Daniel Barenboim ist erkrankt

Verleihung Konrad-Adenauer-Preis der Stadt Köln 2019 an Daniel Barenboim. Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Daniel Barenboim muss wegen Krankheit seine künstlerische Aktivität einstellen. Die Reaktionen beim israelischen Publikum sind beredt.

 

Der Musiker Daniel Barenboim hat am letzten Dienstag bekanntgegeben, dass er sich wegen einer neurologischen Störung gezwungen sieht, seine musikalische Aktivität einzustellen und eine Auszeit für die nächsten Monate zu nehmen. Nächsten Monat wird Barenboim 80 Jahre alt, und wie berichtet wird, musste er wegen gesundheitlicher Beschwerden schon im Sommer seinen Plan, Wagners “Ring” in Bayreuth zu dirigieren, aufgeben.

Nicht nur durch seine künstlerische Tätigkeit hat der in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Barenboim Aufsehen erregt, sondern auch durch sein intensives Engagement für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Er verband er auch beide Bereiche, vor allem mit der 1999 erfolgten Gründung des West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens, unter anderen auch syrische, iranische, israelische und palästinensische, spielen. Mit dem palästinensischen Intellektuellen Edward Said unterhielt Barenboim einen langjährigen geistig-künstlerisch-politischen Dialog.

Die Nachricht von Barenboims Erkrankung wurde auch in der israelischen Tageszeitung “Haaretz” publiziert. Die meisten Online-Reaktionen der LeserInnen zeigten sich betroffen, lobten überschwänglich die musikalischen Leistungen und Errungenschaften Barenboims als Pianist und Dirigent, wünschten ihm mithin gute Besserung und baldige Genesung. Unter den vielen Reaktionen stach auch diese hervor:

“Das in Zion lebende Volk, das so stolz ist auf seine erfolgreichen Repräsentanten im Ausland, deren Errungenschaften denen Barenboims nicht das Wasser reichen können, hat keine Ahnung von der Größe der Leistungen des musikalischen Genies und Einflussreichsten im Bereich der klassischen Musik unserer Zeit. Woher sollte es auch die Ahnung beziehen? Wer ist noch übriggeblieben, der die monumentalen Leistungen Daniels zu vermitteln oder seine Aktivität für den Frieden im Nahen Osten mittels der Musik zu erklären vermöchte? Und das ist nur ein Teil des Preises für unseren kulturellen Verfall im Laufe der Jahre, und dergleichen für unsere Selbstviktimisierung, Einmauerung, unsere zunehmende Grobschlächtigkeit und unseren Rassismus. Gute Besserung, lieber Daniel, der so talentierte Sohn von Aida, meiner Lehrerin von vor 45 Jahren, und danke für a-l-l-e-s!”

Der Kommentar blieb nicht unbeantwortet, sogleich fand sich eine saftige Reaktion: “In der Tat, schade, dass das ‘dumme’ Volk in Zion nicht fähig ist, die Ironie eines Wagner-Festivals in Beirut wahrzunehmen. Ich bin überzeugt, dass Nasrallah ein treuer Zuhörer ist.” Die Reaktion darauf wiederum ließ auch nicht auf sich warten: “Nicht nur dumm, sondern auch ungebildet! Das Wagner-Festival findet seit 1876 alljährlich in Bayreuth, Deutschland statt.” Ein anderer schrieb: “Es wäre besser, seine Unbildung zu verbergen.” Und: “Dumm bist du, der nicht zwischen Deutschland und Libanon unterscheidet.” Bei einer ähnlichen Bemerkung später setzte sich der Namensverwechsler zur Wehr: “Du bist nur eitel und überheblich.”

Dieses kleine Intermezzo in den sozialen Medien könnte als Lappalie übergangen werden, wenn es nicht Ideologisches in der israelischen Diskurspraxis offenlegte. Das Gleichgewicht, das ich in der Wiedergabe der Reaktionen auf die Nachricht von Daniel Barenboims Erkrankung hergestellt habe, täuscht. Einerseits gibt es zwar nicht wenige in Israel, die Barenboims künstlerische Leistungen zu würdigen wissen, und doch darf man behaupten, dass sie eine verschwindende Minorität in der israelischen Gesellschaft bilden.

Wenn aber Barenboim nur für seine Kunst gerühmt würde, würden viele in der israelischen Gesellschaft, auch solche, die sich nicht besonders mit europäischer Kunstmusik befassen, ihren “nationalen Stolz” bekunden, “so einen” hervorgebracht zu haben, wie denn viele Israelis sich zu Teilhabern an jedem Nobelpreis verwandeln, den ein israelischer (oder gegebenenfalls ein außerhalb Israels wirkender jüdischer) Wissenschaftler für seine Fachleistung erhalten hat. Die Individualerrungenschaft kollektiviert sich sehr schnell.

Andererseits ist Barenboim auch für sein beeindruckendes Engagement für den Frieden berühmt geworden, was freilich im heutigen Israel mehr als prekär ist. Die Reaktion des Lesers, der sich durch die Standpauke des Barenboim-Bewunderers provoziert fühlte, ist beredt: Zum einen weiß er nichts von den Bayreuther Festspielen, aber durch die Namensverwechslung Bayreuth-Beirut fühlte er sich bemüßigt, Barenboim gleich in die Nähe von Nasrallah zu rücken – womit der kranke Dirigent gleichsam zum Feind Israels erhoben wird.

