Fluchtziel Warszawa Wschodnia   (Ostbahnhof Warschau)

Auf dem Schild von Viktoria steht „Hilfe für Ukrainer“. Bild: Jens Mattern

Bericht aus Polen, das die vor dem Krieg flüchtenden Ukrainer aufnimmt:  „Wir nehmen alle auf“

Im Warszawa Wschodnia wird der Zug aus Kiew wird erwartet, schon seit über fünf Stunden. In der Bahnhofshalle stehen die Wartenden mit Schildern, nicht allen sind die Ankommenden bekannt. Wie etwa Alina, eine junge Frau die abwechselnd auf ihr Smartphone und die polnische wie russische Digitalanzeige von „Ankunft“ schaut.

Sie selbst ist Weißrussin, ihr Verlobter Ukrainer, der sich den Streitkräften angeschlossen und sie gebeten hat, seine Bekannten zu empfangen und ihnen bei der Unterkunft zu helfen.

„Ich könnte nicht einfach nichts zu tun“, meint Viktoria, Ende zwanzig, die mit einer Leuchtweste und dem Schild „Hilfe für Ukrainer“ nach Landsleuten ausschaut.  In die Ukraine zu ihrer Familie zurückzu kehren, das würde sie sich jedoch nicht trauen. sie ist eine von rund zwanzig ukrainischen und polnischen Freiwilligen im Auftrag der Stadt, die in der Bahnhofshalle Hilfe anbieten

„Die meisten wollen vor allem eine heiße Dusche. Wir weisen sie darauf hin, dass sie sich innerhalb von 14 Tagen auf dem Ausländeramt melden müssen“, sagt Viktoria über die Ankommenden. Die Helferin spricht später mit einem nervösen Mann mit Militärrucksack, er will den Abendzug nach Kiew nehmen, und sich den Streitkräften anschließen, obwohl die ukrainische Hauptstadt mittlerweile eingekesselt ist.

Ukrainische Männer im Ausland sind von Kiew aufgefordert, sich den kämpfenden Truppen anzuschließen. Männern vom 18. bis 60. Lebensjahr ist es wiederum auf Dekret des Staatspräsidenten Wlodymir Selenskyj nicht erlaubt, das Staatsgebiet verlassen.

Bild: Jens Mattern

Der eintreffende Zug aus Kiew ruft jedoch nicht nur Idealisten auf den Plan. Die Helfer werden von zwei korpulenten Männern angegangen, die diese als Mittler wollen – für „hundertprozentige legale Arbeit“ für die ankommenden Ukrainerinnen.

Doch Warschau zeigt sich sonst uneigennützig und solidarisch. Auf den Gebäuden flimmern die Nationalfarben Blau-Gelb, Kinder halten beim Schulgang die ukrainische Flagge in der Hand, und auch von Bussen und Straßenbahnen flattert sie, mit denen ukrainische Staatsbürger kostenlos fahren dürfen.

Doch als deutscher Staatsbürger wird man schon mal schief angeschaut, vor allem von Polen. „Und was macht ihr da wieder in Deutschland, macht auf Kumpel mit Putin, he?“, fragt ein Koordinator der Stadt, ein korpulenter Mann um die fünfzig. Dass die Regierung in Berlin sich bei den Sanktionen und Waffenlieferungen lange sträubte, wird an der Weichsel nicht begrüßt.

Schließlich, nach fast sechs Stunden Verspätung, rollt der Zug aus Kiew ein, aus den überfüllten Wagons strömen die Frauen und Kinder auf den Bahnsteig. Manche mit eleganten Rollkoffern, manche mit improvisiert befestigten Taschen auf Gestellen, und einige mit Tränen in den Augen.

„Unsere Kinder leiden sehr“, meint eine Frau in Lammfelljacke und mit langen schwarzen Haaren, welche mit ihrer kleinen Tochter und der Mutter mit Kopftuch Auskunft gibt. „Danke Polen!“

Die Hilfsbereitschaft vieler Polen ist groß. „Wenn Sie zu lange warten müssen, dann rufen Sie uns an“, sagen zwei ältere Frauen zu einer erschöpften Ukrainerin, die mit ihnen mit dem Regionalzug zur Koordinationsstelle für Unterkünfte am Westbahnhof fährt und nervös nach Taschentüchern für ihren sechsjährigen Sohn sucht. Ihre Flucht war überhastet, sie hat gerade mal zwei Schulranzen als Gepäck dabei.

Nach einer Umfrage sind 60 Prozent der Polen für eine Aufnahme aller ukrainischer Flüchtlinge, 35 Prozent meinen, dass nur die wirklich Bedürftigen aufgenommen werden können. Polen ist wiederum für viele Ukrainer aufgrund der geografischen und auch der sprachlichen Nähe das wichtigste Zielland, zumal dort schon 1,5 Millionen Ukrainer leben. Der polnische Grenzschutz zählt 377.000 Grenzübertritte aus der Ukraine seit dem russischen Angriffskrieg am 24. Februar.

„Wir nehmen alle auf“, ist die Devise der Behörden, an den neun Straßengrenzübergängen gibt es derzeit keine Formalitäten-Hickhack. Dennoch sind dort die Schlangen von Autos mehrere Kilometer lang, die Menschen müssen lange Fußmärsche in der Kälte hinter sich bringen.

In vielen Geschäften der Hauptstadt kann man Sachspenden aufgeben, der Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski ist bestens mit Kiew vernetzt, derzeit seien vor allem Medikamente gefragt. Das Nationalstadion dient wieder wie im Frühjahr 2020 als Lazarett, Unterkünfte werden von privat gestellt, viele Ukrainer werden in Schulen oder Sporthallen untergebracht. Auch sind Lazarettzüge zwischen Warschau und der Westukraine unterwegs. Und trotz Beschuss sollen aus Kiew weiterhin Züge nach Warschau fahren, mit zusätzlichen Waggons.

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