Der ukrainische Widerstand in Mariupol bröckelt weiter

Über tausend Marinesoldaten sollen sich in Mariupol heute ergeben haben.

Mit den Helden von Mariupol werden die rechtsnationalistischen Milizen verklärt, aber sie beklagen sich, alleine gelassen zu werden, was zu einem Bruch mit der Regierung führten könnte.

 

Den seit Wochen eingeschlossenen ukrainischen Marine-Soldaten  und Asow-Milizen gehen Lebensmittel, Munition und Medikamente aus. Hunderte der Soldaten sollen sich nach russischen Berichten schon Hunderte  ergeben haben, einige Asow-Kämpfer wurden beim Versuch, Mariupol zu verlassen, gefangen genommen, andere Ausbruchsversuche seien gescheitert. Gestern wurde bekannt, dass ein Brite namens Aiden Aslin seiner Familie und Freunden mitgeteilt hat, dass er und seine Einheit den Kampf aufgeben und sich ergeben werden. Ein Freund von ihm sagte, sie wollten sich russischen Truppen ergeben, um nicht in die Hände der Kadyrow-Einheiten zu geraten, die in der Ukraine einen ähnlichen Ruf haben wie die Asow-Kämpfer in Russland. Er habe schon versucht, als Zivilist gekleidet zu entkommen, es sei aber nicht gelungen.

Heute kam die Meldung, dass sich angeblich über 1000 Soldaten der Marine-Brigade ergeben haben, darunter viele Offiziere, 126 Verwundete würden behandelt. Dass die Soldaten, gefragt vom russischen Militär, ob es einen Chemiewaffeneinsatz gegeben habe, dies verneinten, sagt natürlich nicht viel.

Dagegen wurden gestern Videos von noch verbliebenen Soldaten der Marine-Brigade verbreitet, die offenbar in Kellern hausen und die Botschaft aussenden sollen, dass sie sich nicht ergeben haben, sondern weiter kämpfen werden, auch wenn sie keine Lebensmittel und Munition mehr haben. Es ist ein aussichtsloser Kampf, aber es scheint, als würden sich die Soldaten für die Ukraine opfern wollen, ein Heroismus, der auch von der Regierung gefeiert und gefordert wird: „Alle Ukrainer müssen sich an den Preis dieses Widerstands erinnern“, so die Botschaft der Soldaten, „und die Arbeit zu Ende bringen: den Sieg bis zum Ende verteidigen. Die Ukraine, Europa, die Welt… Mit dem Glauben an den Sieg sind wir immer treu, treu bis zum Ende.“

Nach Berichten sollen einige hundert der verbliebenen Marinesoldaten es geschafft haben, zu den Asow-Verbänden zu flüchten.

Asow versuchte, mit einer Meldung, dass russische Truppen Chemiewaffen eingesetzt hätten, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Ob das zutrifft, ist nicht nachprüfbar, Asow versucht damit, die Nato unter Druck zu setzen, dagegen behauptet Russland, Drohnen mit Flüssigkeitsbehältern gefunden zu haben. Die Nato und vor allem auch die USA hatten immer wieder gedroht, dass ein Chemiewaffeneinsatz eine rote Linie sei. Während die britische Regierung mit einer scharfen Reaktion droht, hält sich das Pentagon zurück und wiederholte, dass man einen Chemiewaffeneinsatz nicht bestätigen könne. Man wisse auch nichts davon, dass die Russen Chemiewaffen in die Ukraine bringen. Betont wird, man habe nicht mit dem medizinischen Personal sprechen können, um Näheres zu erfahren. Auch über Asow oder ob sich bereits viele Soldaten ergeben haben, könne er nichts sagen, so der Pentagon-Sprecher.

Aus den Tunnels von Azovstal berichten Zivilisten und Militärs von den Folgen des angeblichen Chemiewaffeneinsatzes.

Das erscheint aber als eine Ausrede, denn zumindest kann Asow aus Mariupol offenbar noch Tweets und Videos verbreiten. Und in einer verzweifelten und verbitterten Erklärung der Marine-Brigade vom 11. April hieß es vor zwei Tagen noch, man habe ein Starlink-Satelliten-Internet-Kit, das noch funktioniere, ansonsten beklagte man sich über die fehlende Unterstützung. Man habe kaum Waffen erhalten, ein möglicher Durchbruch der ukrainischen Armee sei nicht erfolgt. Jetzt stehe die letzte Schlacht an. Die gesamte Infanterie sei getötet worden, Soldaten seien reihenweise mangels Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser gestorben. Niemand kommuniziere mehr mit ihnen, weil sie eingeschlossen seien. Das hatte auch Swjatoslaw Palamar, der stellvertretende Asow-Kommandeur auch behauptet.

Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine (AFU), Valeriy Zaluzhny, bestritt dies, man stehe in Kontakt mit ihnen und mache alles, um sie zu retten. Zu vermuten ist, dass das Ansehen der Regierung bei den Milizen und deren Anhängern trotz der Verklärungsbemühungen des heroischen Widerstands untergraben wird. Hier scheint sich zu wiederholen, was 2014/2015 geschehen ist, als die rechten Milizen, mitunter „Cyborgs“ benannt, ebenfalls für ihren Kampf gegen die Separatisten heroisiert wurden und die Regierung des Verrats bezichtigten. In der Folge wurden die Milizen, die auch Ausländer aufnehmen, legalisiert und ausgebaut. Mit Zehntausenden von schwerbewaffneten „Freiwilligen“ stellen sie eine politische Macht dar, wenn auch nicht bei Wahlen. Nach Reuters bestand 2020 die ukrainische Armee aus 145.000 Soldaten, die Milizen umfassten über 100.000 „Freiwillige“, waren also bereits vor zwei Jahren fast do stark wie die reguläre Armee. Die Milizen werden zwar vom Staat finanziert, können sich aber auch auf andere Weise, etwa durch Spenden, zusätzliche Gelder organisieren.

Dmitri Jarosch vom Rechten Sektor und jetzt Oberkommandierender der Milizen hatte noch am 25. März von der Einheit der Ukrainer geschwärmt und erstmals den Präsidenten Selenskij anerkannt, was sich aber jetzt wieder ändern dürfte: „Wir Ukrainer vertrauen wirklich dem Obersten Oberbefehlshaber Wolodymyr Selenskij (ich hoffe, ich werde nicht in einer Woche, einem Monat, einem Jahr auf diesem Satz spucken)… Nun ist Wolodymyr Selenskij für mich der Präsident und mein Waffenbruder. Und das sagt alles.“

Asow spricht auch davon, dass Zivilisten unter den angeblich eingesetzten Chemiewaffen leiden würde, die vor allem Atemnot erzeugen sollen. Der Hinweis auf Zivilisten könnte bestätigen, was von russischer Seite behauptet wird. Dort heißt es, die Asow-Kämpfer, die sich in den weit verzweigten unterirdischen Anlagen und Tunnels des Industriegeländes des Stahlwerks Azovstal verschanzt haben, würden Zivilisten als Geiseln halten, um sich zu schützen, deswegen würden die russischen Truppen so langsam vorankommen, weil sie die Zivilisten schonen wollen.

Der ukrainische Präsident hatte schon den Verteidigern von Mariupol freigestellt, die Waffen niederzulegen, da es schon damals keine Aussicht gab, die Stadt halten zu können. Das hatten Asow und die Marine-Brigade aber abgelehnt. Der Grund ist schon klar: Würden sie sich ergeben und den Kampf einstellen, wären sie im eigenen Sinne Verräter. Asow und die anderen rechtsnationalistischen Milizen und Repräsentanten hatten auch gegen jede Beilegung des Konflikts mit Russland im Sinne des Minsker Abkommens opponiert. Schon die Gewährung eines Sonderstatus der Gebiete der „Volksrepubliken“ war des Teufels, würde die Ukraine zerstören und den heldenhaften Kampf gegen die Separatisten verraten.

„Unerschütterliche Menschen des mutigsten Landes!“ (Selenskij)

Selenskij hatte 2019 eine Lösung  versucht, musste aber wieder zurückstecken, auch jetzt ist er trotz seiner nationalistischen Reden Realist und weiß, dass die Ukraine Zugeständnisse machen muss: Die Krim wird russisch bleiben, jetzt ist das Minsker Abkommen und der Sonderstatus erledigt, also werden auch Gebiete im Osten abgegeben werden müssen. Selenskij weiß, dass auch ein längerer Krieg daran nichts ändern, aber vielen Ukrainern das Leben kosten und das Land zerstören wird. Aber er weiß auch, dass er mit einer Friedenslösung am Widerstand in der Ukraine scheitern wird, er also die Rechtsnationalisten bedienen muss. Die USA fördern auch keine friedliche Lösung, sondern wollen nur den Krieg durch fortwährende Waffenlieferungen verlängern, bis die Sanktionen wirken, wobei aber die Ukraine kaputtgeht.

