Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Haredi-Rabbis und Schüler. Bild: CC BY-SA-3.0/ דודי פרידמן

Wie hängen die historischen Voraussetzungen des Zionismus, der Stellenwert der Religion im Zionismus und die Symbiose von Messianismus und Zionismus zusammen? Anmerkungen zur Anatomie der Widersprüche.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen darf für die Grundmatrix der conditio humana erachtet werden. Als denkendes, mithin erinnerndes, aber auch planendes Wesen lebt der Mensch stets im Vergangenen, wie er denn auch aufs Zukünftige ausgerichtet ist. Die sogenannte Gegenwart erlebt er immer als ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen dem Angetriebensein durchs bereits Erfahrene und der Angezogenheit vom Bevorstehenden. Hoffnung oder Angst vor dem künftig Anstehenden sind nicht minder Teil seines Gegenwärtigen als die (wie immer konnotierten) Auswirkungen von bereits Erlebtem. Er lebt zwischen dem, was er nicht mehr ist, und dem, was er noch nicht zu sein vermag.

Dieses Grundverhältnis herrscht nicht nur im einzelmenschlichen Dasein, sondern es kennzeichnet auch menschliche Kollektive. Die Geschichte eines Gemeinwesens bestimmt nicht nur seine materielle Wirklichkeit in der Gegenwart, sondern formt auch die Grundkoordinaten seiner Ausrichtung: Seine sogenannte Identität erweist sich zumeist als eine Melange aus real Erfahrenem, mythisch beseelten Sinnwelten und ideologisch geformten, zum hegemonialen Konsens gerinnenden Glaubenssätzen und Doktrinen. Der Fall des aus dem Zionismus hervorgegangenen modernen Israels sei hier als ein Paradebeispiel erörtert.

Historische Voraussetzungen des Zionismus

„In Basel habe ich den Judenstaat gegründet“. Schon in diesem bekannten Diktum Theodor Herzls, des bedeutenden Gründervaters des modernen politischen Zionismus, ist ein gravierendes Moment des Ungleichzeitigen angelegt. Denn geäußert hat es Herzl lange, bevor dieser „Judenstaat“ errichtet wurde, und an einem Ort weit entfernt vom Territorium, auf welchem dieser Staat nachmals gegründet werden sollte. Dies hatte spezifische historische, für den hier erörterten Zusammenhang relevante Gründe. Denn im Gegensatz zu allen anderen nationalen Befreiungsbewegungen und den aus ihnen generierten Nationalstaatsbildungen im Europa des 19. Jahrhunderts (die den Zionismus inspirierten) mangelte es dem Zionismus an drei Grundvoraussetzungen, die allen, wie immer verschieden sich entfaltenden europäischen Nationalismen zu eigen waren: Zum Zeitpunkt seiner Heraufkunft gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Platzhalter des Zionismus (bzw. der zionistischen Ideologie) weder im Besitz des Territoriums, auf welchem sie einen Staat hätten gründen können, noch waren sie Führer eines soziologisch homogenen Kollektivs, welches den gegründeten Staat hätten bevölkern sollen. Nicht einmal die kulturelle Einheit einer verbindlichen Nationalsprache konnte damals aufgewiesen werden; ein heftiger Sprachkrieg zwischen Jiddisch und dem erst noch zu modernisierenden Hebräisch (mithin der altertümlichen Bibelsprache) musste erst noch ausgefochtenen werden, ehe Hebräisch als Sieger aus dieser kulturellen Kontroverse hervorging.

