Der Weg zum Frieden beginnt mit der Vernunft, nicht mit moralischer Empörung

Bild: Petr Kratochvil/publicdomainepictures.net/CC0

 

Was uns die Geschichte im Konflikt Russland, Ukraine und dem Westen lehren kann und was nicht

 

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können, in Walter Benjamins Worten, Konstellationen aus Vergangenheit und Gegenwart beobachten. Es liegt in der Natur der Sache, heutige Ereignisse und politische Persönlichkeiten mit denen der Vergangenheit zu vergleichen, da die Urteile über letztere in der Regel einen höheren Konsensgrad aufweisen. Um zu kommunizieren und zu argumentieren, brauchen wir eine gemeinsame Basis. Das ist es, was wir in der Geschichte suchen. Und wir neigen dazu, das zu missbrauchen.

Vor dreißig Jahren, als Russland in den trüben Gewässern des Postkommunismus zu zappeln anfing, schien der Vergleich mit der Weimarer Republik fast schon zu sehr eine Binsenweisheit zu sein. Und oberflächlich war er dies auch. Ja, das Gefühl der Niederlage und der nationalen Demütigung war stark, aber in Russland koexistierte es mit der Euphorie der lautstarken liberalen Minderheit, die das politische, ideologische und kulturelle Geschehen maßgeblich bestimmte.

Diese russischen Liberalen hielten das Gefühl der Depression nicht einfach im Zaum, sondern setzten ihr eine aggressive, optimistische Ideologie entgegen. Das Gefühl der nationalen Niederlage wurde mit einem künstlichen Antidepressivum bekämpft: dem Sieg des fröhlichen Kapitalismus über die kommunistische Düsternis. Es gab entfernte Ähnlichkeiten zwischen Ebert und Jelzin, die beide, trotz ihrer „linken“ Herkunft, die linke Opposition brutal unterdrückten. Die andere Parallele war die etwa gleich lange Zeitspanne, die die Nachfolger brauchten, um die Macht zu übernehmen: neun Jahre in Russland und vierzehn in Deutschland.

Doch im Jahr 2000, als Putin Präsident wurde, war man nicht geneigt, ihn mit Hitler zu vergleichen. Vor dem Hintergrund eines brutalen Militäreinsatzes in Tschetschenien standen die westlichen Staats- und Regierungschefs Schlange, um ihm ihre Reverenz zu erweisen und ihn in ihrem Schoß aufzunehmen. Der wegen seiner Freundschaft zu Putin viel geschmähte Gerhard Schröder war sicherlich nicht der einzige, der den neuen russischen Führer damals aktiv unterstützte: Bush und Blair waren voll des Lobes für einen jungen und disziplinierten Ex-Spion. Der westliche „Krieg gegen den Terror“ war eindeutig ein Faktor. Der „Kampf der Kulturen“ fand nicht mit Russland statt; wenn überhaupt, dann sollte Russland auf der Seite des Westens stehen. Die Menschenrechte hatten keine Priorität. Sind sie das jemals für Länder, die sich im Krieg befinden?

Die Dinge begannen sich 2007 zu ändern (wobei der Mord an Litwinenko im Jahr 2006 von vielen als böser Auftakt gesehen wurde), als Putin den Westen mit einer Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz schockierte, in der er die NATO einer betrügerischen Expansion bezichtigte. Das war ohnehin kein gutes Jahr für den Westen, dessen Finanzsystem am Rande des Zusammenbruchs stand, und so könnte man meinen, dass es das unglückliche Ende des glücklichen „Ende der Geschichte“-Projekts markiert hat.

Als früher Kritiker von Wladimir Putin hielt ich es jedoch für angemessener, erst im letzten Sommer, am 30. Jahrestag des gescheiterten sowjetischen Putsches von 1991, einen Vergleich zwischen Russland und der Weimarer Republik anzustellen. In der Anfangsphase des Postkommunismus war Russland trotz seiner Größe und seines sowjetischen militärischen Erbes und trotz der nur „inoffiziellen“ Niederlage im Kalten Krieg schwächer als selbst das „offiziell“ besiegte Weimarer Deutschland, zumindest psychologisch. In Russland war eine Revanche nicht nur eine physische, sondern irgendwie auch eine logische Unmöglichkeit.

Der Staat selbst – die Union der sozialistischen Republiken -, den einige Russen vermissten und für den sie sich rächen wollten, existierte nicht mehr. Die nationalistische Ideologie hatte keine tiefen Wurzeln, da der militärische Sieg im Zweiten Weltkrieg im Namen der multinationalen kommunistischen Sache und des Antifaschismus errungen wurde. Erst nachdem die kulturelle Landschaft Russlands von den Trümmern des Kommunismus befreit worden war, entstand das Potenzial für eine neue nationalistische Ideologie.

Nachdem sie die russische Politik im Kaukasus im Wesentlichen gebilligt hatten, begannen westliche Politiker und russische liberale Eliten erst viel später, aber lange bevor dies auch nur im Entferntesten gerechtfertigt war, Putin mit Hitler zu vergleichen. Hillary Clinton zum Beispiel zog diesen Vergleich im Zusammenhang mit Russlands Unterstützung für die prorussischen Bewegungen im Donbass im Jahr 2014. Putin habe wie Hitler gehandelt und fremdes Territorium annektiert, während er behauptete, dort seine Landsleute zu verteidigen.

Es gab vielleicht einige Ähnlichkeiten, aber auch erhebliche Unterschiede. Doch selbst die Ähnlichkeiten waren nicht alle zugunsten von Putins Kritikern. In den 1930er Jahren waren die Sudetendeutschen sehr aktiv bei der Forderung und Vorbereitung des Anschlusses an Deutschland. Später besetzte Hitler die gesamte Tschechoslowakei, aber der Kern des Vergleichs, im Jahr 2014, bestand darin, das Sudetenland mit dem Donbass zu parallelisieren, und das läuft darauf hinaus zuzugeben, dass letzterer hauptsächlich von Russen bewohnt wird. Der Vergleich von Putin mit Hitler passt also nur teilweise und oberflächlich zu den von Clinton verfolgten Zielen: Putin wird zwar als der ultimative Teufel gebrandmarkt, wirft aber Fragen auf, wenn man sich die Details ansieht. Bemerkenswert ist auch, dass Putins rechtsnationalistische Kritiker (und davon gibt es viele) ihm vorwerfen, dass er pro-russischen Kombattanten 2014 weder geholfen noch erlaubt habe, ihren Vormarsch über den Donbass hinaus auszudehnen, als es damals angeblich einfacher gewesen wäre.

Die liberale russische Intelligenz, die Putin innenpolitisch bekämpft, nannte ihn lange vor 2022 Hitler (manchmal „schlimmer als Hitler“). Dies geschah auf ziemlich unverantwortliche Weise, zum Beispiel während eines Gerichtsverfahrens Anfang 2021 gegen eine Achtzehnjährige, die mit einer Verfassungsbroschüre vor den Ordnungshütern posierte: Ihre Anhänger verglichen sie mit Sophie Scholl. Da sie auch staatliches Eigentum „vandalisiert“ (rot angemalt) hatte, wurde die russische Aktivistin zu „Freiheitsbeschränkungen“ verurteilt, die sie zwangen, nachts zu Hause zu bleiben – nicht gerade das Schicksal von Sophie Scholl. Man mag mit den Demonstranten sympathisieren, aber Russland, wo man zum Beispiel zwanzig Jahre lang Putin offen verunglimpfen konnte, mit dem Dritten Reich zu vergleichen, halte ich für eine Beleidigung des Gedenkens an die Opfer Hitlers.

Der Krieg hat in der Tat vieles, wenn nicht alles, verändert. Die Besonderheit von Hitlers Faschismus bestand darin, dass er sich nach der legalen Machtübernahme in einer Art Revolution durchsetzte, und ja, das deckt sich vage mit der Tatsache, dass die neue russische Ideologie des nationalistischen Militarismus mit der drastischen Unterdrückung der Medienfreiheit und des oppositionellen Aktivismus nach dem Beginn der „besonderen militärischen Operation“ in Kraft trat, nicht vorher.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen einer zutreffenden Vorhersage und einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die russischen Liberalen und der Westen sagen uns jetzt, dass sie die ganze Zeit gewusst hätten, wozu Putin fähig ist, und dass sie nur das Schlimmste vorausgesagt hätten, selbst als die Dinge noch nicht so schlimm waren. Das war aber genau eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, bei der das, was behauptet wird, weder zutreffend noch unvermeidlich ist, aber später Wirklichkeit wird, und sei es nur, um die anfälligeren Gegner zu einer Art aggressiver Verteidigung zu provozieren.

Abgesehen davon sehe ich in Russland in der Tat sehr beunruhigende Anzeichen, die bisher aber nicht von Putin selbst ausgehen. Ohne die Diagnose „Banalität des Bösen“ missbrauchen zu wollen, die selbst zu einer Banalität geworden ist, sehe ich eine Hexenjagdkultur und sogar einen Personenkult entstehen; ja, den von Putin, aber von unten, nicht von oben inspiriert. Leider ist dies eine alte Geschichte, und da gibt es sicherlich ziemlich offensichtliche Parallelen mit der Vergangenheit.

