Impressionen aus England nach dem Tode der Queen

Trauer um Elisabeth II.
Trauernde am Todestag vor dem Buckingham Palace. Bild: Katie Chan/CC BY-SA-4.0

Erste Eindrücke von der Trauerwoche in England. Die Trauer spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab.

 

Diese Zeilen schreibe ich während eines Ferienaufenthalts in England. Höchst überrascht war ich, als eine langjährige englische Freundin bei der Verkündigung des Todes der Königin zu schluchzen begann. Sie ist keine Royalistin und weinte dennoch über den Tod der betagten Monarchin, deren Hinscheiden für sie keine Überraschung sein konnte. Als ich später mit ihr darüber sprach, erklärte sie ihre emotionale Aufwallung damit, dass Königin Elizabeth immer schon “Teil ihres Lebens” gewesen sei. Gemeint war, dass sie an der Spitze des Landes stand, in welchem sie geboren wurde und jahrzehntelang lebt. Die Königin war ein nicht wegzudenkender Teil ihres Englisch-Seins.

In der Tat müssen sich jene, denen die “Trauer” um die Queen auf die Nerven geht, klarmachen, dass viele Menschen mit ihr vor allem etwas an sich selbst betrauern; Trauer um geliebte Menschen wird stets von den Hinterbliebenen getragen und somit belangt sie vor allem sie selbst und weniger den Toten; es ist das persönliche, von je eigenen Bedürfnissen getragene Verhältnis zum Betrauerten, den die Trauer zum Inhalt hat.

Nun wird man einwenden wollen, dass die exzessive Trauer um eine hochbetagte Königin, gemessen an den wirklich gravierenden Katastrophen, um die es momentan in der Welt zu gehen hätte, inadäquat erscheinen muss. Das stimmt, aber so funktioniert es nun einmal nicht – bei keinem von uns. Was es in der Welt zu betrauern bzw. zu bekämpfen gilt, gehört für gewöhnlich zum Hintergrundrepertoire unseres Bewusstseins. Wir verdrängen das Allermeiste, um überhaupt überleben zu können. Das hat etwas mit der eigenen Ohnmacht gegenüber dem immerwährenden katastrophischen falsch Bestehenden zu tun, aber auch damit, dass zwischen der abstrakten Kritik am Bestehenden (so konkret sie sich auch formulieren mag) und der emotionalen Intensität der Betroffenheit durch das, was uns “in unserem Leben” persönlich erschüttert (der Tod von geliebten Menschen etwa), eine kaum überwindbare Diskrepanz besteht. Krass ausgedrückt: Der Schmerz über den Tod eines Hundes oder einer Katze, die über viele Jahre “Teil der Familie” waren, wird beim Anblick von Bildern der Opfer von Hungersnöten in Afrika nicht relativiert, seine Intensität erhält sich, solange der Trauerprozess nicht abgeschlossen ist.

Kontinuität beruhigt

Was hat es aber zu bedeuten, dass man überhaupt ein Staatsoberhaupt als “Teil des eigenen Lebens” wahrnimmt und empfindet (ungeachtet der Tatsache, dass es objektiv der Fall war/ist)? Ganz gewiss spielt dabei Autoritätsabhängigkeit eine gewisse Rolle – ob nun Queen oder ermordeter Premier (Rabin) bzw. Präsident (Kennedy), es wird dem eigenen Leben etwas entwendet, das sich lebensgeschichtlich als ein psychisches Bedürfnis herausgebildet und gleichsam etabliert hat. Die politische Gesinnung spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Man denke da an Alexander und Margarete Mitscherlichs Buch ”Die Unfähigkeit zu trauern”, in welchem sie die Schwierigkeit von (Nazi-)Deutschen darlegten, Hitler zu überwinden. Man erinnere sich aber auch an die Erschütterung und anhaltende Trauer von israelischen Kibbutz-Sozialisten beim Tode Joseph Stalins im Jahre 1953. Die Queen war für viele Briten, die mit dem Royalismus als politischem Bekenntnis nicht unbedingt sehr viel im Sinne haben, auch ein Stück “Mutter”.

Diese Vorstellung hat sich mutatis mutandis in der allgemeinen politischen Kultur der Moderne eingefräst: So wie “der Staat” (in der klassischen liberalen Auffassung) über den politischen Parteikonflikten bzw. den sozialen Kämpfen zu bestehen hat, so gilt es auch für das Staatsoberhaupt – ob als konstitutioneller Monarch oder als Staatspräsident, wie in Deutschland oder Israel – “über den Dingen” des politischen Tagesgeschäfts zu stehen, sozusagen als unparteiische Instanz des gesamten Staatsapparats. Das u.a. ist mit der Apostrophierung der Queen als Verkörperung der Kontinuität über sieben Jahrzehnte gemeint. Kontinuität beruhigt, suggeriert eine Art von Sicherheit, sie ist ein (wie immer chimärenhafter) Garant des schieren Fortbestehens, dessen die BürgerInnen eines Staates, besonders in Krisenzeiten, offenbar bedürfen.

Verunsicherung der Briten

Die Trauer um die gestorbene Queen belangt, so besehen, auch die Verunsicherung vieler Bürgerinnen und Bürger Englands angesichts des politisch-sozialen prekären Zustands ihres Landes. Der Regierungswechsel drei Tage vor dem Tod der Monarchin erfolgte infolge der Abwahl eines mehrfach der Lüge gezeihten clownesken Premierministers und der Ernennung seiner gewählten Nachfolgerin, die, wie Erhebungen bezeugen, über 50% der englischen BügerInnen nicht und nur 23% haben wollen. Die Wahl von Liz Truss ist das Resultat eines Machtkampfes innerhalb der Tory-Partei. Eine deutliche Mehrzahl der Abgeordneten drängte auf die Entmachtung Boris Johnsons, weil sie in ihren Wahlbezirken die Wirkung seiner öffentlichen Eskapaden (einschließlich des Belügens der Königin) zu spüren bekamen.

Truss, die erklärtermaßen Margaret Thatcher als ihr Vorbild sieht, ging als Siegerin hervor. Sie steht vor erheblichen Problemen, die sie sehr bald zu bewältigen haben wird: die zu erwartende immense Erhöhung der Energiepreise vor dem Winter, die Drosselung der bedrohlich angestiegenen Lebenshaltungskosten, den desolaten Zustand des englischen Gesundheitssystems, die nach und nach spürbaren Folgen des Brexits (besonders im landwirtschaftlichen Bereich) und einiges mehr, wobei die Finanzierungsfrage bei der Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen zum heißen, infolge des Todes der Queen vertagten parlamentarischen Kampf mit der Labour-Partei führen wird. Englische Kommentatoren prophezeien Liz Truss keinen Erfolg für die verbliebenen zwei Jahren bis zur nächsten Wahl. Nur wenige glauben, dass die Tories die nächste Wahl gewinnen werden. Was freilich Labour dann aufzubieten haben wird, steht zur Zeit noch in den Sternen.

England trauert. Charles ist bereits zum König ernannt worden. Man hat ihm offenbar die “Verfehlungen” in der Vergangenheit “verziehen”; auch seine seinerzeit zutiefst verhasste Gemahlin Camilla steht heute anders da als noch vor einigen Jahren, nicht zuletzt, weil sie eben die queen consort, Frau des amtierenden Königs, ist. In der Trauerwoche hat sich die in mancher Hinsicht dysfunktionale königliche Familie konsolidiert, aber ob Charles künftig die Fähigkeit aufweisen wird, sie kraft seiner Autorität zusammenzuhalten, wird sich erst erweisen müssen. Schon seine Mutter hatte es in dieser Hinsicht nicht leicht. Auch darum betrauert man den finale Abgang der Queen. Den Engländern, jedenfalls den meisten von ihnen, ist das wichtig.