Der Mangel besagter Voraussetzungen erklärte sich aus den Strukturverhältnissen des jüdisch-diasporischen Daseins. Während des jahrhundertealten Exils waren Juden auf allen Kontinenten in aller Herren Länder verstreut. Als Bindeglied für das, was man als das „jüdische Volk“ zu apostrophieren pflegt, fungierte primär die Religion. Denn wenn schon die Begegnung von Juden Osteuropas mit dem deutschen jüdischen Bürgertum (also europäischer Juden) zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Spannungen und Animositäten gezeichnet war, kann man sich unschwer vorstellen, wie eine solche Begegnung zwischen Juden aschkenasischer und orientalischer Provenienz verlaufen wäre, wenn sie in den Anfangsphasen des Zionismus zustande gekommen wäre. Als sie sich späterhin im Staate Israel ereignete, verlief sie problematisch, und bis zum heutigen Tag ist die israelische Gesellschaft von einem nicht überwundenen innerjüdischen ethnischen Spannungs- und Konfliktverhältnis gebeutelt.

Dass es in Israel zu dieser ethnischen Zusammenkunft überhaupt kam, hing mit den Geschichtsverläufen der Juden im 20. Jahrhundert zusammen. Denn es muss davon ausgegangen werden, dass der politische (vom traditionellen, religiös motivierten zu unterscheidende) Zionismus ein im Wesen europäisches Projekt der Moderne war. Er konnte erst in die Welt kommen, als das Judentum selbst eine historische Wende der Aufklärung erfuhr (Haskala), die dem orthodoxen jüdischen Religionsverständnis den Rücken kehrte und den Auszug aus den jüdischen Ghetto- und Stetel-Lebenswelten in die sich formierende nichtjüdische bürgerliche Gesellschaft bewirkte. Die Reform der jüdischen Religion bzw. Säkularisierung von Teilen des europäischen Judentums öffnete den Juden Europas neue Gestaltungsmöglichkeiten ihres Lebens in ihren jeweiligen Gesellschaften, was zum einen zunehmende Assimilationsbestrebungen zeitigte, zum anderen aber – der dialektischen Logik der Vermengung folgend – die Juden mit einem neuen gravierenden Problem konfrontierte: dem des modernen, nicht mehr primär religiös motivierten Antisemitismus.

So besehen, war das zionistische Projekt seinem Wesen nach reaktiv. Es ist in vielerlei Hinsicht als nationale Lösung für die im 19. Jahrhundert als das „jüdische Problem“ apostrophierte Frage einer möglichen jüdischen Assimilation an die bürgerliche Gesellschaft zu verstehen. Der Zionismus ging davon aus, dass die Assimilation nicht möglich sei, mithin dass das diasporische Leben den Juden ein degeneriertes, von Verfolgung geprägtes Dasein ohne souveräne Selbstbestimmung aufzwinge, aus welchem es sich zu emanzipieren gelte, wobei die nationalstaatliche Lösung ihm als die einzig mögliche erschien.

Zwei Momente müssen hierbei beachtet werden. Zum einen verstand sich der Zionismus zwar als eine säkulare sozio-politische Bewegung, in den Anfängen gar sozialistisch ausgerichtet. Zugleich konnte er sich aber nicht leisten, die Religion aus seinem kulturellen Selbstverständnis gänzlich auszublenden; den Grund dafür gilt es im Folgenden zu erörtern. Zum anderen wies der Zionismus, wie gesagt, auch nicht die materiellen Voraussetzungen zur Verwirklichung der ihm vorschwebenden Lösung des „jüdischen Problems“, namentlich die Errichtung eines „Judenstaates“ auf einem von einem jüdischen Kollektiv bevölkerten Territorium. Auch dies muss im gleichen Zusammenhang reflektiert werden.

Funktion der Religion

Wie bereits erwähnt, bildete die Religion den Kitt der in der aller Welt versprengten, somit also lebensweltlich voneinander getrennten jüdischen Gemeinden. Im Ritus erfuhr man gleichsam den abstrakten Verbund mit allen „Söhnen Israels“, wo immer sie lebten. Denn darin manifestierte sich das theologische Grundverständnis, wonach im Judentum Volk, Religion und Nation dem Bund gemäß, welchen das „auserwählte Volk“ mit Gott eingegangen ist, ineins zu setzen seien. Damit hatte der säkulare Zionismus zwar nicht viel im Sinn.