Batkivshchyna-machi (Mutter Heimat) in Kiev. Die Statue aus Sowjet-Zeiten soll an den Sieg der sowjetischen Streitkräfte im „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnern.   Bild: Mir09info/CC BY-SA-4.0

 

Der Einmarsch vom 24. Februar war jedoch auch eine Fortsetzung der militärischen Operationen, an denen die Truppen der selbsternannten pro-russischen Republiken beteiligt waren, wenn auch eine gravierende Eskalation. Sie als völlig „unprovoziert“ zu bezeichnen, wie es im Westen immer wieder geschieht, trägt zur weiteren Verwirrung der Öffentlichkeit bei, die über den blutigen militärischen Konflikt in der Ostukraine seit 2014 weitgehend uninformiert war. Selbst die Ukrainer sind der Ansicht, dass der Krieg 2014 und nicht 2022 begonnen hat. Das ist eine seltene Einigkeit zwischen Ukrainern und Russen, und es stellt sich nur die Frage, wer 2014 angefangen hat und wer mehr gelitten hat.

Es ist immer wieder gesagt worden, dass die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist, aber die Medien scheinen diese Maxime überall mit leichtfertiger Resignation zu behandeln, wie ein Naturgesetz, das zwar erwähnt, aber nicht geändert werden kann. Nun, mit Propaganda hausieren zu gehen, ist eine Entscheidung, kein Naturgesetz. Es ist eine schwierige Entscheidung, denn je größer der Einfluss eines Medienunternehmens ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es vom Staat und der Kriegsmaschinerie vereinnahmt wird. So scheinbar immaterielle Dinge wie moralische Empörung können als Mittel zur Beschaffung schwerer Waffen dienen. Und Milliarden von Dollar.

Doch es gibt Alternativen zur emotionalisierten, einseitigen Berichterstattung. Sie erfordern eine unvoreingenommene Darstellung der Fakten. Aber es reicht nicht aus, dies zu fordern. Die wenigsten Journalisten werden zugeben, dass sie parteiisch sind – nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst. Und das ist nicht nur ein Problem der Psychologie, sondern auch der Philosophie. Eine „reine Tatsache“ existiert nicht mehr als eine Wortbedeutung außerhalb eines Satzes. Nach Ansicht von Sprachphilosophen wie Frege und Wittgenstein gibt es sie nicht.

Einen Gegner zu verstehen, kann fast gleichbedeutend damit sein, mit ihm übereinzustimmen, muss es aber nicht. Die Bedeutung dessen zu verstehen, was ein Gegner (oder auch ein Seelenverwandter) sagt, ist hingegen keine Option, sondern ein Muss. Wenn man verstanden hat, was der Gegner meint, kann es sein, dass man trotzdem gegen ihn kämpft, aber die konsequente Weigerung, zu versuchen zu verstehen, wird unweigerlich zu einer Art Krieg führen.

Man kann die Vergangenheit und die Gegenwart entweder ideologisch oder dialektisch betrachten. Die ideologische Betrachtungsweise geht von einigen grundlegenden Begriffen einer Ideologie aus: Liberalismus, Illiberalismus, offene Gesellschaft, Diktatur usw. Um diese Begriffe herum wird dann eine historische Erzählung gewoben, in der Länder, politische Parteien und Einzelpersonen sich zu einer der beiden gegensätzlichen ideologischen Grundlagen neigen oder sich ihnen zuwenden.

Um die andere Denkweise, die dialektische, zu beschreiben, möchte ich dasselbe riskante Beispiel des Weimarer Deutschlands heranziehen und fragen: Können die unbestreitbar bösen Pläne Adolf Hitlers und seiner Gesinnungsgenossen die Frage nach der fragwürdigen Gerechtigkeit des Versailler Vertrages völlig in den Hintergrund drängen?

Man kann die Frage einfach mit der Bemerkung abtun, dass Letzteres nichts mit Ersterem zu tun hat. Die Frage der Demütigung Deutschlands nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg ist gründlich erforscht, und die prophetische Warnung von J. M. Keynes vor einer Demütigung Deutschlands ist wohlbekannt. All dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Frage der Schuld und Verantwortung Nazi-Deutschlands. Aber eine solche Aussage ist deshalb richtig, weil wir über die Vergangenheit sprechen. Stellen wir uns vor, wir würden über den Versailler Vertrag und die Pläne der NSDAP im Jahre 1932 debattieren, dann wären viele Fragen, die heute „akademisch“ sind, offen und „lebendig“. Die Haltung des „Hätte-wäre-wenn“ scheint bei der Betrachtung der Geschichte sinnlos zu sein, aber sie weist auf den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin. Die Gegenwart ist kein geschlossenes Buch und sollte nicht auf dieselbe Weise moralisiert werden wie bestimmte Ereignisse der Vergangenheit. Die Gegenwart ist eine Debatte und keine ausgemachte Sache. Sich ihr mit vorgefassten moralischen Urteilen zu nähern, kann auf Kriegshetze hinauslaufen.

Aber der Krieg ist bereits da draußen, wird man mir sagen. Putin hat bereits gezeigt, wozu er fähig ist. Britische Politiker wetteifern darin, Churchills Entschlossenheit nachzuahmen, den bösen kontinentalen Diktator zu bekämpfen. Das klingt sicherlich wie ein treffender Reim auf die Geschichte. Aber es ist weit entfernt von einer exakten Wiederholung. Selbst wenn die neuen Churchills mit der endgültigen Niederlage Russlands nur die Rückkehr zu den Grenzen der international anerkannten Ukraine meinen, wird der Versuch, die Krim, zum Beispiel, zurückzuerobern, Russland in einen totalen „patriotischen“ Krieg versetzen (was noch nicht der Fall ist), da die Russen diese Halbinsel im Schwarzen Meer als integralen Bestandteil ihres Landes betrachten.

Nun werden Referenden im Donbass und anderen überwiegend russischsprachigen Regionen angekündigt. Hat man zu denen dieselbe Bindung wie zur Krim? Donezk und Luhansk sind im Moment psychologisch bedeutsamer als Kherson, und der Küstenkorridor Krim-Mariupol-Novoasovsk ist auch militärisch überaus wichtig. Aber das Wichtigste ist jetzt, dass die meisten Russen bereits davon überzeugt sind, dass sie mit dem ganzen Westen kämpfen, dass die westlichen Raketen und Munition Zivilisten töten, und man also einen Verteidigungskrieg führt.

Macht nichts, kann man erwidern. Die Gerechtigkeit ist auf ukrainischer Seite, und da sie sich im Krieg befindet, geht es nicht darum, mit einer gehirngewaschenen russischen Bevölkerung zu streiten, sondern den Krieg zu gewinnen. Und der kann gewonnen werden, man muss nur dafür sorgen, dass die Menschen im Westen nicht müde werden, gewisse Opfer zu bringen.

Nicht jeder im Westen ist der Meinung, dass Russland physisch besiegt werden kann, aber das ist nicht der Punkt, den ich hier anspreche. Mir geht es darum, dass man in der Lage sein muss, die Argumente Russlands zu widerlegen und sie nicht nur unter dem Vorwand, sich auf den physischen Kampf zu konzentrieren, und wegen der russischen Doppelzüngigkeit zu „streichen“. Wenn man den Mut zum Denken hat und nicht nur den „Mut“, die Ukrainer zum tödlichen Kampf zu ermutigen, wird man zugeben, dass es immer noch einen Unterschied zwischen Putins Russland und Nazideutschland gibt.

Man sollte in der Lage sein, die moralische Empörung um der Logik willen für einen Moment zurückzustellen. Selbst wenn wir an die Vielzahl der Gründe denken, die zum Zweiten Weltkrieg geführt haben, und einige Debatten der 1920er und 1930er Jahre rekonstruieren können, wissen wir, dass der Krieg damals 75 Millionen Menschen getötet hat und dass wir nichts dagegen tun können. Aber heute müssen selbst jene Russen und Ukrainer, die Putin für so böse wie Hitler halten, erkennen, dass seine „Argumente“ für den Angriff auf das gemeinsame Land von Russen und Ukrainern – die UdSSR – nicht einmal auf dem Niveau seiner Gründe für die Annexion der Tschechei lagen. Deutschlands Pläne für die UdSSR bestanden eindeutig in der Eroberung riesiger fremder Gebiete, die nie deutsch waren, und in der Versklavung ihrer „unarischen“ Bevölkerung. Im Falle Putins hingegen gibt es bei all seinem Übel einige berechtigte Fragen, auf die man von seinen Gegnern nie eine Antwort hört.

Warum sollte die russischsprachige Bevölkerung im Donbas, auf der Krim und anderswo einen Aufstand in Kiew 2014 gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten unterstützen, einen Aufstand, dessen aktiver Kern darauf aus war, die Bildung, den Rundfunk und die offizielle Kommunikation in russischer Sprache weiter einzuschränken, und der nicht ein weiteres Jahr warten würde, um seine politischen Ideen bei den für 2015 geplanten Wahlen auf den Prüfstand zu stellen? Es gibt eine lange Liste von Beschwerden der russischsprachigen Bevölkerung, die unter anderem die Behandlung von Zivilisten durch die ukrainische Armee und rechtsextreme Regimente (Bataillone) betreffen. Der schockierende Massenmord an pro-russischen Aktivisten in Odessa im Mai 2014, der von der ukrainischen Regierung beschönigt wurde, war für viele ein entscheidender Moment. Warum wurde es vom Westen vertuscht?

