Der Blick über die Schwelle zwischen Leben und Tod

Bild: geralt/Pixabay.com

Neurobiologen schauen dem Hirn beim Sterben zu.

 

„Die Fakten im Fall M. Waldemar“ sind grausig: Da der Hypnotiseur – damals noch „Mesmerisierer“ genannt – den Geist des Sterbenden im Diesseits festgebannt hat, vermag der Tod nicht von Waldemar Besitz zu ergreifen. Über ein halbes Jahr lang, so berichtet es Edgar Allan Poe, hält die magnetische Kraft den Sterbenden auf der Schwelle, macht ihn zum menschlichen Tor ins Jenseits. „Ich habe geschlafen, und nun bin ich tot“, röchelt es aus seiner Kehle. Als der Bann endlich gelöst wird, zersetzt sich die Leiche vor den entsetzten Augen der Beobachter binnen Minuten zu einem stinkenden, flüssigen Schleim.

Die Idee, den Sterbenden als Spion in die andere Welt zu schicken, ihm quasi eine mentale Wanze anzupappen, ist sicherlich verlockend und vielversprechend. Sie wird nur nicht funktionieren, weil eben mit dem Tode – mehr oder minder per definitionem – der dergestalt angebundene Geist seine Kontrolle über den Körper verliert, und mithin die Fähigkeit, seine Erlebnisse zu kommunizieren. Was der Mensch erlebt, wenn er die Schwelle des Todes überschritten hat, und ob überhaupt etwas – das werden wir im Diesseits nie erfahren.

Ist auch besser so.

Trotzdem mangelt es natürlich nicht an Neugier. Die Griechen schickten Odysseus in den Hades, um mal nachzugucken; zweitausend Jahre später machte Dante Alighieri die Tour durch die drei jenseitigen Reiche und berichtete ganz andere Reiseerlebnisse, und so blieb allerhand Unsicherheit bestehen. Seit einigen Jahrzehnten nehmen sich nun die Welterklärer unserer Tage, die Wissenschaftler, der Sache an.

Der letzte Weg der Seele

Es begann mit dem Psychiater Raymond Moody. Noch während seiner Ausbildung wurde fasziniert davon, was Patienten berichteten, die dem Tod von der Schippe gesprungen waren. Für ihre Erlebnisse prägte er den Begriff „Nahtoderfahrungen“ und schrieb ein berühmtes Buch darüber. Besonders beeindruckte ihn, dass einige Elemente in den Berichten immer wieder auftauchten, unabhängig von der Kultur und dem Vorwissen der Betroffenen:

  • Der Sterbende fliegt einen engen, dunklen Tunnel entlang, einem hellen Licht entgegen.
  • Er verlässt seinen Körper und sieht sich selbst und die Umgebung aus einer anderen Perspektive, meistens von oben.
  • Er fühlt oder sieht die Gegenwart lieber, v.a. verstorbener Menschen.
  • Eine wohlwollende Lichtgestalt tritt auf, die ihn auf seinem Weg leitet.
  • Er fühlt sich glückselig und möchte gar nicht in seinen Körper und ins Leben zurückkehren.

Dass die Erlebnisse unterschiedlicher Menschen aus aller Welt sich so ähneln, nimmt Moody als Hinweis darauf, dass sie real und nicht bloß halluziniert seien. Damit aber sind nicht alle einverstanden. Skeptische Neurobiologen sind der Ansicht, alle typischen Zutaten von Nahtoderfahrungen neurobiologisch erklären zu können. Das Gefühl, tot zu sein, tritt auch bei manchen psychischen Störungen auf, etwa dem sogenannten Cotard-Syndrom. Außerkörperliche Erfahrungen lassen sich durch Stimulation des temporo-parietalen Übergangs – ein Hirnrindengebiet seitlich hinten, das für das Selbstbild wichtig ist – künstlich erzeugen, ganz ohne drohendes Ableben; sie beruhen einfach auf der Fähigkeit, gedanklich die Perspektive eines Anderen einzunehmen. Die Glückseligkeit sei der Ausschüttung körpereigener Opiate zu verdanken. Und das berühmte Licht am Ende des Tunnels kommt demnach einfach dadurch zustande, dass die mangelnde Durchblutung von Netzhaut und/oder Sehrinde das Gesichtsfeld von außen nach innen schrumpfen lässt.

Andere Kollegen sehen das anders: Die unterstellten Erklärungen passten nicht zu den realen Gegebenheiten bei Wiederbelebten. So sei das Erleben bei künstlich erzeugten außerkörperlichen Erfahrungen meist furchterregend, aber Nahtoderfahrungen typischerweise glückselig; das Gehirn sei normal oder sogar stärker durchblutet; und auch sonst träten Phänomene auf, die sich reduktionistisch nicht erklären ließen.

