Der Zwang zum Freundbild

Bild: ltu/CC BY-SA-4.0

Der binäre Reduktionismus im Kriegszustand erfasst die ganze Psyche mit allen Affekten

(1) Der binäre Reduktionismus im Kriegszustand, also – populär gesagt – die Verunmöglichung differenzierter Aussagen jenseits von „Schwarz“ und „Weiß“, „Good Guys“ und „Bad Guys“, außerhalb eines „Tunnelblicks“, ist keine bloß kognitive Erscheinung. Die Verunmöglichung einer Sagbarkeit jenseits des Binarismus von 1 und 0 erfasst die ganze Psyche mit allen Affekten.

(2) Wenn 0 für den Kriegsgegner steht, dann wird aus 0 zwangsläufig ein affektiv besetztes Feindbild. Das ist wohlgemerkt völlig legitim, wenn es sich wie im Fall Putin 2022 um einen brutalen Aggressor handelt. Ein absolutes „Hassverbot“ (auch Verachtung ist Hass) kann nur für einen religiösen Glauben gelten.

(3) Gerade wegen des auch affektiven Engagements impliziert der binäre Reduktionismus aber einen fatalen Mechanismus, den man als „Zwang zum Freundbild“ bezeichnen kann. Was ist damit gemeint? Jedem Feindbild 0 entspricht dann ein Freundbild 1, das eine ist mit dem anderen fest gekoppelt. Das Feindbild zwingt zur Gegen-Identifikation, das Freundbild zur Identifikation. So etwas wie eine „Ent-Identifizierung“ ist unmöglich.

(4) Sowohl das Feind- wie das Freundbild sind im binären Reduktionismus total: Der Feind ist eben rundum ein „Bad Guy“, der Freund rundum ein „Good Guy“. Differenzen sowohl innerhalb des einen wie des anderen werden verdrängt, sie werden unsichtbar und unsagbar.

(5) Sehr bedenklich wird es, wenn man diese Mechanik nun auf die beteiligten Personen anwendet, wie wir es jetzt täglich erleben. Es gibt dann nur 2 „Säcke“ (Mengen), in die alle Personen gesteckt werden: den 0-Sack und den 1-Sack. Was ist mit einer Person, die Selenskijs ständige Rede vom eventuell unvermeidlichen Atomkrieg ablehnt, obwohl sie seine Volksresistenz gegen die Aggression für legitim hält? Weil es nur 2 Säcke gibt, wird sie in den 0-Sack gesteckt. Was ist mit einer Person, die den NATO-Krieg 1999 gegen Jugoslawien sowie die gesamte expansive Geopolitik der NATO kritisiert? Sie wird, weil die NATO ja gegen Putin ist, in den „Putin-Sack“ (0) gesteckt.

(6) Noch bedenklicher wird es, wenn man den binären Reduktionismus dann auch noch affektiv moralisiert: Es soll dann differenzierten Ansichten ein schlechtes Gewissen gemacht werden, als ob sie kein Recht hätten, mit den Opfern aller Seiten solidarisch zu fühlen. Wie 1914 sind dann Begriffe wie Schande, Scham, Feigheit auf der 0-Seite, Tapferkeit, Wehrhaftigkeit, Mut auf der 1-Seite wieder da. Als ob Rosa Luxemburg nicht mehr Mut gehabt hätte als Gustav Noske. Als ob heute eine russische Antikriegsdemonstrantin oder ein russischer Deserteur nicht mehr Mut hätten als ein deutscher Demonstrant, der ein Schild »Flugverbotszone« in die Kamera hält.

(7) Fast absurd bereits wird es, wenn diese »wehrhafte« Moralisierung dann auf die Vergangenheit ausgedehnt wird und wir uns dafür schämen sollen, dass wir nicht schon früher Gegen-Eskalation gefordert haben. Das wäre dann allerdings präventive bzw. präemptive Gegen-Eskalation gewesen. Cheney, Rumsfeld und die anderen Strategen des PNAC (Project For a New American Century) lassen grüßen. Die Frage ist allerdings, ob der neuerdings zur Schau gestellten „Tapferkeit“ der vielen ZeitenWendeHälse nicht der Affekt der Angst zugrunde liegt, als früheres „Weichei“ entlarvt werden zu können.

(8) Das ist ein Beispiel für die Tendenz des binären Reduktionismus zur Totalisierung der zwei Positionen. Typisch dafür ist der Rückfall in kruden Nationalismus, wenn man Putins Logik übernimmt und statt von Putin und seiner Gang von »den Russen« redet und das dann auf die Geschichte und sogar Kultur ausdehnt. Und wenn man die (selbst psychologisch nur schwach begründbare) Gleichung Putin = Hitler dazu benutzt zu „vergessen“, dass es hauptsächlich Russen waren, die uns von Hitler befreit haben.

(9) Je affektiv aggressiver der binäre Reduktionismus daherkommt, umso mehr schadet er einer kognitiv belastbaren Analyse der Situation als Bedingung für einen Ausweg aus Eskalation und Gegen-Eskalation unter geringstmöglichen weiteren Opfern. Darüber hinaus läuft er Gefahr, wie 1914 das Klima für wissenschaftliches Analysieren, das immer auf einen pluralen Sagbarkeitsraum angewiesen ist, auf lange Zeit zu verpesten. Auch eine Klimakatastrophe.