Wie sollte das Problem der russischen Minderheit gelöst werden, wenn die ukrainische Regierung eine Föderalisierung konsequent ablehnte und eine Neuverhandlung der vom Westen unterstützten Minsker Friedensabkommen mit Russland forderte?

 

***

Kein ehrlicher Russe kann sich der Frage nach der Schuld Russlands verschließen. Abgesehen von diesem Krieg könnte ich als Russe subtile kulturelle Eigenheiten beschreiben, die über Jahrhunderte dazu geführt haben, dass sich die Ukrainer von uns verunglimpft fühlen. Idiome und Akzente waren schon immer überall auf der Welt eine Quelle des Humors, aber die Art und Weise, wie die Russen die ukrainische Sprache wahrnahmen, hatte etwas extrem Herablassendes. Sie galt nur als ein lustig klingender, ungehobelter Dialekt, der von ungebildeten Bauern gesprochen wurde, und für einen Ukrainer bedeutete, Russisch zu sprechen und zu schreiben, gebildet zu sein. Selbst der größte ukrainische Dichter Taras Schewtschenko musste auf Russisch schreiben und in St. Petersburg leben, weil man sonst im russischen Reich nie von ihm gehört hätte.

Leider schlägt gerechte Empörung manchmal in Rachsucht und Arroganz um, was wiederum bei den neuen Außenseitern, wie den Menschen im Donbass, zu Ressentiments führt – und das ist die tragische Kehrseite der ukrainisch-russischen Beziehungen. Ein weiteres Paradoxon ist, dass das heutige ukrainische Selbstbewusstsein in den meisten Fällen untrennbar mit dem Antikommunismus verbunden ist, während die Sowjetunion viel dazu beigetragen hat, die Verachtung der ukrainischen Kultur durch das russische Imperium zu beseitigen. Man muss sich nur ein paar brillante ukrainische Filme ansehen, die „unter den Kommunisten“ in Kiew entstanden sind, um das zu erkennen.

Heute verzerrt die Propaganda auf beiden Seiten die Realität und versucht, die Botschaften der politischen und wirtschaftlichen Eliten über die einfachen Menschen zu verbreiten. Aber die einfachen Leute sind im Allgemeinen ehrlicher als Politiker und Oligarchen, und in einem seltenen unzensierten Stück Filmmaterial kann man so etwas wie eine Stimme der Vernunft hören. Ein Satz, den eine russischsprachige Frau in Mariupol sagte, nachdem die Stadt an die russischen Truppen gefallen war, bringt für mich die Situation vor Ort auf den Punkt: „Wir haben auf euch gewartet, ja, und manche Leute hier nennen euch jetzt Befreier, aber ich frage, musste es wirklich zu einem solchen Preis sein?“ Und selbst diejenigen, die der Meinung sind, dass einige Kriegsverbrechen, die Russland vorgeworfen werden, nicht zweifelsfrei bewiesen sind, werden nicht leugnen können, dass die derzeitige Invasion Leid und Tod unschuldiger Menschen verursacht hat, die alles, was wir in dem Konflikt vor 2022 gesehen haben, um ein Vielfaches übersteigen.

Dennoch muss ich insgesamt feststellen, dass keine der beiden Seiten die Gerechtigkeit des Krieges beanspruchen kann, in dem Russen, Ukrainer und andere sowjetische Völker Schulter an Schulter gegen Hitlerdeutschland gekämpft haben. Darüber hinaus sind sowohl die Russen als auch die Ukrainer jetzt dafür verantwortlich, „alternative“ Erzählungen über ihre Beziehungen zu schaffen, die von denen konsumiert werden können, die uns nicht kennen. Die Kombination aus unseren Gemeinsamkeiten und Unterschieden ist selten, wenn nicht sogar einzigartig. Wenn diese Geschichte nicht in einer ruhigen, unvoreingenommenen, gutgläubigen und konstruktiven Art und Weise erzählt wird, kann die Beziehung zwischen den eng verwandten Nationen tatsächlich zur Quelle eines dritten Weltkriegs werden. Wenn es ein Paradoxon ist, dann ist es eines dieser tragisch plausiblen.

Die Russen machen sich schuldig, indem sie das Narrativ einer begrenzten ukrainischen Staatlichkeit aufrechterhalten und verbreiten. Das ist falsch, denn es spielt jetzt keine Rolle, ob es die russische Revolution und dann die sowjetische Führung war, die schließlich dazu beitrugen, den ukrainischen Staat in seinen heutigen international anerkannten Grenzen zu bilden. Finnland, die baltischen Staaten und Polen haben alle vom Zusammenbruch des russischen Reiches profitiert. So ist die Geschichte, so ist das Leben. Andererseits ist es aber auch nicht hilfreich, wenn sich die Ukraine als monoethnischer Nationalstaat verhält und wenn sie im Westen der ahnungslosen Öffentlichkeit als solcher präsentiert wird. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Ukrainer oft über Putins Behauptung lustig machen, die beiden Nationen seien „brüderlich“, aber die Leugnung der gemeinsamen Wurzeln kann extreme und lächerliche Formen annehmen.

Die Beziehung zu Russland wird in Kiew manchmal nur darin gesehen, dass die Ukraine die wahre, authentische und überlegene „Rus“ ist, was ärgerlicherweise die Wurzel des schmutzigen Wortes „Russland“ ist. Diese echte, reine Kiewer Rus hatte angeblich den benachbarten Mischlingswilden die christliche Religion und sogar eine Schriftsprache gegeben. Und trotz der überwältigenden Macht, die Russland-Muskowy später erlangte, entwickelte sich die Ukraine zu einer völlig eigenständigen Nation und ist im Gegensatz zu der rückständigen halbstaatlichen despotischen Macht im Nordosten ein integraler Bestandteil Europas.

Wenn sowohl das russische als auch das ukrainische Narrativ eindeutig nationalistisch sind, was im Falle der Ukraine als kleineres Land, das angegriffen wird, sogar verständlich sein mag, ist die Position des westlichen Mainstreams intellektuell fehlerhaft. Wenn nicht sogar unehrlich. Und ein Beweis dafür, dass der Westen eine Konfliktpartei ist, die ihre geopolitischen Interessen verfolgt. Und in einem solchen Konflikt ist es Russland, das sich seinerseits als kleineres Land unter Beschuss sieht. Gibt es einen Ausweg aus dieser Spirale? Viele sehen jetzt die einzige Lösung in einem Sieg auf dem Schlachtfeld. Doch das bedeutet bereits eine äußerst bedenkliche Niederlage für die Zivilisation. Und der Westen ist mitverantwortlich dafür, dass es so weit kommen konnte.

Es ist jedermanns gutes Recht, in Putin einen gefährlichen Diktator zu sehen, aber eine Gleichschaltung der Mainstream-Medien, die eine Debatte über einige der hier aufgeworfenen Fragen verhindert, schadet der westlichen Demokratie mehr als sie Putin schadet. Solange der Westen sich nicht selbst über das Wesen seiner Überlegenheit hinterfragt – und er soll ja in gewisser Weise überlegen sein, nicht wahr? -, wird er zwangsläufig weiterhin als neokolonialistisch und imperialistisch angesehen werden, und zwar nicht nur von Russland. Als russischer Liberaler habe ich immer zum Westen als dem Reich der Freiheit und der Demokratie aufgeschaut. Das machte ihn für viele überlegen – ob uns dieses Wort nun gefällt oder nicht. Das ist jedoch kein für immer erreichter und festgelegter Zustand, sondern ein ständiger Prozess, eine Interaktion in einem nicht abgeschlossenen Raum, die zu einer Veränderung zum Schlechten führen kann.

Die Ukraine möchte unbedingt „wieder in die europäische Familie aufgenommen werden“, und diese populäre Formulierung erscheint den meisten völlig legitim. Aber kann sie völlig unbeeinflusst bleiben von anderen Aussagen, die man in der Ukraine oft hört, dass zum Beispiel die Menschen im Donbass kulturell, wenn nicht gar genetisch minderwertig sind? Die EU, die die Ukraine willkommen heißt, erwähnt zwar die Korruption als etwas, an dem die Ukraine arbeiten sollte, um dem Club beizutreten, aber hätte sie nicht auf einige ihrer demokratischen Standards hinweisen sollen, die die Ukraine nicht zu kennen scheint? Finnland zum Beispiel hat zwei Amtssprachen, Finnisch und Schwedisch, obwohl letztere nur von 4 % der Bevölkerung gesprochen wird. Nur ein nettes, kurioses Detail? Nein, nicht nur ein Detail, denn wenn man sich ein solches Beispiel an der sehr großen russischsprachigen Gemeinschaft in der Ukraine nehmen würde, hätte man den Krieg vermeiden können.

Die Voreingenommenheit des Westens ist keine triviale Angelegenheit. Die ukrainische Führung hat beispielsweise oft behauptet, dass die Gleichberechtigung der russischsprachigen Bevölkerung den ukrainischen Staat geschwächt hätte. Sie haben sich geirrt, und der Westen wusste das, hat aber trotz seines großen Einflusses in der Ukraine nichts in dieser heiklen Frage unternommen.