Aus einer gewissen Distanz betrachtet, ist dieser Streit weitgehend gehaltlos. Zum Einen: Wenn wir davon ausgehen, dass die beobachtete Welt kausal geschlossen ist, dann hat jede Mitteilung, die jemand macht, ihre Ursachen in einem ungebrochenen Fluss neuronalen – oder allgemeiner körperlich-physischen – Geschehens. Will sagen: Die Neuronen, welche den Sprechapparat „Ich habe ein Licht am Ende des Tunnels gesehen“ sagen lassen, feuern nur deswegen, weil andere Neuronen eben diesen Erinnerungseindruck kodieren, und diesen wiederum ist diese Erinnerung durch eine Erfahrung eingeschrieben worden. Doch: Diese Erklärung aus einer Außenperspektive negiert nicht die Erfahrung in der Innenperspektive. Die neurobiologische Deutung ist nicht „realer“ oder gar „wahrer“ als das unmittelbare Erleben – im Gegenteil.

Und zum Anderen: All die Tausenden von Menschen, welche vom Weg zur Schwelle des Todes berichten können (und damit sogar die Kunst beeinflusst haben), können das nur deshalb, weil sie rechtzeitig umgekehrt sind. Wir verdanken ihnen Erkenntnisse über den Weg bis zur Schwelle. Was dahinter kommt, wird ewig unwissbar bleiben.

Neuronale Sterbebegleitung

Immerhin kann der Neurobiologe heute annähernd die Rolle des Hypnotiseurs im Fall M. Waldemar übernehmen und das Gehirn beobachten, während der Geist die Schwelle überschreitet. Das ersetzt freilich nicht den Bericht eines zurückgekehrten Odysseus, der sich im Jenseits umgesehen hätte, aber etwas Besseres werden wir nicht bekommen.

Da man bei Menschen, die der Forschung zugänglich sind, gemeinhin nicht weiß, wann sie das Zeitliche segnen, hat man sich meistens mit Versuchstieren beholfen. Wenn der Experimentator Gott spielt und ihren Tod einleitet, wenn das Herz zu schlagen aufhört und die Atmung stockt, schwindet langsam auch die Tätigkeit des Gehirns. Sie wird nicht ausgeknipst, sondern überdauert den Herztod noch ein Weilchen, denn Sterben ist ein Prozess (Organe – Vom Geben und Nehmen). Zwar fehlt es an einem Hypnotiseur, der imstande wäre, diese Aktivität weiterlaufen zu lassen, doch immerhin kann man sie beobachten, bis alles vorbei ist.

Nicht alles wird dabei weniger. Die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin steigert sich, während Ratten sterben. Da Serotonin mit guter Laune in Verbindung gebracht wird – Antidepressiva erhöhen seine Wirkung, und seine Vorstufe findet sich in Schokolade –, könnte dies eine Ursache für die glückliche Stimmung sein, von der Nahtodpatienten berichten.

Zumal durchaus noch „jemand“ da ist, der gestimmt sein kann. Obgleich mit dem Herzstillstand weder Energie noch Sauerstoff zum Gehirn gelangen und daher seine Aktivität insgesamt schnell abnimmt, arbeiten die Nervenzellen noch eine Weile weiter. Bei Ratten fast eine halbe Minute. Sie erzeugen dabei weiter die elektrischen Felder, die im Elektroenzephalogramm (EEG) aufgenommen werden, das man wie Mitteilungen aus dem Inneren zu lesen versucht.

Nun haben EEG-Wellen einen seltsamen ontologischen Status, und ihre Interpretation bewegt sich auf dem Grat zwischen Physiologie und Graphologie. Die elektrische Aktivität von Nervenzellen erzeugt ein schwaches elektrisches Feld; die Felder sehr vieler Nervenzellen in der Hirnrinde summieren sich auf und werden stark genug, um jenseits von Hirnhäuten, Schädel und Kopfhaut messbar zu werden. Je nachdem, ob mehr oder weniger Zellen unter einer Elektrode synchron feuern, sinkt oder steigt die Frequenz und steigt oder sinkt die Amplitude. Somit sagt das EEG etwas darüber aus, was sehr große Mengen an Neuronen tun – aber ob die Wellen mehr sind als Epiphänomene, ob sie ihrerseits etwas bewirken, ist strittig (Good Vibes in the Brain). Die Einteilung in Frequenzbänder, die nach den griechischen Buchstaben benannt sind, ist wahrscheinlich arbiträr, und die Deutung („Alpha steht für sensorische Unterdrückung.“) hat für den Tierphysiologen etwas von Astrologie.