Der ukrainische Verteidigungsminister Resnikow verklärte am Dienstag ebenfalls den Widerstand in Mariupol, um mehr Waffen zu fordern:

„Mariupol verteidigt sich schon seit 47 Tagen. Die Situation ist schwierig, aber 🇺🇦 Helden- Marinesoldaten-Helden, Geheimdienstler, Polizei, Grenzschutz, Nationalgarde, Asow, unsere tapferen Leute zerstören jeden Tag die russischen Besatzer. Wir werden gewinnen, aber wir brauchen mehr Waffen!“

Selenskij bot den Austausch von ukrainischen Kriegsgefangenen gegen den gestern verhafteten Oligarchen Medvedschuk an, der als Putin-Freund gilt. Schon eine Reaktion auf die Soldaten, die sich ergeben haben?

Präsident Selenskij zog heute die zu erwartenden Forderungen aus dem angeblichen Einsatz von Chemiewaffen:

„Angesichts der wiederholten Drohungen russischer Propagandisten, Chemiewaffen gegen die Verteidiger von Mariupol einzusetzen, und des wiederholten Einsatzes von Phosphormunition durch die russische Armee in der Ukraine muss die Welt jedoch jetzt reagieren. Reagieren Sie präventiv. Denn nach dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen ändert jede Reaktion nichts mehr. Und es wird nur wie eine Demütigung für die demokratische Welt aussehen.“

Und er stellte sich hinter die Verteidiger von Mariupol, was offenbar die Marinesoldaten nicht davon abhielt, sich zu ergeben. Selenskij bestätigt, dass hier nicht nur Asow, sondern auch andere rechte Milizen tätig waren:

„Heute möchte ich mich gesondert an die Helden wenden, die eine sehr schwere Zeit durchleben. Diejenigen, die Mariupol verteidigen. Das Marinebataillon der 36. Marinebrigade, das Sondereinsatzkommando Asow,  die 12. operative Brigade der Nationalgarde der Ukraine. Unterabteilungen des staatlichen Grenzschutzdienstes. Freiwillige des „Rechten Sektors“. Mitarbeiter des 555. Militärkrankenhauses und der Nationalen Polizei.“

Asow darf nicht aus Mariupol herausgehen, sondern muss sich opfern, um die eigene Ideologie hochzuhalten und nicht als Gefangene zu enden, die von Russland nicht als Kriegsgefangene betrachtet werden. Aber für den schon religiös verklärten „heldenhaften“ Widerstand bis zum Tod könnten, so wird vermutet, auch andere Umstände könnten hereinspielen. Ganz ernsthaft kann man den heroischen Widerstand nicht nehmen, denn Ende März wurde versucht, mit Hubschraubern einige VIPs aus der Falle Mariupol herauszuholen. Zwei Hubschraubern gelang der Einflug, sie wurden aber beim Flug aus Mariupol abgeschossen. Ein Hubschrauber stürzte über dem Meer ab, der andere über Land. Dort überlebten zwei der Piloten, aber der stellvertretende Asow-Kommandeur, der sich offenbar absetzen wollte, wurde getötet. Anfliegende Hubschrauber drehten wegen des Beschusses wieder, ob doch Hubschrauber Asow-Leute retten konnten, ist unklar.

Klar ist also, dass Kommandeure das sinkende Schiff verlassen wollten. Und es wird gemunkelt, dass bei Asow in Mariupol auch ausländische „Berater“ etwa aus den USA, aus Großbritannien oder Frankreich sein könnten, die ausgeflogen werden sollten bzw. deren Anwesenheit nicht bekannt werden dürfte. Es gibt Gerüchte, dass aktive Nato-Offiziere und/oder amerikanische Ex-Offiziere noch bei den Asow-Kämpfern in der Falle von Azovstal sein könnten, gemunkelt wird auch von einem Franzosen, weswegen Macron den Geheimdienstchef entlassen und versucht haben soll, Mariupol mit dem türkischen Präsidenten und dem griechischen Premierminister zu besuchen, um eine Evakuation zu ermöglichen.

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4 Kommentare

  1. – Man lasse sich nicht von den Russen fragen, sonst gilt es nicht!

    Vergessen wir nicht, dass die Zivilisten auch hier vor Jahren für Russland gestimmt haben. Ihre Dankbarkeit für die ‚Aufopferung‘ wird sich in Grenzen halten.

  2. „Chemiewaffen in Mariupol“, „Massaker in Butscha“… Eine Behauptung wird solange – bis zum Überdruss – wiederholt, bis sie als wahr akzeptiert wird, ohne dass jedoch ein Beweis geführt wurde, der die Behauptung bestätigen würde („ad nauseam“)

  3. Zivilisten als lebende Schutzschilde – das ist weitab von Heldentum. Die Chemiewaffenlügen kennen wir schon aus Syrien. Sie sollen den Westen immer mehr empören, noch mehr empören und noch mehr empören bis……? Zu einem direkten Krieg NATO-Russland darf es nicht kommen, dieser Stellvertreterkrieg ist schlimm genug.

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