Ich weiß mit Sicherheit, dass viele russischsprachige ukrainische Bürger viele Jahre lang keine Fans von Putin waren und entschlossene Patrioten hätten werden können (und einige sind es auch geworden), aber viele waren letztlich durch die zunehmenden Einschränkungen ihrer Sprache und Kultur verärgert. Das fühlte sich einfach nicht demokratisch an. Und gerade die Demokratie hätte das große Banner und der glänzende Erfolg der multinationalen Ukraine sein können, etwas, das Putins System konstruktiv herausgefordert und möglicherweise auch Russland reformiert hätte. Stattdessen wurde die Demokratie zu einem blassen, weitgehend hohlen, halb vergessenen Begriff, der jetzt nur wenige inspiriert.

Die Koexistenz gegensätzlicher Meinungen war die Stärke der westlichen Demokratie, die den autoritären Staatssozialismus in einem friedlichen (wenn auch mit anderen Mitteln ausgetragenen) Kampf der Ideen besiegte, aber diese Stärke ist nun weitgehend verschwunden. Alle Energie wird in den Kampf mit dem Feind gesteckt. Für die einen findet er im Kopf statt (vor dem Hintergrund des Kampfes um die Bezahlung der Rechnungen), für die anderen in den Schützengräben. Aber selbst wenn Russland nur mit physischen Waffen besiegt werden sollte, wird es keinen Frieden geben.

Eine große Niederlage löst zwar Veränderungen aus, aber es gäbe nur sehr wenige Ähnlichkeiten mit z. B. Afghanistan, das seiner Zeit zum Zusammenbruch der Sowjetmacht beigetragen haben soll. Wenn überhaupt, dann wird das Worst-Case-Szenario für das russische Militär zu einem Bürgerkrieg in Russland führen, dem Land mit den meisten Atomsprengköpfen der Welt. Es wird nicht dazu führen, dass ein aufgeklärter Führer auf wundersame Weise Herrn Putin ablöst. Der nächste russische Führer könnte Putin sogar zu einem (sehr groben) historischen Äquivalent von Hugenberg oder Goerdeler machen.

Und wir haben noch nicht einmal angefangen, darüber zu diskutieren, wohin die aktuelle Krise Europa und Amerika führen wird. In beiden Weltkriegen haben alle Hauptkämpfer auf dem europäischen Schlachtfeld, nicht nur die Besiegten, ihre Macht verloren. Auch wenn die USA an beiden Kriegen beteiligt waren, so waren sie doch nicht so stark involviert wie die Hauptkriegsparteien, und sie waren die Gewinner. Aber in diesem neuen, bisher kalten Weltkrieg, der sich jetzt anbahnt, sind die USA einer der Hauptbeteiligten, und deshalb werden sie dieses Mal wahrscheinlich Macht verlieren. Jemand anderes wird gewinnen.

Es gibt einige Ähnlichkeiten zwischen den frühen 1930er Jahren (und vielleicht 1914) und heute, aber der wichtigste Unterschied besteht darin, dass es einfach zu spät ist, etwas in der Vergangenheit zu korrigieren. Dialektisches Denken kann uns nur helfen, sie zu verstehen. Aber dialektisches Denken in Verbindung mit dem Mut zur Ehrlichkeit in der Gegenwart kann einen Dialog in Gang setzen, der vielleicht noch das Schlimmste verhindern kann. Und trotz der unvorstellbaren Tragödie, die bereits geschehen ist, kann es noch viel schlimmer werden.

Interview mit Andrei Nekrasov im März 2022 („Die Mehrheit in Russland unterstützt Putin, für sie ist der Krieg eine Form des Widerstands“) und im April 2022 über den Ukraine-Krieg: „Man muss hinter die Oberfläche der Medienberichterstattung schauen“. Und im April 2021 über Nawalny.

Siehe auch den Artikel von Andrei Nekrasov: Der lange Schatten der antikommunistischen russischen Revolution

Andrei Nekrasov, geboren in Leningrad/St. Petersburg, studierte Philosophie in New York (Columbia University) und Paris (Paris VII und Paris VIII) mit dem Schwerpunkt Sprachphilosophie. Er studierte auch Film in England und assistierte Andrei Tarkovsky bei seinem letzten Film in Schweden. Nekrasov verband eine erfolgreiche Filmkarriere mit einem ausgeprägten Interesse an Philosophie und Politik. Er war aktives Mitglied der Opposition in Russland und verfasste zwei Bücher und viele Essays und Artikel. Filme u.a.: Lubov und andere AlpträumeRebellion – the Litvinenko CaseThe Magnitsky Act – behind the Scenes.

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35 Kommentare

  1. Russland in einen totalen „patriotischen“ Krieg versetzen (was noch nicht der Fall ist)

    Ja, ich stimme zu. Und darüber hinaus würde es auch dann passieren, wenn der „kollektive Westen“ gewisse „roten Linien“ überschreitet. Wo genau sie verlaufen ist schwierig einzuschäzten, aber eine davon zeichnet sich doch jetzt schon deutlich ab. Wenn die NATO in die direkte Konfrontation eintritt. Auch in diesem Fall, würde man einen Bürgerkrieg in Russland sich abschminken müssen. Das überschreiten dieser Linie würde Russland unter dem Banner des „Großen Vaterländiscen (totalen) Krieges“ vereinen und den dritten Weltkrieg bedeuten, welcher entweder in einem nuklearen Armegeddon, oder der bedienungslosen Kapitulation Washingtons mündet.

    1. Neulich in einem russischen sozialem Netzwerk, wurde über internationale Reaktionen auf die Teilmobilmachung und Referenden diskutiert. Jemand sagte sinngemäß: die [Der Westen] haben einen schlafenden Bär so lange schon am Schnurbart gezogen, und nun, nachdem er aufgewacht ist wundern sie sich.
      Und ein Anderer antwortete sinngemäß: und der Bär ist noch nicht aufgestanden!

      Ich denke Herr Nekrasow würde nicht abstreiten, dass diese Meinung in Russland, sehr weit verbreitet ist.

  2. Ein Riesenstrauss an Aussagen, über die man tagelang diskutieren könnte. Nur wenige Anmerkungen dazu. Dass Putin in seiner Anfangszeit im Westen positiv rezipiert worden sei, entspricht absolut nicht meiner Erinnerung. Da gab es schon vor seiner ersten Präsidentschaft negative Einschätzungen mit Betonung seiner Geheimdienstvergangenheit und kaum war er an der Macht und ereignete sich der Kurskunfall, wurde schon voll Rohr auf ihn geschossen. Er mache alles falsch, er sei sozusagen schuld daran…
    Die westlichen Machinationen in der Ukraine, mit denen Nuland renomierte, kommen bei Nekrassov deutlich zu kurz, es entsteht ein falscher Eindruck über die Voraussetzungen für den Putsch 2014.
    Natürlich sind die vorgebrachten russischen Kriegsgründe als solche nicht stark genug, zum Teil vorgeschoben. Der Kriegsgrund ist ganz einfach und wurde von ganz unverdächtiger u.s.-amerikanischer Seite schon in den Neunzigern vorausgesehen. Nato vor der Haustür geht gar nicht. Punkt. Lawrow hat heute in der UNO eine Rede gehalten, in der er eigentlich alles sehr deutlich ausspricht. Ich sehe nicht, inwiefern man seiner Wahrnehmung widersprechen könnte. Das westliche Ziel ist die Zerstückelung Russlands, die Ukraine nur launching pad. Und da komme ich noch auf einen letzten Punkt. Die Ukraine ist nicht, wie Nekrassov unterstellt ein relativ homogener Nationalstaat, sondern aus genealogischen Gründen innerlich zerrissen. In den ehemalig polnischen Gebieten leben Menschen, die mit faschistischen Strömungen zumindest sympathisieren. Nicht umsonst finden sich allerorten faschistische Embleme. Das ist mit sowjetisch geprägten Menschen schwer zu vereinbaren, die Fliehkräfte sind ausgeprägt, was von den NeoCons, die das divide et impera meisterlich beherrschen, weidlich ausgenutzt wird. Irgendwann wird diesen Menschen vielleicht noch aufgehen, dass sie zur Beförderung fremder Interessen regelrecht geschächtet werden.

  3. Ein informativer Artikel mit vielen guten Überlegungen. Dennoch ist die Perspektive zu sehr verengt auf die westlich orientierter Liberaler. Wie Pnyx bestreite ich, dass Putin jemals im Westen besonders positiv rezipiert wurde. Auch die „Litwinenko-Affäre“ sieht etwa aus der Perspektive von Alexander Mercouris etwas anders aus: (xh)ttps://russia-insider.com/en/politics/litvinenko-inquiry-londons-absurd-show-trial/ri12452 . Immer wieder tauchen die Namen Christopher Steele und Alexej Miller auf, den Schlüsselfiguren der britischen und atlantischen Dienste im Kontakt zur osteuropäischen organisierten Kriminalität ebenso wie zu Regime-Change-Netzwerken. Das setzt sich fort im „Fall Skripal“ ebenso wie im „Steele-Dossier“ um „Russiagate“. Der tiefe Staat des Westens hat nie aufgehört, im Krieg mit Russland zu sein, seit 1917 spätestens.