Den Namen Wagners wird er schon gehört haben, denn dieser ist zum Schlagwort für etwas verkommen, womit man in Israel Deutschlands Nazivergangenheit interessengeleitet zum anachronistischen Thema hieven kann. Aber damit endet in der Tat für die allermeisten Israelis das Wissen über Wagner (von der Kenntnis seines Werks ganz zu schweigen). Der Antisemitismus des deutschen Komponisten aus dem 19. Jahrhundert ließ ihn zum Tabu in der israelischen Kultur geraten, was sich in dem bis zum heutigen Tag anhaltenden Boykott der Aufführung seiner Werke manifestiert.

Die Konstellation von Wagner (Antisemit), Beirut (Feindesland) und Nasrallah (Terrorist) lässt somit das Missverständnis (Bayreuth-Beirut) zum ideologischen Politikum verkommen. Da aber das Missverständnis von Ignoranz herrührt (was freilich in den sozialen Medien noch nie ein gewichtiger Grund war, sich des Wortes zu enthalten), kodiert sich im Wortgefecht zwischen den Kommentierenden ein Weiteres: Die Klärung des Missverständnisses, dass es sich nicht um Beirut, die Hauptstadt Libanons, sondern um das in Deutschland liegende Bayreuth handle, kanalisiert der ignorante (und wohl auch beschämte) Leser auf die Ebene des sozialen Ressentiments: Die ihn (in der Tat nicht behutsam) Berichtigenden seien lediglich überheblich, womit sich denn die kurze Debatte von ihrem ursprünglichen Anlass merklich losgelöst hat – vergessen sind Barenboims Krankheit, seine künstlerische und politische Praxis, selbst die Namensverwechslung; geblieben ist nur noch das wechselseitige Ressentiment zwischen den “educated” und “uneducated classes”.

Wem das als eine zu kurzschlüssige Folgerung erscheint, ist eingeladen, sich das Problem des ethnischen Ressentiments zwischen aschkenasischen (also aus Europa stammenden) und orientalischen (also aus den islamischen Ländern gekommenen) jüdischen BürgerInnen anzuvisieren. Es handelt sich um einen regelrechten Kulturkampf, der die israelische Gesellschaft seit geraumer Zeit beutelt. Mit dem hier aufgezeigten Problem hat es zwar nur im strukturellen Vergleich etwas zu tun, aber die Matrix des Ressentiments und des stets aggressiven Sprachgebrauchs im öffentlichen Diskurs des “in Zion sitzenden Volkes” schimmert auch hier bei der Reaktion auf die Erkrankung Daniel Barenboims hindurch.

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5 Kommentare

  1. Schon über viele Jahre hinweg erfreut und beeindruckt mich das musikalische Schaffen des Herrn Barenboim. Die Konzerte, die ich mit ihm erleben durfte, sind mir in bleibender Erinnerung geblieben.
    Um so beeindruckender ist für mich sein hingebungsvolles Engagement für die Menschen in Palästina, wobei die Konzerte im Gazastreifen sicherlich hervorragen.
    Meine guten Wünsche für Sie zur Genesung, Herr Barenboim – und lassen Sie sich bitte von dummen Menschen nicht unterkriegen und entmutigen.

  2. Auch von mir dem Menschen und Künstler Daniel Barenboim alles erdenklich Gute und die besten Genesungwünsche – dass er sein Werke möglichst rasch fortführen kann.

    Danke für diesen Artikel, der mit dem benannten Beispiel Grundliegendes anreißt.
    An Richard Wagner und seinem künstlerischem Schaffen wird das Ganze Elend der „Aufklärung“ – die nur eine Verdrängung ist – des Antisemitismus deutlich.
    Ihn als Antisemiten zu bezeichnen, der Hitler inspiriert hat, scheint erwiesen und politisch korrekt.
    Jedoch greift die Reduzierung auf die Person nicht nur zu kurz, sondern verschleiert – schlimmer und verhängnisvoller noch – den im damals aufkommenden Imperialismus, Nationalismus, einer Ratio der „Volks“ wirtschaftslehren, gesellschaftlich bedingten strukturellen AS – die „Genese der Barberei“. (Horkheimer).
    Eine diesbezügliche Aufklärung findet bis heute nicht statt, die damaligen jüdischen Autoren, Wissenschaftler und Forschungen geleugnet – was einem sekundärem Antisemitismus gleichkommt.
    In welch veränderten Formen Verdrängtes wiederkehrt, davon werden wir uns überraschen lassen müssen.
    In Sachen Schuldprojektion, statt systemischer Krisenbennung des Kap., hat sich nichts geändert.
    Indess sich ein Vergleich zu damals verbietet.

    1. Ergänzung:
      „….im damals aufkommenden Imperialismus, Nationalismus, einer Ratio der „Volks“ wirtschaftslehren, gesellschaftlich bedingten strukturellen AS…“

      Die neu gegründete „Biologie“ und damit verbundene Rassenlehre (Darwinismus) sind in diesem Zusammenhang ebenfalls von wesentlicher Bedeutung.

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