Zum Ausgleich aber bietet das EEG systemische Hinweise auf die Machinationen des Geistes, die anderen Methoden unzugänglich sind. Man kann daran ablesen, ob der Proband schläft, träumt, wacht, entspannt oder denkt; man kann den Zustand einzelner Hirnrindenregionen ablesen, und daher von außen abschätzen, was in Echtzeit im Inneren vorgeht.

Vor Kurzem nun machte eine Zufallsbeobachtung Furore. In eine kanadische Notaufnahme wurde ein 87-Jähriger gebracht, der nach einem Sturz eine Hirnblutung erlitten hatte. Die Einblutung wurde mittels eines CT lokalisiert und über eine Kraniotomie entlastet, aber nach zwei Tagen verschlechterte sich der Zustand des Patienten trotzdem rapide. Zu diagnostischen Zwecken wurde ein umfassendes EEG genommen. Und während dieses Daten aufzeichnete, starb der Patient.

Dass EEG schrieb weiter, es folgte dem Sterbenden eine kleine Strecke bis zum Tunnel. Nach dem Herzstillstand ließ die Gehirnaktivität zwar nach, aber nicht abrupt. Noch mindestens eine Minute lang war das Gehirn tätig; erst nach drei Minuten waren die elektrischen Felder eindeutig verschwunden, und die Aufnahme wurde beendet. Die Dämpfung der Aktivität trat in allen Frequenzbändern auf, aber relativ zu den anderen wurde die gamma-Aktvität auffallend stark – was interessanterweise genauso auch bei sterbenden Ratten beobachtet worden war. Als gamma-Band bezeichnet man die höchsten EEG-Frequenzen bei über 40Hz.

Es wird spekuliert, dass dieses schnelle, synchrone Feuern weitverteilte Nervenzellen miteinander koppelt, wenn sie gemeinsam eine Vorstellung oder eine Wahrnehmung repräsentieren, und dass darin – natürlich – „das Bewusstsein“ zu finden sei. Zu sehen war überdies, dass diese gamma-Aktivität elektrisch gekoppelt war mit alpha- (unterdrückt Unnützes, s.o.) und theta- (hat mit Erinnerung zu tun) Aktivität. Dieser Zusammenhang ermutigte die Autoren zu der vielzitierten Spekulation, sie hätten hier gleichsam von außen zusehen können, wie im inneren Kino des Mannes der Film seines Lebens ablief.

Danach fällt der Vorhang. Das Surren des Projektors verstummt. Es dringt nichts mehr nach draußen. Und drinnen gleichen Saal und Leinwand den Kinophotographien von Hiroshi Sugimoto. Helles Licht. Die Leinwand – ein magisches Tor. Dahinter: die Auflösung? der Himmel? die Wüste? die nächste Runde?

Auch M. Waldemar konnte es uns nicht sagen. EEG und Mikrodialyse ebensowenig. Der persische Dichter Omar Khayyam brachte es vor 1000 Jahren auf den Punkt (übersetzt von Friedrich Rosen):

„Von allen, die den weiten Weg gemacht,

Hat keiner Nachricht noch zurückgebracht.

Lass nur nichts liegen in dieser Herbergswelt!

Nie kehrt zurück, wer sich erst aufgemacht.“

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

2 Kommentare

  1. Jeder kann erfahren, wie es ist, tot zu sein. Es ist das Nichts. In einer tiefen Narkose werden fast alle Hirnfunktionen ausgeschaltet. Der Patient wird beatmet und das Herz schlägt autonom weiter. Und nach dem Erwachen ist diese Zeit gar nicht da. Man hat keinerlei Zeitgefühl dafür. Es können Minuten oder Stunden gewesen sein. Das letzte, an das man sich erinnern kann, sind die Sekunden vor dem Eintritt, und zwar als Bild! Es ist nicht wie beim Schlaf, für den man eine Zeitgefühl hat, das richtig oder falsch sein kann. Nein, die Zeit der Narkose ist aus dem Leben einfach ausgeschnitten. Es gibt allerdings auch Narkosemittel, die in der Aufwachphase zu Horrorvisionen führen. Sie werden bei bestimmten Risikopatienten angewendet.

  2. Menschen sollten nicht danach fragen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.
    Sie sollten lieber überprüfen, ob sie vor dem Tod auch wirklich echt leben – und nicht nur versäumt zu haben inzwischen einfach um zu fallen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.