen Dokumente gibt, wie z.B. einen eindeutigen schriftlichen Angriffsbefehl der ukrainischen Regierung“
    Es gab sehr wohl ein Gesetz der ukrainischen Regierung, ganz aktuell von Anfang 2021, in dem angeordnet wurde, daß alle Teile der staatlichen Exekutive eine Rückeroberung des Donbass und der Krim, auch militärisch, vorzubereiten haben. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr an die Nummer (es war irgendetwas im 900er Bereich? Müsste ich nochmal raussuchen.).
    Das war eine öffentliche Ankündigung: wir legen los. Jeder konnte das lesen, natürlich auch die russische Regierung. Und die Verzehnfachung des Artilleriebeschusses auf den Donbass im Februar in den Tagen vor dem Start war Angriffsvorbereitung.

  6. Ein gutes Zeichen, dass Philosophen in der aktuellen Situation uns etwas zu sagen haben, liefert Michael Andrick mit seiner Kollumne in der Berliner Zeitung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert