Ergeben sich die ukrainischen Soldaten in Sewerodonesk?

Ukrainische Truppen feuern M777-Haubitzen, die vom Ausland geschickt wurden. Bild. Ukrainisches Verteidigungsminsterium

Kiew scheint Narrative zum Erhalt der westlichen Solidarität zu bernötigen, für die man Soldaten opfert. Uneinigkeit in Kiew über die Nennung von Opferzahlen.

Seit Anfang Mai finden Kämpfe um die Stadt Sewerodonesk, die Hauptstadt des von Kiew kontrollierten Oblast Lugansk. Sewerodonetsk und das ebenfalls umkämpfte Lysichansk sind die letzten Städte im Oblast.  Der ukrainische Präsident Selenskij hatte schon vor einem Monat behauptet, die Zukunft des Donbass werden mit diesen beiden Städten entschieden. Das gehorcht einer Strategie, einzelne Orte zu Symbolen und Wendepunkten hochzujazzen, um Unterstützung zu fordern. Auch wenn mit der Einnahme der beiden Städte durch die Russen der gesamte Oblast Luganskn russisch wird, ist damit der Krieg keineswegs entschieden.

Mittlerweile haben die russischen Truppen, darunter tschetschenische Kadyrow- und Milizen der „Volksrepublik Lugansk“, die Stadt fast erobert und eingekesselt. Nur auf dem Gelände des Chemiewerks Azot haben sich noch von Russland geschätzte 2500 ukrainische Soldaten, darunter angeblich auch mehrere hundert ausländische Kämpfer, verschanzt, und es sollen sich mehrere hundert Zivilisten fort befinden. Ein Angebot, die Waffen niederzulegen bzw. die Zivilisten einen Humanitären Korridor einzurichten, wurde nicht wahrgenommen, auch wenn jetzt angeblich Verhandlungen laufen sollen. Aus dem „Volksrepublik Lugansk“ heißt es, es hätten sich schon ukrainische Soldaten ergeben.

Ähnlich wie in Mariupol will man in Kiew keine Niederlage einräumen und lässt die Kämpfer, zunehmend ohne Nachschub, „heldenhaft“ in Stich, wohl vor allem, um die Bereitschaft zum Widerstand zu demonstrieren und aus dem Westen den Bedarf von weitreichenden Mehrfachraketenwerfern zu fordern. Mit den bereits im  Einsatz befindlichen M777-Haubitzen mit 155 Kaliber, dem Nato-Standard, mit denen je nach Munition bis zu 40 km weit geschossen werden kann, werden nicht nur militärische Ziele, sondern etwa in Donezk mittlerweile täglich zivile Objekte angegriffen. Aus ukrainischer Sicht werden so die Angreifer aus den „Volksrepubliken“, die Kriegsparteien sind, ebenfalls mit ihrer Zivilbevölkerung zum Objekt, wie das auch umgekehrt der Fall ist.

Die Angreifer sagen, die ukrainischen Soldaten würden die Zivilisten als Geiseln zu ihrem Schutz handeln. Serhij Gaidai, der militärische Leiter des von Kiew kontrollierten Oblast Lugansk behauptet, es würden sich 568 Zivilisten, darunter 38 Kinder, auf dem Gelände aufhalten, aber an verschiedenen Orten, die miteinander nicht wie in Asovstal verbunden sind. Es sei ihnen die Evakuation angeboten worden, sie hätten sich aber geweigert. Da man dem mit Skepsis begegnen wird, hätten die Soldaten der Nationalgarde, also vermutlich Mitglieder von Freiwilligenbataillonen, Videos mit den Zivilisten aufgenommen, auf denen sie ihre Weigerung äußern. Es gebe keine Brücke mehr zu den Verteidigern, aber man könne mit ihnen kommunizieren, und es gäbe „Möglichkeiten zur Evakuierung und Lieferung aller benötigten Güter“. Am Freitag hatte Gaida noch behauptet, es gebe keine Möglichkeit der Evakuierung. Gestern sagte er, russische Angriffe seien zurückgeschlagen worden. Es kursieren Videos von den Aktionen der Nationalgarde.

Russische Medien berichten, den Verteidigern würden in den nächsten Tagen die Vorräte und die Munition ausgehen. Man wolle das Asovstal-Szenario wiederholen, die Kampfbereitschaft sei eine gute Marke der Ukraine geworden. Man sei bereit, bis zum Letzten zu kämpfen, daher müssten Waffen geliefert werden.

Gestern lancierte das russische Verteidigungsministerium die Behauptung, bei einem Angriff mit Kalibr-Präzisionsraketen seien um die 50 Offiziere und Generäle der ukrainischen Armee in der in der Region Dnipropetrowsk getötet worden, die dort an einem Treffen teilnahmen. Dazu kommt eine seltsame Meldung, die Ria Novosti verbreitet, nämlich dass ukrainische SU-25-Kampfflugzeuge in der Nähe von Shiroky in der Region Dnipropetrowsk Stellungen der ukrainischen Truppen angegriffen hätten. Sollten diese Berichte zutreffen, wäre davon auszugehen, dass es im ukrainischen Militär Widerstand gegen Befehle des Oberkommandos oder gar Putschbestrebungen gibt. Aber Russland hat natürlich Interesse daran, Unruhe zu verbreiten.