    Ist Putin ein „Diktator“, ist Russland eine Diktatur? Die Einschränkungen der Meinungsäusserungen prowestlicher Liberaler durch den Krieg sind ja unbestritten. Aber könnte Herr Nekrasov das, was er in Petersburg (wenn ich nicht irre) über Putin und das „System Putin“ schreibt, über das politische und administrative System in Kiew schreiben, ohne sofort verhaftet. entführt, zusammengeschlagen, wenn nicht getötet oder verschwunden zu sein?

    Will „die Ukraine“ wirklich „in die europäische Familie“ aufgenommen werden, oder stimmt eher, was die Biletsky, Avakov, Jarosh etc. sagen, dass es ihnen Spass mache zu töten, im Unterschied zu den verweichlichten westlichen Liberalen? Man kann die Ukraine als alles Mögliche bezeichnen, aber doch nicht im Ernst als Demokratie. Und ja, ein gewisses Herunterschauen der Russen auf die „Hohols“ (Chochols) mag es geben oder gegeben haben, aber mit dem offenen Rassismus der „integralen Nationalisten“ der Ukraine ist das so wenig auf gleicher Ebene vergleichbar wie Ostfriesenwitze mit dem NS-Antisemitismus. Man hat den Eindruck, Herr Nekrasov entschuldigt und verharmlost hier.

  4. „Der Weg zum Frieden beginnt mit der Vernunft….“, der Mensch kommt aber selten allein mit Vernunft zur Vernunft.

    Auch ein festgefahrener Krieg bringt uns keinen Frieden, sondern den Konzernen nur weiter sprudelnde Gewinne.
    Mit der weiteren Lieferung von Waffen dieser Clique wird man dem Frieden garantiert nicht näher kommen.

    Dieser Krieg wird der zwingenden Erkenntnis enden, dass man ihn nicht gewinnen kann, und er für Beide zu teuer wird

  5. Putin mit Hitler zu vergleichen ist nicht gerade mein intellektueller Anspruch. Interessant ist doch im Wesentlichen, wie machtpolitische Interessen ideologisch begründet und durchgesetzt werden. Aus einer solchen Perspektive erscheint der vom Westen erzwungene Krieg in der Ukraine wie ein Religionskrieg. Da bleibt halt die Vernunft, nämlich Frieden zu schaffen durch Einbezug des Anderen, auf der Strecke.

  6. Dialektisches Denken wird bestimmt auch in irgend einer „Denkfabrik oder gar in der Politik“ existent sein, nur dürfen diese nicht in der „REALPOLITIK“ zu Worte kommen.
    Wenn aber in Ramstein sich die grossen treffen um über das Schicksal von Menschen dort entscheiden, sollte m. E. die Kritik an der eigenen Haustür zu suchen sein. Oder hat irgendwann, irgendjemand mal die Bevölkerung gefragt was diese darüber denken?, wohlgemerkt in einer Demokratie.
    J. M. Keynes und das Jahr 1914ff, danke dem Herren für diese zwinker… und als bekennender Liberaler, Andrei Nekrasov, liegt die Antwort immer im Liberalismus? Wenn dem so ist, dann weiß er auch das das Machtzentrum sich verschiebt, denn ansonsten hätte der Liberalismus ausgedient. St. Corona ist der heilige Patron vom „Kapital“ und wenn die Verfehlungen der „Kirche“ ins unermessliche geraten, gehört dieser Zustand zu verbessern.

    Es gab niemals Führer die ihre begonnenen Fehler einraumten, weil diese ansonsten vom Plebs an den Baum geführt wurden/werden. Deshalb existierten die Freuds, Keynes etc. um der Obrigkeit immer Raum zu lassen, die klugen Köpfe wussten sehr genau wie man „Herden“ führt.

  7. @Pnyx
    „Ein Riesenstrauss an Aussagen, über die man tagelang diskutieren könnte. Nur wenige Anmerkungen dazu.“ Dem Konjunktiv „könnte“ schließe ich mich an.

    In dem Artikel kommt mindestens ein dutzemdmal „Hitler“ vor. Was hat Putin, was hat die zaristische, sowjetische, russische Geschichte im geäußerten Sinne mit Hitler zu tun? Hannah Arendt hat eine bestimmte „Berühmtheit“ mit ihrer Totalitarismusthese erlangt.

    Putin hat trotz schwierigster familiärer und sozialer Verhältnisse einen Berufsweg bis zum Geheimdienstoffizier und Einsatz in der damaligen Besatzungszone erreicht. Er hat bis heute viele internationale Kontakte und handelt – freiwillig bis gezwungen – in diesem Kontext.
    Hitler ist praktisch als einfacher Soldat (Gefreiter) aus dem 1. Weltkrieg zurückgekommen und konnte auch nicht zur damaligen Wehrmacht, da sie laut Friedensvertrag zu einem Miniheer wurde. Er kam in Festungshaft, hinterließ ein Pamphlet „Mein Kampf“, was z.B. der immer wieder viel zu hoch eingeschätzte Churchill hätte vielleicht einmal rechtzeitig zur Kenntnis nehmen und Schlüsse daraus ziehen sollen. Der Nationalsozialismus wurde groß, Hitler war die „Galionsfigur“. …..

    Mir erschließt sich nicht, was, außerhalb der westlichen Russophobie und der Kriegspropaganda, ein Vergleich zwischen Hitler und Putin für Erkenntnisse bringen soll. Dies bewegt sich außerhalb der in der Überschrift des Artikels geforderten Vernunft.

    1. Der Hitler-Vergleich ist tatsächlich nicht geeignet, irgendeine Erkenntnis zu bringen. Er ist eher eine Nebelbombe, die, wie die Behauptung vom verrückten Putin oder dem Imperialisten Putin, dazu geeignet ist, um die Frage, was diesen Krieg auslöste, von der eigenen Verantwortung weg zu schieben.

      Wenn Putin Hitler, Imperialist oder verrückt ist, braucht doch niemand mehr nach Gründen suchen, die außerhalb Putins liegen.

  8. Ich bin mehrsprachig: Ich kann frängisch sprechen und leidlich gut und flüssig die deutsche Verkehrssprache verwenden, mündlich und schriftlich, wenn es von mir erwartet wird. Mangels Übung kann ich die die erlernten Fremdsprachen Englisch und Französisch nicht mehr in einem befriedigenden Umfang sprechen, sondern – aktuellstes Wörterbuch vorausgesetzt – nur noch relativ gut lesen. Als sprachliche Autonomie würde ich es bezeichnen, wenn ein Mensch darüber entscheiden kann, welche Sprache er in welchem Zusammenhang verwendet und nicht ausschließlich mit der Muttersprache leben muss. Je vielfältiger seine sprachlichen Ausdrucksmittel in den unterschiedlichsten Zusammenhängen sind, desto größer sind seine Möglichkeiten andere zu belehren, zu überzeugen, zu manipulieren, herabzusetzen, zu loben, zu … .
    Die Rede von einer „Nationalsprache“ ist eine politische Erzählung. Zurückblickend wird die Schöpfung der deutschen Nationalsprache einem Erfinder namens Luther zugesprochen und ihre Verbreitung verbunden mit einer ebenfalls in Deutschland gemachten Erfindung: dem Buchdruck mit beweglichen Lettern. Ich nehme an, dass mit Beginn der Neuzeit – ausgehend von den jeweiligen Herrschaften – Sprachgewohnheiten entstanden, die man ihrer Herkunft nach zu Recht als „Hochsprache“ bezeichnen kann.
    Der Begriff der Nationalsprache ist einer Zeitspanne geschuldet, in der die Sprachwissenschaft versuchte Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Wertneutral, wie es einer Wissenschaft genannten Tätigkeit angemessen ist. Die von ihnen entdeckten Regeln und Bräuche wurden hauptsächlich von Nationalisten und Schulmeistern als Herrschafts- oder gesellschaftliches Unterscheidungsmittel benutzt.
    Ich selbst lebe in einem sprachlich gespaltenen Raum. Oberpfälzer auf der anderen Seite des Hausberges, die ihre Muttersprache sprechen, verstehe ich nicht. Die Verständigung ist deshalb sehr schwierig. Mit der weltgewandten Oberschicht der Menschen, die hier als unkrainische Flüchtlinge eine Bleibe gefunden haben ist Englisch das Hilfsmittel der Stunde. Wenn man nicht als geborener „Ossi“ Russisch spricht. Wenn ihnen das nicht langt – was bei manchen der gut situierten Hilfsbedürftigen der Fall ist – müssen sie damit zurechtkommen.
    In dieser Lage wird gerne vergessen, dass die auf ihre Muttersprache eingeschränkten Menschen in aller Regel in Kriegen Binnenflüchtlinge bleiben, denen keiner jemals hilft. Die erstbeste Reaktion gegen Gewalt heißt Flucht. Deshalb unterscheidet das geltende deutsche Recht Kriegsflüchtlinge und Politische.
    Ob einer als „Politischer“ anerkannt wird, entscheidet nicht allein in Deutschland die politische Opportunität des aufnehmenden Landes. Aus meiner Kindheit sind mir noch die manchmal auch mit Brandbomben und Pistolen ausgetragenen Konflikte zwischen Ustascha-Flüchtlingen und anderen Zuzüglern aus Jugoslawien in Erinnerung. Politische aus den Ländern Saudi-Arabien, Russland, Brasilien, USA, Serbien, Nicaragua, … werden nicht als im Grundsatz gleich berechtigte, gefährdete Menschen angesehen. Das ist weltweit geübte Praxis.