Gleichwohl konnte er die Religion nicht nur als das positive strukturelle Bindeglied des diasporischen Judentums gebrauchen, sondern auch als Garant seiner Kontinuität. Denn wenn man im Exil quasi „aus der Geschichte gefallen“ war, durfte man mit Berufung auf die alttestamentarische Erzählung den Anspruch auf das Land erheben, aus dem man exiliert worden war. Nicht von ungefähr fiel die Wahl des Territoriums, auf welchem der moderne Staat Israel errichtet werden sollte, nach einigem Hin und Her auf Eretz Israel (das Land Israel), also das biblische, von Gott dem Volke Israel verheißene „Land der Urväter“. Nicht zufällig fiel auch im erwähnten Sprachkrieg die Entscheidung auf das (freilich erst noch zu modernisierende) Hebräisch, mithin die Sprache der Heiligen Schrift, die gleichfalls als „Beleg“ für die kulturelle Kontinuität des aus seiner altertümlichen Geschichte herausgerissenen jüdischen Volkes herangezogen werden mochte.

Es waren also funktional verwendete ideologische Gründe, die der Integration der Religion in den säkular sich wähnenden modernen Zionismus zugrunde lagen. Und doch handelte es sich um mehr als nur um ein pro-forma-Unterfangen. Denn im später gegründeten Staat Israel hat die Trennung von Staat und Religion im Sinne moderner demokratischer Nationalstaaten nie konsequent stattgefunden: Vieles im öffentlichen Leben richtet sich nach dem jüdischen Kalender und den vielen ihn strukturierenden religiösen Feiertagen. So auch Wesentliches, was den (vom Innenministerium politisch verwalteten) Personenstand anbelangt.

Vor allem ist aber der Anspruch auf die Staatszugehörigkeit letztlich religiös bestimmt: Israel ist seiner Bestimmung nach ein Einwanderungsland, aber das Anrecht auf Einwanderung haben nur Juden, und ihr Judentum wird nach religiösem Richtlinien definiert und geprüft: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder eine halachische (orthodoxe) Konversion zum Judentum begangen hat.

Das hat(te) nicht viel mit den in Herzls „Judenstaat“ ausgeführten Vorstellungen zu tun, umso mehr dafür mit dem strukturellen Dilemma, dem sich der Zionismus in seinen Anfängen ausgesetzt sah. Denn insofern ihm die „Negation der Diapora“ das zentrale Postulats seines praktischen Anliegens war, musste er einen gemeinsamen Nenner für die heterogen zerfallenen, vor allem aber territorial gespaltenen und – daraus folgend – einander oft entfremdeten Juden, die er im künftig zu gründenden Staat zu versammeln trachtete, aufzeigen.

Dieser gemeinsame Nenner konnte ex negativo mit der äußeren Bedrohung des Judentums durch den sich verbreitenden Antisemitismus angezeigt werden, was aber für die kulturelle und letztlich politische Identitätsbildung nicht auszureichen vermag; heteronome Selbstbestimmung ist eben keine. Wenn der gemeinsame Nenner aber positiv zu bestimmen war, so bot sich vor allem die Religion als besagte Kittfunktion an. Dies hätte in vormodernen Zeiten kein Problem dargestellt; jüdische Gemeinden prämoderner Phasen in Ost und West waren stets religiös eingefasst, was beim Judentum als einer Gebotseinhaltungsreligion tiefe Auswirkungen auf die Lebenswelten und den Alltagshabitus der Gemeinden hatte.

