Die Russen scheinen sich nach einer Umfrage hinter Putin und den Krieg zu stellen

Putin sprach gestern mit dem Sicherheitsrat, wo sich auch der zwei Wochen lang untergetauchte Verteidigungsminister Shoigu auf dem Bildschirm erkennen ließ. Bild: Kreml

An Proteste wegen der Sanktionen und gegen den Krieg und Putin glauben die Menschen kaum, der Krieg gegen die Ukraine wird als Stellvertreterkrieg gesehen.

Spekuliert wurde darüber, was mit dem russischen Verteidigungsminister Shoigu los ist, der  zwei Wochen nicht mehr in der Öffentlichkeit oder in Medien zu sehen war. Im Pentagon sagt man, man könne weder ihn noch den Stabschef Gerassimow erreichen. Es wurde überlegt, ob er krank ist, ob er in Ungnade gefallen war, es gab sogar Vermutungen, er wolle eine Palast- bzw. Kremlrevolte gegen Putin anzetteln. Kreml-Sprecher Peskow erklärte, Shoigu habe gerade viel zu tun und könne sich nicht um seine Medienpräsenz kümmern. Gestern tauchte er bei einer Videokonferenz, die Putin mit seinem Sicherheitsrat abhielt, kurz auf dem Bildschirm auf. Könnte auch wieder ein Fake sein. So sehen das einige Medien.

Der Kreml und Putin sind auf Zurückhaltung bedacht, ganz im Gegensatz zur fortlaufenden Medienpräsenz der ukrainischen Führung, allen voran Präsident Selenskij. In Kiew ist man omnipräsent, allerdings wissen wir aus der Ferne auch nicht, wo bei der strategischen Kommunikation, die trotz oder bei aller scheinbaren Transparenz, die Wahrheit an den Tag oder auf den Bildschirm kommt. Das interessiert aber weniger, im Westen sucht man den Kreml auszudeuten wie einst im Kalten Krieg und mächtig wird daran gearbeitet, wer am besten in das Black-Box-Gehirn von Putin einzudringen vorgibt, um zu erläutern, ob der Mann verrückt oder größenwahnsinnig ist, in einer anderen Welt lebt und sich von der Realität und den Verlusten im Krieg abschottet – und natürlich was er wirklich vorhat. Es ist die Hochzeit der Psychologen.

Was Putin und sein Sicherheitsstab wirklich wollen, dürfte auch den Russen nicht bekannt sein. Bislang ist nicht abzusehen, was das Ziel der „Militäroperation“ sein soll, die nach dem Kreml ganz nach Plan verläuft.  Jetzt hat das Allrussische Forschungszentrum für öffentliche Meinung (VTsIOM) eine Umfrage veröffentlicht, von der man auch fragen muss, ob die Ergebnisse geschönt sind. Schließlich ist es VTsIOM eine staatlich finanzierte soziologische Institution, bei der die Glaubwürdigkeit oder Objektivität der Ergebnisse bezweifelt werden können.

Es wurden Umfragen am 25. und 27. Februar, sowie am 3. und 17. März 2022 durchgeführt. Erstaunlich ist, dass die Zustimmung zu der „militärischen Sonderoperation“ seit Beginn kontinuierlich gestiegen ist, nämlich von  65% am 25.2. auf 75% am 17.3., während die Ablehnung von 25% auf 17% gefallen ist. Man hat offenbar den Effekt, dass bei Kriegen die Menschen sich hinter ihre jeweilige Führung stellen. Das ist in Russland nicht anders wie in der Ukraine und im gesamten Westen. Im Krieg verschärft sich der „binäre Reduktionismus“ der Unterscheidung von Feind und Freund und dem Schwinden der Grauzone. In Russland dürfte der Trend sich weiter verstärken, weil viele Kriegs- und Putingegner das Land verlassenb.

Was die Ziele der „Sonderoperation“, also des Krieges, angeht, haben sich die Ansichten praktisch nicht verändert. Fast die Hälfte stimmt der Begründung zu, dass es um den Schutz Russlands, die Entwaffnung der Ukraine und die Verhinderung der Stationierung von Nato-Militärbasen geht. „Entnazifierung“ finden mit 19% schon weniger wichtig, auch der Schutz der „Volksrepubliken“, mit dem Putin den Krieg zuerst rechtfertigte, sehen nur 17% als Ziel. Die Ukraine zu besetzen und zu annektieren, nennen lediglich 5% als Ziel. Danach ist die Stimmung in der russischen Bevölkerung, immer vorausgesetzt, die Ergebnisse sind nicht manipuliert, dass der Krieg gegen die Ukraine nur ein Stellvertreterkrieg ist. Verhandelt werden müsste über eine Beendigung des Kriegs nicht nur mit der Ukraine, sondern mit den USA und der Nato. Die sehen sich allerdings als völlig unbeteiligt am Konflikt an, was für Friedensverhandlungen schlechte Aussichten sind.

Dass der Krieg, die Sanktionen und Folgen für das Leben in Russland zu Massenprotesten führen wird, sehen Dreiviertel nicht. 18% sehen das nur für möglich, Ende 2021 waren es noch 25%. Ein wenig irritierende ist dann, dass 20% an Massenprotesten wahrscheinlich teilnehmen würden, sollten diese stattfinden, 73% aber nicht. Es ist also erst einmal keine subversive Stimmung und auch keine Antikriegsbewegung zu erwarten.

Das liegt auch daran, dass die Popularität von Putin weiterhin hoch und während des Kriegs gestiegen ist, fast doppelt so hoch wie die für Biden in den USA, der für sich keinen Kriegseffekt verbuchen kann. Nach einer Umfrage am 13. März ist das Vertrauen in Putin von 67% am 20. Februar auf 79,6% angestiegen, das ist schon fast die Zustimmung, die George W. Bush nach den Anschlägen von 9/11 und zu Beginn des Kriegs gegen den Terror erhalten hat. In Russland fehlt auch eine charismatische Führungsfigur, die der vom Westen als angeblich größter Gegner von Putin aufgebaute Nawalny nicht war, auch wenn er nun mit einer Gefängnisstrafe von 9 Jahren endgültig mitsamt seiner Organisation ausgeschaltet wurde.

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3 Kommentare

  1. Umfragen in Russland sind ein sehr spezielles Thema, wer äussert sich schon ablehnend zur offiziellen Haltung, wenn dies unvorteilhafte Folgen nach sich ziehen könnte…

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