Das russische Militär will die Waffenlieferung aus der Nato beenden

Nach der Bombardierung des Stützpunkts in Yavoriv nahe der polnischen Grenze.

Mit den Raketen auf den Stützpunkt nahe der polnischen Grenze wird die bislang erstaunliche Duldung und die Ausbildung ausländischer Söldner beendet

 

 

Was sehr erstaunt aus der Perspektive des russischen Angriffs auf die Ukraine ist, dass bislang kaum Cyberangriffe stattgefunden haben, auch was Desinformationskampagnen betrifft, ist Russland weit der Ukraine und dem Westen unterlegen. Russland wurde im Cyberwar-Bereich und bei der hybriden Kriegsführung immer als besonders fortgeschritten und gefährlich dargestellt, warum also die Zurückhaltung beispielsweise bei der Lahmlegung des Internet oder der Stromversorgung? Warum werden die türkischen Kampfdrohnen nicht gejammt und abgeschossen? Ist es Unfähigkeit? Sind die Streitkräfte nicht so modernisiert worden, wie man das vorgegeben hat? Waren dies Potemkinsche Dörfer?

Der Verdacht besteht beispielsweise, dass das militärische Kommando zwar eine teilweise modernisierte Technik zur Verfügung hat, aber lieber auf altbewährte Strategien und Waffensysteme setzt. Dazu hat man sicher auch mit weniger Widerstand gerechnet und ist davon ausgegangen, schnell Kiew und die östlichen und südlichen Gebiete einnehmen zu können, weil die russischen Truppen als Befreier von vielen begrüßt würden. Angeblich sind auch nicht alle Truppen, die seit Monaten an der Grenze aufgebaut wurden, in die Ukraine einmarschiert. Will Moskau noch etwas in der Hinterhand haben, nachdem jetzt sowohl von ukrainischer als auch von russischer Seite erklärt wird, dass Verhandlungen nun möglich erscheinen?

Und wenn es stimmt, dass Moskau sich an China um militärische Hilfe gewandt hat, wie die New York Times es erfahren haben will, würde dies davon zeugen, dass man nicht mehr weiter weiß. Zudem sollen, wie es die Ukraine auch macht, Ausländer etwa aus Syrien rekrutiert werden, die man an die Front schicken und verheizen kann.

Jenseits der Moral betrachtet machte der Einfall der russischen Truppen in die Ukraine jedenfalls den Eindruck einer Kriegsführung aus dem letzten Jahrhundert. Panzer und schweres Gerät wurden mit einem großen Kontingent an Truppen über die Grenze gebracht und oft Ziel der ukrainischen Abwehr mit Kampfdrohnen und britischen und amerikanischen Antipanzerwaffen. Die türkischen Bayrakter-Drohnen (TB2) können erstaunlicherweise auch weiter relativ unbehelligt fliegen und russische Ziele angreifen.

Erst nachdem der Vormarsch nicht wegen der Angriffe, sondern auch wegen logistischen Problemen ins Stocken geriet, wurde mehr auf Beschuss durch Präzisionsraketen gesetzt, um militärische Infrastruktur zu zerstören.  Gleichzeitig werden Städte nach uralter Strategie eingekreist und „humanitäre Korridore“ geschaffen, die die Verteidiger zu behindern such, um sie durch Zerstörung einzunehmen oder auszuschalten. Das ist keineswegs eine russische Strategie, zuletzt haben dies auch amerikanische Truppen in Falludscha, Mossul, Raqqa und anderen Städten praktiziert. Auf die zurückgebliebenen Zivilisten wurde dann keine Rücksicht genommen.

Aber warum wurden nicht von den russischen Streitkräften vermehrt bewaffnete Drohnen  eingesetzt, bevor die Bodentruppen vormaschieren? Es sollen nun auch Kamikaze-Drohnen zum Einsatz kommen. In Kiew wurde am Samstag angeblich erstmals eine abgestürzte Kamikaze-Drohne des Typs ZALA KYB gefunden. Bilder von Überwachungsdrohnen und abgeschossene Drohnen mehren sich erst seit kurzem. So wurde am Freitag eine russische Forpost-Drohne israelischer Herkunft bei Zhytomyr  abgeschossen.

Erstaunlich auch, wie lange das russische Militär dem Strom an Waffenlieferungen aus den Nato-Staaten vor allem über Polen an die Ukraine zugeschaut hat. Zwar wurde gewarnt, dass bei Lieferung von Kampfflugzeugen die beteiligten Länder als Kriegsteilnehmer betrachtet würden, aber die Javelin-, Stinger- und andere Panzer- und Flugabwehrwaffen konnten den ukrainischen Streitkräften übergeben werden. Die Russen wussten sicher immer, wo die Transportrouten waren.

Erst am Wochenende  hatte Vizeverteidigungsminister Sergey Ryabkov erklärt, dass Waffenlieferungen an die Ukraine nun als legitime Ziele betrachtet würden: „Wir haben die Vereinigten Staaten gewarnt, dass das orchestrierte Abpumpen von Waffen aus einer Reihe von Ländern nicht nur gefährlich ist, sondern diese Konvois auch zu legitimen Zielen macht.“ Fraglich war, wie das russische Militär die Waffenlieferungen unterbrechen könnte, zumal in der Westukraine keine russischen Bodentruppen operieren. Vermutlich werden die Waffen nach Übergabe verteilt und in kleineren Mengen in der Ukraine transportiert. Die Transportkonvois noch in Polen oder in einem anderen Nato-Nachbarstaat anzugreifen, würde das hohe Risiko mit sich bringen, dass sich der Krieg ausweitet.

Zunehmend werden Flughäfen in der Westukraine mit Raketen angegriffen. Am Sonntag wurde nicht nur wieder der Flughafen in Iwano-Frankiwskhat bombardiert, sondern mit etwa 30 Raketen auch das  Center for International Peacekeeping and Security in Yavoriv nahe der polnischen Grenze. Es ist der größte Militärstützpunkt mitsamt Flugplatz in der Westukraine, wo auch oft gemeinsame Übungen stattfanden und amerikanische Ausbilder stationiert waren.  Nach dem Pentagon waren keine US-Soldaten mehr dort. Über diesen Stützpunkt wurden die Nato-Waffen geleitet, aber wahrscheinlich die Rekruten für die Fremdenlegion auch ausgebildet, so jedenfalls das russische Verteidigungsministerium.

Jetzt wurde der Stützpunkt demonstrativ angegriffen, es soll 35 Tote und mehr als 100 Verletzte gegeben haben. Man muss jetzt damit rechnen, dass die russischen Streitkräfte versuchen werden, auch nahe der Grenze den Transport von Waffen in die Ukraine zu unterbinden. Der Angriff sollte wohl auch als Warnung an Polen und die Nato verstanden werden. Das Risiko wird dadurch natürlich groß, dass durch einen Zufall eine Rakete auf polnisches Territorium fällt oder ein Kampfflugzeug versehentlich in den polnischen Luftraum eintritt.

Und es könnte die Falken im Westen bestärken, neue Routen zur Lieferung von auch schweren Waffen zu finden, um den ukrainischen Widerstand zu stärken und Russland zu provozieren. Dabei werden aber die nationalistischen Ukrainer instrumentalisiert. Sie werden geopfert, um dafür zu sorgen, dass sich auch jetzt kein Dialog stattfinden kann, um den Konflikt ohne weiteres Blutvergießen zu lösen, was man schon längst vor dem Krieg hätte machen müssen und können. Die Ukraine soll mit immer weiteren Waffenlieferungen daran gehindert werden, mit Russland eine Einigung über den Neutralitätsstatus und beidseitige Sicherheitsgarantien zu erzielen. Das war schon seit der orangenen Revolution das Ziel. Dass die Krim russisch ist und bleibt, ist eigentlich jedem klar. Die Frage ist, ob die Ukraine jetzt noch erreichen kann, Donezk und Lugansk durch Gewährung einer größeren Autonomie zu behalten, ist fraglich. Mit der seit Jahren vollzogenen Verhinderung des Minsker Abkommens durch die rechtsnationalistischen Kräfte und die transatlantischen Falken, was auch schnell Selenskij spüren musste, wurde der Konflikt eskaliert.

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3 Kommentare

  1. Ob die relative Zurückhaltung auf entsprechenden Willen oder gewissen beschränkten Fähigkeiten zurückgeht, lässt sich nicht gültig sagen. Vielleicht ist es auch eine Mischung davon. Jedenfalls ist klar, dass im Bezug auf Waffeneinsatz jeden Tag die Handschuhe etwas weiter abgestreift werden und damit auch die Katastrophe für alle, zuvorderst die Ukraine grössere Ausmasse annimmt.

    Was mich überrascht ist die Menge an Ohrensesselstrategen, die einer direkten Konfrontation zwischen den Grossmächten und damit potentiell einem mit Atomwaffen geführten Krieg das Wort reden. Ist das blosse Ignoranz und Mangel an Vorstellungsvermögen oder findet sich darin auch ein Schuss oder auch mehr an Nihilismus?

  2. Also.
    Ich denke meine Einschätzung der Lage ist am Besten.

    Russland ging davon aus das mit den Zuschaustellen der militärischen Stärke bei den Manövern ein ausreichend grosser Abschreckungseffekt bei den Ukrainern erzielt wird.
    Damit die Anerkennung und der Einmarsch russischer Truppen über die Bühne gehen kann.
    Als daraufhin russische Truppen beim Einmarsch beschossen wurden wurde das Manöver nahtlos zum Krieg.
    Der russische Bär ist ein wenig zu tapsig und naiv und hat ein zu grosses Selbstbewusstsein um vor den CIA – Bestien die berechtigte Sorge zu haben.
    Wie ich bereits vor 5 Jahren in einen Kommentar bei tp schrieb.
    Hat der Bär erstmal eine blutige Schnauze bekommen.
    (Schade um die russischen Soldaten)
    Das Stolpern in einen Krieg erklärt die Wehrpflichtigen den Misserfolg als auch das eingesetzte Equipment.
    Man bedenke das nach 4 Stunden der wichtigste Kiewer Flughafen besetzt war dann aber leider aufgegeben werden musste.
    Dann hätte es gar nicht die Idee gegeben von Waffenlieferungen.

    Ab jetzt denke ich aber wird der Krieg als auch eventuelle Verhandlungen nur noch eine Richtung kennen.

    Z

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