Aber beim säkularisierten Judentum der bürgerlichen Emanzipation in der Ära der Haskala und der Abwendung von der halachischen Welt wies diese Adaption der Religion einen eher instrumentell-ideologischen Charakter auf. Es ging mehr um die Wahrung der Tardition um der Kontinuität willen als um den genuinen religiösen Glauben. Umso erstaunlicher, daß man gerade die streng orthodoxe Ausformung des Judentums zum Sachwalter des Religiösen im Zionismus kürte – dies umso mehr so, als die radikalsten Strömungen im orthodoxen Judentum emphatisch antizionistisch eingestellt waren bzw. immer noch sind.

Die religiösen Strömungen

Der Grund hierfür liegt in der orthodoxen Vorstellung, dass das Exil erst dann beendet, mithin das alte Königreich Israel wiedererrichtet werden wird, wenn der Messias angekommen ist. Dass er noch nicht angekommen ist, erweist sich nicht zuletzt daran, dass das gesamte Volk Israels noch nicht im Heiligen Land versammelt bzw. zu großen Teilen noch immer in der Diaspora lebt. Der messianische Gedanke des Noch-nicht und des Zu-Erwartenden gilt der jüdischen Orthodoxie als ein zentrales Postulat, welches strengstens befolgt werden muss. Darin sieht sie das Judentum vom Christentum geschieden; darin versteht sie sich auch als nicht- bzw. antizionistisch. Für die radikalsten unter ihnen war der schiere Gedanke der Errichtung eines modernen Staates Israel vor Ankunft des Messias dermaßen verwerflich (mithin gegen den göttlichen Willen gerichtet), dass sie sogar den Holocaust als Gottes Bestrafung des jüdischen Volkes für das begangene Sakrileg zu deuten geneigt waren.

Demgegenüber bildete sich bereits in der vorstaatlichen Ära im religiösen Lager des Zionismus eine gegenläufige Bewegung, die der sogenannten Nationalreligiösen. Ihre Führer bemühten sich um eine Art Quadratur des Kreises, indem sie die Versöhnung von Zionismus und Messianismus zum Gegenstand ihres ideologischen Denkens und ihrer Handlungspraxis erhoben. Wohl wahr sei es, dass die endgültige Erlösung des jüdischen Volkes erst mit der Ankunft des Messias erfolgen werde; aber dass er offenbar bereits unterwegs sei, erweise sich gerade daran, dass der Zionismus in die Welt gekommen sei, mithin der Erlösungsprozess schon historisch im Gange sei.

So sehr brannte diese Ausrichtung aufs geschichtlich Belegbare in den Seelen dieser sowohl heilserwartenden als auch aktionistisch motivierten Protagonisten des religiös begründeten Zionismus, dass man die Eroberungen im 1967er Krieg, allen voran die des Westjordanlandes, als einen weiteren Schritt im Prozess der nahenden Erlösung deutete. Man lebe „im Angesicht des Messias“ („paamej Meschiach“) lautete nunmehr die theologisch formulierte ideologische Parole, welche freilich den Orthodoxen Israels umso mehr zuwider sein musste.

Gewichtiger freilich als der religiöse Streit mit der Orthodoxie – und von besonderer Bedeutung für den hier erörterten Zusammenhang – war, dass sich dieses ideologische Moment in eine handfeste materielle Praxis übersetzte. Während die säkularen israelischen Regierungen in den ersten Jahren nach dem 1967er Krieg die besetzten Gebiete als Faustpfand Israels bei künftigen Friedensgesprächen ansah, galt den zunehmend radikalisierten Nationalreligiösen (allen voran ihren von charismatischen Rabbinern angeleiteten Jugendbewegungen) das eroberte Land mitnichten als etwas politisch Verhandelbares – sie sahen es als das dem jüdischen Volk von Gott verheißene Land an, welches auf keinen Fall an Nichtjuden abgetreten werden dürfe („Eher umkommen, als die Übertretung zulassen“, hieß der entsprechende rabbinische Schiedsspruch).