Siehe auch von Jürgen Link: „Im Augenblick der Gefahr – Zur Verteidigung des Raums öffentlicher Sagbarkeit gegen den binären Reduktionismus.

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4 Kommentare

  1. Das meiste ist ja richtig. Aber ist es nicht auch „binärer Reduktionismus“, wenn man von „Putin und seiner Gang“ schreibt? Man muss keine Zustimmung oder Sympathie für die Kriegsentscheidung haben, um – wie etwa John Mearsheimer oder Douglas MacGregor – diese Entscheidung in einem Kontext zu betrachten.

    Gleiches gilt für verbale Aufladung wie den „brutalen Aggressor“. Ist der wirklich brutaler als der Aggressor Joseph Fischer und die NATO 1999, nicht zu reden von Irak, Libyen, Syrien, oder gar Jemen? Ohne etwas zu rechtfertigen, beobachte ich, dass die „brutalen Aggressoren“ nicht die Infrastruktur und die zivilen Wohngebiete mit „Shock and Awe“ in Schutt und Asche legen. Sie reparieren mitunter sogar Strom- und Wasserleitungen für die blockierten Städte, wo sie beschädigt wurden. Die Bahnlinie Warschau-Kiew ist ununterbrochen, dort sind möglicherweise sogar ausländische Staatschefs gereist.

    Die Russen haben zwar den Kiewer Fernsehturm zerstört, aber nach Ankündigung und während der ukrainischen Ausgangssperre (trotzdem behauptet Kiew, dort seien 5 Zivilisten getötet worden). 1999 prahlte James Shea, der Julius Streicher der NATO, mit der Ermordung des Personals des Belgrader Fernsehsenders durch eine Tomahawkrakete und behauptete, der „Propagandasender“ sei ein legitimes militärisches Ziel.

    Ich erwähne das nur, um aufzuzeigen, dass verbale Abrüstung vonnöten ist. Jedenfalls wenn man nach dem Krieg auch wieder Frieden will.

  2. Was massiv betrieben wird, ist tot zu machen, indem ihm keine Möglichkeit der Darstellung gegeben wird. TV Verbot und löschen bei socal Medien.
    Was aber mal sicher ist, dass es hier nicht um wissenschaftliche Betrachtung gehört, wäre dem. So wüsste ich gerne, ob es überhaupt einen Krieg gibt, der nicht brutal ist und schon gar, wenn der Krieg ein Angriffskrieg, ist dabei auch noch ungerechtfertigt.
    Ist in der Situation, egal wer 0 oder 1 ist, keine Möglichkeit der Eskalation?
    Die Attribute sind so das fast der Kern nicht mehr gesagt werden muss.
    Ich frage mich immer, wo ein Krieg beginnt? Wir nicht bevor Waffen schießen schon mit Waren geschossen? Mit Behauptungen bei Verletzung von Verträgen. Es wird viel an Beweisen hergezerrt, die nach westlichen Rechtsverständnis nicht geklärt sind. Wenn hier In dubio pro reo zählt soll, wären Freisprüche fällig.
    Über den Sprachgebrauch und was er bewirken soll, ärgere ich mich schon lange nicht mehr. Es geht im Wesentlichen darum, die Wirklichkeit auszublenden.

  3. „Noch bedenklicher wird es, wenn man den binären Reduktionismus dann auch noch affektiv moralisiert: Es soll dann differenzierten Ansichten ein schlechtes Gewissen gemacht werden, …. Als ob heute eine russische Antikriegsdemonstrantin oder ein russischer Deserteur nicht mehr Mut hätten als ein deutscher Demonstrant, der ein Schild »Flugverbotszone« in die Kamera hält.“

    Vielen Dank für diese Beschreibung des platt gehauenen Planten Erde. Seine Bewohner fühlen sich in dieser einfachen, unterkomplexen und regelbasierten Welt wohl.
    Das letzte Beispiel demonstriert aber eindrücklich, woran das Freund/Feinddenken krankt. Da sowohl die russische Regierung wie auch die Regierungen der Nato-Staaten gemeinsam diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben, sollten alle von ihren jeweiligen Bevölkerungen kritisiert werden. Dies genau passiert aber nicht im Falle des deutschen Demonstranten, denn die Forderung nach einer Flugverbotszone kritisiert die eigene Regierung nur in so fern, als sie den Konflikt nicht exkalieren will. Und das ist das genaue Gegenteil von Antikriegsdemonstration.

    Und Punkt 9 – Je affektiv aggressiver der binäre Reduktionismus daherkommt, umso mehr schadet er einer kognitiv belastbaren Analyse der Situation als Bedingung für einen Ausweg aus Eskalation und Gegen-Eskalation unter geringstmöglichen weiteren Opfern. – sollte man mal unserer Chefdiplomatin unter die Nase reiben.

  4. Dämlich nur das Hr. Rötzer Putin in den völlig falschen Sack steckt.

    So wird dies natürlich im besten Fall nix mit der Analyse.

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