    1. Ich kann da nicht ganz zustimmen. Das beginnt schon da, wo es heisst: „Die Rede von einer „Nationalsprache“ ist eine politische Erzählung.“

      Die Rede von der „Erzählung“, akademisch „Narrativ“, verfällt der postmodernen Ideologie. Narrativ lässt sich in den meisten Kontexten salva veritate durch Lüge ersetzen. Das gilt ebenso für den Kern der postmodernen Ideologien von „Dekonstruktion“ bis zum Gender Mainstreaming. Hirntötende Giftpillen für die Schafe.

      Man kann zwar in der Tat die Herausbildung der deutschen Nationalsprache in der Zeit der Reformation und der Bauernkriege datieren. Die Lutherbibel als weltanschauliches Werk, dem Expertentum kirchenlateinisch geschulter Pfaffen und Scholaren entrissen, war auch in der Tat ein Katalysator der grossen Sozialbewegungen dieser Epoche. Die Flugschriften und Broschüren in der Folge des Buchdrucks waren es allerdings ebenso, und der dreissigjährige Krieg, der nicht nur ein Drittel der Bevölkerung das Leben kostete, sondern auch die Überlebenden durcheinanderwirbelte. Die nun auch verschriftlichte Landessprache war der gemeinsame Schirm über den regionalen Dialekten. Sie entwickelte sich auch aus den Bedürfnissen von Handel, Handwerk und entstehender Industrie. Eine deutsche Nationalbewegung kam erst rund 300 Jahre später.

      Auch heute kommunizieren Einwanderer aus der Türkei, Afrika, dem Nahen Osten, Zentralasien, Süd- und Osteuropa in Deutschland (ok hier in Berlin zumindest) meist auf deutsch miteinander, nicht im geschliffensten, aber das ist die gemeinsame Kommunikationsgrundlage. Deutschnationale Gefühle hat dabei wohl kaum einer von denen.

      Das Sprachenproblem in der Ukraine ist anders. Eigentlich ist es keins, denn alle slawischen Sprachen sind untereinander verständlich (mit mehr oder weniger grosser Anstrengung), und die linguistische Distanz zwischen Ukrainisch und Russisch ist geringer als die zwischen Schwyzerdütsch und Hochdeutsch. Das Ukrainische als verschriftlichte Sprache ist in der Tat eine Schöpfung des späten 19. und des 20. Jahrhunderts.

      Herrn Nekrasovs Anschuldigungen gegen „die Russen“ und ihre Herablassung gegenüber den Ukrainern sind weit überzogen. Schewtschenko schrieb deshalb seine Prosa, anders als seine Verse, in Russisch, weil es einer ukrainischen Sprache als Prosa-Kommunikationsmittel schlicht ermangelte. Sein Ukrainisch war im Kern das ländliche Idiom der Kiewer Oblast, wo er aufgewachsen war. Das Ukrainisch Galiziens und Wolhyniens war dem Polnischen, teils auch Weissrussischen, viel näher, nach Osten und Süden dem Russischen. In gewisser Weise hat Schewtschenko das moderne „Hochukrainisch“ erst geschaffen, mindestens seine Ansätze. Übrigens war und ist er in Russland wie zuvor der UdSSR hoch geehrt, Strassen, Seen, Berge sind nach ihm benannt.

      Das Ukrainische entbehrt bis heute vieler Begriffe des natur- wie human- und sozialwissenschaftlichen und technischen Sprachgebrauchs oder hat sie aus dem Russischen übernommen (das seinerseits einen grossen Fundus von Lehnwörtern aus dem Deutschen und Englischen hat). Die UdSSR hat viel unternommen, aus dem Ukrainischen eine komplette Sprache zu machen.

      Abgeschlossen war der Prozess am Ende der UdSSR nicht, und in den ersten Jahrzehnten der Ukraine ging es eher rückwärts, da die Mittel für Kultur und Druckwerke zusammenbrachen. Ein Problem waren auch die vor allem aus Kanada und den USA zurückkehrenden Emigranten, meist in der Wolle gefärbte Faschisten, die ein anderes Ukrainisch standardisiert hatten und im Gerangel um Posten als Waffe einsetzten.

      Der „kulturrevolutionäre“ Vandalismus und Terror der Banderowzy hat auch mit dem Minderwertigkeitskomplex und der Assimilationsfurcht zu tun. Das mag man nachvollziehen und zumindest teilweise entschuldigen, was die Intention der Schaffung und Verbreitung der Staatssprache angeht, aber nicht die Intoleranz, den Terror und den Vandalismus. Und noch weniger den Hass, der sich aus der selben Quelle speist wie der Ausrottungsantisemitismus, an dem die OUN grossen Anteil hatte. Die Shoah begann mit den Massenmorden in Lemberg am 30.6.1941, unter Leitung von Bandera und Stetko und unter Aufsicht der SS.

      1. Dann verwende ich halt in Zukunft statt „Erzählung“ propagandistisch be- oder vernutzte Bedeutung eines Wortes, wenn´s deinem Seelenfrieden dient. Ändert das etwas am Sachverhalt? Hinsichtlich deiner übrigen Ausführungen gibt es keine Meinungsverschiedenheit.

        1. Es war kein Vorwurf, sondern eher eine Mahnung, sich der Übermächtigung durch die neoliberalen und postmodernen Ideologien bewusst zu bleiben. Dieser ganze Jargon ist ein Minenfeld, die Sprache des Vierten Reiches. Und manchmal habe ich auch keine besseren Terminologien. Die Kritik ist teilweise erst zu entwickeln bzw. zu rekonstruieren. Derzeit gibt es einen perversen Clinch zwischen postmodernem „aufgeklärt progressivem“ und konservativem bis reaktionärem Gaga.

          Nachtrag: Die 300 Jahre beziehen sich auf Lutherbibel und Bauernkrieg, nicht den dreissigjährigen Krieg. Die deutsche Nationalbewegung in ihren Höhen und Tiefen ist ein Kind des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts.

          1. Kaiser wurden durch die römisch katholische Kirche ernannt und heute steht ein Papst in der Kritik, weil dieser nicht „die orthodoxen Russen“ verurteilt. Das empfinde ich schon bemerkenswert…
            Was Sprache in Wort und Schrift angeht, bin ich im Besitz einiger Tagebücher seitens meines Großvaters
            (geb. 1886 gest. 1949), die Unterschiede zu heute sind gravierend. Die „Not“ der Menschen ist die gleiche wie heute, nur das „Narrativ“ bedient sich der Änderung um vom alt hergebrachten abzulenken…

  9. „…, aber eine Gleichschaltung der Mainstream-Medien, die eine Debatte über einige der hier aufgeworfenen Fragen verhindert, schadet der westlichen Demokratie mehr als sie Putin schadet. Solange der Westen sich nicht selbst über das Wesen seiner Überlegenheit hinterfragt – und er soll ja in gewisser Weise überlegen sein, nicht wahr? -, wird er zwangsläufig weiterhin als neokolonialistisch und imperialistisch angesehen werden, und zwar nicht nur von Russland. Als russischer Liberaler habe ich immer zum Westen als dem Reich der Freiheit und der Demokratie aufgeschaut.“

    Ich glaube dieses „Reich der Freiheit und der Demokratie“ im Westen ist bereits vor einigen Jahren oder Jahrzehnten verblasst und nur noch Fassade. Ersetzt wurde sie durch den „umgekehrten Totalitarismus“, der allerdings nicht sichtbar daher kommt und von oben alles dominieren will. Er verbirgt sich gewissermaßen in den Strukturen der Medien und Politik und sorgt dort für Homogenität und Konformität der Debatte.

    Aber nicht allein dies, wie gerade gestern gesehen habe, untergraben die demokratischen Institutionen des Westens die offene Debatte, indem sie im Ausland Organisationen finanzieren, die wiederum Menschen, die abweichenden Ansichten äußern, als Informationsterroristen bedrohen. (siehe das aktuelle Interview mit Scott Ritter bei Grayzone)

    Der Westen ist und war schon früher destruktiv und gierig, aber heute geht es um seine globale Macht.

  10. Schön nachdenklicher und auch abwägender Beitrag von Andrej Nekrasov. Selten geworden in der einheimischen Medienwelt, viel zu selten. Danke an den Autor und die Herausgeber.
    Ich hätte mir zur Abrundung gewünscht, daß Nekrasov nicht nur Philosophie und Film studiert hätte (was sicher für das Gelingen seiner Filme ausschlaggebend war), sondern auch ein paar Semester Politökonomie. Dann wäre ihm die Erkenntnis, wer sowohl die Ukraine als auch Russland ausplündern will und warum, sehr viel deutlicher geworden, und er wäre zum tieferen, eigentlichen Kern des Konflikts vorgedrungen: der Systemauseinandersetzung zwischen „Werte-Westen“ und China nebst Verbündeten. Dann wäre in dem Beitrag auch mindestens einmal der Begriff NATO-Osterweiterung gefallen, und Hitlers Osterweiterung hätte er dann in den richtigen Kontext gebracht.