Streit in der ukrainischen Führung

Am 2. Juni erst hatte Präsident Selenskij erklärt, wie hoch die Verlustzahlen im Donbass, was bislang tunlichst vermieden worden war. Er hatte noch von 60-100 Toten undbis zu 500 Verletzten pro Tag gesprochen. Am 9. Juni sagte Mykhailo Podoliak, ein Berater des Leiters des Büros des Präsidenten, dass es 100 bis 200 ukrainische Tote gebe. David Arakhamia, ein weiterer Berater des ukrainischen Präsidenten, sprach dann Mitte Mai von bis zu 1000 Toten und Verletzten am Tag. Das sind Äußerungen, die sicher weniger militärstrategisch denn politisch motiviert sind. Welche Tahlen wahr sind, ist noch einmal eine ganz andere Sache.

Der Vorsitzende des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Oleksiy Danilov, scheint diese Nennung von Verlusten nicht als hilfreich zu empfinden. Er verteidigt weiter die Position, keine Zahlen zu nennen, die schließlich die Kampfmoral beeinträchtigen könnten. Überhaupt sei das Militär zuständig. So kritisierte er auch Podoliak, der vor dem Treffen der Unterstützergruppen in Ramstein benannt hatte, was die Ukraine an Waffen benötigt, um den Russen ebenbürtig zu werden: Tausend 155-mm-Haubitzen, dreihundert MLRS, 500 Panzer und zweitausend gepanzerte Fahrzeuge. Natürlich stehen Selenskij und seine Berater in Kontakt mit dem Militär, Danilov meint aber, das sollte Zaluzhny, Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine oder Verteidigungsminister Oleksiy Reznikov.sagen.

Es scheint einen Bruch zwischen der politischen und militärischen Führungsebene zu geben. In einem Interview meinte Danilov weiter, dass die Verluste auf russischer Seite viel höher als auf ukrainischer seien. Die Russen seien zwar bei der Artillerie und bei schweren Waffen überlegen, aber die ukrainischen Soldaten würden sich nicht einschüchtern lassen: „Der Krieg wird noch lange dauern.“

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4 Kommentare

  1. Der Krieg wird deshalb länger dauern, weil es so gewollt ist. Und wenn die Ukrainer fürchten, dass die „drei Musketiere“; Olli, Macron und Super-Mario kommen, um sie an den Verhandlungstisch zu zwingen: Das trauen sich die Vasallen sicher nicht! Alle drei, haben das Rückgrat einer abgelaufenen Sardinenbüchse!

    Der Krieg MUSS mehrere Jahre dauern. Wobei ich mir auch vorstellen könnte, dass dies unser „nächster Osten“ sein wird. Denn: Kadyrow, traue ich keineswegs. Womit man ja auch wiederum Russland schwächen könnte: Kadyrow bisschen aufhetzen, dann widmet man sich wieder leicht muslimischen „Republiken“. Verdammt, was wäre ich für ein weltpolitisches A….loch!

    1. „Der Krieg MUSS mehrere Jahre dauern.“

      Und daran wird – insbesondere auch mit Unterstützung der osteuropäischen Hilfskräfte – intensiv gearbeitet.
      In Rumänien bereitet man sich auf einen Einsatz in Moldawien vor, in Polen kann man es gar nicht erwarten, den ukrainischen Brüdern zu Hilfe zu eilen und auch im Baltikum möchte man nicht abseits stehen: Litauen (sich mit China anzulegen war wohl nicht genug) sperrt mal eben ohne Vorwarnung den Bahntransit nach Kaliningrad für alle vom Westen sanktionierten Waren, und Russland fordert die sofortige Aufhebung der Blockade, or else….
      (Der ungehindertre Transit ist Teil der Vereinbarung über EU-Mitgliedschaft und Sicherheit der Grenze).
      Und die Antischiffsraketen „Harpoon“ sind nun auch unterwegs „zur Verteidigung des Scharzen Meeres“.
      Wäre doch noch schöner, wenn man da nicht an verschiedenen Stellen noch ein paar Feuerchen anzünden könnte – an möglichst weit auseinander liegenden Stellen……

  2. Militärs sind nicht dazu da, Kriege auf gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht zu überprüfen, sondern Befehle auszuführen. Allerdings widerspricht es jeder militärischen Ethik, einen Krieg weiter zu führen, wenn er verloren ist, und ein sinnloses Gemetzel zu veranstalten. Dagegen gibt es auch Widerstand in der Ukraine. Auch gegen Hitler ging der Widerstand von den Offizieren aus, von denen doch ein beträchtlicher Teil an der Verschwörung teilnahm oder damit sympathisierte, als der Krieg weiter geführt wurde, obwohl er schon verloren war.

    1. Torwächter, nur kurze Anmerkung: Das (diletantische) Stauffenberg-Attentat, das heute so hochgelobt wird, vergisst einen westenlichen Punkt, wäre Hitler wirklich umgekommen: Das hätte damals nicht den sofortigen Einzug der Demokratie bedeutet, sondern es wäre eine gemäßigte Militärdiktatur geworden.

      Weiters ist ja bekannt, dass Patton allen Ernstes mit dem Gedanken spielte, gemeinsam mit den Deutschen, gegen Russland zu kämpfen. Was auf mäßigen Jubel in Washington stieß.

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