Die Okkupation

Die Folge war die in beschleunigtem Tempo vorangetriebene Besiedlung aller besetzten Gebiete, wobei allerdings, wie gesagt, das Westjordanland als das eigentliche „Land der Urväter“ eine Sonderstellung einnahm. Das demnächst 50 Jahre alte Okkupationsregime, das Israel in der Westbank praktiziert, sollte sich gerade im Hinblick auf das immense, sich stets verbreitende Siedlungswerk als struktureller Hauptgrund für die historische Sackgasse erweisen, in welche sich der Zionismus hineinmanövriert hat: Die lippenbekenntnishaft proklamierte Zwei-Staaten-Lösung (die Errichtung eines souveränen palästinensischen Staates neben dem existierenden israelischen) ist im Wortsinne solchermaßen verbaut worden, dass es mehr als fraglich erscheinen mag, ob diese Lösung überhaupt noch verwirklichbar ist.

Lässt man sich indes auf dieser Lösung nicht ein, dann ist damit Israels Problem keineswegs aus der Welt geschaffen. Denn die Stagnation in der politischen Friedenssuche bei gleichzeitigem Ausbau des Siedlungswerks bedeutet ja nichts anderes, als dass real (objektiv, über alles subjektive Selbstverständnis hinaus) eine binationale Struktur entstehen (bzw. bereits entstanden ist), die entweder demokratisch abgesegnet werden kann – was aber zumindest in Israel so gut wie niemand will – oder aber passiv hingenommen wird unter Beibehaltung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse, was mittelfristig auf nichts anderes als einen offiziell proklamierten Apartheidstaat hinauslaufen muss.

Nimmt man in Kauf, dass alle israelischen Regierungen seit Mitte der 1970er Jahren das Siedlungswerk materiell gefördert haben, mithin die zunächst noch randständigen messianischen Bewegungen von Anbeginn eine (nicht immer offiziell eingestandene) Unterstützung von Regierungsseite erfuhren, kann man erst ermessen, zu welchem bestimmenden Faktor die Religion in Israels politischer Kultur geronnen ist.

Dass das Siedlungswerk mittlerweile zu einer Art Staat im Staat avanciert ist, darf als evident gelten. Dass die parlamentarischen Träger dieser „außerparlamentarischen“ Bewegung inzwischen mit am Regierungshebel sitzen, markiert nur, was strukturell immer schon in der israelischen Politpraxis angelegt war. Die ursprünglich aus instrumentellen ideologischen Gründen durch die Hintertür in den Zionismus eingeschleuste Religion hat sich in einem dialektischen Aufhebungsprozess als Träger dessen gezeigt, was möglicherweise das Wesen des Zionismus ausmacht: Religion also nicht nur als funktionales Beiwerk des historischen zionistischen Projekts, sondern als konstitutives Moment der Errichtung eines „Judenstaates“ (über Theodor Herzls ursprünglicher Intention und Anspruch hinausgehend). Religion also als verleugneter Faktor der modernen säkularisierten jüdischen Emanzipation.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Darin ist das kollektive Ungleichzeitige im Gleichzeitigen des Zionismus und des zionistischen Staates Israel zu sehen. Der Zionismus war und verstand sich auch primär als ein Projekt der Moderne, welches ein von der europäischen Moderne dem Judentum aufgeworfenes Problem lösen sollte: Wie der Antisemitismus (zu unterscheiden vom religiös motivierten traditionellen Judenhass) ein Phänomen des bürgerlichen Zeitalters war, gestaltete sich auch die zentrale Antwort der Juden auf die von ihm gestellte Herausforderung mit den Mitteln der bürgerlichen Moderne – der nationalstaatlichen Emanzipation.

Darin (und in seinen anfangs praktizierten sozialistischen Tendenzen) sah sich der Zionismus d’accord mit dem (auch negativen) Zeitgeist, der ihn hervorgebracht hatte. Da er aber die materiellen Voraussetzungen für die nationalstaatliche Lösung der „Judenfrage“ – eigenes Territorium, nationales Kollektiv, gemeinsame Sprache – aus historisch bedingten Gründen nicht aufweisen konnte, rekrutierte er zur Schaffung und Verfestigung dieser Voraussetzungen die antike Geschichte, archaische Mythen und religiöse Glaubenssätze.