    1. Du Politökonome könntest auch einfach vor die Tür gehen und dir ein paar Leute suchen.
      Der Artikel beinhaltet die Aufforderung zum Handeln. Von beruhigt und wohlig unterhalten zurücklehnen, steht da nichts.

      1. Über „beruhigt und wohlig unterhalten zurücklehnen“ hab ich aber doch auch nichts geschrieben? Schon gar nicht politökonomisch?
        Man sollte vor dem Handeln nachdenken. Erst wenn die Ursachen des Problems klar sind, kann man die richtige Lösung finden. Wild drauflosdemonstrieren hat noch nie was geändert. Es müssen zuerst Konzepte her.

  11. Übrigens Hitler und Konsorten wollten nicht nur die westlichen sowjetischen Völker versklaven, sondern explizit 30 Millionen Menschen ausrotten/verhungern lassen. Vor diesem Hintergrund Putin mit Hitler gleichzusetzen ist nicht nur dumm, sondern perfide.

    1. Es böte sich wohl eher ein Vergleich von Ideologie und Praxis der Ukraine im Nach-Maidan mit denen in den 30er Jahren in Deutschland an. Übermenschenideologie und brutale Verfolgung von Opposition und „Untermenschen“.
      Da hört es sich plötzlich gar nicht so verkehrt an, wenn im Westen einhellig davon die Rede ist, dort würde „unsere Demokratie“ gegen die Barbaren aus dem Osten verteidigt. Wir sind auf dem besten Weg zu dieser „Demokratie“.

    2. Der Generalplan Ost ist in der Tat zu wenig und zu Wenigen bekannt, auch und besonders in Russland. Die Filettierungspläne erst der UdSSR, und nun Russlands in machtlose Rohstoffkolonien war ein bedeutender Teil desselben, von dem schon Brzesinski und die Neocons abgeschrieben haben.

      Die „Reduktion der slawischen Bevölkerung“ zielte auf die Vernichtung von über 100 Millionen Menschen. Der Mord an Millionen Kriegsgefangenen, die Hungerblockade Leningrads, die Vernichtung fast eines Drittels der weissrussischen Bevölkerung, die Zerstörung von über 1100 Städten und über Zehntausend Dörfern waren erst der Auftakt. Die Siege der Roten Armee setzten dem Horror ein Ende. Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano sprach vom Generalplan Ost als dem „zweiten, grösseren Holocaust“.

      Der ukrainische Antirussismus steht in der Tat nicht auf einer Ebene mit russischen Spöttereien über die „Chochols“, die nord-/süddeutschem oder österreichisch-preussischem Spott und Zank ähneln. Sie sind offen rassistischer Hass, reden von genetischer Minderwertigkeit asiatischer Steppenvölker und Sklaven, das ist Nazismus pur, ähnlich wie bei der „Expertin“ Florence Baud im deutschen Fernsehen, für die Russen nur wie Europäer aussehen, in Wahrheit aber Schlechteres und Niederes sind.

  12. Andrei Nekrasov schreibt:
    „Und wir haben noch nicht einmal angefangen, darüber zu diskutieren, wohin die aktuelle Krise Europa und Amerika führen wird. “

    „Die EU ist der Buettel der USA“ (Ehlers) das ist so offensichtlich, da Scholz wie auch Baerbock und andere keine Alleingaenge wagen, man beschraenkt sich auf „hoellische“ Sanktionen und hofft auf goettlichen Beistand! Die „Umerziehung“ in der EU sowie in Deutschlands Parteien (besonders bei den Gruenen) ist aus amerikanischer Sicht zum jetzigen Zeitpunkt ein durchschlagender Erfolg!
    https://kai-ehlers.de/2022/09/eu-als-buettel-der-usa-eine-rueckschau-aus-aktuellem-anlass/

    „Die Zweiteilung der Welt in eine vom Westen nicht kontrollierbare russisch-eurasische Kolonialmacht und einen europäisch-amerikanischen Anspruch auf koloniale Kontrolle der Welt liegt eine, möglicherweise die  Antwort auf die Frage, warum Deutschland, die EU, Europa sich vor Russland schützt und nicht vor den USA, und das selbst da, wo die USA offensichtlich europäischen Interessen schaden, sogar Europa existenziell gefährden, wenn sie wie jetzt im Ukraine-Konflikt kriegerische Auseinandersetzungen auf europäischem Boden provozieren, zumindest als Kollateralschaden ihres Versuches Russland einzudämmen, in Kauf nehmen:
    https://kai-ehlers.de/2015/04/warum-schuetzt-die-eu-sich-gegen-russland-aber-nicht-gegen-die-usa/

  13. > der wichtigste Unterschied besteht darin, dass es einfach zu spät ist, etwas in der Vergangenheit zu korrigieren.
    Der 24. Februar 2022 liegt auch in der Vergangenheit. In seinem offenbar in der Pandemie überbordend gewachsenem Größenwahn der Restauration des Großrussischen Reichs vermischt mit der neo-völkischen Idee von der eurasischen Pan-Slawerei, hat er Kriegsziele ausgegeben, die zurückzunehmen ihm sein Gangster-Charakter nicht erlaubt. Gern wird dabei seine Forderung von Ende 2021 unterschlagen, die den Rückzug sämtlicher NATO-Truppen aus ehemaligen Sowjetstaaten beinhalteten. Kurz, er hat sich in eine Sackgasse manövriert, aus der er wie die anekdotische Ratte nicht mehr lebendig herauskommt.

    Insofern muss es wie einst 1945 heißen:
    „Der Weg zum Frieden beginnt mit dem Tod des Diktators, nicht mit moralischer Empörung“

    phz

    1. „Der Weg zum Frieden beginnt mit dem Tod des Diktators, nicht mit moralischer Empörung“

      aber aber…..Mister Alijew aus Aserbaidschan ist doch jetzt unser neuer Gaskumpel, ihm den Tod zu wuenschen geht aber jetzt zu weit!

      1. Den meint er ja gar nicht.
        Dieser Wunsch bezieht sich auf Mohammed Bin Salman, der beliefert uns jetzt in 2022 mit sage und schreibe 150.000 Kubikmeter LNG. Da kommen wir gut durch den Winter.

    2. Wer nur Nägel hat, der findet für jedes Problem einen Hammer.
      Wer nur Panzerhaubitze kann, der…
      Deine widerlichen Interpretationsversuche menschlicher Charaktere gehören hier einfach nicht hin.

      1. Wer diesen Müll, diese Geschichtsklitterei liest, ist erleichtert, dass P. nicht an der Führung eines Landes beteiligt ist. Es wäre ein Unglück für die Menschen.

    3. „überbordend gewachsenem Größenwahn der Restauration des Großrussischen Reichs vermischt mit der neo-völkischen Idee von der eurasischen Pan-Slawerei, hat er Kriegsziele ausgegeben, die zurückzunehmen ihm sein Gangster-Charakter nicht erlaubt. … er hat sich in eine Sackgasse manövriert, aus der er wie die anekdotische Ratte nicht mehr lebendig herauskommt.“

      Pantsi, das ist eine voellig irre Ansicht.
      Ich war mal Grenadier vor ner Ewigkeit, und ich hatte den Satz über den Zweck der Nato, „die Amis drin, die Russen draussen und die Deutschen unten“ zu halten fuer Bloedsinn. Das aendert sich unter dem Druck der Ereignisse.
      Die Nato ist eine Kriegsgefahr, und „Deutschland raus aus der Nato“ halte ich – auch unter dem Eindruck von Pantsis posts – fuer ein gutes Schild fuer Demos in der naechsten Zeit. (Zum Thema ‚Was tun‘ 😉

  14. In vielen Dingen kann ich dem Autor zustimmen. Es gibt durchaus gewisse Parallelen, aber dennoch Putin ist Alles Andere, nur nicht Hitler. Oder könnte man sich Hitler, so vorstellen?:

    pbs.twimg.com/media/D1Jn1rFWkAE-jgB.jpg

    Wohl kaum. Der Deutsche Nationalsozialismus der 1930ger und 40ger Jahre war geprägt von einer rassistischen Idee von einem natürlichen „Überlebenskampf der Völker“, indem eine aus ihrer Sicht besonders „edle arische Rasse“ sich über die „Minderwertigen Völker“ (Juden, Roma, Slawen) erhebt. Das war nicht etwa ein geheimer Plan Hitlers gewesen, das war zu dieser Zeit Mainstream in Deutschland. Hitler verfasste bereits 10 Jahre vor seiner Machtergreifung seine politische Agenda in seinem Werk „Mein Kampf“, welches Ende der 20ger und Anfang der 30ger Jahre ein Bestseller mit einer Popularität wie der Bibel gewesen ist. Hitler gelang es damit ein ganzes Volk zu verführen und auch international zu mindestens Interesse zu wecken und auch viele Gleichgesinnte zu finden.

