Der Fall Nawalny bringt den Kreml in die Defensive

Nawalny in der Charité. Bild: Instagram- Account von Nawalny

Russland sucht, teils ungeschickt, gegenzusteuern, Berlin blockiert weiter die Bekanntgabe der Informationen, die zur Einschätzung des Falls notwendig wären. Könnte die Einnahme von Lithium der Schlüssel sein?

 

Alexei Nawalny hat es mit seiner Organisation und seinen Unterstützern, zu denen auch die westlichen Regierungen und die meisten Medien gehören, erreicht, die russische Regierung noch weiter in die Ecke zu drängen und als Bösewicht darzustellen. Das Interesse ist ein Regime Change oder zumindest eine Eindämmung oder Isolierung Russlands durch ein weiteres geopolitisches Vorrücken der Nato.

Das hat bereits zum Krieg in Georgien geführt, das die USA schnell in die Nato bringen wollten, und kulminierte im wieder von den USA unterstützten Maidan-Putsch, der die Ukraine zum Nato-Land machen und Russland des strategisch wichtigen Stützpunkts der Schwarzmeerflotte berauben sollte. Aber erst der Abschuss des Passagierflugzeugs MH7, der bislang, auch im laufenden Prozess, Russland ohne zwingende Beweise zugeschrieben wird, hat die transatlantische Front gegen Russland gestärkt. Dann kamen die Vorwürfe von Giftgasangriffen in Syrien, der Nowitschok-Anschlag auf die Skripals  und die angeblichen Destabilisierungs- und Wahlbeeinflussungskampagnen in den USA. Alles wird gerade wieder vom neuen Präsidenten Joe Biden gegen Russland aufgeboten – und Nawalny stellt sozusagen die Speerspitze dar.

Wer unvoreingenommen ist, kann nicht sicher sein, ob die Vorwürfe gegen die russische Führung stimmen oder ob einseitig und politisch gezielt Moskau beschuldigt werden soll. Der Skandal in der OPCW bei der Untersuchung des Giftgasanschlags in Duma spricht jedenfalls dafür, dass hinter den Vorhängen auch mit Druck und Manipulation um die gewünschte Darstellung gerungen wird. Dass man westlichen Regierungen und ihren Geheimdiensten nicht unbedingtes Vertrauen schenken sollte, haben die Vorbereitungen zum Irak-Krieg längst überdeutlich gemacht.

War es Nowitschok?

Im Fall von Nawalny hat die russische Regierung schnell versucht gegenzusteuern, nachdem der Oppositionspolitiker durch die Notlandung und die richtige Behandlung im Krankenhaus gerettet und nach Deutschland ausgeflogen wurde. Russland leitete keine strafrechtlichen Ermittlungen ein, weil nach den Untersuchungen der Proben von Nawalny keine Hinweise auf eine Vergiftung zu erkennen seien.  Zunächst hatten russische Ärzte von einer Vergiftung mit einer halluzinatorischen Substanz gesprochen, zuletzt von einer Stoffwechselstörung als Auslöser. Man bot den deutschen Kollegen zum Nachprüfen Proben von Nawalny an, die aber offensichtlich nicht angenommen wurden. Jede Kooperation scheint von deutscher Seite abgelehnt worden zu sein.

Die Charité-Ärzte sprachen hingegen von einer Vergiftung durch einen Cholinesterase-Hemmer (Russische Ärzte widersprechen der Charité). Das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr hat dann erklärt, es handele sich um eine Nowitschokverbindung. Das wurde von einem schwedischen und französischen Labor bestätigt, ohne die Verbindung und die Methode zu benennen, wie das Nervengift nachgewiesen wurde. Die OPCW sprach von einer „toxischen Chemikalie“, die als Cholinesterasehemmer wirke und „strukturelle Eigenschaften“ wie die 2020 gelisteten Nowitschok-Verbindungen habe.

 

Die russische Generalstaatsanwaltschaft hat mehrere Rechtshilfeersuchen an Berlin gerichtet, vor allem um zu erfahren, wie die toxologischen Analysen der Proben von Nawalny und der ominösen Flasche durchgeführt wurden und welche Ergebnisse sie hatten. Auch über die OPCW wurde um technische Unterstützung nach der Chemiewaffenkonvention gebeten, d.h. alle Materialien über den Vorfall zu erhalten, der als Einsatz einer Chemiewaffe gilt.  Im Bericht der OPCW wurden die Informationen über das angebliche Nowitschok-Gift nicht veröffentlicht. Die deutsche Regierung erklärte die mit „Risiken der Weiterverbreitung“. Ansonsten blockierte die deutsche Regierung die Übergabe von Proben aufgrund des Datenschutzes von personenbezogenen Daten. Der Patient müsse einwilligen, überdies müsse eine Strafermittlung in Russland.

Es wird also letztlich Nawalny und der russischen Justiz der Schuh zugeschoben. Warum letztere sich auf formalen Gründen kapriziert, erst beim Vorliegen einer Straftat, für die es Beweise geben muss, Ermittlungen einzuleiten, ist schwer zu verstehen, wenn russische Behörden mit dem Anschlag nichts zu tun haben.