Nicht, dass dies bei anderen nationalen Befreiungsbewegungen nicht gängige Praxis gewesen wäre: die Beschwörung des ehrwürdigen Bildes der altrömischen Republik gehörte zum pathoserfüllten rhetorischen Repertoire jakobinischer Revolutionäre im französischen Konvent. Aber im Fall des Zionismus erfüllte die Anknüpfung ans Vergangene nicht nur die ideologische Funktion der Selbstbestätigung, sondern ermöglichte den im Wesen regressiven, gleichwohl notwendigen Brückenschlag zur (vermeintliche) Kontinuität wahrenden Vergangenheit. Dass damit einer Chimäre das Wort geredet wurde, sollte in der Realität zu dem heranwachsen, was den seit mehr als hundert Jahren fortwährenden Nahostkonflikt ausmacht.

Aber das eigentliche Ungleichzeitige im Gleichzeitigen schlug sich im dargelegten Eingang der Religion in den Zionismus nieder. Denn wenn Religion in der Moderne trotz merklicher Säkularisierungsprozesse nie ganz aus der bürgerlichen Gesellschaft gewichen war, so verstand sich die Ausrichtung des modernen Nationalstaates doch als nicht religiös bzw. nicht wesentlich von der Religion bestimmt, mithin als ein von der Religion getrenntes Gemeinwesen.

So sah sich auch der Zionismus in seinen Anfängen. Zwar gedachte er nie, der Religion vollends zu entsagen, und doch sah er sich als Aufstand gegen die halachische Welt, die er als diasporische zu negieren trachtete. Es waren indes seine eigenen defizitären historischen Prädispositionen (als nationale Befreiungsbewegung), die ihn dazu zwangen, der Religion, von der man sich vorgeblich abgewandt hatte, durch die Hintertür wieder Eingang zu gewähren. Und die Geister, die man rief, wurde man nicht mehr los.

Denn wahrte das (ultra)orthodoxe Judentum gebührende Distanz zum Zionismus, ganz im Sinne des zwischen beiden herrschenden Konflikts, so wurde diese Distanz durch die nachgerade sophistische Synthese zwischen Orthodoxie und Zionismus, die die nationalreligiöse Ideologie herstellte, aufgehoben. So hielt denn die Religion ihren endgültigen Einzug in Israels politische Kultur, und zwar nicht nur als integrierte Institution zur gängigen Erfüllung religiöser Bedürfnisse eines Teils der israelischen Bevölkerung, sondern als zunehmend bestimmender Faktor der israelischen Politik.

Dass das Siedlungswerk nicht nur von seinen realen Platzhaltern, sondern auch von vielen Bürgern Israels nicht für eine repressive Okkupationspraxis erachtet wird, ist in vielerlei Hinsicht horrend genug. Dass dies aber im modernen Staat Israel als Gottes Wille und Verheißung gedeutet wird und sich zur handfesten politischen Ideologie verfestigt hat, lässt das Ungleichzeitige im Gleichzeitigen zur schicksalsträchtigen nationalen Katastrophe gerinnen.

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2 Kommentare

  1. Eine stringente und aufschlussreiche Darstellung, die den Hintergrund, oder besser den ideologischen Überbau des de facto imperialistischen Verhaltens Israels verständlich macht.

    Eine Auflösung dieses wahrhaft gordischen Knotens ist wohl nur als Folge der globalen Überwindung der Konzeption des Nationalstaates denkbar.

    1. Und hier machts sich die Linke etwas zu einfach. Das Konzept des Nationalstaates war/ist genuin links.

      Was soll den konkret nach diesen kommen ?
      Das nächste Punk – Konzert ?

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