    In „Mein Kampf“, verfasst Hitler sein politisches Manifest. Erläutert seine Weltanschauung, seine Überzeugungen, begründet seine Politik und formuliert seine Ziele. Daraus wird deutlich, dass Hitler die Legimitation seiner Politik aus einem Glauben an eine Art „judische Weltregierung“ ableitet, welche dem Deutschen Volk im ersten Weltkrieg in den Rücken gefallen sei, und es in Ketten gelegt habe. Die Juden hätten die ganze Welt unterwandert und hätten das Deutsche Volk unterworfen. Und Hitler spielt dabei die Rolle des „Messiah“, welcher das angeblich genetisch bessere „arische Volk“ in einer Art Befreiungskampf führt und in Folge die Deutsche Nation eine angemessene Macht und Größe entfalten soll. Die Hauptschuldigen seien die Juden und die Kommunisten, wozwischen Hitler ein Gleichheitszeichen setzt. Aber auch die europäischen Kolonialmächte seien von Juden unterwandert, so Hitler. Die „Reinigung“ der eigenen Nation, vom s.g. „unarischen Blut“ sieht Hitler in seinem Befreiungskampf als einen wichtigen Meilenstein. Dabei glaubt Hitler, dass die Ursache der damaligen Wirtschaftskrise (und sie war sehr schlimm gewesen, es gab Hunger) darin läge, dass Deutschland übervölkert sei und sich im vom versailler Vertrag geknebeltem Zustand nicht alleine ernähren und mit Allem nötigen versorgen könne. Als Lösung erwägt Hitler eine neue Art von Bodenpolitik mit der Expansion des „Reiches“ nach Osten zu den fruchtbaren Feldern der Ukraine und zu den sprudelnden Ölquellen des Kaukasus. Die überwiegend slawische Bevölkerung der Sowjetunion sollte in der rassistischen Ideologie Hitlers, aufgrund ihres „geringen genetischen Wert“, sollte in der Mehrheit ermordet oder vertrieben werden und nur ein geringer teil sollte, so Hitler, versklavt werden und dem Deutschen Volk dienen.

    Nun wenn wir auf Putin zurückkommen, kann von einer rassistisch motivierten Ideologie keine Rede sein. Eine auf der Basis eines sozialdarwinistischen Konzepts rassistische Ideologie wäre im heuten Russland auch kaum staatstragend. Denn das heutige Russland besteht aus etwa 140 verschiedenen Nationalitäten, den nationalen Minderheiten. Das heutige Russland sind nicht nur ethnische Russen. Es sind auch Tschetschenen, Tataren, Burjaten, Baschkiren, Tschuwaschen, Udmurten, Osseten, Jakuten, Inguschen, Balkaren, und noch viele Anderen. Alle mit ihren eigenen Nationalsprachen, Nationalkleidung, Musik, Küche, Eigenarten in der Lebensart. Zusammen bilden sie die multinationale (!) und multikonfessionelle (!) russische Nation.

    Was die russische Nation wirklich eint, und beisammen hält, ist nicht eine Segregation nach der ethnischen Herkunft, wie im Dritten Reich. Die staatstragende Nationale Idee des modernen Russlands ist etwas grundlegend Anderes. Was eint alle Völker des heutigen Russlands? Das ist der Sieg im s.g. „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen den europäischen (!) Nazismus. Das ist das, wovon der russische Patriotismus, im heutigen Russland mit all seinen verschiedenen Völkern getragen wird.
    Das heutige Russland führt keine Revolution und keinen Befreiungskampf. Russland fühlt sich in seiner Entwicklung und in Fragen seiner Sicherheitsinteressen bedrängt. Putin, sieht sich eher in der Rolle des Bewahrers, nicht des Eroberers. Was im Rahmen des russischen ideologischen Konzepts den Einsatz von Gewalt in der Ukraine rechtfertigt, ist die These: „Wir lassen die Unseren nicht im Stich“. Russland sieht sich also in der Rolle einer Schutzmacht der Bevölkerung der Ostukraine. „Wir lassen die Unseren nicht im Stich“ trägt die russische Entschlossenheit in der Ukraine und nicht wie bei Hitler: „Wir sind übervölkert und müssen deshalb Ländereien zusammenrauben“. Im Gegensatz zu Hitler, welchem es ausschließlich um Bodenpolitik, also um Territorien ging, rechtfertigt Putin sein Vorgehen in der Ukraine mit der humanitären Logik, wo es in erster Linie um die Menschen der Ostukraine (Die Unseren) geht, und nicht um Boden. Russland, das größte Land der Welt, sei überbevölkert und brauche dringend fremde Ländereien, wäre zu weit hergeholt. In Russland kann man mancherorts hunderte von Kilometern durch die Taiga laufen, ohne einem Menschen zu begegnen.
    Hitler ging es um Boden. Putin, geht es um Menschen.

    Der steinzeitliche Nationalismus, dessen Slogan „Russland den Russen“ lautet, schadet nur unserem Staat, sagte Wladimir Putin. Der Präsident erinnerte daran, dass Russland ein multiethnisches und multikonfessionelles Land ist. „Ein Vertreter jeder ethnischen Gruppe, auch der kleinsten, muss spüren, dass dies seine Heimat ist, er hat keine andere. Er wird hier beschützt und ist bereit, sein Leben zu geben, um unser Land zu schützen“, sagte der russische Staatschef. (17.02.2021)

    ria.ru/20210217/natsionalizm-1597816174.html

    Moskau. 9. Mai. INTERFAX.RU – Der russische Präsident Wladimir Putin sagte, dass Versuche in der modernen Welt, die Nazi-Ideologie zu übernehmen, die Geschichte umzuschreiben und die Nazi-Verbrechen zu rechtfertigen, gefährlich seien.

    „Die Geschichte verlangt, dass Schlussfolgerungen gezogen und Lehren gezogen werden, aber leider werden viele Dinge aus der Ideologie der Nazis, die von der wahnhaften Theorie ihrer Ausnahmestellung besessen waren, erneut versucht, als Waffe einzusetzen. Es geht nicht nur um alle möglichen Radikalen und internationalen Terrorgruppen“, sagte Putin bei der Parade zum Tag des Sieges.

    Der russische Staatschef fügte hinzu, dass es heute Beweise für Versuche gebe, die Geschichte umzuschreiben, um Verräter und Verbrecher zu rechtfertigen, an deren Händen das Blut Hunderttausender friedlicher Menschen klebe. „Wir sehen Versammlungen von skrupellosen Todesschwadronen und ihren Anhängern“, sagte er.

    Der Präsident betonte, dass die Menschen in Russland nur zu gut wissen, wozu das alles führen kann. „Unsere Leute wissen nur zu gut, wohin das alles führt. Jede Familie bewahrt das Andenken an diejenigen, die den Sieg errungen haben. Wir werden immer stolz auf ihre Leistung sein“, sagte er.

    Putin sagte auch, dass Russland das Völkerrecht konsequent verteidigt habe. „Gleichzeitig werden wir unsere nationalen Interessen entschlossen verteidigen und die Sicherheit unseres Volkes gewährleisten. Die tapferen Streitkräfte Russlands, die Erben der Soldaten des Sieges, sind ein zuverlässiger Garant dafür“, sagte das Staatsoberhaupt.

    interfax.ru/russia/765164

    Wir sehen hier also bei Putin eine ganz Andere Ausgangslage, Weltanschauung, Ideologie und Motivation als bei Hitler.

  15. Sehr guter Text, der bei der hier herrschenden Schlagzahl an Texten leider wohl untergehen wird!
    Die nächsten Sauen stehen schon bereit. durchs Dorf getrieben zu werden.

    Apropos Eberts (und vor allem Noskes) sozialdemokratische Politik :
    Wie ist es in der deutschen Gesellschaft und aus ihr heraus ERNEUT möglich, dass sozialdemokratische Politik für einen Krieg und gegen einen Feind sowie gegen kritische Proteste im Inneren mobilisieren kann; Pazifismus diskreditiert und die Abkehr militärischer Zurückhaltung (nach 80 Jahren) herbeisehnt.
    Sozialdemokratischer Belizismus und die ganze Menschenverachtung zeigte sich bereits durch den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien und die Einführung von Hartz4: D als Europas größten Billiglohnsektor.

    Wir haben die großen, verdrängten und daher immer wieder auftretenden Probleme ausschließlich in der deutschen Gesellschaft statt irgendwo anders zu suchen und zu reflektieren.
    Bei ihr sollten wir ansetzen.

  16. […] Reinhard Olschanski sieht Russland unter dem Putinregime auf dem Weg zum “Vasallenstaat”. Er stützt sich dabei auf eine Analyse aus dem britischen Guardian, der – international betrachtet – zu Qualitätsmedien zu zählen ist, und übrigens gut mit dieser Sache klarkommt, die den deutschen Verlagen so schlimme Schmerzen macht: dieses Internet. Ein Leser wies mich heute auf einen Guardian-Text von 2014 (Krim-Annektion) hin, den Consortium News jetzt quasi als Wiederholung bringt. Lesenswert zum gleichen Thema ausserdem Andrei Nekrasov/overton: “Der Weg zum Frieden beginnt mit der Vernunft, nicht mit moralischer Empörung”. […]

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