Der Kreml versucht, Propaganda mit Propaganda zu parieren

Der russische Außenminister Lawrow versucht nun mit allen Mitteln gegen die westlichen Narrative anzutreten. Offenbar empfindet man den vom Westen hochgefahrenen Fall Nawalny als bedrohlich für die Glaubwürdigkeit. Die vergeblichen Bemühungen der russischen Seite wurden nun vom russischen Außenministerium detailliert chronologisch aufgelistet. Es wurde ein Video veröffentlicht, um die Vorwürfe zurückzuweisen, die russische Polizei sei brutal gegen die von Nawalny aus dem Gefängnis heraus mobilisierten Protestierenden vorgegangen. Gezeigt werden unschöne Szenen von Polizeigewalt in Frankreich, Tschechien oder den USA. Das hätte eigentlich gereicht, um den Vorwurf der Einseitigkeit zu begründen. Dann aber wollte man vorführen, was die russischen Staatsmedien allesamt gemacht haben, dass die angeblichen friedlichen Demonstranten in Russland nicht immer friedlich waren und dass die Polizei zurückhaltend oder auch freundlich vorgegangen war. Das wird natürlich als durchsichtige Propaganda gesehen. Seltsam, dass die Spindoktoren der Regierung zu solchen plumpen Methoden greifen, wenn sie auch das Ausland beeinflussen wollen.

 

Und dann ging Lawrow auch selbst direkt gegen das westliche Narrativ vom Nowitschok-Anschlag auf Nawalny vor. Auf einer Pressekonferenz mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell erneuerte er den Vorwurf, dass Deutschland, Schweden und Frankreich ebenso wie das zahme Sekretariat der OPCW mauern. Russische und deutsche Ärzte hätten kein Gift identifizieren können, nur deutsche Militärärzte. Das sage viel. Dass auf Russlands Fragen nicht geantwortet werde, bezeichnete er vorsichtig als unhöflich.

Im November 2020 war Lawrow noch deutlicher gewesen: „Wir haben allen Grund zur Annahme, dass alles – was auch immer mit ihm im Hinblick auf Kampfstoff-Kontamination seines Körpers geschah – in Deutschland eingetreten sein könnte, oder im Flugzeug, in das er verladen und mit dem er zum Klinikum Charité geflogen wurde.“ Die Schuldfrage einfach umzukehren, war auch nicht gut angekommen.

Im Blut Nawalnys wurde Lithium gefunden

Allerdings gibt es weiter theoretische Gründe, warum alle Seiten Recht haben könnten. In einem Artikel für die Fachzeitschrift Lancet hatten die Nawalny behandelten Charité-Ärzte noch einmal erklärt, dass das Bundeswehrlabor eine Nowitschok-Verbindung diagnostizierte habe. Für die Behandlung sei es aber egal gewesen, um welchen Cholinesterase-Hemmer es sich handelt, da Nervenkampfstoffe auf der Basis von Phosphorsäureester (organische Phosphate/Organophosphate) dieselben Wirkungsmechanismen wie entsprechende Pestizide aufweisen. Seltsamerweise wird aber nicht von Lithium gesprochen, das neben vielen Medikamenten und von den russischen Ärzten verabreichtes Atropin, was Nawalny das Leben gerettet haben dürfte, auch in seinem Blut von den Charité-Ärzten gefunden wurde. Lithium wird zur Behandlung von Depression, Manie oder bipolaren Störungen eingesetzt. Es besitzt eine sehr geringe therapeutische Breite, kann also schnell überdosiert sein und zu Ataxie, Tremor, Übelkeit, Erbrechen oder Herzrhythmusstörungen bis hin zum Tod führen.

 

Nach dem Schweizer Neurologen Vitaly Kozak, der am Universitätsspital Basel arbeitet, könnte Nawalny nach dem Blutbefund Lithiumpräparate eingenommen haben, die auch die Cholinesterase blockieren und ähnliche Vergiftungssymptome verursachen können. In einer Stellungnahme, die er an Lancet schickte, die aber abgelehnt worden sei, wies er darauf hin, dass hierzu keine quantitativen Daten veröffentlicht wurden. Seltsam kommt ihm auch vor, dass nach dem Lancet-Artikel offenbar keine Dekontaminationsverfahren ausgeführt wurden, obwohl das Nervengift bei der Entnahme etwa durch die OPCW-Inspektoren noch vorhanden gewesen sein soll. Normalerweise sei, weil das Nervengift in der Umwelt lange gefährlich sein könne, zumindest eine Dekontamination der Haut, des Krankenhauses und des Personals erforderlich (siehe Salisbury). Medizinische Richtlinien des US-Gesundheitsministeriums verlangen die Vermeidung eines jeden ungeschützten Kontakts mit Menschen, die möglicherweise mit einem chemischen Nervengift kontaminiert sind.

Tatsächlich fällt auf, dass nur Nawalny vergiftet wurde, aber keine der Personen, die ihn in Tomsk begleiteten, die ihm auf dem Flugzeug behilflich waren oder die mit ihm nach Deutschland flogen. Das war beispielsweise anders im Skripal-Fall. Hervorgehoben wurde erst, dass in Russland medizinisches Personal vorsichtshalber Schutzkleidung getragen hatte, das spielte aber bei dem Transport und der Einlieferung keine Rolle, was erstaunlich ist, weil gerade der Polizeischutz über lange Zeit enorm war. Einer cholinergen Vergiftung widerspreche auch, dass die Ärzte 31 Stunden nach dem Einsetzen der Symptome „weite Pupillen, die nicht auf Licht reagieren“, diagnostizierten. Das gehe mit Bradykardie und Hypothermie als Folge einer schweren Diaphorese einher. Die Ärzte hätten auch hierfür keine Erklärung gegeben.

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