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9 Kommentare

  1. Bei dieser gigantischen Betroffenheitsorgie bricht nur die Angst vor dem durch, was nun noch alles kommen könnte.

    Corona, Krieg, Inflation, Arbeitslosigkeit, Armut, Energiekrise ….. kein Licht am Ende des Tunnels, es ist zum Heulen

    1. Seit dem der Kaiser Fahnenflucht begangen hat. Gibt’s in Deutschland keine echte Staatstrauer mehr. Bis auf die Kurze Zeit der kollektiven Wut über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

      Bizarre Betroffenheitsorgien für echte Untertanen sind in Deutschland der Schadenfreude gewichen.

  2. Sehr schön, wie Moshe Zuckermann hier beschreibt, wie es sich in England auch verhalten kann. Dabei ist es mir nicht unbekannt, als Willy Brandt gestorben ist, war ich ergriffen von Trauer.
    Mein heutiger Blick auf England und die ganzen Menschenmassen, die Stundenland gewartet haben, um am Sarg vorbeizugehen, haben mir nur ein müdes Lächeln abgerungen.
    Auch sonstige Berichte aus dem TV dazu.
    Aber ich kann der Beschreibung Zuckermann gut verstehen und folge dem. Ich sage auch danke dafür, weil es mir wieder gezeigt hat, wie sehr der Alltag vieles verschüttet und mich unfair sein lässt.

  3. *Den Engländern, jedenfalls den meisten von ihnen, ist das wichtig. *

    Ja, so ist das wohl. Während eines mehrwöchigen buddhistischen Meditationsprogramms in Frankreich habe ich mal eine Engländerin kennengelernt, eine wirklich intelligente, moderne und weltoffene Frau. Am Tag nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana traf ich sie und sie war in Tränen aufgelöst. Ich fragte: Warum weinst du denn DESWEGEN? Das passt doch so gar nicht zu dir. Ihre Antwort: Ach, du wirst niemals verstehen, wie es ist in einer Monarchie aufzuwachsen.

    Lassen wir die Briten doch Briten sein. Man muss nicht alles verstehen oder gar besser wissen wollen.

    1. @Jinpa
      Sehe ich auch so. 😉
      übrigens das Ende der britischen Monarchie würde schon damals vorausgesagt – Bei dem Tod von Lady Di und der damaligen Diskussion um die Todesumstände und dem Umgang der britischen Royals mit diesem schrecklichen Ereignis. Ein Skandal, aber längst aufgearbeitet und vergessen – Hätte ich damals jemandem gesagt, das Prinz Charles einmal Charles III und König wäre man hätte mich in die Zwangsjacke gesteckt. Gruß Bernie

      1. Ich halte es übrigens für einen Fehler Prinz Charles zum KIng Charles III zu krönen – mein heimlicher Favorit für die Nachfolge ist der wesentlich beliebtere und jüngere Kronprinz William, der Sohn von Diana. Gruß Bernie

  4. Das ist individual- und volkspsychologisch sicher richtig gesehen. Dennoch erklärt es nur einen Teil des zu beobachtenden Idolatrie-Exzesses. Die In-Szene-Setzung der schon vor Jahrzehnten konzipierten Huldigung trägt viel dazu bei. Mit anderen Worten – der Exzess ist gewollt und wird nach Kräften geschürt. Auf das harmloseste Widerwort wird repressiv reagiert, ‚Not my king‘ auf einem Plakätchen, schon verhaftet. Und der ‚Oppositions’führer Starmer rechtfertigt das dann auch noch. Von diesem Mann, das nebenbei, ist ganz gewiss keine Opposition gegen die ultra-neoliberale Wirtschaftsordnung Britanniens und ihrer royal unterfütterten Klassenherrschaft zu erwarten. Sollte er eines Tages Premier werden, wird das für die britische Bevölkerung keine Erleichterung sein.

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